Die Schneeschwester

  • Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln
  • von Maja Lunde
  • Originaltitel: »Snøsøsteren«
  • aus dem Norwegischen von Paul Berf
  • Buchvorlage:  btb Verlag
  • Hörbuch Oktober 2018 der Hörverlag  www.hoerverlag.de
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2018
  • Regie: Caroline Neven Du Mont
  • gelesen von Axel Milberg
  • Laufzeit: ca. 3 Stunden und 40 Minuten
  • 3 CDs
  • 14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-3246-3
  • Kinderbuch ab 10 Jahren aufwärts bis 100 Jahren

DIESSEITS  VON  WEIHNACHTEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die Schneeschwester“ ist eine außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte, die das Herz zum Schmelzen bringt und die Daseinsdankbarkeit wachküßt. Dieses Hörbuch ist advents-kalendermäßig in 24 Kapitel eingeteilt, bietet jedoch keine leichte Süßkost, sondern tiefberührende, gefühlsechte, ernste und heitere, schmerzliche und freudige Lebensgeschmacksvielfalt.

Julian ist ein Weihnachtskind, denn er kam am Heiligen Abend zur Welt, und da in Norwegen Weihnachten Jul heißt, trägt er den Namen Julian. Seine kleine Schwester heißt nach dieser familiären Namenstradition Augusta und seine große Schwester Juni. Julian liebt Weihnachten und das ganze stimmungsvoll-gemütliche und kulinarische Zubehör: Kaminfeuerwärme, Kerzenlicht, Pfefferkuchen, Räucherwerk, Sternchen-dekoration, Zimt, Schnee, Tannenbaum, Musik, Gesang, Geschenke und Kakao sowie das geborgene und heitere familiäre Miteinander.

Dieses Jahr wird Julian zehn Jahre alt – ein runder Geburtstag und Heilig Abend! Dies könnte eigentlich ein Anlaß für besonders viel Vorfreude sein. Doch im Sommer ist Julians große Schwester gestorben, und die Familie befindet sich in Trauererstarrung. Alle Lebensäußerungen sind gedämpft, und manchmal hat Julian den Eindruck, daß seine Eltern nur noch leblose Kopien sind, die zwar den Alltag ordentlich regeln, aber nicht wirklich da sind. In einer Woche ist nun Weihnachten, aber die häusliche Situation wirkt, als fiele das Fest dieses Jahr aus. Noch nicht einmal der Adventskerzenhalter ist bisher aufgestellt worden.

Bezüglich des großen Verlustes herrscht familiäre Sprachlosigkeit, und auch mit seinem besten Freund kann Julian nicht über das sprechen, was ihm auf dem Herzen liegt. Dabei hatten sie sich früher immer endlos viel zu sagen gehabt.

Julian dreht seine Schwimmrunden im Hallenbad. Beim Schwimmen muß er sich ganz auf seinen Atemrhythmus und die Bewegungsabläufe konzentrieren, was eine willkommene Ablenkung von den betrüblichen Gedanken und Gefühlen ist, die ihn seit Junis Tod begleiten und belasten.

Während einer Schwimmpause sieht er ein Mädchen mit rotem Mantel, das mit leuch-tenden grün-grauen Augen von draußen durch die Glaswand in die Schwimmhalle hineinschaut. Nach diesem überraschenden Blickkontakt winkt sie ihm zu, und Julian winkt spontan zurück. Daraufhin schenkt ihm das unbekannte Mädchen ein solch strahlend-offenes Lächeln, daß er das Lächeln einfach erwidern muß.

Als er nach dem Schwimmen die Halle verläßt, wartet das Mädchen am Eingang auf ihn. Sie empfängt ihn überschwenglich, stellt sich als Hedvig Hansen vor, redet wie ein Wasserfall auf ihn ein und schwärmt ihm von der Schönheit Weihnachtens vor. Sie lädt Julian in ihr Elternhaus, die Villa Mistel, ein. Dort ist schon alles weihnachtsfestlich ge-schmückt und so warmherzig eingerichtet, daß sich Julian sehr wohlfühlt. Hedvig kocht Kakao für sie, und so beginnt eine wunderbare Freundschaft, die in Julian endlich wieder zarte Fünkchen von Freude hervorruft.

Mit Hedvig kann Julian sogar über seine verstorbene Schwester reden. Hedvig scheut das schmerzliche Thema nicht und reagiert sehr einfühlsam auf alles, was Julian ihr erzählt. Ihr Mitgefühl und ihre lebensfrohe Zugewandtheit bekommen ihm gut, und die Kinder verbringen eine anregende Zeit miteinander.

Julian wundert sich gelegentlich über altmodische Worte, die Hedvig benutzt, und trotz all der verspielten Heiterkeit und eloquenten Munterkeit hat auch Hedvig ihre Verletz- lichkeiten und verschwiegenen Geheimnisse; beispielsweise kann sie nicht schwimmen. Dies gibt Julian die Gelegenheit, ihr Schwimmunterricht zu geben und dabei die Erfahrung zu machen, wie schön es sein kann, jemandem zu helfen.

Bestärkt durch die intensive Freundschaftserfahrung und Hedvigs ansteckende Lebens-lust, fühlt sich Julian dazu ermutigt, die Gefühlserstarrung seiner Eltern in Frage zu stellen und zu überwinden. Außerdem ist seine Herzensbildung inzwischen so ausge-prägt, daß er alleine schon seiner kleinen Schwester zuliebe unbedingt dafür sorgen will, daß die vertraute familiäre Weihnachtstradition fortgesetzt wird. Das ist nicht leicht und bedarf mehrerer zunächst vergeblicher Anläufe, aber schließlich gelingt es ihm, indem er seine Eltern auf sehr kreative Weise mit seiner liebevollen Erinnerung an seine Schwester Juni überwältigt.

Julian entschlüsselt nach und nach auch Hedvigs Geheimnis. Die Loslaßübung, bei der er am Ende Hedvig liebevoll unterstützt, wird auch für ihn eine tiefe, ja, transformierende Erfahrung, die sein Leben bereichert. Hier wird das Leben bejaht, ohne den Tod zu verneinen.

Das subtil übersinnliche Element, welches mit der Figur von Hedvig verknüpft ist, wird von der Autorin virtuos von Anfang an in zahlreichen Anspielungen angedeutet, die sich indes erst in der Leserückblende voll und ganz erschließen.

Maja Lunde schreibt sehr nahe und glaubwürdig am kindlichen Herzen entlang, ihre Sprache ist empfindsam, anschaulich und sehr zärtlich, die Charaktere sind lebhaft und ausstrahlungsstark und verfügen über eine reichhaltige emotionale Bandbreite. Sehr positiv aufgefallen ist mir zudem, daß die Autorin dem Unerklärlichen unausgesproch- enen Raum zwischen den Zeilen läßt.

Die Liebe zum Leben überwindet die Schwerkraft der Trauer – von nichts weniger handelt dieses bemerkenswerte Buch. Angesichts des Todes das Leben zu verneinen ist ebenso unheilsam und unsinnig wie angesichts des Lebens den Tod zu verneinen. Schmerzlichen Gefühlen sollte ebenso Ausdruck gegeben werden dürfen wie schönen Erinnerungen und der Dankbarkeit für das Gewesene. Diese Lektion begreift Julian durch die Begegnung mit Hedvig früher als seine Eltern.

Ja, diese Geschichte wird Sie zum Weinen bringen – und dennoch trösten. „Die Schnee- schwester“ gehört zu der kostbaren Sorte Kinderbuch, für die man niemals zu alt ist.

Axel Milberg liest „Die Schneeschwester“ in einem warmherzigen basso continuo, mit unaufdringlichen Gefühlsausschlägen und einfühlsamen figur- und situationsbezogenen Nuancen. Man könnte einwenden, daß eine erwachsene Stimme für den kindlichen Ich-Erzähler zu alt sei, aber in meinen Ohren klingt der Sprecher sehr wahrhaftig.

Zum Ausklang lasse ich gerne Hedvigs poetisches Bild der Freude zu Wort kommen:

„Es ist, als würde das Herz auf Schlittschuhen stehen
 und sich in Pirouetten drehen und drehen,
 bis mir ganz schwindelig wird – wunderbar schwindelig.“

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Die-Schneeschwester/Maja-Lunde/der-Hoerverlag/e553153.rhd

 

Die Autorin:

»Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman „Die Geschichte der Bienen“ wurde mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet, in 30 Länder verkauft und sorgte auch international für Furore. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war der meistverkaufte Roman des Jahres 2017. Im Frühjahr 2018 erschien mit „Die Geschichte des Wassers“ der zweite Teil ihres literarischen Klima-Quartetts, das sich mit den Folgen menschlichen Handelns für die Natur beschäftigt.«

Der Übersetzer:

»Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.«

Der Sprecher:

»Axel Milberg war bis 1997 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele und arbeitete mit Regisseuren wie Dieter Dorn, Thomas Langhoff oder Peter Zadek. Mitte der 90er-Jahre wandte sich der wandelbare Schauspieler verstärkt Film und Fernsehen zu. Seither war er in zahlreichen erfolgreichen Produktionen zu sehen, z. B. in „Jahrestage“ (2000), „The International“ (2009), „Ludwig II.“ (2012), „Hannah Arendt“ (2012). Seit 2003 ist Axel Milberg außerdem in seiner Heimatstadt Kiel als „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski auf Verbrecherjagd.«

 

Die BUCHAUSGABE ist im btb-Verlag erschienen
Die Schneeschwester
von Maja Lunde
aus dem Norwegischen von Paul Berf
durchgehend farbig illustriert von Lisa Aisato
gebunden
mit Schutzumschlag
Format: 21,5 x 24,3 cm
200 Seiten
15,00 € (D), 15,50 € (A), 21,50 sFr.
ISBN 978-3-442-75827-2
Kinderbuch ab 10 Jahren aufwärts bis 100 Jahren
Hier entlang zur BUCHAUSGABE und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Schneeschwester/Maja-Lunde/btb-Hardcover/e552755.rhd

 

 

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Giesbert hört das Gras wachsen

  • Text und Illustration von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus   August 2018  www.urachhaus.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • 104 Seiten
  • Format: 17 x 24 cm
  • 18,00 € (D)
  • ISBN 978-3-8251-5174-4
  • Kinderbuch ab 5 Jahren

LIEBENSWERTER GARTENGESELLE

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Wiederlesen mit dem Regenrinnen-Wicht Giesbert ist die reine Freude und beglückt mit schelmischem Humor, Naturverbundenheit und lebhaftem Miteinandersein.

Falls Sie Giesbert noch nicht kennen, nehmen Sie doch erst einmal eine Leseabzweigung zu meiner Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/10/giesbert-in-der-regentonne/

Giesbert lebt nun schon eine ganze Weile im Hause der Autorin und Illustratorin Daniela Drescher. In der warmen Jahreszeit wohnt er im Garten und planscht in seiner Regen-tonne, in der kalten Jahreszeit wohnt er im Haus und planscht in der Badewanne.

Er ist ein freundlicher und hilfsbereiter kleiner Naturgeist, der voller Lebensfreude und Entdeckerlust ist und dankbar die Annehmlichkeiten jeden Tages wahrnimmt, auf seiner Gartenschaukel schaukelt, fröhliche Melodien auf seiner Holunderholzflöte spielt und gelegentlich, z.B. nach dem Kosten frisch gekochter Himbeermarmelade oder einer philosophischen Begegnung mit einem Raben, ein kleines Gedicht reimt.

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

In dreizehn Episoden nehmen wir Leseanteil an Giesberts Alltag, seinen konstruktiven Problemlösungen, seiner Fähigkeit, einfache Freuden wertzuschätzen, und seinem freundschaftlichen Miteinander mit benachbarten Wichteln, Pflanzen und Tieren.

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

Allerdings kann er auch mal wütend werden, z.B. wenn ein frecher Ziegenbock störrisch seine Regentonne attackiert. Giesberts Wut äußert sich dann darin, daß er einen roten Kopf bekommt und Wasser zum Überlaufen bringt. Im Falle des unnachgiebigen Ziegen-bocks entsteht sogar eine kleine Regenwolke, die exakt auf den Ziegenbock abregnet, und das wirkt ungemein abschreckend.

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

Giesbert lernt einen klugen Raben kennen, der seine Frage, warum der Himmel blau sei, damit beantwortet, daß Blau die Lieblingsfarbe der Vögel sei. Ein verirrter Wolf bekommt von Giesbert astronomische Wegweisung in den Norden, ein eigenbröt- lerischer, staubiger Eckenwicht wird mit Hilfe von Haferkeksen zu etwas mehr Umgänglichkeit bestochen.

Als Giesbert eines blühenden Frühlingsmorgens eine tote Amsel findet, wird sie von ihm und zwei Mitwichteln würdevoll beerdigt. Giesbert wird vom Kätzchen Ilvi nach einem Sturm aus dem Baum, in den der Wind ihn geweht hat, gerettet. Und am schönsten ist die spontane Geburtstagsfeier für Giesbert, der eigentlich garnicht weiß, wann er Geburtstag hat und wie alt er ist.

„Giesbert hört das Gras wachsen“ bietet auch praktische Anregungen zur Beschäftigung in und mit der Natur. So erklärt er der Autorin fachwichtelmännisch, wie man einen Lausche-Tag verbringt: Man schließe die Augen, sehe sich die Welt mit den Ohren an und sammle die Geräusche, die man dabei hört.

Die Erzählkapitel haben einen vorleseangenehmen Textumfang von vier bis acht Seiten, und sie werden von zahlreichen, teilweise ganzseitigen Bildern harmonisch begleitet.

Daniela  Dreschers atmosphärisch-naturverbundenen, botanisch und zoologisch ebenso präzise wie verspielten Illustrationen verzaubern kleine und große Betrachter auf den ersten Blick.

Giesberts lebensfröhliches Wesen und Wirken, sprechende Tiere, farben- frohe, wildwüchsige Vegetation und knollennasig-knuffige Pflanzen- und Hausgeister-Wichtel sowie gelegentlich augenzwinkernde metafiktive Kommentare der Autorin vermitteln ein warmherziges und schelmisches Lese- und Vorlesevergnügen mit behutsam-beiläufigen, naturmagischen Anregungen und Andeutungen, welche die kindliche Vorstellungskraft lebhaft bereichern. So werden Märchen wahr.

 

Zum Ausklang noch ein Gedicht von Giesbert:

»Warum ist der Rabe schlau?
Und warum ist der Himmel blau?

Wieso können Wale singen
und das Meer zum Schwingen bringen?

Woher weiß das Spinnenkind,
wie Netze gut zu spinnen sind?

Wie viel Duft ist in der Blüte?
So viele Fragen – meine Güte!

Ist die Welt nicht irgendwie
voller Wunder und Magie?«

Daniela Drescher ©
(Seite 45)

Illustration Daniela Drescher © Verlag Urachhaus 2018

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE und zum anschaulichen Buchtrailer auf der Verlagswebseite: https://www.urachhaus.de/Lesen-was-die-Welt-erzaehlt/Kinderbuch/Giesbert-hoert-das-Gras-wachsen.html

Hier entlang zum ersten Giesbert-Band „Giesbert in der Regentonne“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/10/giesbert-in-der-regentonne/

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen inzwischen weltweit bekannt. Von den USA über ganz Europa bis China sind ihre Bücher in den Kinderzimmern zu Hause – eine Künstlerin, die ihr Spektrum immer wieder erweitert und sich neu erfindet. Daniela Drescher gestaltet die Kinderseite im Lebensmagazin a tempo. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.« http://www.danieladrescher.de

Querverweis:

Hier entlang zu Daniela Dreschers erstem und ebenfalls sehr lesens- und sehenswertem Erzählbuch „Abenteuer mit Ungeheuer“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/16/abenteuer-mit-ungeheuer/
Eine romantisch-poetisch gestimmte und gelungene Symbiose aus Abenteuerlust, Naturverbundenheit und Märchen.

Rigo und Rosa

  • 28 Geschichten aus dem Zoo und dem Leben
  • Bilderbuch
  • Text von Lorenz Pauli
  • Bilder von Kathrin Schärer
  • Atlantis Verlag  Februar 2016   www.atlantis-verlag.ch
  • Format: 17,6 x 26,4 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • durchgehend vierfarbig
  • 16,95 € (D), 17,50 € (A), 26,80 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0710-0
  • ab 5 Jahren

P H I L O Z O O L O G I S C H

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eines Abends findet der alte und schon etwas müde Zooleopard Rigo eine kleine Maus in seinem Gehege. Kurz ist er geneigt, sie einfach aufzufressen, aber da sie ihn so rührend und vertrauensselig um Schutz vor bösen Tieren bittet, unterhält er sich amüsiert mit ihr. Die Maus heißt Rosa und darf schließlich, eingekuschelt in den Leopardenschwanz, bei Rigo übernachten.

Rigo und Rosa Innen 1

Illustration aus: Rigo und Rosa © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

Am nächsten Morgen geht das Kennenlernen und Miteinanderplaudern munter weiter. Rosa ist jung, neu- und wißbegierig und springlebendig. Rigo genießt die täglichen Besuche von Rosa und die abwechslungsreichen Ideen, Phantasien und Fragestellungen, die sie stets mitbringt.

Rigo und Rosa Innen 2

Illustration aus: Rigo und Rosa © Atlantis Verlag 2016 Text: Lorenz Pauli / Illustration: Kathrin Schärer

In heiter-schelmischen Dialogen erörtern sie die Themen Angst und Vertrauen, richtige und falsche Geschenke, wie man Feste feiert, die Kugelform der Erde, Schönheit und Wahrheit sowie Freude und Weisheit, und sie beschäftigen sich damit, wie man die Welt verändert, Langweile vertreibt, Schnupfen mit Kräutern heilt u.v.a.m.

Während all dieser spielerisch-philosophischen Betrachtungen geht es auch immer wieder um die wechselseitig wachsenden freundschaftlichen Gefühle, und manchmal erfinden sie auch ganz neue Worte, wie z.B. „flatterastisch“ für die Schönheit der Schmetterlinge oder „extratopoflorios“ für eine besonders schöne Pflanzen- und Tautropfenszenerie.

„Alles, was wir tun, ist wichtig.
Wenn du willst, dass etwas passiert,
dann musst du es selber tun.
Du musst es tun, als ob es nur auf dich
alleine ankommen würde.
Denn es kommt auf dich an.“  (Seite 115)

In diesen 28 Geschichten gibt Lorenz Pauli großen Gedanken, tiefsinnigen Fragen und lebhaften Gefühlen mit meisterhafter Einfachheit kindgerecht einen warmherzigen, erzählerischen Entwicklungsraum. Die weitgehend naturbelassenen Illustrationen von Kathrin Schärer werden den beschriebenen Charakteren mimisch, gestisch und szenisch ausdrucksvoll gerecht und harmonieren wunderbar mit dem einfühlsam-nachdenklichen, humorvollen Tonfall des Textes.

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort gibt es auch Einblick ins Buch: http://ofv.ch/kinderbuch/detail/rigo-und-rosa/101821/

 

Der Autor:

»Lorenz Pauli, geboren 1967. Nach einer Banklehre machte er die Ausbildung zum Kindergärtner. Seit 1989 arbeitet er in einem Kindergarten in Zollikofen; längst mit reduziertem Pensum, denn oft ist er unterwegs als Erzähler. Mit wenigen Requisiten und mit sympathischer Bühnenpräsenz fasziniert er Kinder und Erwachsene. 2012 bekam Lorenz Pauli Ehrerweisung auch von offizieller Seite – mit einem Platz auf der IBBY-Honour-List für die Qualität seines Textes in »Oma Emma Mama« (2010, Atlantis). Pauli lebt mit seiner Familie in Bern. Hinweise auf seine Veröffentlichungen in Berner Mundart, auf Bücher und Tonträger unter: Webseite:  http://www.mupf.ch  «

Die Illustratorin:

»Kathrin Schärer, 1969 geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung Basel, wo sie auch lebt. Sie hat wiederholt eigene Texte illustriert und in langjähriger Zusammenarbeit und mit Erfolg Geschichten von Lorenz Pauli. Für ihr Gesamtwerk war sie für den Hans-Christian-Andersen-Preis 2012 und den Astrid Lindgren Award 2014 nominiert. Zuletzt wurde „Der Tod auf dem Apfelbaum“ (2015, Atlantis) stark beachtet und mehrfach ausgezeichnet. Infos unter:  www.kathrinschaerer.ch  «

Querverweis:

Hier entlang zu einer weiteren Bilderbuch-Kokreation von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer „böse“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/03/02/boese/

Hier geht es zu meiner Besprechung  von Kathrin Schärers Bilderbuch „Der Tod auf dem Apfelbaum“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/

 

Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag plötzlich keine Gedanken mehr im Kopf hatte

  • Erfahrung einer Erleuchtung
  • von Yolande Duran-Serrano
  • und Laurence Vidal
  • Originaltitel: Le Silence Guérit
  • Aus dem Französischen von Jochen Lehner
  • 224 Seiten, Klappenbroschur
  • 14,99 €
  • KNAUR MENSSANA Verlag, März 2014     http://www.mens-sana.de
  • ISBN 978-3-426-65744-7
    Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag

BESPRECHUNG  DES  UNAUSSPRECHLICHEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wie sagt man Erleuchtung weiter?

Beginnen wir mit dem greifbar Faktischen: Yolande Duran-Serrano war keine spirituelle Sucherin, dennoch erfaßte sie im Sommer 2003 eine plötzliche Erleuchtungserfahrung. Auf einmal waren ihre Gedanken einfach weg, und sie fand sich in der Stille wieder, bzw. die Ich-Identifikation löste sich in gedankenloser, stiller Präsenz auf.

Das Buch besteht aus Gesprächen/Interviews, die die Journalistin und Autorin Laurence Vidal mit Yolande Duran-Serrano geführt hat. Die Kapitel mit den präzisen Fragen und den von Stille getränkten Antworten wechseln sich ab mit Verarbeitungsreflexionen und geistigen „Verdauungserfahrungen“ der Autorin, der im Verlauf der tiefen Begegnungen mit Yolande auch „eigene“, belichtende Entwicklungsschritte geschehen.

Doch das EIGENTLICHE findet sich in diesem Buch zwischen den Zeilen, die Sprache ist Bestandteil der polaren Wirklichkeit und kann die Erfahrung von EINSSEIN, von NICHTGETRENNTHEIT, von absoluter PRÄSENZ, von UNSICHTBARER KLARHEIT nur andeuten und umschreiben. Wenn es sich mitteilt, dann hört das Hören – unabhängig von der Persönlichkeit des Lesers oder der Leserin.

Yolande beschreibt den Zustand, in dem sie sich befindet, in einfachen, klaren Worten:

„Wie ich früher nicht aufhören konnte zu denken, selbst wenn ich wollte, so kann ich heute zu denken versuchen, und es geht nicht. So einfach ist das. Alles ist einfach. Alles ist ruhig. Alles ist neu und bleibt ohne Kommentar. Ein Augenblick erscheint und stirbt. Dann wieder einer. Du gehst vollkommen im Augenblick auf.“ (Seite 40/41)

Befreit von mentalen Filtern und psychologischen Bedingungen, erlebt Yolande eine „erfüllte Leere“, ein intensives, lebendiges Empfindungsspektrum, das stets begleitet wird von bedürfnisloser und bedingungsloser Liebe. Ohne PERSÖNLICHKEIT lebt es sich offenbar wesentlich freier, leichter und heiterer.

„So einfach: nicht mehr diese Person zu sein, die fühlt. Da ist Fühlen, sonst nichts.“ (Seite 135)

Das Leben, das sie führt, bzw. das Leben, dem sie sich einfach überläßt, ist nicht abgehoben oder asketisch abgesondert, es ist kontaktfreudig: Es wird gesungen, getanzt, gelacht, meditiert, gesprochen und geschwiegen, Essen und Trinken (und sogar Rauchen) werden genossen. Es gibt Beziehungen, Freundschaften, Einkaufsbummel, Arbeit, Reisen und grenzenloses Vertrauen.

Da ist niemand – da ist Erleuchtetsein, Einsicht, Freude, Gelassenheit, Hingabe, Heilung, Liebe und Wissen, aber kein subjektives Meister-Ego. Yolande hebt immer wieder hervor, daß es nichts zu tun gibt, nichts zu denken, nichts zu erreichen. Sie mischt sich nicht mehr ein, sondern sie kann einfach alles Geschehen geschehen lassen!

„Lasst Euch vollkommen auf das ein, was der Augenblick euch gerade bietet. Euer individuelles Bewusstsein ist universelles Bewusstsein, legt also euer Herz und euren Geist hinein. Denkt an nichts anderes. Wenn das natürlich geschieht, ohne Anstrengung, ist es der höchste Zustand überhaupt. Es ist »diese Sache«, das Absolute, die höchste Wirklichkeit – und sie sucht euch. Sie wird euch in dem Augenblick finden, den sie als den richtigen bestimmt. In diesem Zustand jenseits aller Zustände, in diesem ewig und spontan schlagenden großen Herz wird euch offenbar werden, wer ihr wirklich seid.“ (Seite 141)

Erwachen, das ist das Offenbarwerden der Einheit von allem. Darin zeigt sich etwas: Bevor du dieses gewordene Bewusstsein bist, gleich ob individuell oder universal, bist du etwas, das gleichsam flussaufwärts liegt. Wir alle sind »diese Sache «, dieses Absolute, nur wird das von diesem Bewusstsein verdeckt.
»Diese Sache« ist also da, diese Kraft ist da. Sie wird dich finden. Sie wird Besitz von dir ergreifen und dich die wahre Wirklichkeit sehen lassen. Sie ist es, die dich lehrt.
Euer wahres Wesen entdecken: Da ist nichts als ihr, und wenn ihr das einmal wisst, nichts als Liebe.“
(Seite 142)


In diesem „Erleuchtungsbuch“ finden sich Passagen von berührender Anziehungskraft und atmender Weite. Es ist eine Einladung in eine Wirklichkeit, die zugleich wirklicher und unwirklicher erscheint als das „normale“ Alltagsbewußtsein, und es ist eine erinnernde Ermutigung dazu, EINFACH das SEIN sein zu lassen.

Dem Text dieses Buches ist eine Widmung vorangestellt. Mit diesem ganz offen bleibenden Satz, dessen Echo mich sanft erschüttert hat, möchte ich diese Besprechung des Unaussprechlichen gerne ausschwingen lassen:


Dem Leben, das für uns sorgt

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/7955676/die-frau-die-an-einem-ganz-normalen-sommertag-ploetzlich-keine-gedanken-mehr-im-kopf-hatte

PS:
»Yolande Duran-Serrano wurde 1963 in Frankreich geboren. Nach ihrer spontanen Erleuchtungserfahrung ging sie zu Ärzten und Psychotherapeuten, weil sie sich das Geschehen, das sich in ihr abspielte, überhaupt nicht erklären konnte. Doch es hält bis heute mit steigender Intensität an. Inzwischen ist Yolande eine spirituelle Lehrerin ohne Anbindung an irgendeine spezielle Tradition.« http://www.yolande.info

 

 

Hurz Burz und seine Freunde

  • von Wilhelm Topsch
  • Illustrationen von Annette Swoboda
  • Thienemann Verlag 1996, 136 Seiten, ca. 10,- €
  • ISBN 3-522-16967-0
  • zum  Vorlesen ab 4 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8 Jahren
  • Taschenbuchausgabe dtv junior  1999, ca. 5,– €
  • ISBN 3-423-70525-6
  • Zu meinem untröstlichen Bedauern sind beide Ausgaben leider vergriffen und auch antiquarisch nur mit viel Geduld zu finden!

Hurz Burz

NACHRUF AUF EIN VERGRIFFENES KINDERBUCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Hurz Burz  und seine Freunde“  ist eines der zauberhaftesten Kinderbücher, die ich je gelesen habe. Ich  kann es nur jedem, egal ob Kind oder Erwachsener, ans Herz legen!

Hier stimmt einfach alles: die Geschichte ist wundervoll, die graphische Gestaltung  ist abwechslungsreich, und die Illustrationen sind genauso warmherzig, feinsinnig und von leisem Humor durchleuchtet wie der Text.

Hurz Burz, der Schnurz von der Wurz, ist ein Zwerg, und er lebt im Wald, in einer Höhle unter der Wurzel eines alten Baumes. Am Waldrand steht ein von einer Familie bewohntes Haus, und manchmal beobachtet der Burz heimlich das Leben dieser Menschen. So kommt es eines Nachts zu einer Begegnung zwischen dem Familienvater (und Autor des Buches) und dem Hurz Burz.

„Er war kleiner als das kleinste Kind und älter als der älteste Mann, den ich kannte. Und weil er so alt, aber trotzdem noch so klein war oder weil er so klein und trotzdem schon so alt war, wußte ich nicht so recht,  wie ich ihn ansprechen sollte.  „Wer bist du?“  fragte ich schließlich verlegen. „ Ich bin Hurz Burz, der Schnurz von der Wurz“, sagte er, nahm seine Zipfelmütze ab und verbeugte sich.“

Freundlich lädt der Mensch den Burz zu Butterbrot und Rotwein ein, und das ist der Beginn einer schönen Freundschaft.

Hurz Burz besucht die Menschenfamilie fast täglich und lernt das Menschenleben kennen und erzählt seinerseits von seinem geheimnisvollen Burzenleben. Auf die Frage, was er denn den ganzen Tag so mache, antwortet er: „Hab ich´s mir gedacht. Groß wie sieben Tulpenstengel, aber hat noch nichts von Burzen gehört. Es gibt viel Arbeit im Wald, die von Burzen gemacht wird.“ Und weiter berichtet er davon, wie er den Vögeln beim Nest- bau hilft, Regenwasservorräte für trockene Tage anlegt  „Hast du noch nie an alten Bäumen oder Wurzeln kleine Löcher voller Wasser gesehen?“  –  und von weiteren Tätig- keiten, die jedoch Burzengeheimnis sind und bleiben. Vater, Mutter, Tochter Kati und Hurz Burz erforschen neugierig ihre unterschiedlichen Lebenswelten und Gewohnheiten.

Für die Menschen ist der Burz märchenhaft und faszinierend, jedoch sind die Menschen und die vielen seltsamen Dinge und Maschinen, die sie besitzen, genauso märchenhaft für den Burz. Insbesondere verfügen sie über Himbeersaft, den der Hurz Burz bisher nur aus den Märchen seines Großvaters kannte.

Vor einer aufdringlichen Besucherin muß der Hurz natürlich geheim bleiben und wird zum Glück nur als Gartenzwerg wahrgenommen, und einmal gibt es einen Streit und eine sehr lustige, gelungene Versöhnung.

Als die Familie erfährt, daß der Burz bald seinen 105. Geburtstag feiert und daß bei den Burzen die Anzahl der vollendeten Lebensjahre der Anzahl der geladenen Gäste ent- spricht, schenken sie ihm eine sehr himbeerbetonte Bewirtung seiner Gäste. Da die eingeladenen Burze äußerst menschenscheu sind, können die Menschen zunächst nicht mitfeiern. Ein plötzlich einsetzender starker Regen läßt die Burzenverwandtschaft schließlich ihre Scheu überwinden, und sie kommen zum Trocknen ins Haus und machen es sich mit den Menschen durchaus gemütlich.

Auch der Hurz Burz macht der Familie ein besonderes Geschenk: er malt ihnen ein Naturbild, auf dem im Sommer die Sonne scheint und im Winter Schnee fällt.

Immer abwechselnd werden die gemeinsamen Erlebnisse, Gespräche und Beobach- tungen einmal aus der menschlichen Sicht dargestellt und anschließend, in den Briefen, die der Hurz Burz auf Blätter an seinen Großvater schreibt, aus der Zwergenperspektive.

Für die vom Burz geschriebenen Kapitel wird der Text in einer gut lesbaren Handschrif- tentypographie auf ein eingezeichnetes Blatt verteilt und mit kleinen Zeichnungen menschlicher Alltagsgegenstände, die den Burz erstaunen, angereichert.

„Hurz Burz und seine Freunde“  eignet sich sehr gut zum Vorlesen, da der Text – durch die 10 Kapitel und 9 Burzenblattbriefe – schön auf kleine, aber gehaltvolle Portionen verteilt ist.

Dem Autor gelingt das Kunststück, mit einfachen Worten Sprachmagie hervorzurufen. Allein nur die Namensnennung  „Hurz Burz, der Schnurz von der Wurz“ stimmt die meisten Kinder schon heiter und läßt sie interessiert aufhorchen.

Ich bin mir sicher, daß Wilhelm Topsch sein Kinderbuch mit großer Freude geschrieben hat. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er den Hurz Burz wirklich erfunden hat – denn woher hätte er sonst wohl diese zauberhafte Inspiration?


Der Autor:

»Wilhelm Topsch wurde 1941 geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Dörfern und kleinen Städten. Er war zwar kein guter Schüler, aber er mochte die Schule, und die Schule mochte ihn. Später zog er in eine Großstadt. Dort lernte er, wie man Kabel verlegt und Telefone repariert. Er lernte auch, wie man sich durchs Leben schlägt. Nebenbei besuchte er eine Abendschule und wurde schließlich Lehrer. Heute arbeitet er an einer Universität und hat eine Familie. Von Zeit zu Zeit schreibt er auch ein Kinderbuch, weil er Kinder mag und weil es ihm Spaß macht.«

Die Illustratorin:

»Annette Swoboda, geboren 1961, malte ihr erstes Bilderbuch mit neun Jahren. Sie hatte so viel Spaß dabei, dass der Wunsch entstand, mehr davon zu machen. Sie studierte Kunst in Frankreich und Grafik-Design in Mannheim und war viel auf Reisen. Aber nach wie vor ist für sie das Spannendste, Sprache und Fantasie in Bilder zu übersetzen.«  www.annette-swoboda.de

 

PS:
Meine Bitte an alle Kinderbuchverlage, die ich hoffentlich mit dieser Buchbesprechung in Versuchung führen konnte, den Erwerb der Druckrechte für dieses wertvolle Buch zu erwägen: Drucken Sie einfach eine Vampirgeschichte weniger und lassen Sie stattdessen den  „Hurz Burz“  druckfrisch wiederauferstehen!