Konzert ohne Dichter

  • von Klaus Modick
  • Roman
  • Verlag Kiepenheuer & Witsch     Februar 2015   http://www.kiwi-verlag.de
  • 229 Seiten
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 17,99 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN: 978-3-462-04741-7
    Konzert ohne Dichter

ROMAN  MIT  RILKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In einem filmisch anmutenden, szenisch ineinanderfließenden changierenden Wechsel zwischen Gegenwart und Erinnerungsrückblenden erzählt uns Klaus Modick von der Freundschaft zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke sowie von den Lebens- und Liebesverhältnissen und Auseinandersetzungen der Worpsweder Künstler und Künstlerinnen.

Heinrich Vogeler befindet sich im Jahre 1905, im Alter von 33 Jahren, auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Erfolges. Er ist als Maler, Illustrator, Graphiker und Buchgestalter gefragt und hochbezahlt. Sein Wohnhaus in Worpswede, den „Barkenhoff“, hat er zu einem lebenden Gesamtkunstwerk gemacht, hier war er architektonisch und gartengestalterisch aktiv und hat Möbel, Tapeten, Stoffmuster u.v.a. nach eigenen Entwürfen gestaltet oder gestalten lassen.

Als einer der Repräsentanten des Jugendstils sollen er und sein großes Wandgemälde »Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff« in Oldenburg mit der »Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft« geehrt werden.

Auf den Vorsatzblättern des vorliegenden Buches wird dieses idyllische Wandgemälde wiedergegeben, was der Einstimmung in das zwischenmenschliche „Klima“ der Worpsweder Künstlerkolonie sehr dienlich ist.

Dargestellt ist ein Fest im Garten des Barkenhoffs: Eine kleine Freitreppe führt zum Gartentor, an dem Vogelers Frau Martha steht und tagträumerisch in die Ferne schaut. Auf der rechten Bildseite befinden sich drei Musiker, ein Geiger und ein Flötenspieler, zwischen denen halb verdeckt ein Cellospieler sitzt. Dieser Cellospieler ist Heinrich Vogeler.

Auf der linken Bildseite sitzen die Malerin Paula Modersohn-Becker, Agnes Wulff und die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff zusammen, im Hintergrund steht Otto Modersohn. Der Sitzplatz neben Clara Rilke-Westhoff ist auffällig leer …

Verschwenderisches Grün und rosige Blütenpracht, mit präziser Willkür ornamentativ angeordnet, umrahmen die musische Zusammenkunft. Doch wirklich glücklich wirken die abgebildeten Menschen nicht.

Am Morgen seiner Abreise zur Preisverleihung betrachtet Vogeler selbstkritisch und selbstzweiflerisch sein Worpsweder Gesamtkunstwerk und erinnert sich an die Entstehung der „Künstlerkolonie“ und an die Ankunft Rilkes vor fünf Jahren. Damals freute er sich, daß Rilke die ihm bei ihrer ersten zufälligen Begegnung in Florenz angebotene Gastfreundschaft angenommen hatte und mit seiner exzentrischen Art und seiner lyrischen Eloquenz die künstlerische Gemeinschaft bereicherte.

Doch die einstige Harmonie und seelenverwandtschaftliche Inspiration sind vergangen. Auf der Fahrt von Worpswede nach Bremen und von Bremen nach Oldenburg erinnert sich Vogeler an die Stationen der freundschaftlichen sowie musischen Annäherung, Gemeinschaft und langsamen Distanzierung und Entfremdung zwischen sich und Rilke sowie an die „Konstruktion“ und zwischenmenschlichen Konstellationen des Worpsweder Kunstkosmos.

Rilke erscheint und schlägt zunächst alle in seinen dichterischen Bann. Vogeler bewundert neidlos Rilkes Fähigkeit, Dichtung als magische Darbietung zu servieren. Besonders die Damen sind Rilkes zauberspruchartigen Versen, Wendungen und einschmeichelnden Anschmiegungen – wahrscheinlich auch wortwörtlich – erlegen. Doch für Rilke dienen Frauen nur als Muse oder als Mäzenin; und in seinem Buch über die Worpsweder Maler finden die Künstlerinnen keine Erwähnung, obwohl er zu dieser Zeit bereits mit Clara Westhoff verheiratet ist.

Rilkes Manierismen, seine selbstbeweihräuchernden Versverstiegenheiten, sein ständig zückbereites Notizbüchlein, seine Wortberauschtheiten und seine Alltagsuntauglichkeit werden in ausgesprochen situationskomischen Dialogszenen wiedergeben.

Bei Vogeler sorgt Rilke mit seiner fast religiösen Hingabe an sein Werk für wachsendes Befremden, zumal Rilkes zwischenmenschliche Qualitäten eher irrlichternder Art sind. Im Laufe der Zeit überstrapaziert Rilke die Gastfreundschaft und die finanzielle Unterstützung, die er von Vogeler bekommt. Schließlich setzt Vogeler Rilke zwar nicht vor die Türe, aber er malt ihn aus dem Bild vom Barkenhoff hinaus …

Nun soll Vogeler ausgerechnet für das Bild, das ihm beispielhaft für einen ausgeträumten Lebenstraum und eine brüchig gewordene Kunstvision steht, eine große Ehrung empfangen. Am liebsten würde er sein Bild zerstören, doch es gehört ihm ja schon längst nicht mehr, da es der Mäzen Ludwig Roselius bereits gekauft hat.

Einmal noch verkörpert Heinrich Vogeler äußerlich den Künstler, den sein Publikum sehen möchte. Indes ist er innerlich schon nicht mehr verbunden mit seinem Stil, den er nur noch als dekorativ und handwerklich perfekt empfindet. Er strebt hinaus aus der selbstgeschaffenen Kulisse, dem „Schönheitspflästerchen“, und er wird sich auf die Reise nach neuen Perspektiven machen.

Klaus Modick standen als Quellen für dieses Buch Rainer Maria Rilkes Werke, Tagebücher und Briefe sowie Heinrich Vogelers fragmentarische Lebenserinnerungen zur Verfügung. Aus diesem Fundus formuliert er das lebhafte, vielschichtige Beziehungsportrait einer Künstlerfreundschaft und eine empfindsame Reflexion über die soziale und zeitgeistige Gestimmtheit der Worpsweder Künstlergruppe.

Die Darstellung der Charaktere und ihrer sprachlichen Eigenheiten ist von überaus einfühlsamer Lebendigkeit, die Kunstbetrachtungen sind stilsicher und detailgetreu, die Beschreibung des Zeitgeistes atmosphärisch und aufschlußreich.

Kurz: Dieser feine Künstlerroman wurde mit Gefühl und Verstand geschrieben und erfreut zusätzlich durch einen ganz eigenen ausgewogenen sowie bildhaften Sprachstil, von dem nachfolgendes Zitat eine abschließende Kostprobe gibt. Es ist eine Szene, in der Heinrich Vogeler seinen beiden Töchtern eine Gutenachtgeschichte vorliest.

»Unter der Dachschräge, getaucht ins beruhigende Blau der Wände, wirkt das Kinderzimmer wie ein Beduinenzelt, in dem die Tage mit einer Geschichte enden, die Nächte mit einer Geschichte beginnen, lustige und traurige Geschichten, kurze und lange. In diesen Stunden zwischen Tag und Traum herrscht ein heller Zauber, mit dem die Buchstaben zu gesprochenen Worten werden und sich zwischen erzählendem Mund und lauschenden Ohren eine unsichtbare Brücke bildet, während der Kater, der eingerollt einem der Mädchen zu Füßen liegt, seinen einverständigen Kommentar schnurrt. Manchmal, wenn die Mädchen eingeschlafen sind, liest er noch ein wenig weiter – vielleicht, um ihren Träumen ein paar Worte einzugeben, vielleicht aber auch, weil er vom Vorlesen nicht lassen will, weil daraus etwas aufsteigt, was stumme, erwachsene Leseroutine nicht mehr kennt: Klang. Das hat er von Rilke gelernt, der seine Gedichte auch so vorträgt, dass sie wie Zaubersprüche klingen oder wie Gebete.«
(Seite 13)

Der Autor:

»Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach u.a. als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach zahlreichen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter den Nicolas-Born-Preis und den Bettina-von-Arnim-Preis. Zudem war er Stipendiat der Villa Massimo. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Sunset (2011), Der kretische Gast (2003), Vierundzwanzig Türen (2000) und Konzert ohne Dichter (2015).«

QUERVERWEIS:

KONZERT OHNE DICHTER ergänzt sich mit einem weiteren Künstlerroman, den ich  vor einiger Zeit bereits besprochen habe:
DAS BUCH DER KINDER von Antonia Byatt. Dieser Roman spielt ungefähr zur gleichen Zeit in England und reflektiert die künstlerischen Ideale der „Arts and Crafts“Bewegung, die von William Morris, John Ruskin und vielen weiteren Kunst- und Kunsthandwerkschaffenden ins Leben gerufen wurde, und den Zeitgeist des Fin de siècle:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/26/das-buch-der-kinder/

Unter diesem Link sind fünf Rezensionen hinterlegt, da ich an diesem Tage fünf Rezensionen an einem Tag publiziert habe und als „jungfräuliche“ Bloganfängerin noch nicht wußte, daß die Verlinkung mit dem DATUM zielverknüpft ist. DAS BUCH DER KINDER steht an dritter Stelle, also bei Interesse, bitte einfach ein bißchen rollen oder  ALLES lesen … 😉

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10 Kommentare zu “Konzert ohne Dichter

    • Ich verstehe Deine Bedenken; doch wenn Du Dich damit abfinden kannst, daß meisterhafte Poesie nicht zwangsläufig meisterhafte Zwischenmenschlichkeit und Beziehungsnähe bedeutet, ist die Entidealisierung Rilkes durchaus verkraftbar und sogar amüsant.

      Gefällt 1 Person

  1. Wie stets, liebe Ulrike, habe ich mit großem Interesse gelesen, was du hier über Rilke und Co in Worpswede à la Vogeler dargeboten hast.

    Rilke war nun mal Rilke, und nicht nur er erkannte und kannte sein ungewöhnliches poetisches Genie.
    Solche Leute MÜSSEN ja abheben und die Welt überfliegen… *lächel*

    Liebe Sommersonnengrüße zur Nacht vom Lu Finbar

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