Als Nino fast in den Zirkuswagen zog

  • von Sigrid Zeevaert
  • Illustrationen von Julie Völk
  • Gerstenberg Verlag Juni 2018 http://www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Format: 16 x 21,5 cm
  • 176 Seiten
  • 13,95 € (D), 14,40 € (A), 18,00 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5607-9
  • zum Selberlesen ab 7 Jahren
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren

K I N D E R L E I C H T – K I N D E R S C H W E R

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nino ist das jüngste Kind unter vier Geschwistern. Flori, sein nur vierzehn Monate älterer und nur vier Zentimeter größerer  Bruder, behandelt Nino oft, als wäre er noch kleiner und jünger als er ist, und auch seine beiden älteren Schwestern, Mira und Jana, bezeichnen ihn manchmal als „Mamakind“, weil er recht schnell weint und naiver ist als die großen Kinder.

Während sich Flori oft draufgängerisch, großspurig, sportlich und risikobereit verhält, ist Nino empathisch, vorsichtig, rücksichtsvoll und sehr sensibel. Da sich die beiden Brüder ein Zimmer teilen, gibt es immer wieder Reibereien zwischen ihnen, und Flori äußert neuerdings sogar ausdrücklich den Wunsch nach einem eigenen Zimmer für sich alleine.   

Die Eltern verkünden beim familiären Abendbrot, daß ihnen Großtante Ella ihren Zirkus-wagen geschenkt habe. Großtante Ella ist Künstlerin und Buchillustratorin, und sie hat sich früher gerne zum Malen in diesen Zirkuswagen zurückgezogen. Doch inzwischen ist sie alt, braucht mehr Unterstützung im Lebensalltag, und zieht deshalb in ein Senioren-heim und trennt sich von Dingen, die sie nicht mehr braucht.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Die Kinder sind begeistert von der Aussicht, bald einen echten Zirkuswagen im eigenen Garten stehen zu haben. In der Schule erzählt Nino sofort seinem Freund Joshua davon und lädt ihn ein, in den nächsten Tagen einmal bei ihm im Zirkuswagen zu spielen.

Als Joshua Nino besucht, hat Flori den Zirkuswagen schon mit zweien seiner Fußball-freunde „besetzt“, und die Rabauken lehnen es ab, mit den „Kleinen“ zu spielen. Nino zieht sich gekränkt mit Joshua ins Kinderzimmer zurück und leiht ihm später den voll-automatischen Sattelschlepper seines Bruders, ohne dafür um Erlaubnis zu fragen.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Nicht zum ersten Mal denkt Nino darüber nach, wie es wäre, keinen Bruder zu haben und ganz alleine zu leben. Doch dann ist er gleichwohl wieder ganz anhänglich, denn Flori ist schließlich nicht immer gegen ihn, sondern auch oft zugewandt-brüderlich. So beschließen die beiden, am Wochenende zusammen im Zirkuswagen zu übernachten. Nachdem die Eltern und die Schwestern ihnen gute Nacht gesagt haben, sind die Brüder ganz alleine im Dunkeln, und eine Menge ungewohnter, unheimlicher Nachtgeräusche sorgen für Aufregung. Diesmal ist jedoch Nino der Mutigere, und er besteht darauf, daß sie nicht ins Haus zurückgehen; und schließlich schläft Nino ein und träumt lebhaft von Tante Ella.

Am nächsten Morgen stellt Nino fest, daß er alleine im Zirkuswagen liegt und sein Bruder sich heimlich wieder ins Haus geschlichen hat. Erstaunt bemerkt Nino, daß Flori offenbar nicht so groß und mutig ist, wie er immer behauptet. Als Nino zum Frühstück ins Haus kommt, ist Flori verheult und verstimmt, da die Eltern mit ihm geschimpft haben, weil er Nino in der Nacht einfach im Stich gelassen hat.

Da angesichts der momentanen familiären Stimmung nicht mit spielfreudigen Ge-schwistern zu rechnen ist, macht Nino einen Spaziergang zum Park. Er braucht sowieso etwas Abstand, um seine Gedanken zu ordnen und sich an sein neues mutiges Selbst-bewußtsein zu gewöhnen. So geht er – von Betrachtungen über seine Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit beflügelt – viel weiter als geplant und verläuft sich prompt.

Da wird es ihm doch mulmig, und ein paar Tränen kann er nicht zurückhalten. Zwei Passanten erklären ihm freundlich den Rückweg. Zwar ist Nino unsicher, ob er sich die Hinweise richtig merken kann, aber er ist wild entschlossen, es alleine zu schaffen. Dennoch ist die Erleichterung groß, als er seine Schwester Mira und seinen Bruder Flori sieht, die schon nach ihm gesucht haben und sich aufrichtig freuen, daß sie ihn endlich wiedergefunden haben.

Einträchtig gehen sie nach Hause, und Nino findet es schön, nicht mehr alleine unter- wegs zu sein. Später planen sie, für den 16. Geburtstag der älteren Schwester Jana Zirkuskunststücke einzuüben und sie mit einer echten Zirkusaufführung zu über- raschen. Ninos Freund Joshua darf auch mitmachen und einige seiner Zaubertricks zeigen …

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Dieses Kinderbuch behandelt sehr einfühlsam und familienszenisch-anschaulich die Themen Geschwisterliebe und Geschwisterrivalität, Streit und Versöhnung, Angst und Mut, Bindungsbedürfnisse und Freiheitsbedürf- nisse, familiäre Anhänglichkeit und Geborgenheit, Freundschaft, zwischen- menschliche Abgrenzung und das Zusammenspiel unterschiedlicher Temperamente sowie emotionale Reifungsschritte.

Die nostalgisch-zärtlichen, mit verspielten Details angereicherten Schwarz-weiß-Illustrationen von Julie Völk begleiten und untermalen den Text harmonisch und geben den Figuren kindgerechte Gestalt.

Illustration von Julie Völk © Gerstenberg Verlag 2018

Wir erlesen hier Familienalltagsleben. Abgesehen von der Requisite Zirkus- wagen geschieht nichts Spektakuläres, und doch macht Nino elementare, bedeutungsvolle Erfahrungen, die den Radius seines Herzens über den rein familiären Bezugskreis hinaus erweitern. Der Autorin Sigrid Zeevaert gelingt mit leichten Worten, einfachem Satzgefüge und lebhaften Dialogen eine glaubwürdige und anrührende, ebenso schmunzlerische wie ernsthafte erzählerische Darstellung kindlicher Bedürfnisse, Entwicklungsspielräume, Gefühle und Gedanken.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836956079

 

Die Autorin:

»Sigrid Zeevaert lebt mit ihrer Familie in Aachen. Schon während des Studiums begann sie mit dem Schreiben; ihre Kinder- und Jugendbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den Friedrich-Bödecker-Preis. Bei Gerstenberg ist von ihr außerdem das Kinderbuch „Annabel und Anton – Tür an Tür in Haus Nr. 9“ erschienen.« www.sigridzeevaert.de

Die Illustratorin:

»Julie Völk, geb. 1985 in Wien, wuchs im ländlichen Niedersachsen auf. Sie studierte an der HAW in Hamburg Illustration. Ihr Debüt Das Löwenmädchen ist gleich mit dem Nachwuchspreis Serafina und dem Troisdorfer Bilderbuchpreis 2015 ausgezeichnet worden. Für ihr zweites Bilderbuch Guten Morgen, kleine Straßenbahn! erhielt sie den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017. Die Künstlerin lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich.« www.julievoelk.de

Querverweis:

Hier entlang zu „Annabel und Anton – Tür an Tür in Haus Nr. 9“, einem weiteren Kinderbuch von Sigrid Zeevaert, das einfühlsam und humorvoll von einer neuen Kinderfreundschaft durch nachbarschaftlichen Zuzug zu erzählen weiß. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/04/30/annabel-und-anton/

 

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22 Kommentare zu “Als Nino fast in den Zirkuswagen zog

  1. Das kommt mir alles sehr bekannt vor, mein Bruder war ja 2 Jahre älter als ich…was haben wir uns gezofft und geprügelt 🙂 Aaaber, wenn von außen Gefahr drohte, haben wir uns gegenseitig beschützt. Sehr schöne Buchvorstellung, Liebelein, Knuddelgrüße von mir zu dir ♥

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    • Liebelein,
      Herzensdank für Dein zustimmendes und lobendes Leseecho. 🙂
      In Hinsicht auf Geschwisterbeziehungsdynamik kann ich mich als Einzelkind ja nur ahnend hineinfühlen.
      Gruß & Umärmelung von mir zu Dir ❤

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Ulrike,
    ich bin auch etwas neidisch auf den Zirkuswagen. Im Englischen spricht man von „she shed“ und „man cave“, wenn es um Orte geht, wo sich Frauen und Männer separat zurückziehen können. Das hat zwar nichts mit geschwisterlichen Konflikten zu tun, aber manchmal braucht jeder einfach seinen Freiraum. Tante Ellas Wagen wäre ein Traumzufluchtsort!
    Liebe Grüße,
    Tanja

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Tanja,
      der Zirkuswagen als Rückzugsort spricht hier offensichtlich einige Mitleser an.
      Im vorliegenden Kinderbuch verkörpert der Zirkuswagen ebenso einen abenteuerlichen Freiraum wie auch einen Raum der vertrauten Geborgenheit.
      Vielen Dank für Deinen interessanten Hinweis auf die geschlechtspezifischen Rückzugsorte aus dem englichen Sprachraum.
      Einen herzlichen Gutenachtgruß von mir zu Dir 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. Da haben wir auf jeden Fall ein unerschöpfliches und immer wieder aktuelles Thema. Egal, wie die eigene Familienkonstellation ausschaut, bekommt ja jedes Kind auch andere Konstellationen mit. Und alle werden wohl irgendwann erleben, dass sie sich genau das wünschen, was sie nicht haben. Geschwisterbeziehungen können auch sehr langfristig ein Minenfeld sein, und da ist es gewiss klug, sich auch mit Hilfe eines Bilderbuchs vertieft damit auseinanderzusetzen. Und letztlich geht es ja hier auch ganz allgemein um Identität und Sozialkompetenz, die in aller Lebenslänglichkeit aktuell bleiben.
    Die „Bilderfrau“ ist mir irgendwie mit feinfühlig-detailreichen Illustrationen in guter Erinnerung. Da bekommt die Geschichte bestimmt durch die Zeichnungen zusätzliche Unter-, Neben- und Zwischentöne. 🙂

    Gefällt 4 Personen

    • Verbindlichen Dank für Deine feinfühlige Resonanz.
      Es stimmt, daß die familiäre Konstellation, mit der ein Kind selbst nicht vertraut ist, immer eine gewisse Faszination hat. Als Einzelkind fand ich es früher durchaus erstrebenswert Geschwister zu haben, da ich mir vorstellte, daß dann immer jemand zum Spielen da wäre.
      Ein Kinderbuch, mit dem man Lesezeuge eines anderen oder auch ähnlichen Familienlebens wird, kann der Herzensbildung und Sozialkompetenz spielerisch förderlich sein.
      Die „Bilderfrau“ Julie Völk ist sehr gut darin, sprechende vielschichtige Bilder zu komponieren. Eine Gabe, die sie in ihren eigenen Bilderbüchern, die ganz ohne Text auskommen, wunderschön entfaltet. :mrgreen:

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      • Ja, letztlich ist beides spannend. Ob man sich nun in so einer Geschichte wiederfindet oder darin neue Aspekte des Familienlebens erkunden kann. Und die „familiäre Ausstattung“ ist ja so oder so prägend fürs Leben.
        Ja, diese wortlosen Bilderbücher der „Bilderfrau“ finde ich besonders schön. 🙂

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  4. An Dich, liebe Ulrike habe ich heute gedacht. Und dann diese Buchvorstellung, die wie immer gelungen ist. Ich mag Bücher, in denen es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Und von Geschwisterbeziehungen kann ich selbst ein Lied von singen.🙄
    Um zum Punkt zu kommen. Ich bin gerade mit Enkelin unterwegs und zur Abwechslung wollte ich ihr mit ihren 3.5 Jahren zu der sehr rudimentären Buchauswahl im Gepäck ein E-Bilderbuch vorstellen. Ich wurde wild bestimmt: „Ich will kein Telefon, ich will ein RICHTIGES Buch.“ ich murmelte vor mich her, das sagt Ulrike auch immer.🤓Liebe Grüße an Dich, Barbara

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    • Vielen Dank, liebe Barbara,
      für Deine zugeneigte Resonanz und Deinen Bericht über die Reaktion Deiner Enkelin auf ein E-Bilderbuch.
      Ich bin entzückt, daß sie in ihrem zarten Alter einem ECHTEN Buch offensichtlich den Vorzug gibt, und den mobilen Bildschirm als – in Bilderbuchhinsicht unattraktives – Telefon identifiziert. Ein kluges Kind!!! 😀

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  5. Gerade heute dachte ich wieder darüber nach, einen Bauwagen im Garten haben zu wollen, so als Draußen-Werkstatt. Ein Zirkuswagen wäre noch viel bunter!
    Geschwisterbeziehungen sind ein wunderbares literarisches Thema, und die Zeichnungen gefallen mir ausgesprochen gut. Schönen Dank für den Lesetipp… mal wieder auf den Punkt, liebe Ulrike.

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