Geister auf der Metropolitan Line

  • Eine Peter-Grant-Story
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »The Furthest Station«
  • Deutsch von Christine Blum
  • Krimi mit magischen Elementen
  • DTV Verlag   Mai 2018   www.dtv.de
  • 176 Seiten
  • 8,95 € (D), 9,20 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21733-0

GESPENSTISCHES  INTERMEZZO

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses neue Peter-Grant-Buch tanzt aus der Reihe und buchstabiert die Freuden und Leiden magischer kriminalistischer Ermittlungsarbeit auf nur 176 Seiten, weshalb die Geschichte diesmal als Kurzroman firmiert und nicht als der zu erwartende 7. Band. „Geister auf der Metropolitan Line“ ist ein amüsant-spannender Leseimbiß, der wie eine harmlose Vorspeise zu einem später zu servierenden dramatischen Hauptgericht wirkt.

Für den Peter-Grant-Leseneuling genügt vorab die Information, daß es bei der Metro- politan Police von London eine geheime Ermittlungsabteilung für Kriminalfälle mit übersinnlichen Elementen gibt. Police Constable Peter Grant erwies sich vor einiger Zeit als magisch begabt, und dies beförderte ihn umgehend ins Folly, den Wohn- und Studiensitz der Abteilung „Spezielle Analysen“, und unter die distinguierten Fittiche von Detective Chief Inspector Thomas Nightingale, seines Zeichens letzter lebender Zaubermeister von England.

Peter Grant ist noch in der Ausbildung, denn die gewöhnliche kriminalistische Kompe- tenz wird durch praktische und theoretische Magie, Sprachstudien in Latein und Alt- griechisch, Zaubersprüche und sehr übungsintensive, äußerste Präzision erfordernde magische Erkennungs- und Verteidigungstechniken ergänzt. Wer es detaillierter wissen möchte, möge sich bitte zu meiner Besprechung des ersten und zweiten Bandes bemühen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Versüßt wird Peter Grants harte Arbeit immerhin durch angenehme Bekanntschaften mit sehr attraktiven personalisierten Londoner Flußgöttinnen, die – wenn es im Interesse ihrer kapriziösen naturgeistigen Belange ist – gelegentlich auch bei den Ermittlungen mitwirken oder ihre Kontakte zu diversen magischen Wesen spielen lassen.

Peter Grant ist an harte Kaliber magischer Gegner gewöhnt, und ein bißchen U-Bahn- Fahren, um den gehäuft eingehenden Meldungen von Geisterbegegnungen in der Metropolitan Line nachzugehen, fällt eher unter Kinderspiel. Zwar wurden einige Fahr- gäste von den Geistern beleidigt, aber es gab keine ernsthaften Angriffe. Seltsamer- weise konnten sich die Zeugen schon kurze Zeit nach dem Vorfall an keine Details mehr erinnern und sagten nur aus, daß der Geist sich einfach in Luft aufgelöst habe.

Während Peter U-Bahn fährt, um selbst einem solchen Geist zu begegnen, analysiert seine vorwitzige Cousine Abigail, die auch bereits eine verdächtige Magiebegabung erkennen läßt und zudem auch noch bessere Fortschritte in Latein macht als er selbst, die Standorte der Geistervorkommnisse, die Streckenführung usw., um ein eventuelles Bewegungsmuster der Geister herauszufinden.

Mit etwas Geduld und guter Fügung entdeckt Peter ein Geisterkind in der U-Bahn und kann es befragen. Das viktorianisch gekleidete Mädchen erklärt ihm bereitwillig, daß es vom Palastmeister des Glaspalastes ausgeschickt worden sei, um mit einem Polizisten zu sprechen und ihm eine Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichte ist etwas blumig und märchenhaft, aber Peter schlußfolgert, daß es sich um eine aktuelle, unentdeckte Entführung handelt. Das Geistermädchen betont noch einmal, wie wichtig es sei, die „Prinzessin“ aus dem Kerker zu retten, der genau neben dem Glaspalast liege, und daß schon mehrere Geisterboten ausgeschickt worden seien, die sich aber wohl verirrt und ihren Auftrag nicht erfüllt hätten, – und dann löst sich die kleine Informantin in Luft auf.

Nachforschungen in der Magischen Bibliothek des Folly führen zu George Buckland, Esquire, einem magischen Praktizierenden aus dem 18. Jahrhundert, der Geister in „Rosenglas“ fangen und aufbewahren konnte. Entließ man diese Geister in die Freiheit, zerfielen sie nach kurzer Zeit. Das Pfarrhaus, in dem er einst lebte, gibt es immer noch.

Keine Frage, daß es wirklich eine Entführung gab, und keine Frage, daß ganz normale polizeiliche Ermittlungsarbeit, gewürzt mit ein paar zauberhaften Nachhilfeschubsern, nun zur erfolgreichen Rettung und Aufklärung führen.

Das ist wirklich einmal ein recht entspannter Fall mit glimpflichem Ausgang. Der Autor erzählt diese Geschichte in lockerem Plauderton und mit lebhaften Dialogen. Wie in den Vorgängerbänden ergeht er sich zudem in selbstironischen Randbemerkungen zu polizeilicher Kundenorientierung und in knackig formulierter Kritik an unansehnlichen architektonischen Verirrungen der Gegenwart.

»Der vorläufige Tiefpunkt ist ein ungeschlachtes Einkaufszentrum aus rotem Backstein schräg gegenüber vom Bahnhof, das sehr geschickt einen kompletten Mangel an Ästhetik mit völliger Nichtbeachtung eines praktischen Daseinszwecks verbindet.«
(Seite 69)

Ben Aaronovitch serviert eine schriftstellerische magische Mischung, in der sich Überraschungs-, Gänsehaut- und Schmunzeleffekte angenehm abwechseln. Lassen Sie sich beGEISTERN … !

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-geister-auf-der-metropolitan-line-21733/

Hier entlang zur interessanten und informativen DTV-Webseite zur Peter-Grant-Serie:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

Und hier geht es zu den vorhergehenden magieverdächtigen Fällen von Peter Grant:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter „Doctor Who“, ge- schrieben und als Buchhändler gearbeitet. Seine Urban-Fantasy-Serie um Peter Grant ist nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland sensationell erfolgreich und führt regelmäßig die Bestsellerlisten an. Inzwischen widmet sich Ben Aaronovitch ganz dem Schreiben, zur Freude seiner zahlreichen Fans. Er lebt nach wie vor in London.«

 

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Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen

  • von Lars Simon
  • Originalausgabe
  • Roman
  • 1. Band der Lennart-Malmkvist-Reihe
  • DTV Verlag     Oktober 2016    http://www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • 432 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21651-7

MÖGE  DER  MOPS  MIT  DIR  SEIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Für die Schnelleser vorab: Ein junger, erfolgreicher Unternehmensberater mit Liebesallergie erleidet einen dramatischen Karriereknick und befindet sich unverhofft in der Umschulung zum Magier.

Hinter dem etwas sperrigen Titel „Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen“ verbirgt sich ein komplex angelegter Roman mit kriminellen, kulinarischen und magischen Elementen sowie eigenwilligen, geheimnisvollen und kapriziösen Charakteren. Der Erzählfluß ist ausführlich und gemächlich sowie auf unterhaltsame Weise spannend. Phantasievolle Details, filmreife Situationskomik und überraschende Wendungen runden die Lektüre vergnüglich ab.

Und nun für alle, die es etwas genauer wissen wollen, die minutiöse Version: Lennart Malmkvist lebt im hohen Norden und steht auf der Sonnenseite des Lebens. Er bewohnt eine Mietwohnung in einem luxussanierten Altbau in der Västra Hamngatan, in einem der begehrtesten Stadtviertel Göteborgs. Beruflich ist er als erfolgreichster Unternehmensberater für die Investmentfirma HIC AB tätig, die mit Firmen aus der Medien- und Kommunikationsbranche handelt. Lennart bereitet gerade eine Präsentation für eine weitere lukrative Firmenbeteiligung vor, auf die Harald Hadding, der charismatische Herrscher der HIC AB, besonderen Wert legt.

Einen bitteren Wermutstropfen gibt es allerdings schon in Lennarts Leben. Er hat eine Liebesallergie, d.h. sobald er nach einer amourösen Begegnung auch nur den Gedanken an eine weitergehende Beziehung hegt, befällt ihn ein unerträglich juckender, pusteliger Ausschlag. Das bringt ihn stets in die Verlegenheit, sich auf keine Frau wirklich einlassen zu können.

Lennart denkt mit Vergnügen an die vergangene Nacht, die er mit seiner Kollegin Emma verbracht hat, aber seine Vorfreude, sie bald darüber aufzuklären zu müssen, daß sich nichts Bindendes aus dieser Liebeslustnacht ergeben wird, hält sich in Grenzen.

Doch jetzt ist erst einmal Wochenende, und Lennart macht sich auf den Weg einige Einkäufe (Zimtkringel, Zeitung) zu erledigen. Im Treppenhaus wird er von seiner mollig-mütterlichen Nachbarin, Maria Calvino, abgefangen, die ihn bittet,  Buri Bolmen, dem Nachbarn im Parterre, einige Kostproben ihrer italienischen Kochkunst abzuliefern.

Buri Bolmen führt im Erdgeschoß des Hauses ein Geschäft für Zauber- und Scherzartikel. Nicht zum ersten Mal wundert sich Lennart, wovon Buri Bolmen eigentlich lebt, denn Kunden haben in seinem mit Kuriositäten vollgestopften Laden größeren Seltenheitswert als die Ware. Der Inhaber von „Bolmens Skämt- & Förtrollningsgrotta“ ist schon recht betagt,  schrullig-verschmitzt und erinnert mit seinem langen weißen Bart wirklich an einen Zauberer. Er lebt mit Bölthorn, seinem mürrischen Mops, zusammen. Gegenüber Lennart ist Buri Bolmen sehr warmherzig und beinahe großväterlich-zugewandt, und Lennart hat den alten Kauz auch ziemlich gern.

In der nächsten Woche sieht und hört Lennart auf dem Weg zur Arbeit wieder einmal diesen unheimlichen, rotbefrackten Leierkastenmann, der ihn in der letzten Zeit sogar bis in seine Träume verfolgt. Im Traum hatte der Leierkastenmann Lennart nachdrücklich darauf hingewiesen, daß er sein Schicksal annehmen müsse. Lennart ist irritiert, aber er muß sich auf seine bevorstehende und äußerst karriererelevante Präsentation konzentrieren.

Kaum eine Stunde später steht Lennart fristlos entlassen auf der Straße. Eine plötzliche unerklärliche Sprachstörung Lennarts machte die sorgfältig vorbereitete Präsentation und die zu erwartenden Firmenfusionen zunichte.

Zu Hause blockieren blinkende Polizeiwagen die Straße, und die ermittelnden Beamten informieren Lennart darüber, daß sein Nachbar Buri Bolmen ermordet wurde. Lennart wird von Kommissar Hendrik Nilsson und Kommissarin Maja Tysja vernommen, und schließlich muß er auch noch den Mops bei sich aufnehmen, da das Tier sonst im Tierheim landen würde.

Lennart ist nicht amüsiert und der Mops offensichtlich auch nicht, aber man arrangiert sich. Maria Calvino kann den Mops, obwohl sie  ihn sehr mag, leider nicht nehmen, da sie eine Hundehaarallergie hat. Sie besticht Lennart mit Gaben ihrer unermüdlichen Kochkunst, und Lennart versucht, erst einmal zur Besinnung zu kommen.

Am nächsten Tag erhält Lennart handschriftliche Post von Advokat Cornelius Isaksson und erfährt, daß Buri Bolmen ihm sein Geschäft und die dazugehörige Immobilie vermacht habe – allerdings unter der Bedingung, daß er sich ein Jahr lang um den Laden und um den Mops kümmere. Lennart ist sprachlos, und Mops Bölthorn beginnt zu sprechen …

Für Lennart öffnet sich eine neue Welt, und er braucht eine ganze Weile, bis er die Erweiterung seiner gewohnten Wirklichkeit um eine magische Dimension akzeptiert. Unter Bölthorns kundiger Anleitung lernt er alltägliche Dinge von magisch aufgeladenen  zu unterscheiden, und so entpuppt sich der Zauberladen als perfekte Tarnung für echte Magie.

„Magie selbst ist, bis auf wenige Ausnahmen, unsichtbar. Nur ihre Auswirkung erkennt man, verstehst du?“ (Seite 252)

Die erste kleine Zauberübung besteht darin, das Zauberlehrlingsbuch aus seiner Tarnung hervorzuzaubern, was Lennart gut gelingt. Und dann wird geübt, geübt, geübt, und Bölthorn klärt Lennart beiläufig darüber auf, das er nun einer der „vier Wächter der Dunklen Pergamente“ sei und Bölthorn sein Adlatus.

Vor beinahe tausend Jahren bannten vier Magier den bösen Geist von Olav Krähenbein in ein steinernes Amulett und seine dunkle Magie in ein Pergament aus der Haut eines schwarzen Wolfes. Das Amulett wurde entzweigebrochen und an weit voneinander entfernten Orten tief vergraben. Das Pergament wurde gevierteilt und von den Magiern ebenfalls an getrennten Orten aufbewahrt und beschützt, damit dieser böse Geist niemals mehr die Möglichkeit hätte, an die Macht zu kommen.

Leider ist nicht alles harmlos, was Archäologen ans Tageslicht befördern, und so geschah es, daß die Amuletthälften wieder zusammengefügt wurden. Nun ist der Schattengeist Olav Krähenbein auf der Suche nach den Pergamenten …

So weit – so klassisch, aber die Zeit drängt, denn der Mord an Buri Bolmen dürfte mit dieser sagenhaften Schattenfigur in Zusammenhang stehen. Außerdem ist Lennarts Kollegin Emma plötzlich verschwunden, und jemand ist in den Zauberladen eingebrochen und hat ihn gründlich durchsucht; das Schwarze Pergament befindet sich nicht mehr in seinem üblichen Versteck.

Lennarts bester Freund, Frederik Sandberg, ist Computerspezialist, Hacker und Star-Wars-Liebhaber. Auf Lennarts Bitte hin recherchiert er illegal nach Emmas Personalakte im System der HIC AB und stellt fest, daß man sich erstaunlich viel Mühe damit gegeben habe, diese ansonsten gänzlich unauffällige Akte zu verstecken.

Wie hängt das alles zusammen? Wer ist Freund und wer ist Feind? Gibt es Gnome und Feen und woran erkennt man sie?  Wer oder was ist der Leierkastenmann? Wer ist der Mörder?

Die strenge, unterkühlt-attraktive Kommissarin Maja Tysja findet indes Lennart verdächtig, da er mit dem wertvollen Haus in der Västra Hamngatan ein nicht unbeträchtliches Erbe von Buri Bolmen erhalten hat. Komplikationen über Komplikationen; wenigstens gibt es regelmäßig köstliches, italienisches Essen bei Maria Calvino, sonst wären Lennart und Bölthorn längst entkräftet.

Wie diese zauberhaft-gefährliche Geschichte tatsächlich ausgeht, verrate ich natürlich nicht, nur, daß dieses vorläufige Ende schon den Anfang der nächsten Geschichte einleitet; es bleiben genug lose Fäden und ungeklärte Andeutungen, die reichlich magieverdächtigen Stoff und zwischenmenschliche Verstrickungen für eine Fortsetzung bieten. Außerdem muß Lennart unbedingt noch viel besser zaubern lernen …

Lars Simons Schreibstil ist atmosphärisch, spannend und abwechslungsreich sowie bisweilen feinsinnig-nachdenklich, seine Figurenzeichnung ist lebhaft und sinnlich-anschaulich, er läßt sich Zeit, die Charaktere auszumalen, seine phantasievollen magischen Details sind amüsant und dramaturgisch raffiniert, wie beispielsweise das Keksdosenorakel, das nur auf gereimte Fragen antwortet und dabei einen hohen Anspruch an die Reimqualität des Fragenstellers pflegt – ein Garant für heitere Wortduelle zwischen zwei sehr ungleichen Sprachkünstlern.

Besonders gelungen ist die Beziehungsdynamik zwischen Lennart und Bölthorn. Anfänglich distanziert-kritisch entwickelt sie sich zu einer sehr kooperativ-zugeneigten Gemeinschaft. Als magischer Profi muß Bölthorn angesichts von Lennarts magischem Analphabetismus zwar noch oft mit den Mopsaugen rollen, doch langsam wächst Lennart mit „Mut, Entschlossenheit und Vertrauen“ in seine neue Heldenrolle hinein.

Das läßt vorfreudig darauf hoffen, daß es mit Lennart und Bölthorn im Folgeband zauberhaft weitergehen wird.

 

PS:
Ich empfehle die Lektüre ausdrücklich nur mit vollem Magen, denn die überaus leckeren italienischen Unendlichkeitsmenüs, die Lennarts Nachbarin Maria Calvino serviert, kann man sonst nur schwer aushalten. 😉

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen-21651/

Hier entlang zur verlagseigenen Webseite zum Buch mit Übersichtskarte und Fotos von Romanschauplätzen, Autoreninterview mit zauberhaften Hinweisen auf die Fortsetzung der Lennart-Malmkvist-Mops-Reihe und einem leckeren Nachtischrezept … 
https://www.dtv.de/special-lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/start/c-1067

Hier entlang zum zweiten Band: Lennart Malmkvist und der ganz und gar wunderliche Gast aus Trindemossen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/28/lennart-malmkvist-und-der-ganz-und-gar-wunderliche-gast-aus-trindemossen/

 

Der Autor:

»Lars Simon, Jahrgang 1968, hat nach seinem Studium lange Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er mit seiner Familie nach Schweden zog, wo er als Handwerker tätig war. Heute lebt und schreibt der gebürtige Hesse wieder in der Nähe von Frankfurt am Main. Bisher sind von ihm bei dtv die Comedy-Romane ›Elchscheiße‹, ›Kaimankacke‹ und ›Rentierköttel‹ sowie der Urban-Fantasy-Roman ›Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen‹ erschienen. Lars Simon ist ein Pseudonym.«

Der Trick

  • Roman
  • von Emanuel Bergmann
  • Diogenes Verlag Februar 2016     www.diogenes.ch
  • in Leinen gebunden mit Schutzumschlag
  • 400 Seiten
  • ISBN 978-3-257-06955-6
  • 22,00 € (D),  22,70 € (A), 30,00 sFr
    Der-Trick-9783257607093

ZAUBERSEHNSUCHT  UND  SEHNSUCHTSZAUBER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Im gefühlvoll-nachdenklichen Roman „Der Trick“ erweckt Emanuel Bergmann atmosphärisch und menschkenntnisreich in einer sehr feinen, schönen Sprache faszinierende Charaktere zum Leben und verbindet ihre Lebenskreise miteinander. In diesem Roman geht es um Wahrheit und Lüge, Illusion und Manipulation, Schicksal und Zufall, Grauen und Gnade. Es geht um verlorenes Leben und gewonnenes Leben, um verlorene und wiedergefundene Liebe und um die Ironie des Schicksals, der man wohl am besten mit Humor begegnet.

Zwischen dem ersten Kapitel mit der Überschrift „Die Welt und wie sie hätte sein sollen“ und dem letzten Kapitel „Die Welt und wie sie ist“ spannt der Autor einen weiten Bogen, der in Prag zu Beginn des 20. Jahrhundert anfängt und in Los Angeles zu Beginn des 21. Jahrhunderts endet.

In Prag, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wird dem gutmütigen Rabbi Laibl Goldenhirsch von seiner Frau Rifka endlich der langersehnte Sohn geboren. Das Kind, Mosche Goldenhirsch, wird von seinen Eltern innig geliebt, auch von seinem zweiten Vater, der unausgesprochen, der Zeugung des Kindes ein wenig nachgeholfen hat. Doch stumme Geheimnisse und verbotene Liebesgefühle tragen viele Menschen in sich. Laibl Goldenhirsch akzeptiert das Wunder der plötzlichen Empfängnis mit Demut und weiser Dankbarkeit.

Im Alter von fünfzehn Jahren läuft Mosche von zu Hause fort, schließt sich einem Zauberzirkus an und wird vom Zirkusdirektor, dem „Halbmondmann“, zum Zauberer ausgebildet. Er verliebt sich in Julia, die Assistentin des Direktors. Nach einem tragischen Unfall verlassen Mosche und Julia den Wanderzirkus und fahren nach Berlin.

Julia verschafft Mosche gefälschte Papiere, die ihn als Perser ausweisen. Mosche stilisiert sich zum „Großen Zabbatini“ und lernt sogar einige Vokabeln Farsi, die er als wohl-klingenden Zauberspruch einsetzt. Zusammen mit seiner Assistentin und Geliebten Julia verfeinert und professionalisiert er die Zaubervorführungen und ergänzt sie um die getrickste Kunst des Gedankenlesens. Sie haben großen Erfolg beim Publikum; besonders beliebt ist der Trick „Verschwundene Prinzessin“, für den sie einen speziellen Koffer mit doppeltem Boden und raffinierter Verspiegelung extra haben anfertigen lassen.

Doch Mosche wird verraten, von der Gestapo brutal verhört und mitsamt seinem Zauberzubehör in das KZ Theresienstadt deportiert. Der dortige Kommandant ist nämlich ein Verehrer von Zabbatini und möchte  alle Zaubertricks von ihm lernen. Mosche weiß, daß sein Überleben davon abhängt, wie lange er diesen „kultivierten“ Nazi bei Laune halten kann.

In Los Angeles muß sich der elfjährige Max Cohn schmerzlich darauf einstellen, daß sich seine Eltern scheiden lassen wollen. Er beratschlagt sich mit seinem Schulfreund Joey, dessen Eltern bereits geschieden sind, und seine kindliche Sorge, er könne irgendwie schuld daran sein, daß seine Eltern sich trennen, führt dazu, daß er fieberhaft überlegt, wie er eine neue Annäherung zwischen seinen Eltern herbeiführen könne.

Sein Vater hat bereits Kisten für seinen Auszug gepackt, denn er wird vorläufig ins Haus seiner Mutter umziehen. Max findet die Aussicht, seinen Vater nun immer bei Omchen besuchen zu müssen, nicht verlockend. Denn Omchen neigt dazu, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu sagen: „Und dafür habe ich die Lager überlebt?“, und Max, der das ohnehin noch nicht so recht begreifen kann, findet das anstrengend.

Max versucht, seinen Vater zum Bleiben zu bewegen, macht ihm eine rührende Liebeserklärung und bietet an, daß er in Zukunft auch immer freiwillig den Hasenkäfig sauber mache.

Der Vater läßt sich nicht umstimmen. Da stolpert Max über einen Umzugskarton. Ein altmodischer Datenträger in einer Papphülle, eine Schallplatte, zieht seine Aufmerksam-keit auf sich. Auf der Plattenhülle sieht man einen eleganten Zauberer mit Zauberstab und kleinem weißen Kaninchen:»Zabbatini: Seine größten Tricks.« Auf der Rückseite steht eine Liste seiner Zauberkunststücke, u.a. »Der Zauber der ewigen Liebe«; Max fragt, ob er die Schallplatte behalten dürfe und faßt einen kindlich-kühnen Plan.

Mit Elan und unter häufiger Überschreitung elterlicher Grenzen sucht Max nach Zabbatini. Er befragt den Inhaber eines Zauberzubehörgeschäfts und erfährt, daß Zabbantini tatsächlich früher im „Castle“, dem größten Cabarett für Zauberkünstler, regelmäßig aufgetreten sei. Doch dies sei lange her, der bescheidene Ruhm längst erloschen, und er wisse nicht, ob Zabbatini überhaupt noch lebe. Er rät Max, in einem bestimmten Altenheim nachzufragen, und Max wird fündig.

Es dauert sehr lange, bis Max den lebensmüden, verlotterten und verarmten Zabbatini überreden kann, noch einmal den „Zauber der ewigen Liebe“ auszuführen.  Maxens Hartnäckigkeit, Pfiffigkeit und seine sehnsüchtige Zaubergläubigkeit und Hoffnung rühren den alten Mann, und – zu seinem eigenen größten Erstaunen – findet er den kleinen Jungen sympathisch. Nach zähen Verhandlungen mit Maxens Mutter willigt er ein, auf Maxens bevorstehender Geburtstagsfeier noch einmal im alten Glanze ein junges Publikum zu verzaubern.

Der Große Zabbantini inszeniert einen grandiosen Liebeszauber, und als er seinen farsischen Zauberspruch aufsagt, wird der Zauberer von Maxens Omchen wiedererkannt … Wir erfahren wer wem sein Leben verdankt, und der kleine Max begreift die wunderbare Gabe des Lebens.

So schließen sich zwei Lebenskreise, und die alte Weisheit von Laibl Goldenhirsch kommt noch einmal zu Wort:

„Allein schon zu leben … ist ein Gebet.“ (Seite 371)

Sehr glaubwürdig und anrührend gelingt Emanuel Bergmann in diesem Buch der Wechsel zwischen der kindlichen und der erwachsenen Perspektive sowie die Verschränkung der unterschiedlichen Zeitebenen und die Annäherung beider Erzählstränge und Lebenswege bis zu ihrer endgültigen Kreuzung. Trotz der tragischen historischen Umstände und der damit verbundenen schonungslosen, aber im Text nicht überstrapazierten Grausamkeiten und trotz der kindlichen Liebesnot, findet der Autor einen heiter-abgeklärten Erzählton von bewundernswerter, wehmütiger Leichtigkeit und lebensbejahender Herzenswärme.

 

Der Autor:

»Emanuel Bergmann, geboren 1972 in Saarbrücken, ging nach dem Abitur nach Los Angeles, um dort Film und Journalismus zu studieren. Er war viele Jahre lang für verschiedene Filmstudios, Produktionsfirmen und Verlage in den USA und Deutschland tätig. Derzeit unterrichtet er Deutsch, übersetzt Bücher und schreibt Artikel für diverse deutsche Medien. ›Der Trick‹ ist sein erster Roman.«

 

Und nachfolgend noch das Hörbuch zum Buch:                    Der-Trick-gesprochen-von-Stefan-Kaminski-9783257803686

Der Trick
von Emmanuel Bergmann
Hörbuch      
Ungekürzte Lesung
von Stefan Kaminski
Diogenes Verlag Februar 2016
8 CDs, 9 Std. 43 Min.
978-3-257-80368-6
26.00€ (D), 29.20 € (A),  sFr 35.00

Hier geht es zur Hörprobe und zu weiteren Buchinformationen auf der Verlagswebseite:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/emanuel-bergmann/der-trick-9783257069556.html

 

 

 

 

Die wundersamen Abenteuer von Pippa Katzenöhrchen

  • von Martine Glaser
  • mit Bildern von Eline van Lindenhuizen
  • aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
  • Gerstenberg Verlag Januar 2016     http://www.gerstenberg-verlag.de
  • Format: 16 x 21,5 cm
  • gebunden
  • 240 Seiten
  • 14,95 e (D), 15,40 € (A), 19,40 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5891-2
  • ab 8 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 5 Jahren zum Vorlesen
    Die wundersamen Abenteuer von Pippa Katzenöhrchen

ZAUBERGLÜCK  UND  ZAUBERPECH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Einzigartigkeit spielt in diesem Kinderbuch eine wichtige Rolle. Das kleine Mädchen Pippa hat ganz besondere Ohren: Sie laufen spitz zu wie bei einer Katze, und sie haben einen feinen Haarflaum. Ihre Eltern haben Pippa deshalb direkt nach der Geburt den Kosenamen Pippa Katzenöhrchen gegeben.

Als Pippa nach der Einschulung von einigen Kindern wegen ihrer Ohren aufgezogen wird, stellt sie sich nach einer Phase der Verunsicherung vor den Spiegel, betrachtet ihre Ohren von allen Seiten und sagt sich selbstbewußt: „Ich bin Pippa Katzenöhrchen und mich gibt es nur einmal: Alle blöden Quälgeister können mir mal den Buckel runterrutschen.“ (Seite 8)

Eines Tages langweilt sich Pippa; ihre Mutter ist konzentriert damit beschäftigt, einen Tisch anzustreichen, und Pippa bequengelt sie damit, doch bitte mit ihr den Jahrmarkt zu besuchen. Die Mutter weist darauf hin, daß sie viel zu tun habe, und Pippa weist darauf hin, daß sie mit ihren Katzenöhrchen schon die ganze Zeit die fröhliche Musik höre und unbedingt zum Jahrmarkt müsse. Genervt sagt die Mutter, daß sie sich wünsche, Pippas Öhrchen würden verschwinden.

Zu beider Schrecken erfüllt sich dieser Wunsch augenblicklich. Während ihre Mutter erschüttert mit dem herbeigerufenen und ratlosen Doktor spricht, schwingt sich Pippa wütend auf ihr Fahrrad, um sich auf die Suche nach ihren Ohren zu machen. Denn ohne ihre Katzenöhrchen fehlt ihr ein wesentliches Element ihres Selbstverständnisses.

Sie begegnet einem Zauberer, Magister Hippolytus Weißlein, der sich nach einem Zauberunfall den eigenen Körper weggezaubert hat, und hilft ihm pfiffig dabei, sich wieder an den Zauberspruchversprecher zu erinnern und den richtigen Umkehrzauber-spruch zu finden. Nur Pippas Ohren kann der Zauberer nicht wieder herbeizaubern. Magister Weißlein schenkt Pippa zum Abschied und als Dank für ihre Hilfe fünf Zauberkraft-Pillen, die sie beim erfolgreichen Bestehen der folgenden Abenteuer unterstützen.

Pippa lernt sprechende Schlangen kennen, die es gar nicht seltsam finden, daß sie keine Ohren hat, denn Schlangen haben auch keine Ohren und kommen gut damit zurecht.

Nach einer Flugreise – dank Zauberflugpille – muß Pippa auf dem Boot von Hermann dem Rächer notlanden. Hermann will Wale vor Walfängern retten, und Pippa hilft ihm gerne und tatkräftig dabei. Anschließend transportiert Hermann Pippa zur nächsten Hafenstadt und teilt sein letztes bißchen Geld mit ihr.

In der fremden Stadt muß sich Pippa alleine durchschlagen; sie trifft auf einige wenig vertrauenerweckende Menschen, und ihre Sehnsucht nach der Geborgenheit ihres Zuhauses wird immer größer.

Als sie schon ganz verzweifelt ist und nicht weiß, wo sie nachts schlafen soll, begegnet sie einem freundlichen Jungen namens Pablo, der sie mit zu sich nach Hause nimmt. Sie teilt sich ein Bett mit Pablos Schwester, und beim Frühstück lernt Pippa Pablos Mutter und seine sieben Geschwister kennen. Pablos Vater malt wunderschöne Bilder, aber er ist ein unbekannter Künstler, und die Familie ist arm. Doch Pippa gelingt es, zusammen mit Pablo und dank einiger glücklicher Zufälle, dem unbekannten Maler zu sensationeller Bekanntheit zu verhelfen.

Bereichert um ermutigende Lebenserfahrungen und neue Freundschaften, kehrt Pippa schließlich glücklich nach Hause zurück. Und die Ohren? Nun, soviel sei hier verraten: die Katzenöhrchen kommen auch wieder zurück.

Denn, wie Magister Weißlein raten würde: „Alles, was du brauchst, trägst du bereits bei dir. Die besten Lösungen kommen von innen, nicht von außen.“ (Seite 63)

Die Autorin, Martine Glaser, erzählt Pippas Geschichte in einfacher, eingängiger und schelmisch-witziger Sprache, und die zahlreichen, begleitenden Schwarz-weiß-Zeichnungen von Eline van Lindenhuizen geben die jeweilige Handlung angemessen wieder.

Ich konnte indes beim Lesen mit Pippa nicht richtig warm werden. Die emotionale Ebene und die Figurenzeichnung bleiben – für mein Empfinden – zu oberflächlich, und auch der Handlungsverlauf erscheint mir zu konstruiert; selbst die durchaus phantasievollen Details wirken auf mich in ihrer Darstellungsweise seltsam nüchtern und unterkühlt. Die sehr direkte Artikulation aller Emotionen, dieses sofortige Stimmungsausplaudern, ohne daß zuvor zwischen den Zeilen erzählerisch eine Stimmung erzeugt wurde, verhindern genau die zauberhaften Erzählnuancen, die der Geschichte märchenhaftes Herzblut eingeflößt hätten.

Für mich ist „Die wundersamen Abenteuer von Pippa Katzenöhrchen“ kein Herzensbuch, sondern einfach nur ein nettes Buch.

 

Die Autorin:

»Martine Glaser wollte eigentlich Malerin werden. Ein Ferienjob nach ihrem Kunststudium bescherte ihr jedoch eine Anstellung im sozialen Wohnungsbau. Hier war sie bis 2007 tätig, zuletzt in leitender Funktion. Seitdem arbeitet sie freiberuflich als Schriftstellerin für Kinder und Jugendliche und als Journalistin für verschiedene Radiosender und Magazine. Die wundersamen Abenteuer von Pippa Katzenöhrchen ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.»

Die Illustratorin:

»Eline van Lindenhuizen, geboren 1983 in Meppeln, lebt in Kampen. Nach einem Illustrationsstudium an der Minerva Academy in Groningen arbeitet sei als freie Illustratorin. Neben Zeichnen und Malen liebt sie Bücher und Flohmärkte.

Die Übersetzerin:

«Meike Blatnik, geboren 1974, studierte Neuere deutsche Literatur und Philosophie in Berlin. Seit Studienende arbeitet sie in der Presseabteilung eines Berliner Verlages und übersetzt vornehmlich Kinder- und Jugendbücher aus dem Niederländischen.«

Ich will so gerne anders sein

  • von Paul Biegel
  • Aus dem Niederländischen von Herbert Kranz
  • Mit farbigen Illustrationen von Linde Faas
  • Verlag Urachhaus August 2014                         www.urachhaus.de
  • gebunden, Halbleinen
  • 189 Seiten
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7807-9
  • ab 7 Jahren
    9783825178079_10922.png Ich will so gerne anders sein

ZAUBERHAFTE  NACHHILFE  

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein kleiner Junge namens Robert sitzt an seinen Rechenhausaufgaben und müht sich vergeblich damit ab, das Einmaleins mit der Sieben aufzuschreiben. Überhaupt ist die Schule ein schwieriger und eher unerfreulicher Ort für ihn. Weil er die Frage, was denn einmal aus ihm werden solle, immer damit beantwortet, daß er anders werden will, nennen ihn schließlich alle »Anders«.

Im Frisörsalon seines Vaters schnappt er zufällig die Bemerkung eines Kunden auf, der Frau Buhl, eine heilkundige alte Frau, die am Dorfrande wohnt, abfällig als zauberkundige Hexe bezeichnet. Anders schöpft Hoffnung und bittet Frau Buhl schüchtern, aber sehr präzise, ob sie ihn „anders“ zaubern könne: „Ich möchte eben anders werden, als ich bin. Ich möchte keine Brille mehr tragen müssen. Ich möchte groß und stark sein. Und alles, was ich lernen muss, das möchte ich ganz leicht und fest im Kopf behalten.“ (Seite 8)

Die freundliche Frau Buhl erwidert, daß er sich für einen solchen Zauber an den Großen Zauberer wenden müsse. Er solle nachts am offenen Fenster bei Vollmondlicht das Einmaleins mit der Sieben aufsagen, und wenn ihm dies fehlerfrei gelänge, wäre ihm die Hilfe des Großen Zauberers gewiß.

Hochmotiviert übt Anders den ganzen Nachmittag.In der Nacht öffnet er sein Fenster und sagt dem Vollmond das Einmaleins mit der Sieben auf. Allerdings macht er schon bei zweimal sieben den ersten Fehler, und nach dem vierten Fehler hört er ein leises Lachen und sieht auf seiner Fensterbank ein weißgekleidetes, kleines Mädchen sitzen.

Das Mädchen heißt Federchen, weil sie so federleicht ist und mit dem Wind fliegen kann. Sie bietet Anders an, ihm das Einmaleins mit der Sieben beizubringen. Federchen sagt einmal „Huiii!“, und schon fliegt er mit ihr davon. Anders landet auf einer Wiese, und er ist plötzlich winzig klein und ganz allein, denn Federchen ist schon wieder weitergeweht worden.

Auf seinem Weg trifft er eine Waldameise, die ihn zum Ameisenhaufen bringt und dort sogleich in die Ameisenschule verfrachtet, weil er offenbar noch viel zu lernen hat. Mit dem Ameisenlehrstoff ist Anders natürlich völlig überfordert, aber angesichts einer Belagerung des Ameisenhaufens hat er eine raffinierte Idee zur Verteidigung und bekommt sogar eine Audienz bei der Ameisenkönigin.

Federchen kommt zurück und nimmt ihn fliegeflugs mit zu einer Mohnblüte. Dort bündelt er zusammen mit Brommel, einem freundlichen Hummelmann, die Staubgefäße zu Viererbündeln und lernt ganz anschaulich, daß vier mal sieben achtundzwanzig ergibt.

Anders trifft noch verschiedene andere Insekten, er wird von grünen Raupen eingewickelt, sieht einen Schmetterling aus seinem Kokon schlüpfen, wird von drei altjüngferlichen Schneckendamen unterrichtet, überlistet eine Spinne und singt einer Grille Lieder vor.

Er ist eine ganze Weile alleine unterwegs, während Federchen nach ihm sucht, und er ist viel tapferer und lebensklüger, als er je von sich gedacht hätte. Beiläufig ergeben sich auch immer wieder Gelegenheiten, die nächste Stufe des Einmaleins mit der Sieben durch Erfahrung zu lernen.

Beim Sommerabschieds-Konzert der Insekten, zu dem ihn die Grille, der er vorgesungen hat, mitnimmt, trifft er endlich wieder auf Federchen. Nun machen sie sich gemeinsam auf den weiteren Weg zum Großen Zauberer. Anders muß nur noch neun mal sieben lernen, denn zehn mal sieben kann er schon. Doch der Winter macht den beiden buchstäblich einen eisigen Strich durch die Rechnung.

Wieder werden sie getrennt, wieder findet Anders Zuflucht im Ameisenhaufen. Dort befindet sich ein Abschiedsbrief von Federchen, die ihm u.a. das Ergebnis von neun mal sieben vorsagt bzw. schreibt. Doch weil sie ihm vorgesagt hat, muß sie zur Strafe für immer in eine Feder bleiben. Anders hält traurig die Daunenfeder fest, in deren Gestalt das Mädchen nun gefangen ist.

Schließlich trägt ihn der Wind wieder zurück zu seiner Fensterbank, und hier sagt Anders endlich einwandfrei das Einmaleins mit der Sieben auf. Als der Große Zauberer erscheint, wünscht Anders sich nicht mehr, anders zu sein, sondern er wünscht sich von ganzem Herzen, daß Federchen in ihre Mädchengestalt zurückverwandelt wird.

Die Bitte wird ihm gewährt, und natürlich ist Anders durch seine kleine Heldenreise sowieso irgendwie anders geworden…

Paul Biegel ist ein Autor, der Kinder ernst nimmt und der noch genau weiß, wie sich ein Kind als Kind fühlt. Er erschließt Kindern einen Spielraum phantasievoller Schicksalserprobung, in dem leichte und schwere, dunkle und helle, einfache und komplexe Aspekte des Daseins erscheinen. Seine Geschichten sind ein Füllhorn witziger Weisheit, nachdenklicher Verspieltheit und augenzwinkernder Beziehungspsychologie.

Paul Biegel serviert Kindern keine leichte, seichte Süßkost, sondern eigenwillige, elementare, unergründliche und vielschichtige Lebensgeschmacksvielfalt.

Die Illustratorin Linde Faas findet eine märchenhaft-atmosphärische und facettenreiche Bilder- und Farbsprache, die sich dem Text und dem Erzählverlauf – je nach Bedarf – dramatisch, humorvoll, melancholisch, sensibel, spannend, warmherzig und zauberhaft anschmiegt.

Zum Ausklang möge das folgende Zitat die geistige Weite des besprochenen Kinderbuches andeuten:

» „Höre zu, Zweibein“, sagte sie, „der Verstand ist ein großes Netz mit viereckigen Maschen. Wir werfen es aus, um das Leben zu fangen, aber das Leben ist wie Wasser und nicht zu fassen. Alles, was wir erwischen sind Zahlen, und mit diesen Zahlen messen wir alles. Wir sagen: Messen ist Wissen, und wir messen alles. Aber in unserer Schule lernst du: Messen ist Vergessen. Merke dir den Reim:

Wisst: Wer nur zählt und misst,
der vergisst, dass Leben wie Wasser ist
.“ «   (Seite 97)

Der Autor:

»Paul Biegel (1925 – 2006) gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckman und Annie M.G. Schmidt zu den bedeutendsten Vertretern der niederländischen Kinderliteratur. Er verfasste über fünfzig Bücher, sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem begehrten Silbernen und Goldenen Griffel. Der Verlag Urachhaus ehrt den Großmeister der niederländischen Jugendliteratur mit einer achtbändigen Sonderausgabe seiner schönsten und erfolgreichsten Kinderromane. «

Die Illustratorin:

»Linde Faas (geboren 1985 in Zeist, Niederlande) studierte Animation an der St. Joost-Kunstakademie in Breda. Sie schloss ihr Studium (Bachelor of Fine Arts) mit dem von ihr gezeichneten Animationsfilm Volgens de vogels (Den Vögeln zufolge) mit Auszeichnung ab und erhielt zudem verschiedene Preise bei internationalen Filmfestivals. Heute arbeitet sie hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern und als freie Künstlerin mit dem Schwerpunkt Grafik und Zeichnung

Schwarzer Mond über Soho

  • Band 2 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Moon Over Soho«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Taschenbuch  Juli  2012                   http://www.dtv.de
  • 412 Seiten
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3.423-21380-6
    schwarzer_mond_ueber_soho-9783423213806

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr. 2

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Falls Sie sich schon von meiner ersten Peter-Grant-Besprechung  (https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/ ) beGEISTERN haben lassen, so können Sie sich auch beim 2. Band auf zauberhafte Freuden und Gefahren gefaßt machen.

Police Constable und  frisch vereidigter Zauberlehrling Peter Grant, sein Chef und Meistermagier Detective Chief Inspector Thomas Nightingale sowie Lesley May, Peters Kollegin aus dem „gewöhnlichen“ Polizeibetrieb, haben sich noch nicht ganz von den Blessuren und Schrecken des letzten Falles erholt, da lauert schon ein neuer Fall an der nächsten Ecke Londons.

Und weiter geht’s im Zaubererlatein, denn Peter Grant hat seit seinem ersten Einsatz einiges dazugelernt.

Fangen wir mit dem Vestigium an, dem lateinischen Wort für Spur. In diesem speziellen Kriminalkontext bezeichnet Vestigium  „den Abdruck, den Magie auf Gegenständen hinterläßt.“ Es ist eine Mischung aus Geräuschen, Gerüchen, Bildern und Gefühlsstimmungen/ladungen, die dem geschulten Zauberer auswertbare Hinweise auf Täter gibt, die magische Mittel eingesetzt haben.

Gegenstände haben eine recht gute Speicherkapazität, selbst wenn es sich nur um kleine Magiemengen handelt, und menschliche Körper verfügen nur über eine geringe und kurze Speicherkapazität. Um auf einem toten Körper einen magischen Eindruck zu hinterlassen bedarf es eines großen magischen Energieaufwandes.

Zu Peters Leidwesen muß er mal wieder eine frische Leiche in Hinsicht auf Vestigia beschnuppern: Cyrus Wilkinson, ein Jazzmusiker, der an plötzlichem Herzversagen verstorben ist und der dem Kryptopathologen Dr. Walid verdächtig magisch klingt. Das kann Peter nur bestätigen, denn das Vestigium spielt eindeutig eine beschwingte Version von „Body and Soul“.

Peters Vater, ein talentierter, aber erfolgloser Jazzmusiker mit dem Spitznamen „Lord Grant“, findet für seinen Sohn heraus, daß diese Version von „Body and Soul“  aus dem Jahr 1939 stammt. Peter ermittelt, daß in den vergangenen Jahren eine auffällig große Zahl von Jazzmusikern einem plötzlichen natürlichen Tode erlegen ist.

So führt uns der Autor diesmal durch den Stadtteil Soho und ins Jazzmusikermilieu. Das ist fast ein bißchen romantisch, zumindest für PC Grant, den seine Recherchen bezüglich des magisch beeinflußtenTodes von Cyrus Wilkinson zu einigen erfreulich sinnlichen Begegnungen der weiblich-kurvenreichen Art führen.

Doch für einige andere Männer kommt es zu einer weiblichen Begegnung, die sowohl ihrer Männlichkeit als auch ihrem Leben ein ziemlich abruptes Ende bereiten. Bei einem dieser Mordopfer findet die Polizei gestohlene magische Bücher, und Nightingale befürchtet, daß ein „ethisch fragwürdiger“ Magier heimlich Zauberer ausgebildet oder für seine Zwecke abgerichtet habe.

In einen zwielichtigen Nachtclub finden sie sogar einen Augenzeugen. Aber der gibt glaubwürdig verzweifelt zu Protokoll, das Gesicht des Magieverdächtigen nicht beschreiben zu können, da es nicht zu erkennen gewesen sei, was wiederum ein Hinweis auf die magische Gewandtheit des Gesuchten ist.

Als wäre das nicht schon gefährlich genug, stellt sich auch noch heraus, daß der „Gesichtslose“  Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier – gezüchtet hat. Das ist zwar eine Erklärung für einige Todesarten, aber es erschwert die Arbeit, besonders bei Verfolgungsjagden, enorm.

Doch PC Grant setzt auch im zweiten Fall all seine sinnlichen und übersinnlichen Kräfte ein, und er überlebt ein magisches Duell mit dem „Gesichtslosen“, was ihm das erste Lob seines Meisters einbringt.

Wir treffen auch einige mehr oder weniger hilfreiche Themseflußgötter und -Göttinnen aus dem ersten Fall wieder, und auch im zweiten Band beschert uns der sozioarchitektonische Blickwinkel Peter Grants aufs neue brillante Beschreibungen zweifelhafter Großstadtbaumaßnahmen.

Ganz nebenbei kann Peter sogar seinem Vater zu einer musikalischen Wiederbelebung verhelfen.

Trotz der Aufklärung diverser Todesfälle und Morde kann wiederum niemand verhaftet werden. Da müssen wir und die Metropolitan Police uns wohl bis zum dritten Band gedulden.

 

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Und hier geht es munter weiter zu den Folgebänden:

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/

 

Die Flüsse von London

  • Band 1 der neuen übersinnlichen Krimi-Serie mit Peter Grant
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Rivers of London«
  • Deutsch von Karlheinz Dürr
  • DTV Taschenbuch  Januar 2012        http://www.dtv.de
  • 464 Seiten
  •  9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21341-7
    die_fluesse_von_london-9783423213417

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr.1

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nehmen Sie sich Zeit für eine ausführliche, aufregende, kriminalistische, übersinnliche und witzige Reise durch London! Unser Reiseführer ist Peter Grant, ein junger Police Constable von gemischt ethnischer Herkunft, der sich nach Aussage seiner attraktiven und pfiffigen Kollegin Lesley May durchaus als Obama-Double bewerben könnte.

Peter Grant bewacht zusammen mit Lesley May einen abgesperrten Tatort am Covent Garden. Hier wurde in der Nacht ein Leichnam entdeckt, der einen auffällig großen Abstand zu seinem Kopf aufwies. Kurz: Er wurde geköpft.

Peter Grant steht frierend in der Säulenvorhalle der St.Paul’s Kirche, die auch „Schauspielerkirche“ genannt wird; aus Langeweile sowie aus persönlicher architektonisch-historischer Neugier liest er sich eine dort befindliche Informationstafel durch und läßt uns in einem netten Plauderton an seinen Erkenntnissen über die lokale Geschichte teilhaben.

Während Lesley Kaffee holen geht, taucht zwischen den Säulen plötzlich ein altertümlich gekleideter Mann auf, der sich als Augenzeuge des Mordes zu erkennen gibt. PC Grant fragt zunächst vorschriftsmäßig die Personaldaten ab, und dabei stellt sich der Zeuge namens Nicholas Wallpenny als Geist heraus.

Doch davon professionell unbeeindruckt, läßt sich Peter den Tathergang beschreiben und nimmt staunend zur Kenntnis, daß der Geisterzeuge, darauf besteht, daß der Mörder etwas Unheimliches hatte und  „sein Gesicht wechseln“  konnte.

Als Lesley mit dem Kaffe zurückkommt, verschwindet Nicholas natürlich bzw. übernatürlich und Peter beschließt, seine unheimliche Erfahrung erst einmal für sich zu behalten.

Am nächsten Abend spaziert er am Portikus der St.Paul’s Kirche herum und hofft vergeblich auf das Wiedererscheinen von Nicholas Wallpenny. Stattdessen spricht ihn ein eleganter Herr mit silberknaufigem Gehstock an, und auf seine Frage, was er denn hier so treibe, antwortet Peter spontan und wahrheitsgemäß, er sei auf Geisterjagd. So lernt er seinen zukünftigen Vorgesetzten Detective Chief Inspector Thomas Nightingale kennen.

Nightingale ist der letzte Zauberer Englands und leitet eine Spezialabteilung, die  –  ein wenig inoffiziell und relativ geheim  – dafür zuständig ist, in Kriminalfällen mit sozusagen magischen Fingerabdrücken zu ermitteln. PC Grant wird der erste Auszubildende seit fünfzig Jahren für diese vom Aussterben bedrohte Berufsgattung, die zudem ein belächeltes Außenseiterdasein in der bürokratischen Hierarchie der Metropolitan Police fristet.

Was macht es schon, daß die Zauberlehrlingsausbildung zehn Jahre dauert, die Sprachen Latein, Griechisch, Arabisch und technisches Deutsch gelernt werden müssen, und es langer und intensiver Übungen sowie millimetergenauer geistiger Disziplin bedarf, um auch nur ein kleines Werlicht zu erzeugen, wenn man als Dienstwagen einen „Jaguar Mark 2 mit  XK6-Motor und 3,8 Litern Hubraum“ fahren darf?

Und auch die unverhofften Gelegenheiten, mit wunderschönen, gefährlich-verführerischen Themseflußgöttinnen und Nixen zu flirten, können einem die Polizeiarbeit schon versüßen.

Zudem bekommt Peter nette neue Kollegen, von deren Existenz er zuvor noch nicht einmal geahnt hat, wie zum Beispiel den auf Kryptopathologie spezialisierten Dr. Walid, der Peter gleich zum Kennenlernen einen Gehirnquerschnitt serviert, an dem man die Schäden besichtigen kann, die der falsche übermäßige oder unfreiwillige Gebrauch von Magie anrichtet.

Wohn- und Studiensitz der magischen Spezialeinheit ist das Folly, die  „offizielle Residenz der englischen Magie seit 1775“. Das Folly ist ein vornehmes Haus mit Eingangshalle, zahlreichen Gästezimmern, verschiedenen Speisezimmern, einem rechteckigen Innenhof, einem Salon, drei Bibliotheken (nach Sprachen geordnet) und einem magischen Übungslabor; denn hier wird die Magie als Wissenschaft betrieben und sehr ernst genommen.

Und dann wäre da noch das unheimlich-schöne, fast lautlose Hausmädchen Molly, ein vorläufig nicht näher definiertes „Geschöpf der Nacht“, mit sehr spitzen Zähnen.

Selbstverständlich gibt es zauberhafte Schutzvorrichtungen, die das Haus vor unbefugten Eindringlingen und Kräften magisch abschirmen. Die moderne Informationslogistik, die zusammen mit Peter ins Folly einzieht (Internetanschluß, Computer und Flachbildfernseher), muß aus diesem Grund in der ehemaligen Remise untergebracht werden, da eine Breitbandkabelverlegung den Schutzwall beeinträchtigen würde.

Überhaupt hat die Anwendung magischer Energie den Nachteil, elektronische Geräte, die über einen Akkubetrieb laufen, „auszuschalten“   –  durch Zerbröselung der Mikroprozessoren zu Sand.

Der Zauberlehrling PC Peter Grant arbeitet zusammen mit seinem Meister DCI Nightingale und dem normalen Ermittlungsteam weiter an der Lösung des Mordfalles von Covent Garden. Sie finden durch magische und konventionelle Methoden recht schnell den Mörder – allerdings ist der auch schon tot, und zwar eindeutig nicht getötet durch Waffengewalt, sondern durch die Anwendung eines Zauberspruches, der das Aussehen eines Menschen verändert und den betroffenen Menschen nach Abzug der magischen Energie wortwörtlich verformt und tödlich verwundet zurückläßt.

Jemand (ein rachdurstiger Geist?, ein Schwarzmagier?) benutzt eindeutig magische Kräfte, manipuliert unschuldige Menschen und führt mit ihnen ein grausames Puppenspiel auf. Wie soll man da noch Lateinvokabeln und magische Formen üben, wenn sich die Ereignisse dermaßen überstürzen und man nebenbei noch als diplomatischer Vermittler zwischen zerstrittenen Flußgöttern (Mutter Themse und Vater Themse) zu fungieren hat?

Peter hat es wahrlich nicht leicht, und dann wird auch noch Nightingale angeschossen, und alles hängt von den Fähigkeiten und dem Spürsinn unseres unerfahrenen Zauberlehrlings ab – das wird richtig dramatisch und rasend spannend und kann nur magisch ausgehen. Aber was tut man als treuer Zauberlehrling und Krimimalbeamter nicht alles, um den Ruf des eigenen Meisters und das Leben seiner Kollegin Lesley zu retten – ein bi(ss)chen Blut muß Peter dafür schon opfern…

Der Autor, Ben Aaronovitch, der u.a. auch Drehbücher für die englische TV-Kultserie ›Doctor Who‹ verfaßt hat, verbindet in „Die Flüsse von London“ eine komplexe Krimihandlung mit einer liebevoll-kritischen Betrachtung der Stadtentwicklung Londons, er spart nicht mit ironischen Beschreibungen moderner Architekturversündigungen und amüsiert uns auch ganz allgemein mit witzigen und treffsicheren Bemerkungen zu menschlichen Schwächen und Eitelkeiten.

Seine Figurenzeichnung sowohl für körperliche wie für übersinnliche Personen und Wesen ist sehr prägnant, lebhaft und knackig. Die Handlung beginnt gemächlich, der Autor gibt uns die Gelegenheit, mit den Charakteren und der besonderen Kulisse angenehm vertraut zu werden, und steigert sich dann mit quecksilbriger Eleganz zu äußerster Spannung.

Im letzten Kapitel finden auch brav alle Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ende, und es wird schon ein neues Fädchen angedeutet, das wahrscheinlich/hoffentlich der Vorbote für den zweiten Band mit unserem magischen Ermittler Peter Grant ist.

Ich jedenfalls bin SEHR gespannt auf weitere magieverdächtige Fälle!

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Und hier geht es munter weiter zu den nächsten magieverdächtigen Fällen von Peter Grant & Co:

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/

Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/

Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/

Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/