TEO

  • von Lorenza Gentile
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • DTV Verlag  1.Mail 2015               www.dtv.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • und LESEBÄNDCHEN
  • 200 Seiten
  • 18,90 € (D), 19,50 € (A), 26,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-28051-8
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Z E I C H E N S P R A C H E

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine Geschichte über ein Kind, das seinen Selbstmord plant, dürfte zunächst lektüreabschreckend wirken, aber ich verrate hier hemmungslos, daß die Geschichte ein gutes Ende nehmen wird. Damit Sie nun nicht denken, bei diesem Buch handele es sich eine reißerisch-hilflose Betroffenheitsjammerklageschrift, verrate ich außerdem, daß Teo kein Opfer ist, sondern ein kleiner tapferer Held, der sich mutig und einfallsreich für die Menschen einsetzt, die ihm am Herzen liegen.

„Aber ich mag es, wen ich mich was trauen muss, besonders wenn es um was Wichtiges geht.“ (Seite 11)

Der achtjährige Teo vermißt seit geraumer Zeit ein glückliches Familienleben. Seine Eltern streiten viel miteinander und scheinen sich immer weiter voneinander zu entfernen. Von seinen Klassenkameraden, die bereits Lebenserfahrung mit geschiedenen Eltern haben, weiß er, daß es drei elterliche Verhaltensphasen gibt: In der ersten Phase wird lautstark gestritten, in der zweiten Phase herrscht Schweigen, und in der dritten Phase verläßt ein Elternteil die familiäre Wohnung – und dann kommt die Scheidung.

Da sich die häusliche Stimmung in Teos Familie bereits der dritten Phase annähert, will und muß Teo irgendwie seine „Eltern retten“. In einem Buch über Napoleon hat Teo kürzlich gelesen, daß dieser Feldherr alle Schlachten gewonnen habe – allerdings hat Teo das Buch noch nicht ganz ausgelesen und ahnt noch nichts von Waterloo.

Teo möchte unbedingt Napoleon um Rat fragen, wie er die Schlacht für den Erhalt seiner Familie gewinnen könne. Zwar ist Napoleon schon gestorben, aber Teo kennt auch die Sage von Orpheus. Wenn es dem alten Griechen Orpheus gelungen ist, ins Jenseits zu gehen, um seine verstorbene Frau zurückzuholen, warum sollte Teo dann nicht auch Napoleon aufsuchen und befragen können?

Doch wo genau ist das Jenseits?

Teo forscht und sucht nach Orientierung. Im sonntäglichen Gottesdienst stellt er Gott fünfmal die gleiche Frage (als Kind muß man hartnäckig fragen, das kennt er schon von menschlichen Erwachsenen, und warum sollte ein göttlicher Erwachsener da über eine bessere Zuhörbegabung verfügen?), doch er bekommt keine Antwort. Er beschwert sich bei seiner Mutter über Gottes Schweigsamkeit, und seine Mutter erklärt ihm, daß Gott sich weniger durch direkte Rede äußere, sondern mehr durch Zeichen, die er einem schicke und die man dann entsprechend zu deuten habe.

Das Warten auf ein Zeichen Gottes wird für Teo zu einer ziemlichen Geduldsprobe, und er sorgt sich, ob Gott, da er ja schon sehr alt ist, vielleicht genauso vergeßlich wie Teos Großmutter geworden sei.

Sein fernöstliches Kindermädchen bereichert seine spirituelle Nachfrage mit Informationen zur Reinkarnation, die er, weil er sich das Wort nicht merken kann, einfach „Religion des Kreislaufs“ nennt.

Sein bester Freund Xian, der ein kleines Mathegenie ist und allen Menschen einen Zahlenwert zuordnet, erklärt Teo, daß man, wenn man stirbt, einfach eine negative Zahl werde, man gehe über die Null, wechsle die Seite und würde unsichtbar.

Eine Klassenkameradin behauptet folgende Adresse für das Paradies:
„Es ist ganz oben im letzten Stockwerk des Himmels, und nur Gottes Flugzeug kommt da hin.“ (Seite 32)

Die gesammelten Informationspuzzleteilchen über Gott und die Welt, Gut und Böse, Sünde, Beichte und Vergebung, Hölle und Paradies, die Wirkungskraft von Träumen und die indirekte Sichtbarkeit des Unsichtbaren führen zu kindlich vereinfachten, indes durchaus erfrischend-naheliegenden kosmologischen Schlußfolgerungen. Teo faßt seine Erkenntnisse u.a. folgendermaßen zusammen:

» KATHOLIKEN:
     HÖLLE: wenn du böse bist und NICHT beichtest

     PARADIES: böse oder gut, Hauptsache, du beichtest

RELIGION DES KREISLAUFS:
     Gut sein: du wirst als Mensch wiedergeboren
     Böse sein: du wirst als Tier, Gemüse oder Gießkanne
     wiedergeboren (das sind bloß Beispiele, es gibt un-
     endlich viele Möglichkeiten, so viele wie Eissorten)
     …

ATHEISTEN:
     Nichts, null, Leere   «
(Seite 136)

Dieser verwirrende Spielraum macht die Suche nach Napoleon leider nicht einfacher. Teo muß nicht nur herausfinden, ob Napoleon gut oder böse war – also im Himmel oder in der Hölle weilt. Sondern falls falls die Buddhisten recht haben, muß Teo herausfinden, in was sich Napoleon möglicherweise verwandelt hat.

Doch egal welche Glaubensrichtung Teo einschlägt: Der Weg ins Jenseits bedeutet, daß Teo sterben muß. Kurz bevor Teo seine Absicht in die Tat umsetzt, schenkt er spontan einem Penner einen Fünf-Euro-Schein – auch mit dem Hintergedanken, mit dieser kleinen guten Tat seine Chancen auf den Zutritt ins Paradies zu verbessern. Der Penner bedankt sich lächelnd, und die beiden kommen ins Gespräch. Dieses zufällige Gespräch rettet Teo das Leben und offenbart sich als das ermutigende Zeichen, auf das Teo sehnsüchtig gehofft hat.

Teo begreift, daß er als Lebender viel mehr bewirken kann und daß es mit dem Sterben – weiß Gott – noch längst nicht eilt.

„Ich muss mir nur vorstellen, dass mein Leben ein Buch ist und jeder Tag eine Seite, und wenn ich die von heute umblättere, steht da geschrieben: NOCH DAS GANZE LEBEN.“ (Seite 195)

Lorenza Gentile gelingt in dieser Geschichte eine subtile inhaltliche und stilistische Balance zwischen dem tiefen Ernst des kindlichen Anliegens und dem unbefangenen, naiven Charme der kindlichen Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen. Offenbar konnte sich die Autorin den unbestechlichen Kinderblick auf das Verhalten der Erwachsenen bewahren.

„Teo“ ist ein kurzes Buch, ein modernes Märchen, ein leichter Lesehapps für einen Nachmittag, gleichwohl mit einem lebhaften Nachgeschmack von Herzensbildung und philosophischem Humor.

Das wolkenschwebende Titelbild ist eine passende Illustration der unaufdringlichen Weisheit, die den Text umschwebt.

 

Die Autorin:

»LORENZA GENTILE wurde 1988 in Mailand geboren. Ihre Leidenschaft für Literatur und das Theater entstand schon in der Kindheit, die sie in Florenz und Mailand verbrachte. Sie studierte Drama und Theaterwissenschaften an der Goldsmith University, London, und besuchte die internationale Theaterschule Jacques Lecoq in Paris. Teo ist Lorenza Gentiles erster Roman.«

Ein sympathisches Interview mit der Autorin finden Sie unter:
http://www.dtv.de/special/lorenza_gentile­_teo/interview/2222/

Die Übersetzerin:

»ANNETTE KOPETZKI, geboren 1954 in Hamburg, war Universitätsdozentin und Journalistin in Italien. Sie übersetzt seit vielen Jahren Belletristik und Lyrik aus dem Italienischen, darunter Pier Paolo Pasolini, Erri De Luca, Andrea Camilleri und Alessandro Baricco.«

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Montedidio

  •  von Erri de Luca
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • Graf Verlag 2012                                                 http://www.graf-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • 14,99 € (D),  15,50 € (A),  16,90  sFr.
  • ISBN 978-3-86220-031-3
  • Taschenbuchausgabe List Verlag 2014     http://www.list-taschenbuch.de
  • 8,99 € (D),  9,30 € (A),  10,50  sFr.
  • ISBN 978-3-548-61187-7
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MIT  HAND  UND  FUSS  UND  FLÜGELN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ich könnte behaupten, ich habe dieses Buch in einem Atemzug gelesen, denn so kam es mir vor, wie ein langer, sehr tiefer Atemzug aus dem vollen Leben: elementar und einfach, voller Würde und berührender Wahrhaftigkeit.

Der Ich-Erzähler ist ein dreizehnjähriger Junge, der von seinem Vater einen Bumerang aus Akazienholz zum Geburtstag geschenkt bekommen hat und diesen hütet wie einen geheimen Schatz. Er lebt mit seinen Eltern in Neapel, im Stadtteil Montedidio; der Lebensabschnitt, von dem hier berichtet wird, spielt zeitlich Anfang der 60er Jahre.

Der Junge hat nach fünf Jahren Schulzeit eine Lehre bei einem Tischler begonnen und ist stolz darauf am Ende der Woche seinen bescheidenen Lohn nach Hause zu bringen. Sein Lehrherr, Meister Errico, ist freundlich, und er hat in seiner Werkstatt einem jüdischen Flüchtling Zuflucht gewährt, der nun in einer Ecke der Werkstatt sein Schuhmacherhandwerk ausübt.

Der Schuhmacher, Don Rafaniello, flickt die Schuhe der Armen und nimmt kein Geld dafür. Die Armen danken es ihm mit Segenswünschen, und sie streicheln seinen Buckel, weil die Neapolitaner glauben, dies bringe Glück. Don Rafaniello unterhält sich gerne mit dem Jungen und erzählt ihm, in Wirklichkeit seien Flügel in seinem Buckel verborgen, und bald würden sie ausschlüpfen und ihn nach Jerusalem fliegen lassen.

Der Junge arbeitet fleißig und pflegt seine italienischen Sprachkenntnisse, indem er die Erlebnisse jeden Tages mit Bleistift auf eine Restrolle Druckerpapier (ein Geschenk des Druckers aus der Nachbarschaft) schreibt. Seine Eltern sind stolz darauf, daß ihr Sohn außer dem neapolitanischen Dialekt auch das „richtige“ Italienisch beherrscht und Lesen und Schreiben gelernt hat.

Auf der Dachterrasse des Miethauses, in dem der Junge mit seinen Eltern wohnt, übt er jeden Abend den Schwung für den Wurf seines Bumerangs, ohne ihn jedoch fliegen zu lassen. Er will erst seine Kraft wachsen lassen und seine Geschicklichkeit trainieren. Auch die gleichaltrige Nachbarstochter Maria schaut zu, wie der Junge langsam männlichere Gestalt annimmt. Sie vertraut sich seinem Schutz an, und zwischen den beiden keimt eine starke, erste Liebe.

Die Mutter des Jungen erkrankt ernsthaft, und der Vater verbringt jede freie Minute im Krankenhaus, um über ihr Leben zu wachen. Der Junge wird darüber vernachlässigt, aber die beiden Ersatzväter, Meister Errico und Don Rafaniello – der eine mit seiner rauhen Herzlichkeit und der andere mit seiner alltagstauglichen Weisheit und beide mit abgrundtiefer Menschenkenntniss, – bieten einen guten Halt. Neben den Muskeln wächst auch der geistige Horizont des Jungen, und unvermeidlich verliert sich seine kindliche Unschuld. Die zärtliche und respektvolle Verbindung mit Maria und die ersten sinnlichen Erfahrungen, die sie sich gemeinsam ertasten, bedeuten Trost und Reifung.

„Montedidio“ ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Abschied und Neubeginn, von ersten Lebensgefahren und -Rettungen, Wundern und Verwundungen. Mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit kommen zudem gute Wünsche, böse Flüche, luftige Geister und ratgebende Engel zu Wort.

All das wird in einer zutiefst achtsamen, ungekünstelten Sprache erzählt: feinfühlig, lebensreif, sinnlich, wortwörtlich mit Hand und Fuß und zugleich poetisch und andächtig.

Der Autor instrumentiert den Verlauf der Geschichte mit den Besonderheiten des neapolitanischen Dialektes im Vergleich zum Italienischen; viele Ausdrücke, Sprüche und Weisheiten werden im Original und anschließend in der Übersetzung wiedergegeben. So beginnt das Buch mit: » ‘A iurnata è ‘nu muorzo, ein Tag ist schnell gegessen…«

Auf dem Buchumschlag wird aus einer italienischen Rezension aus La Repubblica zitiert, die das Buch mit einer „Kantate von Bach oder einer Parabel aus der Bibel“ vergleicht. Ich dachte bei der Lektüre oft an das Gemälde von Michelangelo Caravaggio: „Amor als Sieger“, das die attraktive und herausfordernde Mischung aus Irdischem und Himmlischem illustriert, die auch den Roman von Erri De Luca auszeichnet.

Nun noch ein Zitat als Leseleckerbissen:

„Ich erkenne das Alter der Leute immer, nur bei Rafaniello nicht. Im Gesicht ist er hundert Jahre alt, an den Händen vierzig, an den Haaren zwanzig, ganz rot und buschig sind sie. Wie alt er in seinen Worten ist, weiß ich nicht, er spricht wenig, mit einer sehr leisen Stimme. Er singt in einer fremden Sprache, wenn ich seine Ecke ausfege, zeigt er mir ein Lächeln, und die Falten und Sommersprossen bewegen sich, es sieht aus wie das Meer, wenn es darauf regnet.“ (Seite 20)

 

Der Autor:

»Erri de Luca, geboren 1950 in Neapel, begann erst mit vierzig zu schreiben. Als Autodidakt lernte er Hebräisch, um Teile der Bibel neu zu übersetzen. Mit seinen über dreißig Büchern gehört er in Italien zu den erfolgreichsten Autoren.«

Erri de Luca wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.