RUMO

  • & Die Wunder im Dunkeln
  • von Walter Moers
  • Gelesen von Dirk Bach
  • Produktion Hessischer Rundfunk
  • Hörbuch Hamburg Verlag  2008  http://www.hoerbuch-hamburg.de
  • Ungekürzte Lesung, Dauer: 1500 Minuten
  • 16 CDs
  • 59,95 € (D), 67,30 € (A)
  • ISBN 978-3-89903-800-2
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DAS    WIRD     SIE     UMHAUEN!

oder: EINE HELDENREISE, WIE SIE IM BUCHE STEHT

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Rumo & Die Wunder im Dunkeln“, der dritte ZAMONIEN-Roman von Walter Moers, ist eine weitverzweigte, sehr spannende und betont kämpferische Heldengeschichte. Es fließt sehr viel Blut, gemildert durch eine schöne Prise Liebesromantik und moerstypischen Humor sowie wort – und gedankenspielerische Wendigkeit. Ich habe jedenfalls gezittert und gebangt, gestaunt und geschmunzelt, mitgelitten und mich mitgefreut und viel Schlaf geopfert, da ich die vielen Klippenhänger kaum aushalten konnte.

Walter Moers scheut sich nicht, wirklich fies-böse Charaktere darzustellen, gewissermaßen das Kontrastmittel des Bösen dramaturgisch und auch kathartisch einzusetzen. Der Autor wagt zudem den paradoxen Perspektivwechsel und läßt auch die Ereignisbewertung der sogenannten Bösen zu Wort kommen, die, als sie von den sogenannten Guten bekämpft werden, nicht begreifen, wieso und weshalb ihnen so böse mitgespielt werden kann.

Der erste Teil der Geschichte spielt in der „Obenwelt“, also im oberirdischen Zamonien, der zweite Teil in der „Untenwelt“, tief, tief in unterirdischen, düsteren Gefilden unterhalb der zamonischen Oberfläche. Die graphische Gestaltung der CDs greift diese Färbung des Handlungsverlaufes durch die jeweilige weiß- bzw. schwarzhintergründige CD-Etikettierung auf.

Da der Held, Rumo, ein Wolpertinger ist, werde ich hier zunächst ein bißchen Wolpertinger-Kunde betreiben:

Einer beliebten Legende nach, entstammt die zamonische Daseinsform der Wolpertinger der Liebesverbindung von Prinzessin Silbermilch und Prinz Kaltbluth. Prinzessin Silbermilch war von einer bösen Hexe in ein Reh verwandelt worden und Prinz Kaltbluth in einen Wolf. Im Großen Wald rettete der Wolf-Prinz der Reh-Prinzessin mehrfach das Leben, die beiden verliebten sich und bekamen Nachwuchs: den ersten Wolpertinger.

Wolpertinger sehen aus wie Hunde, und sie tragen auf dem Kopf zwei kleine Hörner. Sie unterscheiden sich individuell je nach der Hunderasse, die sich in ihnen ausprägt, die Spannbreite umfaßt die ganze Hundevielfalt vom kleinen Rehpinscher bis zur Deutschen Dogge, manchmal kommen auch Dachse, Füchse und Wölfe vor.

Außerdem teilen sie sich in eine wilde und in eine zivilisierte Kategorie. Die Wilden bleiben Vierbeiner, während die Zivilisierten sich zu Zweibeinern aufrichten und sprechen lernen. Zivilisierte Wolpertinger tragen Kleidung, und viele von ihnen leben in der Stadt Wolperting, die auf bemerkenswert gemeinwohlartige Weise sozial organisiert ist und zudem ein vorzügliches Bildungssystem eingerichtet hat.

Da sie das Erbe von Jäger und Gejagtem in sich vereinen, verfügen Wolpertinger über sehr feine Instinkte und Reflexe und extrem hochentwickelte Sinnesorgane, die synästhetische Wahrnehmungen ermöglichen, z.B. das Sehen von Gerüchen und Geräuschen. Sie sind überdurch-schnittlich schnell und stark, und sie haben ein perfekt gewachsenes Präzisionsgebiß, das als natürliche Waffe die sonstigen Waffenkünste der Wolpertinger ergänzt.

Zu Beginn ist unser Held noch ganz klein, ein niedlicher Wolpertinger-Welpe, der entführt wird und bei den Teufelsfelszyklopen in der Speisekammer-Grotte landet. Die Teufelsfelszyklopen bevorzugen frische Nahrung, um genau zu sein: lebendige, zappelnde, schreiende … näher möchte ich mich zu diesem Kapitel nicht äußern – ich bin nämlich Vegetarierin.

Und falls Sie der Ansicht sind, das Teufelsfelszyklopen, moralisch betrachtet, das Allerletzte sind, so kann ich Sie nur warnend darauf hinweisen, daß im weiteren Verlauf der Geschichte noch viel gemeinere und irrsinnig-bösartigere Wesen auftreten werden. Denn noch befinden wir uns in der vergleichsweise harmlosen Obenwelt.

Während seines unfreiwilligen Aufenthaltes bei den Teufelsfelszyklopen freundet sich Rumo mit einem anderen Gefangenen an. Für Smeik, eine lebenserfahrene Haifischmade, ist der kleine Rumo eine willkommene Ablenkung von der ständigen Todesangst, und er bringt Rumo das Sprechen und die theoretische Seite des Kämpfens bei, indem er ihm zahlreiche Kampf- und Duellgeschichten erzählt. So erfährt Rumo Wissenswertes von der sagenhaften Schlacht im Nurnenwald, bei der sich zwei Söldnerheere aus Blutschinken, Dämonenkriegern, Werwölfen und Yetis bis zum bitteren Ende bekämpften, und wie – aus alchemistischem Übermut – die gefürchteten Kupfernen Kerle und ihr Anführer General Ticktack entstanden sind. Smeik berichtet von diversen Belagerungen der Lindwurmfeste und den Verteidigungsmethoden ihrer Bewohner.

Rumo wächst sehr schnell heran, wie das bei Wolpertingern üblich ist; Smeik trichtert ihm einen waghalsigen Fluchtplan ein und erklärt ihm einen strategisch wichtigen Schwachpunkt der Teufelsfelszyklopen. Als Rumo groß und stark sowie appetitlich genug geworden ist und bei einem barbarischen Festmahl der Teufelszyklopen als Rohkostleckerbissen auf den Tisch kommt, greift und beißt er gnadenlos zu und setzt Smeiks Zyklopenvernichtungsplan erfolgreich in die blutige, aber befreiende Tat um. Rumos erste Heldentat ist vollbracht, aber verglichen mit seinen späteren Taten ist diese nur eine Fingerübung.

Rumo und Smeik wandern eine Weile gemeinsam durch Zamonien und meistern kleinere Herausforderungen. Sie begegnen dem freundlichen Eydeeten Dr. Oztafan Kolibril, und Smeik macht eine hochinteressante, simulierte Entdeckungsreise durch Kolibrils Gehirnwindungen. Kolibril verfügt zwar nur über vier Gehirne und beklagt sich darüber, daß er keine sieben Gehirne hat wie sein Lehrer Dr. Abdul Nachtigaller, aber für mein ein und einzigstes Gehirn waren die dargebotenen phantastischen, wissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse vollkommen ausreichend.

Kolibril macht sich sodann auf den Weg nach Nebelheim, um mit Hilfe einer aurakarto-graphischen Aufnahme dem eigentlichen Wesen des nebulösen Nebelheimer Nebels auf die Spur zu kommen.

Auch Rumo und Smeiks Wege trennen sich vorläufig. Smeik folgt, nach einer erschütternden Weinprobe, seinem neuen Freund Kolibril nach Nebelheim, um diverse mikro- und makrokosmische Fragen und Zusammenhänge zu klären. Rumo folgt der Witterung des „silbernen Fadens“, der ihn nach Wolperting führt.

Der „silberne Faden“ ist eine Liebesfährte, welche die weiblichen Wolpertinger auslegen, um ihre Lebensgefährten anzuziehen, aber das weiß unser Held noch nicht, er weiß nur, daß er einer unbestimmten Sehnsucht folgt.

In der Stadt Wolperting muß Rumo zur Schule gehen, er lernt Lesen, Schreiben, Rechnen, Schachspielen, Heldenkunde und Zahnpflege, und natürlich werden verschiedene Kampfkünste zur Selbstverteidigung trainiert. Er wird geschult in waffenlosem und in bewaffnetem Kampf, er bekommt sehr differenzierten Beißunterricht, er lernt Bogenschießen, Fechten, Messerwerfen und Schattenboxen, und er verfeinert seine Körperbeherrschung.

Rumo hat eine besondere Begabung für das Kämpfen und für das Schreinerhandwerk, aber in Liebesdingen ist er ein hilflos-naiver Tollpatsch. Schon am ersten Schultag erkennt er, daß seine Mitschülerin, Rala, für ihn die Quelle des silbernen Fadens ist, aber das stürzt ihn nur in Verwirrung und pubertäre Sprachlosigkeit.

Da Rumo lieber Taten als Worte sprechen läßt, beschließt er, auf den Rat seines Schreinermeisters zu hören und für seine heimliche Liebste einen „Liebesfetisch“ zu schnitzen, eine kleine Schatulle aus dem besten Holz, das es in Zamonien gibt: aus dem Holz der Nurnenwaldeiche.

Kleiner Heldenhaken an der Holzbeschaffung ist die Lebensgefahr, in die er sich begeben muß, um an den bösartigen Nurnen vorbei bis zur Eiche vorzudringen, doch das steigert nur die romantische Überzeugungskraft der Liebesgabe. Nurnen sind eine fleischfressende, halbpflanzliche, halbinsektische Daseinsform, mit acht hölzernen Beinen und grünen Fangranken und einem von blutroten Blättern bedeckten Leib.

Rumo macht sich unverzüglich auf den Weg, nur begleitet von seinem Schwert, mit dem er in telepathischer Verbindung steht. In die Legierung seiner Schwertklinge sind Seelenanteile eines friedlich-musisch veranlagten Stollentrolls namens Löwenzahn und eines SEHR kriegerisch-blutrünstigen Dämonenkriegers namens Grinzold eingeschmolzen.

Nachdem Rumo erfolgreich die Begegnung mit einer Nurne zu seinen Gunsten entschieden hat und ihr sogar ein rotes Blatt als Trophäe abschneiden konnte, erreicht er die Nurnenwaldeiche und bespricht mit ihr sein romantisches Anliegen. Die riesige Eiche bedient sich der Tiere, die in ihrem Umkreis leben, als Sprechorgan, und so entsteht ein vielstimmiges und informatives Gespräch zwischen Rumo und dem eloquenten Baum. Schließlich genehmigt die Eiche Rumo einen passenden Ast für seinen Holzbedarf und bedankt sich für die Unterbrechung ihrer Einsamkeit. Sie bekommt – nurnenbedingt – nicht allzu oft Besuch zum Plaudern.

Rumo verläßt ohne weitere Zwischenfälle den Nurnenwald, rastet am Waldrand und beginnt sogleich mit den Schnitzarbeiten. Löwenzahn ist begeistert, und Grinzold ist empört über die friemelige, künstlerische Nutzung der Schwertklinge. Die Streitgespräche zwischen Grinzold und Löwenzahn sind stets sehr amüsant, nicht unbedingt für Rumo, aber für uns Zuhörer bzw. Leser. Dennoch halten die beiden Streitklingen treu – abgesehen von gelegentlichen Ohnmachtsanfällen Löwenzahns – zu ihm und unterstützen Rumos Heldentaten mit ihren jeweiligen blutigen und unblutigen Kenntnissen und Talenten.

Als Rumo nach Wolperting zurückkehrt, findet er eine verlassene Stadt vor. Alle Bewohner sind verschwunden. Nun beginnt Rumos Abstieg nach Untenwelt. Die Finsternisse, Gefahren und Schrecken, die dort lauern, dürfen sie gerne ohne meine vorbereitende Hilfe aushalten; ein bißchen Heldenmut müssen Sie schon mitbringen.

Nur soviel: In Untenwelt herrscht der Wahnsinn, es ist die HÖLLE. In der Untenweltstadt Hel ist sogar die Architektur grausam, ganz zu schweigen von den grausigen Inszenierungen und Kämpfen im „Theater der schönen Tode“ und den völlig durchgeknallten Tyrannentypen wie General Ticktack oder Gaunab dem Neunundneuzigsten, Herrscher von Hel. Der krankhafte Größenwahn wird sehr anschaulich dargestellt und zugleich entlarvend lächerlich gemacht, z.B. verpaßt der Autor König Gaunab einen silbenverdrehenden Sprachfehler. Die lieböseste Beschäftigung dieses sinnwahnigen Nigskö ist das Tentö; nur keine Sorge: Nach einer kleinen Eingewöhnungszeit in diese Sprechungewohnheiten kommt man ausdurch hindater.

Walter Moers entfaltet ein grandioses Panoptikum von Charakteren, Emotionen, Geisteszuständen, Szenerien, Dingen und Lebewesen. Er erschreibschafft monströse Monster, Ameisenzähler, Mondlichtschatten, Krankheiten und Heilmittel, Elme (putzige Felltierchen mit Schnabel, die Rumo vor dem Erfrieren bewahren), kreuz- und querdenkende Eydeeten, selbstironisch-untote Yetis, schmerzlose Narben, Auragraphen, Einhörnchen, Elfenjade, Forschgeister, Fünkelzwerge, Schubladenorakel … die Liste ließe sich noch lange, lange verlängern.

Dirk Bach als Vorleser oder besser: Mitspieler wird ihnen allen mit seiner panakustischen Vielgestaltigkeit gerecht, ja – er kann sogar mädchenhaft klingen und auch märchenhaft, exaltiert und bescheiden, alt und jung, ernst und lustig, schelmisch und verschlagen, charmant und schüchtern, mechanisch und tierisch, müde und munter, erregt und gelassen, donnernd und flüsterleise, wirr und weise; und en passant spricht er auch noch fließend Drehsilbisch.

Manchmal meinte ich sogar, die Mimik hören zu können, aber das liegt vielleicht daran, daß ich Synästhetin bin.

Walter Moers umschnörkelt Rumos Abenteuer mit Ausflügen in den Mikrokosmos der „unvorhandenen Winzlinge“, mit scheinbaren Nebenhandlungen, bizarren wissenschaftlichen Experimenten und mit biographischen Erinnerungsrückblenden verschiedener Protagonisten, die sich jedoch nach und nach absolut sinnvoll in den Gesamtzusammenhang fügen.

Wahrlich, ich bewundere die epische Präzision, die hier bis ins winzigste Detail inszeniert wird!

Ein weiterer Grund zum Schwärmen sind die literarischen Anspielungen, z.B. die herrlichen Mantel- und Degen-Reminiszenzen bei der Beschreibung des idealen Fechtgartens à la Uschan De Lucca, dem Fechtlehrer von Wolperting.

Wenn ich mir etwas aus dem Buch, zur Manifestation in meiner Wirklichkeit, wünschen dürfte, könnte ich mich gar nicht entscheiden, was ich lieber besäße:

Ein Otztaskop, um mich mikrokosmischen Betrachtungen hinzugeben?
Einen Baldachin aus geräuschverdauender Seide, der traumhafte Stille garantiert ?
Oder doch lieber ein telepathisches Schwert zur unterhaltsamen Selbstverteidigung?

Vielleicht bescheide ich mich zunächst mit dem nächsten ZAMONIEN-Roman.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.hoerbuch-hamburg.de/hoerbuecher/moers-rumo-424/

Die Taschenbuchausgabe von „Rumo“ ist im Piper Verlag erschienen.
rumo-taschenbuchausgabe
704 Seiten
mit zahlreichen Illustrationen von Walter Moers

14,– € (D), 14,40 € (A)

ISBN 978-3-492-24177-9

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/rumo-die-wunder-im-dunkeln-isbn-978-3-492-24177-9

PS:
Können Sie das Rätsel, das Smeik Rumo aufgibt, lösen?
„Was wird immer kürzer je länger es wird?“

Meine Hörbuchbesprechung ist es nicht, denn die ist im Vergleich zur 704-seitigen Buchausgabe fast unvorhanden kurz.

 

 

Der Autor:

»Walter Moers, 1957 in Mönchengladbach geboren, ist der Erfinder des »Käpt’n Blaubär« und hatte auch große Erfolge mit den Büchern um »Das kleine Arschloch« und der Comic-Figur »Adolf«. 1999 stürmte der Roman »Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär« die Bestsellerlisten. Dem folgten inzwischen mehrere sehr erfolgreiche Romane nach, die ebenfalls auf dem phantastischen Kontinent Zamonien spielen.«

Der Sprecher:

»Dirk Bach (1961-2012) war Schauspieler, Moderator, Hörbuch- und Synchronsprecher und zählte im deutschen Fernsehen wie auf der Bühne zu den populärsten Komikern.
Nach ersten Erfahrungen auf Studentenbühnen wurde er 1992 festes Ensemblemitglied des Kölner Schauspielhauses. Einem breiteren Publikum wurde er 1992 mit der „Dirk Bach Show“ (RTL und Super RTL) bekannt. Es folgten die Serien „Lukas“ (1996-2001, ZDF) und „Der kleine Mönch“ (2002, ZDF). Seit 2004 führte er zusammen mit Sonja Zietlow durch die RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. In der „Schillerstraße“ (Sat.1) wirkte Dirk Bach 2004 und 2005 als Freund von Cordula Stratmann mit und kehrte 2009 als Kurier und Freund von Jürgen Vogel dorthin zurück. 2009 moderierte er die Sendung „Einfach Bach“ bei Sat.1. Im Sommer 2010 gehörte er zum Ensemble der Wormser Nibelungen-Festspiele.
Zu seinen Auszeichnungen zählen: 1996 ‚Telestar‘, 1999 und 2007 ‚Deutscher Comedypreis‘ und 2001 die ‚Goldene Kamera‘. Für seinen sozialen Einsatz hat er im Jahr 2000 den ‚Humanitary Award‘ erhalten.«

 

Hier entlang zu meinen weiteren Moers-Mythenmetz Rezensionshuldigungen:

Zum ersten Zamonien-Roman: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/
und zum zweiten Zamonien-Roman: Ensel & Krete
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/05/ensel-und-krete/
sowie
zum siebten Streich: Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/01/prinzessin-insomnia-der-alptraumfarbene-nachtmahr/
zum achten Lesehäppchen: Weihnachten auf der Lindwurmfeste
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/12/22/weihnachten-auf-der-lindwurmfeste/
und zum neunten Zamonien-Roman: Der Bücherdrache
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/04/10/der-buecherdrache/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

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Die Flüsse von London

  • Band 1 der neuen übersinnlichen Krimi-Serie mit Peter Grant
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »Rivers of London«
  • Deutsch von Karlheinz Dürr
  • DTV Taschenbuch  Januar 2012        http://www.dtv.de
  • 464 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21341-7
    die_fluesse_von_london-9783423213417

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  Nr.1

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nehmen Sie sich Zeit für eine ausführliche, aufregende, kriminalistische, übersinnliche und witzige Reise durch London! Unser Reiseführer ist Peter Grant, ein junger Police Constable von gemischt ethnischer Herkunft, der sich nach Aussage seiner attraktiven und pfiffigen Kollegin Lesley May durchaus als Obama-Double bewerben könnte.

Peter Grant bewacht zusammen mit Lesley May einen abgesperrten Tatort am Covent Garden. Hier wurde in der Nacht ein Leichnam entdeckt, der einen auffällig großen Abstand zu seinem Kopf aufwies. Kurz: Er wurde geköpft.

Peter Grant steht frierend in der Säulenvorhalle der St.Paul’s Kirche, die auch „Schauspielerkirche“ genannt wird; aus Langeweile sowie aus persönlicher architektonisch-historischer Neugier liest er sich eine dort befindliche Informationstafel durch und läßt uns in einem netten Plauderton an seinen Erkenntnissen über die lokale Geschichte teilhaben.

Während Lesley Kaffee holen geht, taucht zwischen den Säulen plötzlich ein altertümlich gekleideter Mann auf, der sich als Augenzeuge des Mordes zu erkennen gibt. PC Grant fragt zunächst vorschriftsmäßig die Personaldaten ab, und dabei stellt sich der Zeuge namens Nicholas Wallpenny als Geist heraus.

Doch davon professionell unbeeindruckt, läßt sich Peter den Tathergang beschreiben und nimmt staunend zur Kenntnis, daß der Geisterzeuge, darauf besteht, daß der Mörder etwas Unheimliches hatte und  „sein Gesicht wechseln“  konnte.

Als Lesley mit dem Kaffe zurückkommt, verschwindet Nicholas natürlich bzw. übernatürlich und Peter beschließt, seine unheimliche Erfahrung erst einmal für sich zu behalten.

Am nächsten Abend spaziert er am Portikus der St.Paul’s Kirche herum und hofft vergeblich auf das Wiedererscheinen von Nicholas Wallpenny. Stattdessen spricht ihn ein eleganter Herr mit silberknaufigem Gehstock an, und auf seine Frage, was er denn hier so treibe, antwortet Peter spontan und wahrheitsgemäß, er sei auf Geisterjagd. So lernt er seinen zukünftigen Vorgesetzten Detective Chief Inspector Thomas Nightingale kennen.

Nightingale ist der letzte Zauberer Englands und leitet eine Spezialabteilung, die  –  ein wenig inoffiziell und relativ geheim  – dafür zuständig ist, in Kriminalfällen mit sozu- sagen magischen Fingerabdrücken zu ermitteln. PC Grant wird der erste Auszubildende seit fünfzig Jahren für diese vom Aussterben bedrohte Berufsgattung, die zudem ein belächeltes Außenseiterdasein in der bürokratischen Hierarchie der Metropolitan Police fristet.

Was macht es schon, daß die Zauberlehrlingsausbildung zehn Jahre dauert, die Sprachen Latein, Griechisch, Arabisch und technisches Deutsch gelernt werden müssen, und es langer und intensiver Übungen sowie millimeter- genauer geistiger Disziplin bedarf, um auch nur ein kleines Werlicht zu erzeugen, wenn man als Dienstwagen einen „Jaguar Mark 2 mit  XK6-Motor und 3,8 Litern Hubraum“ fahren darf?

Und auch die unverhofften Gelegenheiten, mit wunderschönen, gefährlich-verführerischen Themseflußgöttinnen und Nixen zu flirten, können einem die Polizeiarbeit schon versüßen.

Zudem bekommt Peter nette neue Kollegen, von deren Existenz er zuvor noch nicht einmal geahnt hat, wie zum Beispiel den auf Kryptopathologie spezialisierten Dr. Walid, der Peter gleich zum Kennenlernen einen Gehirnquerschnitt serviert, an dem man die Schäden besichtigen kann, die der falsche übermäßige oder unfreiwillige Gebrauch von Magie anrichtet.

Wohn- und Studiensitz der magischen Spezialeinheit ist das Folly, die  „offizielle Residenz der englischen Magie seit 1775“. Das Folly ist ein vornehmes Haus mit Eingangshalle, zahlreichen Gästezimmern, verschiedenen Speisezimmern, einem rechteckigen Innenhof, einem Salon, drei Bibliotheken (nach Sprachen geordnet) und einem magischen Übungslabor; denn hier wird die Magie als Wissenschaft betrieben und sehr ernst genommen.

Und dann wäre da noch das unheimlich-schöne, fast lautlose Hausmädchen Molly, ein vorläufig nicht näher definiertes „Geschöpf der Nacht“, mit sehr spitzen Zähnen.

Selbstverständlich gibt es zauberhafte Schutzvorrichtungen, die das Haus vor unbefugten Eindringlingen und Kräften magisch abschirmen. Die moderne Informationslogistik, die zusammen mit Peter ins Folly einzieht (Internetanschluß, Computer und Flachbildfernseher), muß aus diesem Grund in der ehemaligen Remise untergebracht werden, da eine Breitbandkabelverlegung den Schutzwall beeinträchtigen würde.

Überhaupt hat die Anwendung magischer Energie den Nachteil, elektronische Geräte, die über einen Akkubetrieb laufen, „auszuschalten“   –  durch Zerbröselung der Mikroprozessoren zu Sand.

Der Zauberlehrling PC Peter Grant arbeitet zusammen mit seinem Meister DCI Nightingale und dem normalen Ermittlungsteam weiter an der Lösung des Mordfalles von Covent Garden. Sie finden durch magische und konventionelle Methoden recht schnell den Mörder – allerdings ist der auch schon tot, und zwar eindeutig nicht getötet durch Waffengewalt, sondern durch die Anwendung eines Zauberspruches, der das Aussehen eines Menschen verändert und den betroffenen Menschen nach Abzug der magischen Energie wortwörtlich verformt und tödlich verwundet zurückläßt.

Jemand (ein rachdurstiger Geist?, ein Schwarzmagier?) benutzt eindeutig magische Kräfte, manipuliert unschuldige Menschen und führt mit ihnen ein grausames Puppenspiel auf. Wie soll man da noch Lateinvokabeln und magische Formen üben, wenn sich die Ereignisse dermaßen überstürzen und man nebenbei noch als diplomatischer Vermittler zwischen zerstrittenen Flußgöttern (Mutter Themse und Vater Themse) zu fungieren hat?

Peter hat es wahrlich nicht leicht, und dann wird auch noch Nightingale angeschossen, und alles hängt von den Fähigkeiten und dem Spürsinn unseres unerfahrenen Zauberlehrlings ab – das wird richtig dramatisch und rasend spannend und kann nur magisch ausgehen. Aber was tut man als treuer Zauberlehrling und Krimimalbeamter nicht alles, um den Ruf des eigenen Meisters und das Leben seiner Kollegin Lesley zu rettenein bi(ss)chen Blut muß Peter dafür schon opfern…

Der Autor, Ben Aaronovitch, der u.a. auch Drehbücher für die englische TV-Kultserie ›Doctor Who‹ verfaßt hat, verbindet in „Die Flüsse von London“ eine komplexe Krimihandlung mit einer liebevoll-kritischen Betrachtung der Stadtentwicklung Londons, er spart nicht mit ironischen Beschreibungen moderner Architekturver- sündigungen und amüsiert uns auch ganz allgemein mit witzigen und treffsicheren Bemerkungen zu menschlichen Schwächen und Eitelkeiten.

Seine Figurenzeichnung sowohl für körperliche wie für übersinnliche Personen und Wesen ist sehr prägnant, lebhaft und knackig. Die Handlung beginnt gemächlich, der Autor gibt uns die Gelegenheit, mit den Charakteren und der besonderen Kulisse angenehm vertraut zu werden, und steigert sich dann mit quecksilbriger Eleganz zu äußerster Spannung.

Im letzten Kapitel finden auch brav alle Handlungsfäden zu einem sinnvollen Ende, und es wird schon ein neues Fädchen angedeutet, das wahrscheinlich/hoffentlich der Vorbote für den zweiten Band mit unserem magischen Ermittler Peter Grant ist.

Ich jedenfalls bin SEHR gespannt auf weitere magieverdächtige Fälle!

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie >Doctor Who< verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis eine spezielle Webseite eingerichtet:
https://www.dtv.de/special-ben-aaronovitch-urban-fantasy/startseite/c-184

 

Und hier geht es munter weiter zu den nächsten magieverdächtigen Fällen von Peter Grant & Co:

Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/
Band 6: DER GALGEN VON TYBURN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/07/27/der-galgen-von-tyburn/
Band 7: Die Glocke von Whitechapel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/06/10/die-glocke-von-whitechapel/

 

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