Der Galgen von Tyburn

  • Band 6 der Peter-Grant-Reihe
  • von Ben Aaronovitch
  • Originaltitel: »The Hanging Tree«
  • Deutsch von Christine Blum
  • DTV Verlag  Mai 2017    www.dtv.de
  • 416 Seiten
  • 10,95 € (D), 11,30 € (A), 15,50 sFr.
  • ISBN 978-3-423-21668-5

DAS  GEWISSE  MAGISCHE  ETWAS  NR. 6

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Polizeiarbeit ist gefährlich. Polizeiarbeit in Kombination mit Magie ist vielleicht noch gefährlicher, jedenfalls wenn der kriminelle Gegner ebenfalls magische Fähigkeiten mitbringt.

Für diejenigen, die hier zum ersten Male von Police Constable Peter Grant lesen, erlaube ich mir einen freundlichen Hinweis auf meine ausführliche Besprechung des ersten Bandes: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/

Ansonsten genügt es zu wissen, daß die Metropolitan Police von London neben all den normalerweise üblichen kriminalistischen Abteilungen auch über eine spezielle Abteilung für magieverdächtige Verbrechen verfügt. Diese befindet sich in einem separaten Gebäude, dem altehrwürdigen Folly. Detective  Chief Inspector Thomas Nightingale führt diese Abteilung für „abstrusen Scheiß“, wie die anderen Abteilungsleiter gerne abfällig witzeln, und Peter Grant befindet sich in der Ausbildung zum Zauberpolizisten, da seine natürliche Begabung für Magie ihn dafür prädestiniert.

Das Kollegium wird ergänzt durch den Kryptopathologen Dr. Walid und seine Assistentin Dr. Jennifer Vaughan. Neben dem ernsthaften Studium der Magie gehören lebhafte Kontakte zu allerlei magischen und halbmagischen Wesen, der sogenannten Demimonde, sowie zu diversen Naturgöttern und -Göttinnen zum Alltag von Peter Grant und Thomas Nightingale.

Erzfeind ist seit dem ersten Band der sogenannte „Gesichtslose“, ein ethisch-fragwürdiger Magier, der beiläufig im vierten Band (»Der Böse Ort«) die einstige Kollegin Peters, Lesley May, auf seine Seite der Macht gezogen hat – ein Verrat und Verlust, der Peter schwer getroffen hat.

Peter ist mit einer sehr attraktiven Flußgöttin, Beverly Brook, liiert, die ihrerseits die jüngere Schwester der Flußgöttin Lady Tyburn ist, die wiederum Peter einst im dritten Band (»Ein Wispern unter Baker Street«) das Leben gerettet hat. Diese unsterblichen Flußgöttinnen haben ganz und gar menschliche und sehr attraktive Gestalt, aber durchaus elementare magische Fähigkeiten, die man keinesfalls unterschätzen sollte. Und wenn sie einem das Leben gerettet haben, schuldet man ihnen einen Gefallen als Ausgleich.

Peter Grant hat stets einen scharfen sozioarchitektonischen Blickwinkel auf die Stadtentwicklung Londons. Diesmal führen ihn seine Ermittlungen in die Immobilie Hyde Park Nummer Eins, der er „die Eleganz und den Charme eines Kopiergeräts“
(Seite 14) attestiert. In einer dieser „teuersten Wohnungen Großbritanniens“ kam eine Jugendliche durch eine Drogenüberdosis zu Tode.

Eine Gruppe reicher, verwöhnter Jugendlicher hatte sich illegal Zutritt zu einer ungenutzten Wohnung in Hyde Park Nummer Eins verschafft und dort ein bißchen Party gemacht. Leider hatte ein Dealer den Jugendlichen anstelle von Ecstasy sogenannte Magic Babas verkauft, die einen stärkeren Wirkstoff enthalten, der jedoch langsamer wirkt und deshalb immer wieder zu tödlichen Überdosierungen führt, da der Nutzer meint, die erste Pille sei ein wirkungsloser Blindgänger gewesen.

Ausgerechnet Lady Tys Tochter Olivia ist in diesen Fall verwickelt, da sie ebenfalls Gast auf dieser Party war, und Peter soll sie nach Lady Tys Wunsch aus den Ermittlungen heraushalten. Das gestaltet sich schwierig, weil die Personalien längst aktenkundig sind und Olivia auch noch freiwillig gesteht, daß sie ahnungslos diese Drogen gekauft habe.

Peter sitzt mal wieder zwischen den Stühlen und versucht so diplomatisch wie nur möglich, etwas mehr Licht in den Fall zu bringen. Außerdem sind Peter und Nightingale auf der Suche nach einem gestohlenen magisch-alchemistischen Buch (die dritte Principia), das keinesfalls in die falschen Hände gelangen darf. Reynard Foxman, ein „anthropomorphes Fabelwesen“, will dieses Buch verkaufen und trickstert auch sonst noch lebhaft durch die Geschichte.

Schneller als ihnen lieb ist, sind auch andere magisch bewanderte Menschen auf der Jagd nach diesem geheimnisvollen Buch. Eine Gruppe vierschrötiger Amerikaner und eine der Heilkunst verschriebene Hexe, Lady Helena, und ihre fliegende Hexentochter bemühen sich nach allen Regeln der magischen Kunst, die dritte Principia, die vom Geheimnis des ewigen Lebens handelt, in ihren Besitz zu bringen.

Der Gesichtslose steht in unvermutet naher Beziehung zum Opfer der Drogenüberdosis und sucht auf seine rücksichtslose Weise nach dem Drogendealer. Olivia erweist sich als unschuldig, enthüllt jedoch überraschende Beziehungsdynamiken.

Im Verlauf der Ermittlungen muß Peter sogar gegen Lesley kämpfen, die nicht nur ihr Gesicht –  verdächtig feenhäutig verschönert – zurückbekommen, sondern auch ihre Zauberkampfkünste durchaus verfeinert hat, während es Nightingale und Lady Helena mit dem Gesichtslosen aufnehmen. Dabei werden ein Kaufhaus, ein Parkhaus voller Luxuskarossen und einige Häuser demoliert.

Wer das Alchemie-Buch schließlich bekommt, sei hier nicht verraten. Lesley und der Gesichtslose tauchen unter, und Peter hat ein sehr ernstes, aber versöhnliches Gespräch mit Lady Ty …

Dieser sechste Fall mit dem attraktiven, sinnlich-übersinnlichen Peter Grant ist unterhaltsam, spannend und skurril, aber er erreicht nicht die spritzig-witzige, detailverliebte, quecksilbrige Lesemagie und Stringenz der Vorgängerbände.

Zu viele Zauberkundige verderben die klare Linie, zu viele Anspielungen auf die vorherigen Fälle machen den Handlungsverlauf zähflüssig und diffus. Im übrigen sind die magischen Spezialeffekte bescheiden und die witzigen Dialoge etwas eingerostet. Sehr viele Fragen bleiben offen, als wäre der sechste Band das Vorwort für den siebten …

Gleichwohl kündige ich deshalb Ben Aaronovitch gewiß nicht die Lesetreue. Ich gehe zuversichtlich davon aus, daß sich die Inspiration des Autors bis zum siebten Band wieder erholt.


Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:

https://www.dtv.de/buch/ben-aaronovitch-der-galgen-von-tyburn-21668/
Der DTV-Verlag hat den Peter-Grant-Krimis zudem eine spezielle Webseite eingerichtet:
http://www.dtv.de/special/ben_aaronovitch_urban-fantasy/1592/

Der Autor:

»Ben Aaronovitch wurde  in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane  oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u.a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie  DOCTOR WHO verfasst), arbeitet er als Buchhändler.«

 

Hier geht es chronologisch geordnet zu meinen Besprechungen der ersten fünf Peter-Grant-Krimis:

Band 1: DIE FLÜSSE VON LONDON
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/14/die-flusse-von-london/
Band 2: SCHWARZER MOND ÜBER SOHO
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/21/schwarzer-mond-uber-soho/
Band 3: EIN WISPERN UNTER BAKER STREET
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/28/ein-wispern-unter-baker-street/
Band 4: DER BÖSE ORT
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/30/der-bose-ort/
Band 5: FINGERHUT-SOMMER
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/14/fingerhut-sommer/

 

 

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31 Kommentare zu “Der Galgen von Tyburn

  1. Auch wenn ich kein Fantasy-Fan bin, so hört sich diese Mischung von Magie und Detektivarbeit recht spannend an. Dass die Anderen etwas schräg auf diese Abteilung schauen, kann ich mir gut vorstellen. Vielleicht sollte ich mal in Band 1 reinschnuppern.
    Liebe Lesegrüße
    Belana Hermine

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Belana Hermine,
      die Kombination von Polizeiarbeit mit zauberhaften Elementen und Waffen ist kriminell spannend. 😉
      Du solltest unbedingt mit dem ersten Band anfangen, da dort eine ausführliche und amüsante Einführung in die magischen Rahmenbedingungen gegeben wird. Der erste Band ist allerdings auch der blutrünstigste.

      Gefällt mir

    • Ben Aaronovitchs Peter-Grant-Reihe würde ich allerfrühestens ab 16 Jahren empfehlen. Es sind eindeutig Bücher für Erwachsene und nicht solche Hybridbücher wie die Bis(s)-Serie (TWILIGHT) von Stephenie Meyer, die von 12 bis unendlich gelesen werden.

      Die Ergänzung der alltäglichen Wirklichkeit durch eine magische Wirklichkeit macht den faszinierenden Reiz dieser Krimi-Serie aus. So wie die menschlichen Ermittler magische Züge tragen, so tragen die unterschiedlichen magischen Charaktere menschliche Züge, und das läßt die übernatürlichen Wesen irgendwie fast normal erscheinen. Insofern stimmt Deine Bemerkung, daß es wie eine Kombination aus Sherlock Holmes und Harry Potter klingt.

      Wie immer, empfehle ich mit dem ersten Band zu beginnen, damit man die Einführung in die magischen Rahmenbedingungen nicht verpaßt. Der erste Band ist der blutrünstigste und war für meinen empfindsamen Geschmack damit gerade noch erträglich. Die Folgebände sind dann etwas „harmloser“, aber auch nicht cosy-crime – abgesehen vom 5. Band.

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  2. Das war eine besonders spannende, amüsante, wortgewaltige und wortspielersiche Buchbesprechung für mich ! Vom Zauberpolizisten und Flussgöttinnen, ja Hexen im Krimi habe ich auch noch nie gehört! 🙂 Das beeindruckende Wort „Beziehungsdynamik“ kannte ich bisher auch nicht. Danke für diese würzige Besprechung!!! Dir ein herrliches Wochenende und liebe Grüße. 🌞

    Gefällt 1 Person

    • Es freut mich sehr, daß Du solche bereicherndes
      Wortwohlgefallen an meiner Buchbesprechung hast, liebe Petra. 🙂
      Aaronovitch hat eine sehr schwarzhumorige Phantasie und kombiniert geschickt alte Märchen- und Sagenwesen mit der modernen Lebenswelt.
      Herzlichen Dank für Deine zugeneigte Resonanz! :mrgreen:

      Gefällt 1 Person

    • Liebe Tanja,
      diese Reihe sollte man unbedingt in der chronologischen Reihenfolge lesen. Ohne die, im ersten Band eingeführten komplexen magischen Verwaltungsstrukturen, Arbeitsbedingungen und einige spezielle Fachbegriffe wird man beim Quereinstieg Verständisprobleme haben.
      Am besten liest Du erst einmal meine Besprechungen zu den ersten drei Bänden …
      Hab‘ Dank für Dein interessiertes Leseecho!

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  3. Nanu!? Bereits die sechste Peter-Grant-Rezension der Bücherfee. Und für mich eine Premiere. Da sieht man mal, wie lange die Leselebenszeichen ein von mir unverfolgtes Dasein gefristet haben. 😉
    Im Gegensatz zum hier besprochenen Buch schwächelt die Rezension in keiner Weise. Die kommt in gewohnter Manier frisch und wortgewandt daher. Ein feines Lesevergnügen. Und so ganz nebenbei kommt – passend zum Genre – Spannung auf: Wird der nächste Peter Grant grandios – oder wird die Bücherfee grantig? Wir werden sehen… 😀

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Christiane,
      an mir kann es wahrlich nicht liegen, denn ich habe Ben Aaronovitch und PC Peter Grant lesetreu und ausführlich seit dem ersten Band rezensiert.
      Herzlichen Dank für Dein „reanimiertes“ Leseinteresse und Deine Rückmeldung.
      Gutenachtgruß 🙂

      Gefällt 1 Person

  4. Deine Peter-Grant-Rezis sind stets herrlich augenzwinkernd und eine Weide für eben diese Augen – herzlichen Dank dafür! Ich fand, dass schon der 5. Band schwächelte, weil’s einfach mit der Hauptstory um den Gesichtslosen nicht weiterging. Erinnert mich unschön an TV-Serien, wenn zwischen den eigentlichen Handlungsfolgen ein paar Füller eingebaut werden. Was bei maximal 50 Minuten noch angehen mag, enttäuscht mich bei Büchern. Zumal ich die ersten drei Bände wirklich klasse fand. Na, mal schauen …
    Liebe Nachtgrüße!

    Gefällt 5 Personen

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