Das Buch

  • Eine Hommage
  • von Burkhard Spinnen
  • Mit Illustrationen von Line Hoven
  • Verlag Schöffling & Co.  2016    www.schoeffling.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • schwarzes LESEBÄNDCHEN
  • 144 Seiten
  • ISBN 978-3-89561-046-2
  • 15 € (D), 15,50 € (A)

BUCHBESINNUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Als bibliophiler Mensch hält man es für unmöglich und undenkbar, daß gedruckte Bücher jemals aussterben könnten. Burkhard Spinnen serviert dem geneigten Leser jedoch schon gleich zu Beginn seines Bücherbuches einen bedenkenswerten, spannen- den historischen Vergleich. Einst waren Pferde und pferdebetriebene Fahrzeuge all- gegenwärtig und selbstverständlich. Mit der Erfindung und Verbreitung des Automobils verschwanden nach und nach Pferdefuhrwerke und berittene Berufe. Heutzutage führen Pferde und gar von echter Pferdestärke angetriebene Fahrzeuge ein seltenes und luxuriöses Nischendasein.

Nachdem uns der Autor solcherart alarmiert hat, widmet er sich seiner Liebe zum gedruckten Buch und erzählt anekdotisch, biographisch und reflektierend, was ihm Bücher bedeuten.

Er erinnert sich an seine weltenerschließenden kindlichen und jugendlichen Erfah- rungen mit den gepflegten Buchbeständen der örtlichen Stadtbibliothek und an Bücher- käufe in Buchhandlungen, in Antiquariaten und auf dem Flohmarkt, er schwärmt von alten Büchern mit Widmungen, Randbemerkungen und Eselsohren ebenso wie von neuen, unberührten Büchern, er betrachtet teure und billige Bücher, Buchgeschenke, Leseexemplare, den Reiz von Erstausgaben, Lieblingsbücher, Lesebücher, Lexika, Buchkunst, er folgt Lesespuren und Leserspuren, er sinniert über Bücherregaltypen und Bibliotheken und berichtet von Lust und Last der Büchersammelleidenschaft.

Burkhard Spinnen hat sich vom Schreiner einen begeh- und besteigbaren Bücherturm bauen lassen, der auf einer Grundfläche von nur zwei Quadratmetern Platz für achtzig Regalmeter bietet – zu gerne würde ich seinen Bücherturm einmal besuchen …

„Das Buch“ ist eine eloquente, geistreiche, variationsreiche Bücherplauderei, die auf unterhaltsame und informative Weise Burkhard Spinnens Sympathie für das gedruckte Buch aufblättert. Die feinen Schwarz-weiß-Illustrationen von Line Howen bereichern den Text um stimmungsvolle Leseszenen.

Dieses Bücherbuch ist nostalgisch nah für ältere Leser (ab Jahrgang 1950) und nostalgisch fern für jüngere Leser (ab Jahrgang 2000) – leselohnenswert ist es indes generationenübergreifend für Bibliophile jeden Alters.

Außerdem regt es dazu an, sich eigene Gedanken darüber zu machen, warum wir gedruckte Bücher gegenüber Textdateien bevorzugen, wie unsere lebens- längliche Leseerfahrung uns geprägt und kultiviert hat, welche Geschenke, Erkenntnisse, Rettungen und Ermutigungen und welch erfreulich-freund- schaftliche Vertrautheit wir mit sinnlich-greifbaren Büchern immer wieder erlesen und erleben.

Ich persönlich gehe zuversichtlich davon aus, daß gedruckte Bücher und elektronische Bücher gut und gerne nebeneinander leben können. Schließlich hat die elektrische Zahnbürste auch nicht die manuelle Zahnbürste verdrängt, sondern jeder kann sich aus der Fülle der Produkte das Instrument wählen, das ihm angemessen scheint.

Gleichwohl erschließe ich mir geistige Nahrung bevorzugt aus einem gedruckten Buch mit einem Körper aus Papier, Tinte, Leim und Leinen, begleitet von Blätterrascheln, beseelten Buchstaben und Sätzen, die ich streicheln kann.

 

» In der Welt der Texte sind die Bücher die Häuser.
Sie geben ihren Bewohnern Obdach und Schutz, verorten sie,
machen sie auffindbar und wiedererkennbar.
Aus seinem festen Haus schaut der gedruckte Text heute noch mitleidig,
vielleicht sogar ein wenig herablassend nach draußen
auf seine ungedruckten Brüder und Schwestern,
die als Manuskripte, Typoskripte oder Dateien frei flottieren,
obdachlos und in der ständigen Sorge spurlos zu verschwinden.
«

(Seite 17)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.schoeffling.de/buecher/burkhard-spinnen/das-buch

 

Der Autor:

»Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Erzählungen, Romane, Kinderbücher. Essays, Glossen und Rezensionen. Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. Er lebt in Münster.«

Die Illustratorin:

»Line Hoven lebt und arbeitet als Comiczeichnerin und Illustratorin in Hamburg. In Zusammenarbeit mit Jochen Schmidt entstanden die Bücher Dudenbrooks und Schmythologie. Ihre Arbeiten sind vor allem aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannt.«

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

Herr Eichhorn und der erste Schnee

  • Bilderbuch
  • Text und Illustration von Sebastian Meschenmoser
  • Esslinger Verlag 2007   http://www.thienemann-esslinger.de
  • gebunden, Fadenheftung, Hochformat 22 x 17 cm
  • 64 Seiten
  • ISBN 978-3-480-22359-6
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A), 14,90 sFr.
  • ab 4 Jahren
    Herr Eichhorn und der erste Schnee

S C H N E E J Ä G E R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nach dem glücklich überstandenen Monddrama des ersten Herrn-Eichhorn-Bilderbuches geht es im zweiten Band um den ersten Schnee. Nachdem der Bock Herrn Eichhorn von der Schönheit des Schnees und der Schneeflocken vorgeschwärmt hat, beschließt Herr Eichhorn, seinen Winterschlaf so lange aufzuschieben, bis er wenigstens den ersten Schnee zu sehen bekommt.

Doch das Warten auf die ersten Schneeflocken wird ganz schön lang, und die Müdigkeit „übereichhörnt“ ihn immer wieder. Da hilft nur „Bewegung an der frischen Luft“, sagt sich Herr Eichhorn und wuselt und kapriolt dermaßen wortwörtlich springlebendig um seinen Schlafbaum herum, daß einem beim Bilderbuchanschauen ganz schwindelig wird.

Der Igel wird von Herrn Eichhorns Bewegungsdrang aufgestört und von der Sehnsucht, die erste Schneeflocke zu sehen, angesteckt. Allerdings ist der Igel nicht so bewegungswillig, und so singen die beiden Schneejäger „raue Seemannsweisen“, um wach und munter zu bleiben.

Bei diesem Eichhörnchen-Igel-Duett findet der Bär wahrlich keinen Winterschlaf, und so regt er an, daß sie zu dritt nach der ersten Schneeflocke suchen sollen. Es könnte doch möglich sein, daß sie unbemerkt schon längst irgendwo im Wald herumliegt.

Nun machen sich die Drei auf die Suche. Der Bock hatte den Schnee als „weiß und nass und kalt und weich“ beschrieben.
Der Igel findet eine weiße Zahnbürste, Herr Eichhorn findet eine geöffnete Weißblechdose, doch nur der Bär findet ein Objekt, das alle vier Suchkriterien des Schneesteckbriefes erfüllt: eine weiße, nasse, kalte und WEICHE Socke.

Bär, Igel und Eichhörnchen sitzen staunend im Kreis um die Socke herum, und sie kippen fast um vor Müdigkeit, da fällt eine echte Schneeflocke vom Himmel. Hellwach und begreifend schauen die Tiere auf und bewundern den ersten Schneefall. Sie bauen einen Schneemann und ziehen sich dann zum gemeinsamen Winterschlaf in die Bärenhöhle zurück.

Auf dem hinteren Vorsatzblatt sehen wir dann noch, daß die Tiere den Schneemann mit den falschen Schneeflocken-Fundstücken gekonnt garniert haben – zum Erstaunen zweier Holzfäller, die gerade des Weges kommen, und zum Schmunzeln des Lesers bzw. Betrachters.

Es ist bemerkenswert, daß dieses Bilderbuch seitenweise ganz ohne Text auskommt, die Illustrationen von Sebastian Meschenmoser sprechen einfach für sich selbst – das ist eine hohe Kunst. Natürlich wird die Geschichte auch mit Worten erzählt, aber mit Worten geht Herr Meschenmoser emotional stimmig sowie auf das Wesentliche konzentriert um.

Die textfreien Seiten eröffnen beim Vorlesen anregende Spielräume für die kindliche Äußerung eigener Beobachtungen und Vermutungen über den weiteren Verlauf der Geschichte. Dies dürfte die Anteilnahme der Kinder am Schicksal von Herrn Eichhorn und Co wesentlich erhöhen.

Meine Lieblingsszenen sind die Bilderfolgen, in denen Herr Eichhorn und der Igel immer wieder fast einschlafen; das ist so überzeugend, warmherzig und humorvoll gezeichnet, daß ich mich daran gar nicht sattsehen kann.

Eine weitere Besonderheit aller Herr-Eichhorn-Bände ist, daß die Vorsatzblätter in die jeweilige Geschichte mit einbezogen werden. Die Vorsatzblätter sind die Doppelseiten am Anfang und am Ende eines Buches, die den Buchblock (also alle Buchseiten) mit dem Buchumschlag verbinden. Herr Meschenmoser nutzt das vordere Vorsatzblatt für eine erste, wortlose, rein zeichnerische Einstimmung in die Geschichte und das hintere Vorsatzblatt für eine letzte – wortlose – Pointe.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/herr-eichhorn-und-der-erste-schnee-isbn-978-3-522-45804-7/

 

Der Illustrator und Autor:

»Sebastian Meschenmoser wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte freie bildende Kunst in Mainz. Mit „Fliegen lernen“ hat er 2005 bei Esslinger seinen Erstling veröffentlicht. Dieses ganz besondere Buch hat in den Medien und in der Buchbranche viel Beachtung gefunden. Die Illustrationen daraus wurden auf der internationalen Kinderbuchmesse in Bologna als eine der innovativsten Neuerscheinungen präsentiert. 2006 erschien mit „Herr Eichhorn und der Mond“ das zweite Buch von Sebastian Meschenmoser, das ebenfalls große Begeisterung auslöste und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007, Sparte Bilderbuch, nominiert wurde.«

 

Querverweis:

Hier entlang zur Besprechung des ersten Bandes vom Herrn Eichhorn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/19/herr-eichhorn-und-der-mond/
und zum dritten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/26/herr-eichhorn-weiss-den-weg-zum-gluck/
und zum vierten Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/08/28/herr-eichhorn-und-der-besucher-vom-blauen-planeten/
und zum fünften Band:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/09/22/herr-eichhorn-und-der-koenig-des-waldes

 

 

Der gute Dieb

PEDANTISSIMO

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

So einen Dieb kann man sich nur wünschen!

Martin geht mit Einkaufszettel auf Diebestour, und da stehen meist keine großartigen Wertsachen drauf, sondern viele Dinge des täglichen Bedarfs wie Salatsoße, Käse, Butter, Obst, Gemüse,  Konserven, Waschpulver, Zahncreme, Druckerpapier, Briefmarken, Nudeln, eine Flasche Wein etc.

Martin hat langjährige „Kunden“, deren Häuser, Lebensläufe und Gewohnheiten er mit millimeterpapierener Präzision auskundschaftet, er arbeitet überaus methodisch und hinterläßt nie Spuren, denn er ist ein Hygienefanatiker und arbeitet mit OP-Handschuhen, Haarnetz und Plastiküberschuhen.

Er katalogisiert die Inhalte von Schränken, Speisekammern und auch Schmuckkästchen. Martin ist so durch und durch organisiert, daß er  sogar meist über Nachschlüssel für Vorder- und Hintertüren verfügt. Aufgrund Hunderter Übungsstunden an 30 verschiedenen Schließsystemen knackt er im Handumdrehen jedes  Schloss.  Wenn er gelegentlich ein wertvolleres Stück mitgehen läßt, so z.B. einen einzelnen, selten getragenen Ohrring, vermutet die Besitzerin, sie hätte das Teil verlegt oder verloren, und erst Monate später entwendet er den zweiten Ohrring und vertickt ihn bei eBay. Oder er entdeckt bei zweien seiner Kunden identische Handtuchgarnituren, jeweils im 12er Set, und so nimmt er jeweils 3 Handtücher pro Haushalt mit, und auch dieser bescheidene Verlust wird nicht bemerkt.

Bei seinen „Besuchen“ lernt er seine Kunden kennen und sogar schätzen, man begreift buchstäblich, was Schrank- und Schubladeninhalte, Kalender, Kontoauszüge und Computer ohne Passwortschutz alles über einen Menschen verraten. Einmal spielt er sogar erfolgreich  den Eheretter, indem er einem unaufmerksamen Ehemann einen anonymen Brief mit romantischen Anregungen schickt.

Doch auch die perfekteste Planung kann eine kleine Panne nicht verhindern. Als Martin im Bad einer Kundin den Spiegelschrank inspiziert, fällt eine Zahnbürste in die offene Kloschüssel. Er fühlt sich verpflichtet, eine neue, saubere Zahnbürste zu beschaffen, und das bringt seinen Zeitplan völlig aus dem Gleichgewicht und führt zu sehr dramatischen und aus Leserperspektive amüsanten Schwierigkeiten.

Von da an eskalieren seine unfreiwilligen Eingriffe in das Leben seiner Ernährer, und es wird richtig kriminell, als er bei  einem seiner Beutezüge einen verdächtigen Unbekannten aus dem Hause seines Kunden kommen sieht. Nun steigert er sich sogar zum Privatdetektiv und  kann dank seiner Erkenntnisse  erfolgreich ein Gewaltverbrechen verhindern.

Die Spannung  der Geschichte  entsteht aus  der detailliert beschriebenen Zwanghaftigkeit, der wirklich mikroskopisch genauen und minutiösen Systematik und wirklich fast alle Eventualitäten einkalkulierenden Komplexität, mit der unser Held an die Arbeit geht. Martins neurotischer Hygienefimmel sorgt zusätzlich für situationskomischen Stoff, und man wartet und hofft die ganze Zeit darauf, daß er doch endlich mit dem echten, unkontrollierten Leben in Berührung kommen möge.

Besonders erheiternd ist eine kleine Episode, in der Martin eine öffentliche Toilette aufsuchen muß und durchaus beachtenswerte Betrachtungen anstellt.

Der gute Dieb ist ein unterhaltsamer, sehr detailverliebter Krimi für Leser, die Spannung ohne große Blutverluste, erleben möchten.

 

Der Autor:

»Matthew Dicks hat am Trinity Colllege in Hartford, Connecticut, studiert und arbeitet als Grundschullehrer. Aus Deutsch erschienen Der gute Dieb (2009) und 99 Sommersprossen (2010) und Der beste Freund den man sich denken kann (2013) . Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern, einem Hund und einer Katze in Newington, Connecticut.«

http://www.matthewdicks.com

PS:
Hier folgt der Link zu meiner Besprechung von Matthew Dicks Roman „Der beste Freund den man sich denken kann„:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/06/26/der-beste-freund-den-man- sich-denken-kann/