Der beste Freund, den man sich denken kann

K I N D E R L I E B

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der beste Freund, den man sich denken kann“   –  nämlich ein imaginärer Kindheitsfreund  – vermittelt in diesem Buch einen lebhaften, humorvoll-nachdenklichen Eindruck vom Leben und Umgang mit dem Asperger-Syndrom.

Budo ist der imaginäre Freund des neunjährigen Max. Max hat das Asperger-Syndrom und keine Freunde, da Sozialkontakte für ihn ein fast unüberwindliches Problem bzw. – genauer ausgedrückt  –  ein schwer zu lösendes Rätsel sind. Was für die meisten Menschen eine selbstverständliche und einfache Angelegenheit ist, erscheint für Max kompliziert, beängstigend und verwirrend undurchschaubar.

Budo liefert uns folgende Erklärung: „Max mag Menschen nun mal nicht so gern wie andere Kinder es tun. Er mag Menschen schon, aber es ist eine andere Art von mögen. Er mag sie von Weitem.“  (Seite 16)

Max ist gerne alleine und spielt gerne alleine, aber seinen imaginären Freund hat er sich maßgeschneidert zu seinen Bedürfnissen ausgedacht und ihn mit großer Sorgfalt gestaltet. Deshalb sieht Budo aus wie ein richtiger Junge und nicht wie ein Stofftier, eine Märchengestalt oder ein nur flüchtig hingekritzeltes Strichmännlein.

Budo ist schon sechs Jahre alt, was für einen imaginären Freund ein hohes Alter ist; viele imaginäre „Kollegen“ Budos überleben nur einige Wochen oder Monate, also genauso lange, wie das jeweilige Kind an seinen imaginären Freund glaubt und sich mit ihm beschäftigt. Budo ist dankbar dafür, daß Max ihn sich so präzise ausgedacht hat und daß er ihn mit Bewegungsfreiheit und der Fähigkeit, auch geschlossene Türen und Fenster zu durchqueren, ausgestattet hat.

Das tragende Element von Maxens und Budos Beziehung ist, daß Budo kein Bedürfnis hegt, Max zu verändern, und ihn einfach so sein läßt, wie er ist. Das ist etwas, was die meisten anderen Menschen, einschließlich Maxens Eltern, nicht oder nur zum Teil können.

„Ich verbringe fast den ganzen Tag mit ihm und sehe, wie anders er ist verglichen mit den Kindern in seiner Klasse. Max lebt auf der Innenseite, und die anderen Kinder leben auf der Außenseite. Das macht ihn so anders. Max hat keine Außenseite. Max besteht komplett aus Innenseite.“ (Seite 28)

Das erklärt, warum es für  Max so wichtig und beruhigend ist, für die äußerlichen Angelegenheiten möglichst feste Regeln und unveränderliche alltägliche Abläufe zu haben. Max zieht nie mehr als sieben Kleidungsstücke gleichzeitig an, es muß immer die gleiche Zahncremesorte sein, und die Entscheidung, welche Socken er anziehen soll, oder eine Wahl zwischen zwei Eissorten zu treffen, ist schon eine Herausforderung für ihn.

Da Budo Maxens Schöpfung ist, begreift er ihn auch von innen heraus, und die beiden kommen gut miteinander aus, sie spielen und sprechen miteinander, und wenn Max schläft, nimmt Budo als unsichtbarer Beobachter Anteil an den Gesprächen von Maxens Eltern oder schaut mit ihnen fern.

Wenn die ganze Familie schläft, erforscht Max auch die nähere Umgebung und andere „Menschwesen“ und erweitert auf diese Weise seinen Wirklichkeitshorizont.

Budos Unsichtbarkeit erlaubt ihm Einsichten, die gelegentlich lustig sind: z.B. wer, wann, wie und wo heimlich oder auch unheimlich in der Nase bohrt. Aber er erfährt auch einiges, was ihn zu tieferen Fragen und Gedankenspielen über existenzielle Themen anregt.

Außerdem hat er schon viele imaginäre Freunde verblassen und verschwinden sehen, wenn die dazugehörigen Kinder nicht mehr an ihren ausgedachten Begleiter glauben, selbständiger werden oder ihn nach und nach einfach vergessen.

Das zwischenmenschliche Gefühlsspektrum ist Budo nicht fremd, und er verfügt über großes Einfühlungsvermögen, nicht nur für Max und andere Kinder, sondern auch in Bezug auf Erwachsene, deren häufige Gefühlstarnungen er glasklar durchschaut.

Budo versteht mehr von der Welt als Max und erklärt ihm die Mehrdeutigkeiten von Wörtern und umgangssprachlichen Redewendungen, denn Max versteht alles nur wortwörtlich, was eine Quelle für viele Mißverständnisse und Irritationen ist.

Budo begleitet Max auch zur Schule, und wir schauen aus Budos Perspektive auf pädagogische Licht- und Schattengestalten. Er hat ein feines Gespür für echte und unechte Verhaltensweisen, und er bemerkt mit gesundem Mißtrauen eine Hilfslehrerin, die sich bei Max  anzubiedern versucht.

Als Max schließlich genau von dieser Lehrerin entführt wird, ist Budo der einzige Zeuge. Verzweifelt beobachtet er die Ermittlungen der Polizei, aber er ist ja nur für Max und für imaginäre Daseinsformen sichtbar und hörbar, also kann er nicht einfach sein Wissen weitergeben und das Problem den Erwachsenen überlassen. Er muß sich selbst etwas einfallen lassen, und er kann nur mittelbar handeln, da er keinen physischen Einfluß auf die materielle Welt hat. Budo findet das Versteck der Entführerin, und er besucht Max, aber um Max zu befreien, müßte er den Mechanismus einer Geheimtür auslösen können, doch das ist für Budo unmöglich.

Für dieses Problem findet Budo zwar, mit Unterstützung weiterer imaginärer Freunde, eine kreative Lösung, aber um den schreckstarren Max zur Flucht zu bewegen, muß er ihm androhen, ihn in Zukunft ganz allein zu lassen und ihn nie mehr zu besuchen. Er geht sogar so weit, Max darüber aufzuklären, daß er nur ein ausgedachter Freund sei, obwohl Budo damit seine eigene Existenzgrundlage gefährdet. Das ist hart, aber es hilft!

Während der dramatischen Flucht entwickelt Max plötzlich eine ungewohnt selbständige Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit, und er schafft den Weg zurück zu seinem Elternhaus. Glücklich schaut Budo der familiären Wiedervereinigung zu, und er sieht Max zum ersten Mal im Leben richtig lächeln.

Budo hat Max letztlich dabei geholfen, sich selbst zu helfen, und das ist ein großer Fortschritt für Max und sein weiteres Leben.

„Der beste Freund, den man sich denken kann“ ist eine außergewöhnliche, interessante und spannende Freundschaftsgeschichte, aus der eine große Liebe zu Kindern und zum Leben spricht.

 

Der Autor:

»Matthew Dicks hat am Trinity Colllege in Hartford, Connecticut, studiert und arbeitet als Grundschullehrer. Aus Deutsch erschienen Der gute Dieb (2009) und 99 Sommersprossen (2010). Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern, einem Hund und einer Katze in Newington, Connecticut.«
http://www.matthewdicks.com

Hier ist der Link zu meiner Besprechung von „Der Gute Dieb“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/der-gute-dieb/

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Der gute Dieb

PEDANTISSIMO

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

So einen Dieb kann man sich nur wünschen!

Martin geht mit Einkaufszettel auf Diebestour, und da stehen meist keine großartigen Wertsachen drauf, sondern viele Dinge des täglichen Bedarfs wie Salatsoße, Käse, Butter, Obst, Gemüse,  Konserven, Waschpulver, Zahncreme, Druckerpapier, Briefmarken, Nudeln, eine Flasche Wein etc.

Martin hat langjährige „Kunden“, deren Häuser, Lebensläufe und Gewohnheiten er mit millimeterpapierener Präzision auskundschaftet, er arbeitet überaus methodisch und hinterläßt nie Spuren, denn er ist ein Hygienefanatiker und arbeitet mit OP-Handschuhen, Haarnetz und Plastiküberschuhen.

Er katalogisiert die Inhalte von Schränken, Speisekammern und auch Schmuckkästchen. Martin ist so durch und durch organisiert, daß er  sogar meist über Nachschlüssel für Vorder- und Hintertüren verfügt. Aufgrund Hunderter Übungsstunden an 30 verschiedenen Schließsystemen knackt er im Handumdrehen jedes  Schloss.  Wenn er gelegentlich ein wertvolleres Stück mitgehen läßt, so z.B. einen einzelnen, selten getragenen Ohrring, vermutet die Besitzerin, sie hätte das Teil verlegt oder verloren, und erst Monate später entwendet er den zweiten Ohrring und vertickt ihn bei eBay. Oder er entdeckt bei zweien seiner Kunden identische Handtuchgarnituren, jeweils im 12er Set, und so nimmt er jeweils 3 Handtücher pro Haushalt mit, und auch dieser bescheidene Verlust wird nicht bemerkt.

Bei seinen „Besuchen“ lernt er seine Kunden kennen und sogar schätzen, man begreift buchstäblich, was Schrank- und Schubladeninhalte, Kalender, Kontoauszüge und Computer ohne Passwortschutz alles über einen Menschen verraten. Einmal spielt er sogar erfolgreich  den Eheretter, indem er einem unaufmerksamen Ehemann einen anonymen Brief mit romantischen Anregungen schickt.

Doch auch die perfekteste Planung kann eine kleine Panne nicht verhindern. Als Martin im Bad einer Kundin den Spiegelschrank inspiziert, fällt eine Zahnbürste in die offene Kloschüssel. Er fühlt sich verpflichtet, eine neue, saubere Zahnbürste zu beschaffen, und das bringt seinen Zeitplan völlig aus dem Gleichgewicht und führt zu sehr dramatischen und aus Leserperspektive amüsanten Schwierigkeiten.

Von da an eskalieren seine unfreiwilligen Eingriffe in das Leben seiner Ernährer, und es wird richtig kriminell, als er bei  einem seiner Beutezüge einen verdächtigen Unbekannten aus dem Hause seines Kunden kommen sieht. Nun steigert er sich sogar zum Privatdetektiv und  kann dank seiner Erkenntnisse  erfolgreich ein Gewaltverbrechen verhindern.

Die Spannung  der Geschichte  entsteht aus  der detailliert beschriebenen Zwanghaftigkeit, der wirklich mikroskopisch genauen und minutiösen Systematik und wirklich fast alle Eventualitäten einkalkulierenden Komplexität, mit der unser Held an die Arbeit geht. Martins neurotischer Hygienefimmel sorgt zusätzlich für situationskomischen Stoff, und man wartet und hofft die ganze Zeit darauf, daß er doch endlich mit dem echten, unkontrollierten Leben in Berührung kommen möge.

Besonders erheiternd ist eine kleine Episode, in der Martin eine öffentliche Toilette aufsuchen muß und durchaus beachtenswerte Betrachtungen anstellt.

Der gute Dieb ist ein unterhaltsamer, sehr detailverliebter Krimi für Leser, die Spannung ohne große Blutverluste, erleben möchten.

 

Der Autor:

»Matthew Dicks hat am Trinity Colllege in Hartford, Connecticut, studiert und arbeitet als Grundschullehrer. Aus Deutsch erschienen Der gute Dieb (2009) und 99 Sommersprossen (2010) und Der beste Freund den man sich denken kann (2013) . Er lebt mit seiner Frau, zwei Kindern, einem Hund und einer Katze in Newington, Connecticut.«

http://www.matthewdicks.com

PS:
Hier folgt der Link zu meiner Besprechung von Matthew Dicks Roman „Der beste Freund den man sich denken kann„:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/06/26/der-beste-freund-den-man- sich-denken-kann/