Wer sich verändert, verändert die Welt

  • Für ein achtsames Zusammenleben
  • von Christophe André
  • Jon Kabat-Zinn
  • Matthieu Ricard
  • Pierre Rabhi
  • Herausgegeben von Ilios Kotsou und Caroline Lesire
  • Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl
  • Kösel Verlag, Juli 2018 www.koesel.de
  • gebunden
  • Format: 13,5 x 21,5 cm
  • 224 Seiten
  • mit zahlreichen s/w-Fotos
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.
  • ISBN 978-3-466-34736-0

GLÜCKLICHE  GENÜGSAMKEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ermutigungen tun gut. Angesichts einer bedrohten Welt sind Ermutigungen zu selbst-wirksamen Veränderungen, die wiederum heilsam auf die Welt ausstrahlen, erfreulich lebensdienlich.

»Eines Tages, so erzählt eine indianische Legende,
brach ein riesiger Waldbrand aus. Bestürzt und
ohnmächtig sahen die Tiere dem Wüten des Feuers
zu. Allein der kleine Kolibri machte sich zu schaffen
und flog immer wieder, um ein paar Tropfen Wasser
zu holen, die er aus seinem Schnabel auf die Flammen
fallen ließ. Nachdem das Gürteltier seinem unsinnigen
Treiben einige Zeit zugesehen hatte, rief es
ihm zornig zu: „He, Kolibri! Bist du eigentlich noch
ganz bei Trost? Mit deinen paar Tropfen Wasser
wirst du dieses Feuer niemals löschen!“ Daraufhin
blickte ihm der Kolibri geradewegs in die Augen und
sagte: „Kann sein. Aber ich tue, was ich tun kann.“  «
(Seite 11)

Mit der obig zitierten indianische Legende wird das Buch „Wer sich verändert, verändert die Welt“ eingeleitet.

Wir können und wir dürfen vom Kleinen zum Großen hin wirken. Achtsamkeitsübungen und Meditation sind dann keineswegs Weltflucht, sondern geistiges Muskeltraining gegen die mentalen Umweltgifte unserer Zeit. Wenn durch innere Sammlung, klärende Selbsterkenntnis und Präsenz sowohl unser Mitgefühl für uns selbst als auch unser Mitgefühl mit anderen Menschen und Mitgeschöpfen wächst, finden wir zu einem konstruktiveren Umgang mit den uns gegebenen Möglichkeiten und Bedingungen.

Im ersten Kapitel benennen die Herausgeber Ilios Kotsou und Caroline Lesire die unge-rechte Wirtschafts- und Sozialordnung, die Ausbeutung und Zerstörung von Natur, Tieren und Menschen, die Fehlentwicklungen und gefährlichen Umweltveränderungen in Hinsicht auf „Klimawandel, Abbau der Ozonschicht, Landnutzung, Süßwasserver- brauch, Verlust der Artenvielfalt, Übersäuerung der Ozeane, Stickstoff- und Phosphor- eintrag in Biosphäre und Meere, Aerosolgehalt der Atmosphäre, Belastung durch Chemi- kalien“ (Seite 33/34) sowie „die Irrwege der industriellen Fleischproduktion“ (Seite 35).

In den folgenden Kapiteln beschreiben Christophe André, Jon Kabat-Zinn und Matthieu Ricard u.a. anhand aktueller psychologischer Studien, wie Achtsamkeitspraxis und Meditation unseren Geist vor den schädlichen Ablenkungen, Zwängen und gewollten Frustrationen des Materialismus, der künstlichen Unzufriedenheit, des Zeitdrucks, des Egoismus und Konkurrenzdenkens schützen können und zugleich hinführen zu mehr Altruismus, Dankbarkeit, Einfachheit, Großzügigkeit, Heilung, Gemeinwohlorientierung und sozialer Verbundenheit sowie zu einem langfristigen Denken, das wesentlich größere Zusammenhänge einbezieht als das sekundenkurze Denken der globalen Finanzwelt.

Pierre Rabhi erweitert den Achtsamkeitsaspekt auf den Umgang mit der Erde und die Kultivierung von Humus, um die Lebenskraft und Fruchtbarkeit der Böden zu bewahren. Durch das kooperative Miteinander zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur kommen wir zudem einem zyklischen Zeitverständnis wieder nahe, finden zu „glücklicher Genügsamkeit“ und sind nicht länger bewußtlose Konsummarionetten auf der sinnlosen Jagd nach Selbstwertprothesen.

Die von den Autoren angeregte „Achtsamkeitsrevolution“ wirkt der Natur-  und Selbst-entfremdung entgegen, nährt und bestätigt die in uns angelegten Samen der Liebe, Güte und der Empathie und fördert unsere ganzheitliche Erkenntnisfähigkeit. Das harmonische Zusammenwirken von Geist und Herz führt zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit.

Jeder der Autoren verweist ergänzend auf für ihn vorbildliche Persönlichkeiten, die ihn inspirieren und wartet mit ganz praktischen, unkomplizierten Anregungen für den Lebensalltag auf.

Der Anhang zum Buch informiert kurz und bündig über vielfältige „Projekte, die die Welt bewegen“, nebst entsprechenden Linkadressen und Literaturhinweisen, wie beispiels-weise: www.colibris-lemouvement.org
www.siebenlinden.de
www.mbsr-verband.de
www.foodsharing.de
www.slowfood.de
www.slowfoodyouth.de

»Die Utopie zu leben, das heißt vor allen Dingen zu akzeptieren, dass etwas im Werden begriffen ist. Ein Geschöpf voller Achtsamkeit und Mitgefühl zu sein, ein Geschöpf, das mit seiner Intelligenz, seiner Fantasie und seinen Händen dem Lob des Lebens dient … « (Seite 157)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPORBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Wer-sich-veraendert-veraendert-die-Welt/Christophe-Andre/Koesel/e459714.rhd

Die Autoren:

»Christophe André ist Arzt, Psychiater und Autor erfolgreicher Bücher über die Kraft der Emotionen. Als einer der Ersten hat er Achtsamkeitsmeditation in die Psychotherapie integriert.«

»Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor für Medizin und Bestsellerautor, gilt als Vater der modernen Achtsamkeitsmeditation. Sein Programm MBSR (Stressbewältigung durch Achtsamkeit) wird weltweit unterrichtet.«

»Pierre Rabhi ist Poet, Philosoph und Begründer der Agro-Ökologie, einer von Menschlich-keit geprägten Landwirtschaft. Er entwickelt Projekte für Länder, die an Wassermangel leiden.«

»Matthieu Ricard, Naturwissenschaftler und anerkannter Fotograf, lebt seit über 25 Jahren als buddhistischer Mönch. Der Übersetzer des Dalai Lama setzt sich für zahlreiche humanitäre Projekte ein.«

 

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Stoner

  • von John Williams
  • Aus dem Amerikanischen
  • von Bernhard Robben
  • Deutsche Erstausgabe
  • dtv Verlag September 2013   http://www.dtv.de
  • in Leinen gebunden mit Schutzumschlag
  • 352 Seiten
  • 19,90 € (D), 20,50 € (A), 27,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-28015-0
  • Taschenbuchausgabe dtv Verlag Dezember 2014
  • 9,90 € (D), 10,20 € (A), 14,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-14395-0
    stoner-9783423143950

MIT  BÜCHERN  VERHEIRATET

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

John Williams wahrt in seinem Roman „Stoner“ eine bewundernswerte Balance zwischen mitgefühlvoller Charakterzeichnung und intellektueller Disziplin.

Mit der Lektüre dieses Romans heben wir einen verborgenen Leseschatz. Die Originalausgabe erschien 1965, geriet in Vergessenheit und wurde 2006 von Edwin Frank, dem Gründer der legendären Reihe New York Book Review Classics, wieder- entdeckt. Im September 2013 erschien die deutsche Erstausgabe – in Leinen gebunden – bei DTV und, im Dezember 2014, die Taschenbuchausgabe.

Mit seiner zwischenmenschlichen Präzision, seinen poetisch-philosophischen Reflexionen und seiner lebenserfahrenen Tiefenschärfe ragt dieser Roman zeitlos heraus und verdient zu Recht das Prädikat Klassiker.

Williams‘ Romancharakter William Stoner erscheint zu Beginn wie ein zähes Gewächs, das einfach lebt und überlebt, nichts in Frage stellt und sich den kargen Notwendig- keiten und bescheidenen Lebensbedingungen klaglos fügt.

Er ist das einzige Kind eines armen Farmerehepaars. Stoner geht zur Schule und hilft seinem Vater bei der harten Arbeit auf der Farm. Er erledigt gewissenhaft seine Pflichten, und nach Abschluß der Schulzeit beschränkt sich sein Willenshorizont darauf, weiterhin auf der elterlichen Farm zu arbeiten. Zu seiner Überraschung sagt sein wortkarger Vater eines Tages beim Abendessen, daß er sich wünsche, sein Sohn möge Landwirtschaft studieren.

Da macht sich der neuzehnjährige Stoner im Jahre 1910 mit seiner ihm eigenen Beharrlichkeit auf, an der Universität von Missouri Landwirtschaft zu studieren. Er wohnt in einer kalten, zugigen Dachkammer bei Verwandten seiner Mutter, und für Kost und Logis hilft er bei der Arbeit auf deren Farm mit. So vergeht im Rhythmus von einsam-konzentriertem Lernen und anstrengender Feldarbeit erfolgreich das erste Studienjahr.

Im zweiten Studienjahr ist für alle Studenten ein Einführungskurs in die englische Literatur vorgeschrieben. Auf unerklärlich-beunruhigende Weise ist Stoner von dem unterrichtenden Dozenten beeindruckt, und er arbeitet die vorgeschriebene Leseliste systematisch ab.

Als Stoner in einer Vorlesung dazu aufgefordert wird, sich zur Bedeutung eines Shakespeare-Sonetts zu äußern, findet er zwar nicht die richtigen Worte für eine angemessene Antwort, aber er findet seine Berufung, und er wird sich mit erschütternder Klarheit seiner selbst bewußt.

Er wechselt von der Agrarwirtschaft und den Naturwissenschaften zu den Studien- fächern Philosophie und englische Literatur. Nach dem Abschluß des Studiums wird er den Rest seines Lebens an der gleichen Universität als Assistenzprofessor lehren. Der schützende Kokon des universitären Kalenders, der vertraute und wißbegierige Umgang mit Sprache, Literatur und Lehre bieten ihm zumindest intellektuelle Geborgenheit und eine distanziert-familiäre Zugehörigkeit.

Er wird zwei Freunde finden, sich naiv verlieben und eine unglücklich-unzertrennliche Ehe führen, und er wird bei akademisch-universitären Intrigen meist unterliegen. Über die mißglückte Ehe tröstet ihn die fürsorgliche Liebe zu seiner Tochter hinweg, und die bescheidene Karriere ist ihm ziemlich gleichgültig, solange er sich mit begeisterter Entdeckerfreude seinen Studien und seiner Liebe zur Sprache widmen kann.

In seinen mittleren Jahren wird er eine kurze – gleichwohl emotional, geistig und sinnlich überaus erfüllende – Liebesepisode mit einer jungen Doktorandin erleben und sich nach dem Ende dieser Affäre noch mehr in sein akademisches Asketentum zurückziehen…

Stoner ist die personifizierte Genügsamkeit und von solch routinierter Bescheidenheit, daß man sich beim Lesen manchmal wünscht, er möge doch mehr Durchsetzungs- vermögen besitzen; dennoch empfindet man unwillkürlich auch großen Respekt vor seiner Schicksalsergebenheit und der stillen Hingabe an seine Arbeit.

Das Zitat, mit dem Dan Wakefield den Autor John Williams beschreibt, ließe sich auch auf die Romanfigur Stoner übertragen:

„Williams ist fast berühmt dafür, nicht berühmt zu sein. Ein Hemingway ohne das sentimentale Theater, ein Fitzgerald ohne das modisch Gefällige, ein Faulkner ohne Pomp.”

„Stoner“ ist eine leselohnreiche Wiederentdeckung, und so möchte ich abschließend mit den nachfolgenden Zitaten dieses beeindruckend unspektakuläre Buch mit seinen zahlreichen überaus mitmenschlichen, fein formulierten Sätzen selbst zu Wort kommen lassen:

„Sie war ein stilles, fröhliches Kind und konnte sich auf eine Weise über etwas freuen, die in ihrem Vater ein Gefühl von fast wehmütiger Bewunderung auslöste.“ (Seite 144)

„Und da lächelte sie. Es war ein Lächeln, das in den Augenwinkeln begann und dann an ihren Lippen zupfte, bis ein strahlendes, warmes überaus anheimelndes Entzücken ihr ganzes Gesicht erhellte.“ (Seite 184)

„In seinem dreiundvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.“ (Seite 247)

„Er begriff, dass er nie zuvor den Körper eines anderen Menschen kennengelernt hatte, und er begriff gleichfalls, dass dies der Grund war, warum er den Charakter seines Gegenübers stets irgendwie von dem Körper getrennt hatte, der diesen Charakter beherbergte.“ ( Seite 249)

„Die Jahre hatten das lange, schmale Gesicht noch schmaler werden lassen, und die Falten glichen eher Verweisen auf eine gewachsene Sensibilität als Andeutungen des Alters.“ (Seite 335)

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/john-williams-stoner-14395/

Der Autor:

»John Edward Williams (1922 – 1994) wuchs im Nordosten von Texas auf. Er besuchte das örtliche College, wurde Journalist. 1942 meldete er sich zu den United States Army Air Forces, in der Zeit seines ersten Einsatzes in Burma schrieb er an seinem ersten Roman (Nothing But The Night). Nach dem Krieg ging er nach Denver, 1950 Masterabschluss des Studiums Englische Literatur; anschließend Lehrauftrag an der Universität Missouri, wo er bis zu seiner Emeritierung Creative Writing und Englische Literatur lehrte. Williams war viermal verheiratet und Vater von drei Kindern. Er verfasste fünf Romane (der letzte blieb unvollendet) und Poesie. John Williams wurde zu Lebzeiten zwar gelesen, erlangte aber keine Berühmtheit. Dank seiner Wiederentdeckung 2006 zählt er heute weltweit zu den Ikonen der klassischen amerikanischen Moderne.«

Der Übersetzer:

»Bernhard Robben, geb. 1955, studierte Philosophie und Germanistik in Freiburg und Berlin. Lebt als literarischer Übersetzer in der Nähe von Berlin. Wurde für seine Übertragungen von Salman Rushdie, Ian McEwan, Peter Carey, John Burnside u.a. mit zahlreichen Stipendien gefördert und mehrfach nominiert. 2003 Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW; 2012 Internationaler Literaturpreis, Haus der Kulturen der Welt, für die Übersetzung von ›K‹ (Tom McCarthy).«

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