Wer sich verändert, verändert die Welt

  • Für ein achtsames Zusammenleben
  • von Christophe André
  • Jon Kabat-Zinn
  • Matthieu Ricard
  • Pierre Rabhi
  • Herausgegeben von Ilios Kotsou und Caroline Lesire
  • Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl
  • Kösel Verlag, Juli 2018 www.koesel.de
  • gebunden
  • Format: 13,5 x 21,5 cm
  • 224 Seiten
  • mit zahlreichen s/w-Fotos
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A), 28,90 sFr.
  • ISBN 978-3-466-34736-0

GLÜCKLICHE  GENÜGSAMKEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ermutigungen tun gut. Angesichts einer bedrohten Welt sind Ermutigungen zu selbst-wirksamen Veränderungen, die wiederum heilsam auf die Welt ausstrahlen, erfreulich lebensdienlich.

»Eines Tages, so erzählt eine indianische Legende,
brach ein riesiger Waldbrand aus. Bestürzt und
ohnmächtig sahen die Tiere dem Wüten des Feuers
zu. Allein der kleine Kolibri machte sich zu schaffen
und flog immer wieder, um ein paar Tropfen Wasser
zu holen, die er aus seinem Schnabel auf die Flammen
fallen ließ. Nachdem das Gürteltier seinem unsinnigen
Treiben einige Zeit zugesehen hatte, rief es
ihm zornig zu: „He, Kolibri! Bist du eigentlich noch
ganz bei Trost? Mit deinen paar Tropfen Wasser
wirst du dieses Feuer niemals löschen!“ Daraufhin
blickte ihm der Kolibri geradewegs in die Augen und
sagte: „Kann sein. Aber ich tue, was ich tun kann.“  «
(Seite 11)

Mit der obig zitierten indianische Legende wird das Buch „Wer sich verändert, verändert die Welt“ eingeleitet.

Wir können und wir dürfen vom Kleinen zum Großen hin wirken. Achtsamkeitsübungen und Meditation sind dann keineswegs Weltflucht, sondern geistiges Muskeltraining gegen die mentalen Umweltgifte unserer Zeit. Wenn durch innere Sammlung, klärende Selbsterkenntnis und Präsenz sowohl unser Mitgefühl für uns selbst als auch unser Mitgefühl mit anderen Menschen und Mitgeschöpfen wächst, finden wir zu einem konstruktiveren Umgang mit den uns gegebenen Möglichkeiten und Bedingungen.

Im ersten Kapitel benennen die Herausgeber Ilios Kotsou und Caroline Lesire die unge-rechte Wirtschafts- und Sozialordnung, die Ausbeutung und Zerstörung von Natur, Tieren und Menschen, die Fehlentwicklungen und gefährlichen Umweltveränderungen in Hinsicht auf „Klimawandel, Abbau der Ozonschicht, Landnutzung, Süßwasserver- brauch, Verlust der Artenvielfalt, Übersäuerung der Ozeane, Stickstoff- und Phosphor- eintrag in Biosphäre und Meere, Aerosolgehalt der Atmosphäre, Belastung durch Chemi- kalien“ (Seite 33/34) sowie „die Irrwege der industriellen Fleischproduktion“ (Seite 35).

In den folgenden Kapiteln beschreiben Christophe André, Jon Kabat-Zinn und Matthieu Ricard u.a. anhand aktueller psychologischer Studien, wie Achtsamkeitspraxis und Meditation unseren Geist vor den schädlichen Ablenkungen, Zwängen und gewollten Frustrationen des Materialismus, der künstlichen Unzufriedenheit, des Zeitdrucks, des Egoismus und Konkurrenzdenkens schützen können und zugleich hinführen zu mehr Altruismus, Dankbarkeit, Einfachheit, Großzügigkeit, Heilung, Gemeinwohlorientierung und sozialer Verbundenheit sowie zu einem langfristigen Denken, das wesentlich größere Zusammenhänge einbezieht als das sekundenkurze Denken der globalen Finanzwelt.

Pierre Rabhi erweitert den Achtsamkeitsaspekt auf den Umgang mit der Erde und die Kultivierung von Humus, um die Lebenskraft und Fruchtbarkeit der Böden zu bewahren. Durch das kooperative Miteinander zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur kommen wir zudem einem zyklischen Zeitverständnis wieder nahe, finden zu „glücklicher Genügsamkeit“ und sind nicht länger bewußtlose Konsummarionetten auf der sinnlosen Jagd nach Selbstwertprothesen.

Die von den Autoren angeregte „Achtsamkeitsrevolution“ wirkt der Natur-  und Selbst-entfremdung entgegen, nährt und bestätigt die in uns angelegten Samen der Liebe, Güte und der Empathie und fördert unsere ganzheitliche Erkenntnisfähigkeit. Das harmonische Zusammenwirken von Geist und Herz führt zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit.

Jeder der Autoren verweist ergänzend auf für ihn vorbildliche Persönlichkeiten, die ihn inspirieren und wartet mit ganz praktischen, unkomplizierten Anregungen für den Lebensalltag auf.

Der Anhang zum Buch informiert kurz und bündig über vielfältige „Projekte, die die Welt bewegen“, nebst entsprechenden Linkadressen und Literaturhinweisen, wie beispiels-weise: www.colibris-lemouvement.org
www.siebenlinden.de
www.mbsr-verband.de
www.foodsharing.de
www.slowfood.de
www.slowfoodyouth.de

»Die Utopie zu leben, das heißt vor allen Dingen zu akzeptieren, dass etwas im Werden begriffen ist. Ein Geschöpf voller Achtsamkeit und Mitgefühl zu sein, ein Geschöpf, das mit seiner Intelligenz, seiner Fantasie und seinen Händen dem Lob des Lebens dient … « (Seite 157)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPORBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Wer-sich-veraendert-veraendert-die-Welt/Christophe-Andre/Koesel/e459714.rhd

Die Autoren:

»Christophe André ist Arzt, Psychiater und Autor erfolgreicher Bücher über die Kraft der Emotionen. Als einer der Ersten hat er Achtsamkeitsmeditation in die Psychotherapie integriert.«

»Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor für Medizin und Bestsellerautor, gilt als Vater der modernen Achtsamkeitsmeditation. Sein Programm MBSR (Stressbewältigung durch Achtsamkeit) wird weltweit unterrichtet.«

»Pierre Rabhi ist Poet, Philosoph und Begründer der Agro-Ökologie, einer von Menschlich-keit geprägten Landwirtschaft. Er entwickelt Projekte für Länder, die an Wassermangel leiden.«

»Matthieu Ricard, Naturwissenschaftler und anerkannter Fotograf, lebt seit über 25 Jahren als buddhistischer Mönch. Der Übersetzer des Dalai Lama setzt sich für zahlreiche humanitäre Projekte ein.«

 

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Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis

  • Text und Bilder von Paolo Friz
  • Atlantis Verlag  Februar 2017   http://www.ofv.ch/kinderbuch/atlantis/
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 29,7 x 20 cm
  • 32 Seiten
  • 14,95 €, 24,90 sFr.
  • ISBN 978-3-7152-0724-7
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

V E R S C H Ä T Z T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wenn Sie sich unter der Zahl 264-1  bzw. unter der Zahl 18,45 Trillionen nicht wirklich etwas vorstellen können, sind Sie schon auf dem besten Wege, die Geschichte zu begreifen, die in diesem Bilderbuch erzählt wird. Exponentielles Wachstum überfordert halt unsere Vorstellungskraft, und deshalb wird es meist gefährlich unterschätzt.

Laut einer alten Legende befüllen die Reisbauern alljährlich ihre Boote, um ihrem Kaiser eine beträchtliche Reisabgabe zu liefern, die sie selbst und ihre Familien an die Grenze zum Verhungern bringt, während sich die höfischen Vorratskammern füllen und füllen.

Ein Bauer wagt es, diesen existenziellen Sachverhalt vor dem Kaiser zur Sprache zu bringen. Doch der Kaiser ist arrogant, selbstherrlich und uneinsichtig. Geknickt kehren die Bauern in ihr Dorf zurück und suchen nach einer Lösung. Die Tochter des Dorfältesten regt an, „den alten Weisen auf dem Hügel“ um Rat zu bitten.

Der alte Weise hört sich die Klagen der Bauern an und verspricht, ihnen zu helfen. Nach einer schlaflosen Nacht hat er eine raffinierte Idee, wie er diplomatischen Einfluß auf den Kaiser gewinnen könne. Die Vorliebe des Kaisers für spannende Brettspiele ist allgemein bekannt, und so denkt sich der Weise ein ganz besonderes Brettspiel mit Bauern, Läufern, Springern, Türmen, König und Königin (Dame) aus.

Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Nichte werden die Spielfiguren aus Holz geschnitzt und ein Spielbrett mit 8 x 8 quadratischen, abwechselnd schwarz-weißen Spielfeldern hergestellt.

Der Weise besucht den Kaiser, führt ihm sein neues Brettspiel vor und erklärt die Spielregeln. Sie spielen einige Runden, und der Weise läßt selbstverständlich immer den Kaiser gewinnen. Das Entzücken über dieses neuartige Brettspiel ist für den Kaiser so groß, daß er verspricht, dem Weisen jeden Wunsch zu erfüllen.

Ganz bescheiden sagt der Weise, er wolle ein Reiskorn für das erste Spielfeld, zwei Reiskörner für das zweite Feld, für das dritte vier, für das vierte acht und immer so weiter bis zum 64. Feld. Zwar wundert sich der Kaiser, daß der Weise keine Kostbar-keiten verlangt, sondern nur – wie er meint – einen Sack Reis, aber versprochen ist versprochen. Sogleich wird der Hofmathematiker damit beauftragt, die exakte Reismenge zu berechnen …

Schon bald zeigt sich, daß der Kaiser die gewünschte Reismenge dramatisch unterschätzt hat. Selbst als die kaiserlichen Vorratskammern geleert sind, ist die versprochene Menge noch längst nicht erreicht. Der Hofmathematiker erläutert dem Kaiser, daß sie Milliarden von Frachtschiffen beladen müßten, und die Aneinanderreihung der Schiffe wäre länger als der Weg von der Erde bis zur Sonne.

Illustration von Paolo Friz aus „Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis“ © Atlantis Verlag 2017

Demütig bittet der Kaiser den alten Weisen um Gnade und fleht ihn an, sich etwas anderes als diese astronomische Anzahl von Reiskörnern zu wünschen. Daraufhin erbittet sich der Weise, daß niemand mehr im Lande hungern müsse und daß die Reisernte gerecht zwischen Bauern und Hofstaat geteilt werden solle. Erleichtert stimmt der Kaiser zu, und die Bauern haben allen Anlaß, im Dorf ein Freudenfest zu feiern und Schach zu spielen …

Das angefügte Nachwort erklärt die Reisberechnung in Worten und Zahlen und weist darauf hin, daß die Legende von der Erfindung des Schachspiels auch alternativ anhand von Weizenkörnern erzählt sowie wahlweise in Indien, im arabischen Raum oder in China verortet wird. Mit dem vor- liegenden Bilderbuch befinden wir uns in einer ostasiatischen Umgebung. Die  feinsinnigen Illustrationen von Paolo Friz zeigen asiatische Land- schaften und detailreiche, stilvolle Interieurs, die mit ausdrucksvollen, charakterstarken Figuren bevölkert sind, deren Mimik und Körpersprache deutlich mitwirken.

„Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis“ erteilt uns eine kluge und augen- zwinkernde Lektion über die typisch menschliche Unterschätzung exponentiellen Wachstums und über den Wert des gerechten Teilens. Es ist ein vielschichtiges Bilderbuch und bietet nachhaltigen Stoff zum Denken, zum Mitfühlen, zum Nachrechnen, zum Philosophieren und zum Staunen.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://ofv.ch/kinderbuch/detail/ein-weiser-ein-kaiser-und-viel-reis/102858/

 

Der Autor und Illustrator:

»Paolo Friz studierte Illustration an der Hochschule Design & Kunst Luzern und an der Hochschule für angewandte Kunst in Prag. Nach seinem Abschluss machte er ein Masterstudium an der Central Saint Martins School of Art in London in Communication Design. Heute ist Paolo Friz Designer, Illustrator mehrfach ausgezeichneter Arbeiten und Dozent an der Hochschule Design & Kunst Luzern. Mit Norbert Raabe veröffentlichte er 2010 sein erstes Bilderbuch Sydney und Nelson im Atlantis-Verlag.«

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Ich bin Henry Fink

  • Bilderbuch
  • Illustrationen von Viviane Schwarz
  • Text von Alexis Deacon
  • Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
  • Gerstenberg Verlag   2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • Format: 25 x 29 cm
  • gebunden
  • 40 Seiten, durchgehend farbig
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 18,60 sFr
  • ISBN 978-3-8369-5836-3
  • ab 4 Jahren
  • Leider ist dieses bemerkenswerte Bilderbuch inzwischen vergriffen. Sie können es nur noch auf antiquarischem Wege versuchen …
    dT1hSFIwY0Rvdkx6TmpMV3hwZG1VdHENRY FINK Titel

WER  HÄTTE  DAS  GEDACHT ?

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dieses besondere Bilderbuch ist eine beflügelnde Ermunterung zu Gedankenfreiheit und zu befreienden Gedanken.

Die Geschichte von Henry Fink erzählt mit wenigen, treffsicheren Worten von der anregenden, ja, sogar lebensrettenden Wirkung, die nonkonformes Denken haben kann. Der kleine Held Henry Fink will sich nicht mehr auf Gewohnheiten verlassen, sondern er möchte seine Lebensumstände verbessern oder wenigstens verändern. Was Henry Fink denkt, ist zwar ungewöhnlich, aber keineswegs unmöglich.

Henry Fink lebt in gefiederter Geborgenheit in einem Finkenschwarm. Von Vogel zu Vogel ist man sich nachbarlich verbunden, und alle grüßen sich von morgens bis abends freundlich und namentlich. Ab und zu verschwindet ein Fink im Rachen des sogenannten Ungeheuers. Diese tödliche Bedrohung versetzt den ganzen Schwarm regelmäßig in flatterhafte Aufregung, aber keiner kommt auf den Gedanken, etwas dagegen zu unternehmen. Vor lauter Gezwitscher und Geflatter kann kein Vogel seine eigenen Gedanken hören.

Doch in einer stillen Nacht keimt ein leiser Gedanke in Henry Finks Vogelköpfchen, und er wird sich seines Denkens bewußt: z.B. möchte er nicht mehr hinnehmen, als potentielles Abendbrot eines Ungeheuers zu enden. Viele Gedanken und Ideen nehmen auf einmal Gestalt an, und Henry mutmaßt, er könne genial sein.

Als am nächsten Morgen wieder einmal das Ungeheuer auftaucht, stürzt sich Henry übermütig dem Ungeheuer entgegen und wird prompt verschluckt. Auf dem Wege zum Verdauungstrakt hat Henry Fink zunächst düstere Gedanken und reflektiert über den Kreislauf des Lebens, über Fressen und Gefressenwerden. Dann werden seine Gedanken still, und er kann die Gedanken des Ungeheuers hören.

Todesmutig mischt sich Henry Fink in die Gedanken des Ungeheuers ein und regt eine Ernährungsumstellung auf pflanzliche Kost an. Das Ungeheuer greift diese neue Idee wirklich auf und öffnet sogar sein Maul, um Henry wieder in die Freiheit zu entlassen.

Mit freudigem Finkenchor wird Henry willkommen geheißen. Dann bittet er um Ruhe und berichtet, was er mit seinen Gedanken bewirkt hat. Nachdenkliche Stille folgt, und dann entwickeln alle Finken neuen Ideen und Gedanken und machen ungewöhnliche Dinge.

Viviane Schwarz hat diese Geschichte höchst originell illustriert: die Körper der kleinen Vögel werden durch einen roten Fingerabdruck dargestellt, der durch hinzugezeichnete Augen, Schnäbel, Flügel und Vogelfüßchen ergänzt und variiert wird. Hinzu kommen comicartige Sprech- und Gedankenblasen und, bei den Passagen, die im Inneren des Ungeheuers stattfinden, reine Schwarz-weiß-Kontraste.

Diese minimalistische Darstellung ist sehr wirkungsvoll und witzig, und die Fingerabdruckschraffur dient hervorragend als Gefiederanmutung. Die außergewöhnlichen Illustrationen setzen die eigenwilligen Gedankengänge anschaulich in Szene.

 

HENRY FINK Schwarm

Illustration von Viviane Schwarz © Gerstenberg Verlag 2015

HENRY FINK denkt

Illustration von Viviane Schwarz © Gerstenberg Verlag 2015

HENRY FINK dachte

Illustration von Viviane Schwarz © Gerstenberg Verlag 2015

 

Der Autor:

»Alexis Deacon, geboren 1978 in London, studierte Illustration an der Universität Brighton und schloss mit Auszeichnung ab. Für seine Bilderbücher erhielt er mehrere Preise. Der Künstler lebt in London.«

Die Illustratorin:

»Viviane Schwarz, geboren in Hannover, zog nach ihrer Schulzeit nach England und lebt heute in London. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht. Eines war für den Victoria & Albert Illustration Award nominiert. Was sie am liebsten mag: Wenn sie sieht, wie ihre Bücher die Leser zum Lachen bringen.«

Der Übersetzer:

»Uwe-Michael Gutzschhahn, geboren 1952, studierte Anglistik und Germanistik, arbeitete in Verlagen und lebt heute als Autor, Übersetzer, Herausgeber und freier Lektor in München. Er hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht. Sowohl für seine eigenen Bücher als auch für seine Übersetzungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.«

Digitale Demenz

  • Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen
  • von Manfred Spitzer
  • Droemer Verlag 2012, http://www.droemer.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 367 Seiten
  • 19,99 €
  • 978-3-426-27603-7
    Spitzer, Digitale Demenz

BITTE  SCHALTEN  SIE  IHR  GEHIRN  EIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul©

Möchten Sie gerne Ihr Gehirn besser kennenlernen, geistig auf der Höhe bleiben oder sogar eine neue Stufe erklimmen und mit geschärftem Bewußtsein die falschen Versprechungen der digitalen Revolution durchschauen?

Dann lesen Sie dieses Buch!

Die einzigen weiteren Zutaten, die Sie zur intellektuellen Verarbeitung des in diesem Buch angebotenen Wissens brauchen, sind Ihre Lesekompetenz, ungeteilte Aufmerk- samkeit, Denkfähigkeit und Selbstkontrolle. Kurz gesagt:  Sie brauchen ein lernfähiges Gehirn; einen Bildschirm oder einen Computer brauchen Sie für dieses Wissenswachstum nicht!

Ich setzte hier einen erwachsenen Leser voraus, der in seiner Kindheit und Jugend noch nicht den „Segnungen“ der digitalen „Lernverhinderungsmaschinen“ ausgesetzt war und der eine komplexe Hirnstruktur aufbauen konnte und sich dementsprechend auf einer geistigen Höhe befindet, die sein Kind oder Enkelkind vielleicht schon gar nicht mehr erreicht.

Bereits im Jahre 2007 wählten südkoreanische Ärzte den Begriff „digitale Demenz“, um die bei jungen Erwachsenen zunehmenden Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Sozialkompetenzdefizite zu beschreiben.

Manfred Spitzer stellt in seinem Buch viele wissenschaftliche medizinische Studien und Experimente vor, die das Lernverhinderungspotential digitaler Medien beweisen.

Der übermäßige und viel zu früh (Baby-TV ab 9 Monaten!) einsetzende „Genuß“ von Bildschirmmedien und digitalen Medien minimiert die Gehirnbildung, wirkt sich nachweislich negativ auf den Spracherwerb und die Lesekompetenz aus, führt über Bewegungsmangel, Streß und Schlafstörungen sogar zum Absterben von Nervenzellen, hat ein hohes Suchtpotential (Online-Computerspiele), läßt die sozialen Gehirnregionen verkümmern und verbequemt zu geistiger und emotionaler Oberflächlichkeit.

„Digitale Medien führen dazu, dass wir unser Gehirn weniger nutzen, wodurch seine Leistungsfähigkeit mit der Zeit abnimmt. Bei jungen Menschen behindern sie zudem die Gehirnbildung; die geistige Leistungsfähigkeit bleibt also von vornherein unter dem möglichen Niveau. Dies betrifft keineswegs nur unser Denken, sondern auch unseren Willen, unsere Emotionen und vor allem unser Sozialverhalten.“ (Seite 322)

Die Erkenntnisse der Neurobiologie zeigen, daß Lerninhalte besser und tiefer im Gedächtnis verankert werden, wenn sie in einem zwischenmenschlichen Kontext vermittelt und erarbeitet worden sind. Beim Lernen wird nicht einfach eine  Information von der Außenwelt ins Gehirn „umgefüllt“, sondern die sensomotorischen Begleiterscheinungen der Informationswahrnehmung und  -Verarbeitung sowie die konzentrierte Aufmerksamkeit führen zur Vertiefung, zur langfristigen und komplexen synaptischen Gedächtnisspur.

Auch soziales Denken und Empathie lernt ein Kind durch reale Kontakte und Erfahrungen; je mehr wirkliche zwischenmenschliche Begegnungen und „greifbare“ Freundschaften ein Kind erlebt, umso stärker werden seine sozialen „Muskeln“ bzw. die neuronale Verknüpfungsdichte in der für diesen Bereich zuständigen Gehirnstruktur.

Für erfolgreiches und nachhaltiges Lernen ist außerdem eine ausreichende Menge an Schlaf wichtig, weil im Schlaf Kurzzeitgedächtnisinhalte ins Langzeitgedächtnis transportiert werden.

Körperliche Bewegung ist ebenso unerläßlich, weil sich dadurch das Wachstum von Nervenzellen vermehrt.

Dies sind nur einige „lernenswichtige“  Aspekte.

Und nun lassen Sie sich bitte durch den Kopf gehen, daß der durchschnittliche Medien- konsum  von Neuntkläßlern in Deutschland  im Jahre 2009 täglich bereits mehr als sieben Stunden betrug!

Liebe Leser, Eltern, Erzieher, Lehrer und Mitmenschen, Sie können sich ausrechnen, wie wenig Zeit da noch für das Leben und Lernen in und an der Wirklichkeit bleibt, ganz zu schweigen von den Nebenwirkungen: Internetsucht, Schlaf- und Bewegungsmangel, Übergewicht, Depression, Vereinsamung, dem Verlust der Konzentrationsfähigkeit durch Multitasking und der wortwörtlichen digitalen Oberflächlichkeit gesurfter Informationsflüchtigkeit sowie vom Aggressions- und Gefühlsabstumpfungslerneffekt kriegerischer Computerspiele.

Trotzdem lobpreisen sogenannte Medienpädagogen die „Medienkompetenz“ als das Bildungswerkzeug an sich. Diese Behauptung und dieses neue Bildungsexperiment stehen im Dienste kommerzieller Interessen und nicht im Interesse des Kindeswohles oder gar der Demokratisierung des Zuganges zu Wissen.

Das leider weit verbreitete Mantra, daß man Kinder so früh wie nur möglich mit digitalen Medien vertraut machen soll, ist nichts weiter als eine Vermarktungsstrategie großer Elektronikkonzerne und Medienunternehmen, die sich ihre zukünftigen Konsumenten schon von ganz klein auf heranzüchten/herandigitalisieren wollen.

Überspitzt könnte ich hier schreiben: Eine Gehirnwäsche-Werbestrategie, die zum Ziel hat, das Gehirn immer mehr auszuschalten, damit man immer mehr darauf angewiesen ist, den Computer einzuschalten – nach dem Motto: Ich google, also weiß ich. Na, dann – gute Nacht, gesunder Menschenverstand!

Je mehr Denkleistung wir in technische Geräte auslagern, wir also denken lassen, anstatt selbst zu denken, umso mehr schrumpft unser geistiges Vermögen.

Besonders bedenklich und empörend ist in diesem Zusammenhang, daß auch öffentliche Institutionen im Chor der Mediengläubigen mitsingen, wie z.B. die Enquete-Kommission »Internet und digitale Gesellschaft« des Deutschen Bundestages.

Medienkompetenz? Die Anwenderkenntnisse für die Benutzung eines Rechners zu erlernen ist wahrlich kein schulfachfüllender Stoff. Ein technisches Gerät bedienen zu können ist nicht gleichbedeutend mit der Erhöhung und Verbesserung meines Wissens, geschweige denn meiner Lern-und Konzentrationsfähigkeit. Genau das wird jedoch unerklärlicherweise  –  und im Widerspruch zu neurobiologischen Erkenntnissen über Lernvorgänge  –  der Anwesenheit von mobilen Computern in Kindergärten und Schulen unterstellt.

Wenn ich weiß, wie ich einen Elektroherd ein- und ausschalte und die Temperatur reguliere, verhilft mir das keineswegs  automatisch  zu Kochkenntnissen. Medienpäda- gogen tun jedoch gerne so, als verströme sich die künstliche Intelligenz ganz mühelos und ohne den lästigen Umweg über geistige Anstrengung  ins Kinderköpfchen.

„Geistiges Training – Lernen – vollzieht sich wie beim Muskel automatisch bei geistiger und körperlicher Anstrengung. Geistig strengen wir uns an, wenn wir uns aktiv mit der Welt auseinandersetzen.
Beim Lernen verändern sich die Synapsen, also die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns wird gesteigert. Hinzu kommt, dass im Hippocampus, der für die Speicherung neuer Sachverhalte zuständig ist, neue Nervenzellen nachwachsen, die nur dann am Leben bleiben, wenn sie richtig gefordert werden. Lernen nutzt nicht nur die vorhandene neuronale Hardware, sondern benutzt auch neu nachgewachsene und hält sie am Leben. Damit ist eines klar: Wie leistungsfähig wir geistig sind, hängt davon ab, wie viel wir geistig leisten.“
(Seite 60/61)

Vor der Medienkompetenz sollten Sprachkompetenz, Lesekompetenz, Denkkompetenz und Sozialkompetenz auf dem Stundenplan stehen. Wenn diese geistigen Fähigkeiten ausgebildet sind, kann ein Kind z.B. sinnvoll im Internet recherchieren, Wesentliches von Unwesentlichem trennen und wissenswerte Zusammenhänge  erkennen und herstellen, einfach weil es schon über eine Allgemeinbildungsgrundlage verfügt. Wenn im Anschluß daran der Medienkompetenzunterricht ein Aufklärungsunterricht wäre, der die Schüler dazu anregt und anleitet, die medialen Möglichkeiten kritisch zu hinterfragen und verantwortungsbewußter mit den digitalen Angeboten umzugehen, dann wäre dies begrüßenswert.

Sprach-Lese-Denk- und Sozialkompetenz verbessern Bildungschancen, doch genau diese Geistesgaben werden durch zu frühe und zu intensive Mediennutzung geradezu ver- hindert. Trotzdem wetteifern Schulen und Kindergärten darum, wer mehr Computer zur Verfügung hat. Keiner will den vermeintlichen Fortschritt verpassen, den digitale Medien ins Gehirn der Nutzer transportieren sollen. Der Umsatz mit mobilen Rechnern macht ganz gewiß große Fortschritte auch durch den flächendeckenden Einsatz in Kinder- und Klassenzimmern. Doch kognitive Fortschritte für die Kinder sollte man sich davon nicht versprechen!

Medienpädagogen, Medienexperten, E-Learning-Vertreter und Gewaltspiele-Verharm- loser brauchen ganz dringend Nachhilfeunterricht in Neurobiologie und nicht noch mehr und noch jüngere kindliche Versuchskaninchen, die marktwirtschaftlichen Interessen preisgegeben werden.

Manfred Spitzer ist ein Autor, dem Kinder wirklich am Herzen liegen, und er begegnet dem digitalen Marktgeschrei mit fundiertem Expertenwissen über die neurologischen Gegebenheiten des kindlichen und des erwachsenen Gehirns. Wir bekommen reichlich wissenschaftliches „Beweismaterial“ für den schädlichen Einfluß übermäßigen und vor allem zu früh einsetzenden digitalen Medienkonsums.

„Digitale Demenz“ ist ein wertvolles Buch, nicht nur wegen seines informativen und aufklärenden geistigen Gehalts, sondern auch wegen seines Engagements für ethische und pädagogische Werte.

Beschützen Sie Ihr Kind vor der massiven digitalen Verdummung, und erlauben Sie die Nutzung von Computer, Internet und TV nur in kontrollierten und altersgemäßen Dosierungen.

Bitte schalten Sie Ihr Gehirn ein, und lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen! Lesen Sie dieses Buch, lernen Sie aus diesem Buch und schwimmen Sie gegen den digitalen Strom!

Und denken Sie immer daran: Die beste Verlinkung ist die „Synapsenverlinkung“ in Ihrem eigenen Gehirn, da haben Sie Ihr Wissen, Ihr Können und Ihre Erfahrungen wortwörtlich verkörpert und stets zur steckdosenfreien Verfügung.

 

Der Autor:

»Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, geboren 1958, leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter die Bestseller „Lernen“ und „Vorsicht Bildschirm!“ und „Digitale Demenz“. 2004 – 2013 moderierte er die wöchentliche Sendereihe „Geist & Gehirn“ auf Bayern Alpha. Manfred Spitzer ist einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher. Kaum jemand kann wissenschaftliche Erkenntnisse derart pointiert und anschaulich präsentieren.«

PS:
Leider gibt es dieses Buch inzwischen nur noch elektronisch und zwar zum Schleuderpreis von 0,99 €.
Hier entlang zum E-Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/ebooks/7928373/digitale-demenz-wie-wir-uns-und-unsere-kinder-um-den-verstand-bringen

 

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