Stoner

  • von John Williams
  • Aus dem Amerikanischen
  • von Bernhard Robben
  • Deutsche Erstausgabe
  • dtv Verlag September 2013                           http://www.dtv.de
  • in Leinen gebunden mit Schutzumschlag
  • 352 Seiten
  • 19,90 € (D), 20,50 € (A), 27,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-28015-0
  • Taschenbuchausgabe dtv Verlag Dezember 2014
  • 9,90 € (D), 10,20 € (A), 14,90 sFr
  • ISBN 978-3-423-14395-0
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MIT  BÜCHERN  VERHEIRATET

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

John Williams wahrt in seinem Roman „Stoner“ eine bewundernswerte Balance zwischen mitgefühlvoller Charakterzeichnung und intellektueller Disziplin.

Mit der Lektüre dieses Romans heben wir einen verborgenen Leseschatz. Die Originalausgabe erschien 1965, geriet in Vergessenheit und wurde 2006 von Edwin Frank, dem Gründer der legendären Reihe New York Book Review Classics, wiederentdeckt. Im September 2013 erschien die deutsche Erstausgabe – in Leinen gebunden – bei DTV und, im Dezember 2014, die Taschenbuchausgabe.

Mit seiner zwischenmenschlichen Präzision, seinen poetisch-philosophischen Reflexionen und seiner lebenserfahrenen Tiefenschärfe ragt dieser Roman zeitlos heraus und verdient zu Recht das Prädikat Klassiker.

Williams‘ Romancharakter William Stoner erscheint zu Beginn wie ein zähes Gewächs, das einfach lebt und überlebt, nichts in Frage stellt und sich den kargen Notwendigkeiten und bescheidenen Lebensbedingungen klaglos fügt.

Er ist das einzige Kind eines armen Farmerehepaars. Stoner geht zur Schule und hilft seinem Vater bei der harten Arbeit auf der Farm. Er erledigt gewissenhaft seine Pflichten, und nach Abschluß der Schulzeit beschränkt sich sein Willenshorizont darauf, weiterhin auf der elterlichen Farm zu arbeiten. Zu seiner Überraschung sagt sein wortkarger Vater eines Tages beim Abendessen, daß er sich wünsche, sein Sohn möge Landwirtschaft studieren.

Da macht sich der neuzehnjährige Stoner im Jahre 1910 mit seiner ihm eigenen Beharrlichkeit auf, an der Universität von Missouri Landwirtschaft zu studieren. Er wohnt in einer kalten, zugigen Dachkammer bei Verwandten seiner Mutter, und für Kost und Logis hilft er bei der Arbeit auf deren Farm mit. So vergeht im Rhythmus von einsam-konzentriertem Lernen und anstrengender Feldarbeit erfolgreich das erste Studienjahr.

Im zweiten Studienjahr ist für alle Studenten ein Einführungskurs in die englische Literatur vorgeschrieben. Auf unerklärlich-beunruhigende Weise ist Stoner von dem unterrichtenden Dozenten beeindruckt, und er arbeitet die vorgeschriebene Leseliste systematisch ab.

Als Stoner in einer Vorlesung dazu aufgefordert wird, sich zur Bedeutung eines Shakespeare-Sonetts zu äußern, findet er zwar nicht die richtigen Worte für eine angemessene Antwort, aber er findet seine Berufung, und er wird sich mit erschütternder Klarheit seiner selbst bewußt.

Er wechselt von der Agrarwirtschaft und den Naturwissenschaften zu den Studienfächern Philosophie und englische Literatur. Nach dem Abschluß des Studiums wird er den Rest seines Lebens an der gleichen Universität als Assistenzprofessor lehren. Der schützende Kokon des universitären Kalenders, der vertraute und wißbegierige Umgang mit Sprache, Literatur und Lehre bieten ihm zumindest intellektuelle Geborgenheit und eine distanziert-familiäre Zugehörigkeit.

Er wird zwei Freunde finden, sich naiv verlieben und eine unglücklich-unzertrennliche Ehe führen, und er wird bei akademisch-universitären Intrigen meist unterliegen. Über die mißglückte Ehe tröstet ihn die fürsorgliche Liebe zu seiner Tochter hinweg, und die bescheidene Karriere ist ihm ziemlich gleichgültig, solange er sich mit begeisterter Entdeckerfreude seinen Studien und seiner Liebe zur Sprache widmen kann.

In seinen mittleren Jahren wird er eine kurze – gleichwohl emotional, geistig und sinnlich überaus erfüllende – Liebesepisode mit einer jungen Doktorandin erleben und sich nach dem Ende dieser Affäre noch mehr in sein akademisches Asketentum zurückziehen…

Stoner ist die personifizierte Genügsamkeit und von solch routinierter Bescheidenheit, daß man sich beim Lesen manchmal wünscht, er möge doch mehr Durchsetzungs- vermögen besitzen; dennoch empfindet man unwillkürlich auch großen Respekt vor seiner Schicksalsergebenheit und der stillen Hingabe an seine Arbeit.

Das Zitat, mit dem Dan Wakefield den Autor John Williams beschreibt, ließe sich auch auf die Romanfigur Stoner übertragen:

„Williams ist fast berühmt dafür, nicht berühmt zu sein. Ein Hemingway ohne das sentimentale Theater, ein Fitzgerald ohne das modisch Gefällige, ein Faulkner ohne Pomp.”

„Stoner“ ist eine leselohnreiche Wiederentdeckung, und so möchte ich abschließend mit den nachfolgenden Zitaten dieses beeindruckend unspektakuläre Buch mit seinen zahlreichen überaus mitmenschlichen, fein formulierten Sätzen selbst zu Wort kommen lassen:

„Sie war ein stilles, fröhliches Kind und konnte sich auf eine Weise über etwas freuen, die in ihrem Vater ein Gefühl von fast wehmütiger Bewunderung auslöste.“ (Seite 144)

„Und da lächelte sie. Es war ein Lächeln, das in den Augenwinkeln begann und dann an ihren Lippen zupfte, bis ein strahlendes, warmes überaus anheimelndes Entzücken ihr ganzes Gesicht erhellte.“ (Seite 184)

„In seinem dreiundvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen.“ (Seite 247)

„Er begriff, dass er nie zuvor den Körper eines anderen Menschen kennengelernt hatte, und er begriff gleichfalls, dass dies der Grund war, warum er den Charakter seines Gegenübers stets irgendwie von dem Körper getrennt hatte, der diesen Charakter beherbergte.“ ( Seite 249)

„Die Jahre hatten das lange, schmale Gesicht noch schmaler werden lassen, und die Falten glichen eher Verweisen auf eine gewachsene Sensibilität als Andeutungen des Alters.“ (Seite 335)

 

Der Autor:

»John Edward Williams (1922 – 1994) wuchs im Nordosten von Texas auf. Er besuchte das örtliche College, wurde Journalist. 1942 meldete er sich zu den United States Army Air Forces, in der Zeit seines ersten Einsatzes in Burma schrieb er an seinem ersten Roman (Nothing But The Night). Nach dem Krieg ging er nach Denver, 1950 Masterabschluss des Studiums Englische Literatur; anschließend Lehrauftrag an der Universität Missouri, wo er bis zu seiner Emeritierung Creative Writing und Englische Literatur lehrte. Williams war viermal verheiratet und Vater von drei Kindern. Er verfasste fünf Romane (der letzte blieb unvollendet) und Poesie. John Williams wurde zu Lebzeiten zwar gelesen, erlangte aber keine Berühmtheit. Dank seiner Wiederentdeckung 2006 zählt er heute weltweit zu den Ikonen der klassischen amerikanischen Moderne.«

Der Übersetzer:

»Bernhard Robben, geb. 1955, studierte Philosophie und Germanistik in Freiburg und Berlin. Lebt als literarischer Übersetzer in der Nähe von Berlin. Wurde für seine Übertragungen von Salman Rushdie, Ian McEwan, Peter Carey, John Burnside u.a. mit zahlreichen Stipendien gefördert und mehrfach nominiert. 2003 Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW; 2012 Internationaler Literaturpreis, Haus der Kulturen der Welt, für die Übersetzung von ›K‹ (Tom McCarthy).«

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17 Kommentare zu “Stoner

  1. Ich habe diesen Roman auch sehr, sehr, sehr gern gelesen. Er war eine Entdeckung für mich; aber auch irgendwie beispielhaft für die amerikanische Literatur, die meiner Meinung nach in einer Vielzahl an Werken am besten ein menschliches Schicksal mit den großen Themen des Lebens zusammenbringt und so eine große Geschichte schreibt. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

      • Den habe ich auch gelesen. Er hat mir gut gefallen, allerdings nicht so wie „Stoner“. Ich kann Dir noch „Die Interessanten“ von Meg Wolitzer empfehlen oder „Alles, was ist“ von James Salter. Beide habe ich auch besprochen. Viele Grüße und gute Lesezeit.

        Gefällt 1 Person

      • Danke für Deine alternativen Buchhinweise, da werde ich gleich mal bei Dir nachlesen …
        Von James Salter habe ich einst „LICHTJAHRE“ gelesen und es hat mir gut gefallen. Da diese Lektüre jedoch inzwischen schon Lichtjahre entfernt ist, habe ich es nicht besprochen.

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  2. Liebe Ulrike,
    Du hast völlig recht, Stoner ist wirklich ein großer Roman. Auf solche Bücher trifft Manhattan leider nicht so häufig, vermutlich ging es mir beim Lesen deshalb so, dass ich zunächst einige Dutzend Seiten gebraucht habe, bis ich mich an seine Sprache, diesen einfachen aber doch hochliterarischen Ton gewöhnt hatte. Dann aber hat mich der Roman sehr gefesselt – und nach der Lektüre dieses eindringlichen, intensiven Romans könnte ich einige Tage kein neues Buch anfangen. Und nun traue ich mich erstmal nicht an Butcher’s Crossing ran, weil ich befürchte, dass man nach Stoner eigentlich nur enttäuscht werden kann…
    Vielen Dank für Deine schöne Besprechung!
    Liebe Grüße
    Kai

    Gefällt 2 Personen

      • Lieber Kai,
        wenn Du es wünschst, verwandele ich Manhattan in das gemeinte „man heute“ und lösche den diesbezüglichen Korrekturkommentarverlauf…
        Deine Tippmamsell 😉

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    • Lieber Kai,
      das hast Du schön und sehr treffend bemerkt, daß der Autor zugleich eine einfache und hochliterarische Sprache „spricht“. Auch Dein Lesepausenbedürfnis nach dem Ende des Romanes kann ich gut mitempfinden. Es vertieft den seelisch-geistigen Ertrag und Genuß, sich Raum und Zeit für den AUSKLANG und persönliche RESONANZ zu lassen und nicht sogleich die nächste geistige Nahrung nachzustopfen.
      Herzlichen DANK für Dein Leselob für meine Besprechung.
      Sonnige Grüße
      Ulrike

      Gefällt 1 Person

      • Liebe Ulrike,
        danke für das Angebot, Manhattan zu ändern, aber lass es ruhig stehen, man soll ja zu seinen Fehlern stehen… – und so schlecht ist die Vorstellung, die sich hinter Manhattan zumindest verbergen kann ja auch nicht.
        Mit der Resonanz hast Du sehr recht. Ich merke daran immer für mich, dass ein Buch mich wirklich berührt hat und einen gedanklichen Nachhall produzieren konnte, der mir genau so wichtig ist wie die Lektüre selbst. Und was kann man schöneres über ein Buch sagen.
        Liebe Grüsse
        Kai

        Gefällt 1 Person

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