Miss Sharp macht Urlaub

  • Der zweite Fall für die skurrile Rentner-WG von Sunset Hall
  • von Leonie Swann
  • Hörbuch
  • leicht gekürzte Lesung von
  • Anna Thalbach
  • der Hörverlag, Juli 2022 www.hoerverlag.de
  • Laufzeit: 8 Stunden, 40 Min.
  • 1 mp3-CD in Papp-Klappschuber
  • 22,00 € (D), 22,70 € (A), 30,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-4528-9

Miss Sharp macht Urlaub von Leonie Swann

SCHÖNHEIT  SCHÜTZT  VOR  MORDEN  NICHT

Hörbuchrezension von Ulrike Sokul ©

Wie bereits im ersten Kriminalfall der rostig-rüstigen Rentner-WG von Sunset Hall bietet auch der neue Fall eine komplexe, verschlungene Handlung, die uns mit mehreren  Ver-dächtigen und falschen Spuren abwechslungsreich und unterhaltsam beschäftigt. Um sich mit den sechs WG-Bewohnern (Agnes Sharp, Bernadette, Charlie, Edwina, Winston und dem Marschall) näher vertraut zu machen, empfehle ich einen Blick in meine Rezension des ersten Falles „Mord in Sunset Hall“ Mord in Sunset Hall , wo ich die eigenwilligen Damen und Herren im einzelnen vorstelle. Erwähnenswert ist zudem noch die im ersten Band verstorbene WG-Bewohnerin Lillith, deren Asche in einer Kaffeedose in Sunset Hall aufbewahrt wird und mit der Edwina nach wie vor gerne Zwiesprache hält.

Es ist Winter und bitterkalt; in der Senioren-WG Sunset Hall ist die Heizung ausgefallen, und eine Reparatur ist frühestens in zwei Wochen möglich. Dies sind ungemütliche Aus-sichten. Da trifft es sich gut, daß Edwina, wohlbekannt aus dem ersten Band als wach-same Hüterin der Hausschildkröte Hettie und der Asche Lilliths, bei einem Preisaus- schreiben eine Reise  nach „Eden“, einem Ökoluxus-Romantikhotel in Cornwall, gewonnen hat.

Denn alle WG-Bewohner sind sich einig, daß man Edwina keinesfalls alleine und unbe- aufsichtigt verreisen lassen könne. Edwina ist zwar dank Yoga die gelenkigste und körperlich fitteste von allen, aber geistig lebt sie gewissermaßen in einer Parallelwelt, in der ihr einstiger Beruf als Geheimagentin nach wie vor eine eigenwillige Perspektive auf aktuelle Geschehnisse garantiert. Edwinas sehr ausgeprägte Tierliebe führt zudem manchmal zur Vernachlässigung normaler menschlicher Prioritäten.

Kurzentschlossen lädt die mondäne Charlie, wohlbekannt aus dem vorherigen Fall als eleganter WG-Neuzugang, alle WG-Bewohner ein, diese Reise nach Eden gemeinsam zu unternehmen. Denn dank zahlreicher verflossener Ehemänner ist Charlie nicht ganz unbetucht und kann sich eine solche Großzügigkeit leisten.

So reisen die älteren Leutchen wenig später nach Cornwall an die Küste, wo das Hotel ziemlich abgelegen, nahe an den Klippen gebaut liegt und mit spektakulärem Meeres- blick aufwartet. Die beiden Herren, der militärische Marschall und der besonnene Winston, beide Kavaliere alter Schule, teilen sich ein Doppelzimmer, und die vier Damen belegen zwei weitere Doppelzimmer.

Zwischen Champagnerfrühstück, wahrlich bio-vollwertköstlichen – wenn auch nicht immer ganz gebißverträglichen – Fünf-Gänge-Menüs, üppig ausgestatteter Hotelbar, Aroma-Massagen, Farbtherapie, Meditation, Schwimmgymnastik und diversen krea- tiven Beschäftigungsangeboten können sich die alten Damen und Herren gut ent- spannen und beiläufig noch die zu Rohkost und körperlicher Ertüchtigung verurteilte „Entschlackungsgruppe“ bedauern. Denn außer dem genüßlichen Romantik-Angebot kann man auch ein eher asketisches Gesundheits-Angebot buchen.

Agnes Sharp, die auf mehrstimmigen Wunsch ihrer WG-Mitglieder neuerdings mit einem modernen Hörgerät ausgestattet ist, entwickelt in Anbetracht zuvorkommender Bedie-nung, fließendem warmen Wasser, harmonisch geschwungener Holzmöbel, indirekter Beleuchtung, kulinarischen Köstlichkeiten und Meeresrauschen endlich ein zaghaftes Urlaubsgefühl. Sie sitzt in der behaglichen Sea-Lounge und genießt die schöne Aussicht auf das Meer. Beiläufig beobachtet sie zwei mit grellbunten Kapuzenjacken bekleidete Personen, die den hoteleigenen Klippenpfad entlang gehen. Plötzlich ist nur noch eine Person da, und obwohl Agnes nicht sehen konnte, was mit der zweiten Person geschehen ist, erwacht sofort ihr kriminalistischer Instinkt.

Während Agnes und ihre Freunde mit ersten vorsichtigen Nachforschungen beginnen, muß sich die blinde Bernadette damit arrangieren, daß ihr im Hotel Jack, ein Mann aus ihrer dunklen Vergangenheit, freundlich, ja, buchstäblich romantisch wiederbegegnet. Das Problem ist nur, daß Jack ein professioneller Auftragskiller war und sie nicht sicher sein kann, ob er sich schon im Ruhestand befindet, zumal sich dem ersten Mord schnell weitere, allerdings eher unprofessionell ausgeführte Morde anschließen.

Auch diverse mehr oder weniger seltsame Hotelgäste, wie der junge Video-Blogger Mojo, die weiße Witwe und der wahllos charmante Howard Hope geraten in Mordverdacht. Besonders erheiternd sind in diesem Zusammenhang die situationskomischen Mißver-ständnisse bei den Begegnungen zwischen Edwina und Mojo – hier stiften alleine das generationsbedingt unterschiedliche Vokabular sowie die Differenz zwischen virtuellem und analogem Wirklichkeitsbezug viel Verwirrung.

Edwina findet im Hotel-Schwimmbad eine unterkühlte, weiße Schlange, eine noch junge Boa mit dem Namen „Oberon“. Keine Frage, daß sie das liebenswürdige Tier adoptiert und damit  lebhafte Zimmergenossinnen-Komplikationen auslöst. Denn Charlie ist nicht so schlangenaffin wie Edwina und tauscht das Zimmer mit Agnes, die weniger empfind-lich auf die Anwesenheit der hübschen Würgeschlange mit den zitronengelben Augen reagiert.

Wie es in Leonie Swanns Romanen üblich ist, kommt selbstverständlich auch die spezielle Schlangenperspektive Oberons zu Wort und trägt interessante Mosaik- steinchen zum Gesamtbild bei…

Dieser Kriminalroman lebt von der ebenso charakterstarken wie originellen Figuren- zeichnung und von den raffinierten Szenenwechseln, welche die unterschiedlichen Perspektiven auf  das Geschehen dramaturgisch spannend verknüpfen. Die liebenswert selbstironische Thematisierung der altersbedingten Hindernisse und Verlangsamungen nebst Vergeßlichkeiten, Mittagsschlafbedürfnissen, klagenden Hüften, verlegten Lesebrillen und  akustischen Verzerrungen von Hörgeräten ist auf respektvolle Weise amüsant, zumal die Verletzlichkeiten und Wehmütigkeiten des Alters auch mit den unzweifelhaften Stärken von Lebenserfahrung, altersmilder Gelassenheit sowie abgeklärtem schwarzen Humor ausgeglichen werden. 

Anna Thalbach vorleseschauspielert dieses Hörbuch ausgesprochen vielstimmig. Sie ver-
leiht jedem Charakter mit bewundernswert vielsaitigem Nuancenreichtum eine unver-wechselbare eigene Note und Klangfarbe. Die glamouröse Charlie würde dies mit ihrem berühmten Ausruf: „F A – B E L – H A F T!“ kommentieren, und dem kann ich mich nur begeistert anschließen.

Hier entlang zum HÖRBUCH und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
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Hier entlang zur BUCHAUSGABE beim Goldmann Verlag:
https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Miss-Sharp-macht-Urlaub/Leonie-Swann/Goldmann/e581717.rhd

Die Autorin:

»Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen »Glennkill« und »Garou« gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England.«

Die Sprecherin:

»Anna Thalbach, geboren 1973 in Ostberlin, Tochter der Schauspielerin Katharina Thalbach, stand bereits als Sechsjährige gemeinsam mit ihrer Mutter vor der Kamera. Sie wurde zunächst durch verschiedene Kino- und Fernsehrollen bekannt, bevor sie sich dem Theater zuwandte. Begründung: Sie sei es leid, nur als „Gesichtsverleiherin“ gefragt zu sein. Anna Thalbach arbeitet neben der Schauspielerei erfolgreich als bildende Künstlerin und Audio- sprecherin. Sie hat u.a. „Nijura“ von Jenny-Mai Nuyen sowie „Die Nebel von Avalon“ und „Die Wälder von Albion“ von Marion Zimmer Bradley vorgelesen. Anna Thalbach liest so eindrucksvoll, dass die Geschichten beim Hören geradezu bildlich werden.«

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Sternflüstern

  • Die Geschichte eines Neuanfangs
  • von Paula Carlin
  • Roman
  • Diederichs Verlag, August 2021 www.diederichs-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,0 cm
  • 18,00 € (D), 18,59 € (A), 25,90 sFr.
  • ISBN 978-3-424-35116-3

Sternflüstern

MOSAIKSTÜCKE UND LICHTBLICKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Irith arbeitet am Empfang eines kleinen Hotels in Berlin. Da sie über eine ausgeprägte künstlerische Ader verfügt, hat sie auch an der innenarchitektonischen Ausstattung der Hotelräume mitgewirkt. Gerald, der Inhaber und Direktor des Hotels, schätzt die kleinen Mosaiken und Collagen, die Irith aus allen möglichen Resten, Scherben und Naturfund-stücken gestaltet. Deshalb bittet er Irith, für die Wand der Hotelempfangshalle ein großes Mosaik zu kreieren. Dafür solle sie mit den von ihr bevorzugten Materialien arbeiten, außerdem mit den gesammelten Überbleibseln der Hotelgäste: Bonbon- papierchen, Eintrittskarten, Filmrollen, Knöpfe, Haarklammern, Schlüssel, Stadtplan- fetzen, Münzen usw…

Doch Irith ist noch von der schmerzlichen Trauer um den Verlust ihres langjährigen Freundes Lunis geschwächt und fühlt sich zudem der sehr großen Wandfläche nicht gewachsen. Lunis war ein Künstler, der filigrane, transparente Landschaften in Glas-objekte ritzte, und sie hatte ihn kennengelernt, als ihm auf seinem Handwerkermarkt-stand eine bunte Schale heruntergefallen war und er ihr spontan die Scherben schenkte. Damals entstand aus diesen Scherben ihr erstes Mosaik.

Die Beziehung zu Lunis wuchs – ausgehend von Freundschaft – in Liebe hinein. Dennoch lebten sie in räumlicher Distanz und stets nur phasenweise miteinander. Lunis weilte zumeist in seiner abgeschiedenen Waldhütte mit Wintergarten und Werkstatt, und Irith durfte ihn dort regelmäßig besuchen. Sein großes Bedürfnis nach Einsamkeit und Freiheit hatte er Irith von Anfang an deutlich gemacht, und auch seine weitgehende Verschwiegenheit über seine Vergangenheit mußte respektiert werden.

Irith fühlte sich trotz des nicht geteilten Alltags bei Lunis gut aufgehoben, er war Ent-decker, Freund, Ermutiger, Genießer des Einfachen, Horizontöffner, Liebhaber und musischer Mentor und regte sie zu mehr Eigenwilligkeit, künstlerischen Experimenten und unkonventionellem Selbstausdruck an. Solange er lebte, spielte die räumliche Ent-fernung keine Rolle. Irith und Lunis waren inspirativ verbunden, und für Irith war Lunis der vertraute Bezugsrahmen für ihre eigene Kreativität und beständige Aussicht auf Austausch und lange Nächte unter Sternenhimmel mit tiefen Gesprächen und Stern- flüstern.

Lunis‘ plötzlicher Tod und seine testamentarische Verfügung, daß Irith über die Dinge in seiner Waldhütte und Werkstatt verfügen möge, wie sie wolle, und der posthume Auf-trag, ein Päckchen an eine ihr unbekannte Frau namens Alix zu schicken, lösen einen Stillstand in Iriths Entscheidungsfähigkeit aus. Sie konzentriert sich auf die Arbeit im Hotel, fügt Tag an Tag an Tag und weicht der Bitte ihres Chefs wegen des Hotelfoyer-Mosaiks aus.

Auf dem Rückweg vom Hotel zu ihrer Wohnung verläßt Irith eines sommerhitzigen Abends einige Haltestellen früher den stickigen Bus und geht ein Stück zu Fuß. An einem schönen alten Haus, das von einem großen verwilderten Garten eingerahmt wird, meint sie Lunis‘ Stimme zu hören.

Sie sieht ein Verkaufsschild für das leerstehende Haus und schleicht sich heimlich in den verwunschenen Garten. Die Atmosphäre dort ist trotz einiger Verfallserscheinungen an-genehm friedlich, und auf dem ausgedörrten Rasen funkeln im Abendsonnenlicht einige bunte Glasscherben von der zerbrochenen Verglasung der Hausterrasse. Diese Glas-scherben erscheinen Irith wie ein ferner Gruß von Lunis, und sie packt sie vorsichtig ein.

Dieser Zufall ist ein erster Lichtblick des Neuanfangs – auch wenn Irith dies zunächst noch nicht erkennt. Der nächste Lichtblick steht zwei Wochen später leibhaftig vor Irith am Hoteltresen, fragt nach einem freien Zimmer und betrachtet außergewöhnlich lange Iriths Namenschild. Es ist eine zierliche junge Frau, namens Sophie, die einst auf einem Flohmarkt ein kleines Mosaik von Irith gekauft hat. Und da Lunis Irith stets dazu ange-halten hatte, ihre Werke zu signieren, freut sich Sophie nun über diese zufällige Begeg-nung, und auch Iriths Neugier ist geweckt, und sie reagiert aufgeschlossen auf das unverhoffte Kontaktangebot der jungen Frau.

Es stellt sich heraus, daß Sophie aus Holzresten und Holzabfällen, alten Fenster- und Türrahmen sowie Totholz Rahmen herstellt. Auch Iriths kleines Mosaik hat sie einge-rahmt, und Irith ist von der harmonischen Wirkung berührt und begeistert. So bietet sie Sophie an, gemeinsam mit ihr das große Mosaik für die Hotelempfangshalle zu kompo- nieren. Sophie ist sogleich Feuer und Flamme, und in Irith regt sich wieder die Freude der Inspiration und des gemeinsamen Gestaltens.

Im Garten des alten Hauses „organisieren“ sie genug herabgefallene Äste für die Ein-rahmung und viele Scherben von zerbrochenen Blumentöpfen und zersprungen Glas- bausteinen für die Darstellung der Stadtsilhouette, die ebenfalls Bestandteil des Mosaiks werden soll. 

Sophie befindet sich ebenso wie Irith an einem Wendepunkt ihres Lebens und muß sich neu finden und orientieren. Während der Vor- und Hauptarbeiten am Hotelmosaik freunden sich die beiden Frauen an. Das Mosaik entwickelt sich gut und ermutigt vom freudigen schöpferischen Schub nimmt Irith endlich Kontakt zu der unbekannten Frau auf, der sie Lunis‘ Paket schicken soll …

Man könnte an diesem Roman kritisieren, daß es zu viele beinahe märchenhafte, vorhersehbare  glückliche Fügungen gibt, aber meiner Einschätzung nach, sind solche Fügungen durchaus möglich.

„Sternflüstern“ bietet sich besonders für musische Menschen an sowie für Menschen, die einen zwischenmenschlichen Verlust verkraften müssen. Im Roman folgen nach der Schwere der Trauer das heilsame Loslassen und die dankbare Würdigung des Gewesen- en sowie der nicht zu unterschätzende Trost inniger, freundschaftlicher, ja, schicksal- hafter Verbundenheit. So können Leichtigkeit und Lebensfreude wiederkehren und sogar neue sternflüsternde Augenblicke.

Besonders bemerkenswert ist der zärtliche Blick, mit dem beispielsweise Irith die künst-lerischen Möglichkeiten weggeworfener Bruchstücke erkennt, wie sie Reste, Scherben und zusammenhanglose Überbleibsel in eine neue konstruktive und ästhetische Ordnung bringt. Die liebevoll-wertschätzende, detailreiche Betrachtung der Natur und die lebhafte Aufmerksamkeit, mit der sowohl Irith als auch Sophie die Farben, Formen, Konturen, Muster und Texturen der Dinge wahrnehmen, ist anregend und sinnlich, ebenso die einfühlsame Art, wie sie im verlassenen Haus den Lebensspuren des einstigen Besitzers nachspüren – das ist eine große Lesefreude und zeugt von weiser Lebensbejahung angesichts der Vergänglichkeit.

»Wir sind alle aus Teilen zusammengesetzt, die scheinbar nicht zusammenpassen und doch ein interessantes Bild ergeben. Bei den Menschen gilt das meist eher innerlich als äußerlich. Aber stell dir vor, man könnte es sehen!« (Seite 59)


Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Sternfluestern/Paula-Carlin/Diederichs/e589085.rhd

Die Autorin:

»Paula Carlin ist das Pseudonym der deutschen Spiegel-Bestsellerautorin Patricia Koelle. Sie wurde 1964 in Alabama/USA geboren und lebt seit 1965 in Berlin. Ihre größte Leidenschaft gilt dem Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften Planeten zum Ausdruck bringt.« https://paula-carlin.life/

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Monsieur Jean und sein Gespür für Glück

  • von Thomas Montasser
  • Roman
  • Thiele Verlag September 2015   www.thiele-verlag.com
  • 256 Seiten
  • Format: 11,5 x 18,5 cm
  • zweifarbig gedruckt, gebunden
  • mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 18,– € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN 978-3-85179-311-6
    Monsieur Jean und sein Gespür für Glück

DIPLOMAT  DER  HERZEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nachdem Thomas Montasser in seinem vorhergehenden Roman, dem beruflichen Ethos und Wirkungskreis wahrer Vollblutbuchhändler schmeichelhaft-romantisierend die Ehre gegeben hat – nachzulesen in meiner Besprechung vom 10.Juni 2015: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/10/ein-ganz-besonderes-jahr/
betritt er in seinem neuen Roman „Monsieur Jean und sein Gespür für Glück“ das Hotel- und Caféhausgewerbe.

Jean Picard wird von allen Monsieur Jean genannt. Streng genommen heißt er Giacomo Piccoli. Die Strenge Sichtweise überlassen wir indes einmal dem behördlichen Auge … wir widmen uns Monsieur Jean lieber aus der zwischenmenschlichen Perspektive.

Monsieur Jean hat 43 Jahre im Grandhotel Tour au Lac (Zürich) gearbeitet, die letzten Jahre als von Gästen und Kollegen hochgeschätzter, diskret-hilfsbereiter, kultiviert- zuvorkommender und vertrauenswürdiger Nachtconcierge, und nun wurde er in den Ruhestand entlassen.

Er ist seit längerer Zeit Witwer, und kürzlich ist einer seiner engsten Freunde, der ein kleines Bistro betrieben hat, plötzlich verstorben; doch Monsieur Jean ergibt sich nicht der Melancholie, sondern er schaut wachen Auges auf die Welt und in seine Mitmen-schen. Er verfügt über große Menschenkenntnis, und man kann seine Wesensart als wohltätig – im psychologischen Sinne, manchmal aber auch im finanziellen – bezeichnen. Nie hat er vergessen, daß ihm einst durch eine gute Tat ein neues Leben ermöglicht wurde, und er ist bestrebt, diese gute Tat durch sein eigenes Handeln fortzusetzen.

Monsieur Jean ist die Diskretion in Person, gleichwohl hat er ein Notizbuch, das seine persönliche Buchführung über die Besonderheiten, Empfindlichkeiten, Geheimnisse, Vorlieben und Wünsche der Hotelstammgäste und auch der Hotelangestellten enthält.

Er flaniert aufmerksam durch Zürich, erlaubt sich kurze biographische Lebensrück- blenden und dankbare Betrachtungen, und er bemerkt erfreut, daß das ehemalige Bistro seines verstorbenen Freundes von einer jungen Frau mit viel Herzblut in ein Café umgestaltet wird. Wie es seine menschenfreundliche Art ist, nimmt er sogleich großen Anteil an dieser Veränderung.

Monsieur Jean wird der erste Stammgast im Café de Balzac und macht sich einfühlsam Gedanken, wie er die charmante Inhaberin Anastasia Feodora Baljanina darin unter- stützen könne, mehr Gäste ins Café zu locken und diesem einen guten Ruf als attraktive Lokalität zu verschaffen. Kurz: Er nimmt Anastasia unter seine behutsamen Fittiche.

Außerdem nutzt er seine freie Zeit und seine komplexen Verbindungen, um einige unglückliche Geschichten der ihm vertrauten Hotelgäste, vielleicht zu einem besseren Ende führen zu können

Monsieur Jean ist ein Meister der Beziehungspflege, er hilft auf viele Arten und Weisen, mit konkreten Anregungen, kleinen Fingerzeigen, dadurch, daß er jemanden kennt, der jemanden kennt usw. usf. Er koordiniert, organisiert, synchronisiert und balanciert – und manchmal schummelt er auch ein wenig, wenn es der guten Absicht dienlich ist.

So mancher Abschnitt endet damit, daß Monsieur Jean jemanden um einen Gefallen bittet, ohne daß wir als Leser sofort erfahren, was für ein Gefallen dies denn sei. Man ahnt allerdings, daß die unausgesprochenen Einzelheiten zu einem festlichen Finale führen werden.

Anastasias Hund betrachtet derweil die Ereignisse und Begegnungen aus seiner unbestechlichen Nasenperspektive und kommentiert die zwischenmenschlichen Verknüpfungen dementsprechend elementar-humorig. Als Sahnehäubchen zum guten Ende aller Geschichten erfährt schließlich auch Monsieur Jean eine unerwartete Amorbeflügelung …

Dieser Roman ist wie ein Tanz, die zunächst unverbundenen Personen werden nach und nach in einen Reigen eingebunden, dessen beinahe unsichtbarer Choreograph Monsieur Jean ist. Da einige Figuren aus dem künstlerischem Milieu stammen und auch Monsieur Jean musische Neigungen pflegt , fehlt es auch nicht an musikalischen Randschnörkeln Opernzitaten und Poesie.

Die stimmige äußere Gestaltung des Buches verdient ebenfalls ausdrückliches Lob. Folgende Vorzüge finden sich hier: Ein handliches Format (11,5 x 18,5 cm), eine sehr lesefreundliche Typographie auf cremeweißem Papier in Verbindung mit weinroten Versalien zum Kapitelanfang, weinrote Paginierung und Sternchenvignetten, ein weinrotes LESEBÄNDCHEN und als Vorsatzblatt die Farbfotografie einer klassischen Hotelportiers-Tischglocke aus hochglanzpoliertem Messing sowie ein verführerisch-appetitliches Bild auf dem Schutzumschlag.

Als Lesegast in diesem Roman werden wir mit einer feinsinnig-eleganten Sprache, stilechten Charakteren, kultivierten Umgangsformen, einer weltläufigen, milden Sozialkritik und erfreulich vielen konstruktiven, neuen Lebensweichenstellungen verwöhnt.

Manchem Leser mag das vom Autor kunstvoll geknüpfte Beziehungsgeflecht und das fügsame Ineinandergreifen der Umstände zu märchenhaft erscheinen. Ich für meinen Teil finde es jedoch ermutigend, von einem Menschen zu lesen, der so tief mitdenkt und mitfühlt und so großherzig, gütig, empathisch und lebensdankbar ist, daß man ihn sich spontan als Freund oder Nachbarn herbeiwünscht.

 

Zum Ausklang noch zwei Lesehäppchen:

„Es fiel ihn also leicht, großzügig zu sein, ein Umstand, der ihm das Leben erleichterte. Denn Monsieur Jean schätzte Großzügigkeit. In ihr zeigte sich der Charakter eines Menschen.“ (Seite 34/35)

„So, wie es eine Kunst war, die Welt im Kleinen einzufangen, war es eine Kunst, sich selbst nicht auf kleine Gedanken zu beschränken. Monsieur Jean war gut darin, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Er liebte die Freiheit, die ihm seine Erfahrung, seine Professionalität und Menschenkenntnis im Kopf verschafften – und den Umstand, dass ihm das Amt des Concierge zwar eine gewisse Autorität und Würde verlieh, die Uniform ihn aber zugleich als Mensch hinter dem Amt zurücktreten ja unsichtbar werden ließ. Diese Kunst des Unsichtbarseins hatte Monsieur Jean in all den Jahren so vervoll-kommnet, dass er auch außerhalb des Tour au Lac – jederzeit wie auf Knopfdruck aus der Wahrnehmung seiner Mitmenschen verschwinden konnte.“ (Seite 127)

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.thiele-verlag.com/buch/monsieur-jean-und-sein-gesp%C3%BCr-f%C3%BCr-gl%C3%BCck

Querverweis:

Hier entlang zu meiner Besprechung des Romans Ein ganz besonderes Jahr von Thomas Montasser:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/10/ein-ganz-besonderes-jahr/

Der Autor:

»Thomas Montasser arbeitete als Journalist und Universitätsdozent und war Leiter einer kleinen Theatertruppe. Er schrieb große Epochenromane (Die verbotenen Gärten), und unter den Pseudonym Fortunato auch Kinderbücher (Zauber der Wünsche). Als Vater von drei Kindern lebt er mit seiner Familie in München. Mit seinem Roman Ein ganz besonderes Jahr (Thiele Verlag, 2014) erreichte der Autor sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum eine großartige Resonanz.«

 

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