Sternflüstern

  • Die Geschichte eines Neuanfangs
  • von Paula Carlin
  • Roman
  • Diederichs Verlag, August 2021 www.diederichs-verlag.de
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten
  • Format: 12,5 x 20,0 cm
  • 18,00 € (D), 18,59 € (A), 25,90 sFr.
  • ISBN 978-3-424-35116-3

Sternflüstern

MOSAIKSTÜCKE UND LICHTBLICKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Irith arbeitet am Empfang eines kleinen Hotels in Berlin. Da sie über eine ausgeprägte künstlerische Ader verfügt, hat sie auch an der innenarchitektonischen Ausstattung der Hotelräume mitgewirkt. Gerald, der Inhaber und Direktor des Hotels, schätzt die kleinen Mosaiken und Collagen, die Irith aus allen möglichen Resten, Scherben und Naturfund-stücken gestaltet. Deshalb bittet er Irith, für die Wand der Hotelempfangshalle ein großes Mosaik zu kreieren. Dafür solle sie mit den von ihr bevorzugten Materialien arbeiten, außerdem mit den gesammelten Überbleibseln der Hotelgäste: Bonbon- papierchen, Eintrittskarten, Filmrollen, Knöpfe, Haarklammern, Schlüssel, Stadtplan- fetzen, Münzen usw…

Doch Irith ist noch von der schmerzlichen Trauer um den Verlust ihres langjährigen Freundes Lunis geschwächt und fühlt sich zudem der sehr großen Wandfläche nicht gewachsen. Lunis war ein Künstler, der filigrane, transparente Landschaften in Glas-objekte ritzte, und sie hatte ihn kennengelernt, als ihm auf seinem Handwerkermarkt-stand eine bunte Schale heruntergefallen war und er ihr spontan die Scherben schenkte. Damals entstand aus diesen Scherben ihr erstes Mosaik.

Die Beziehung zu Lunis wuchs – ausgehend von Freundschaft – in Liebe hinein. Dennoch lebten sie in räumlicher Distanz und stets nur phasenweise miteinander. Lunis weilte zumeist in seiner abgeschiedenen Waldhütte mit Wintergarten und Werkstatt, und Irith durfte ihn dort regelmäßig besuchen. Sein großes Bedürfnis nach Einsamkeit und Freiheit hatte er Irith von Anfang an deutlich gemacht, und auch seine weitgehende Verschwiegenheit über seine Vergangenheit mußte respektiert werden.

Irith fühlte sich trotz des nicht geteilten Alltags bei Lunis gut aufgehoben, er war Ent-decker, Freund, Ermutiger, Genießer des Einfachen, Horizontöffner, Liebhaber und musischer Mentor und regte sie zu mehr Eigenwilligkeit, künstlerischen Experimenten und unkonventionellem Selbstausdruck an. Solange er lebte, spielte die räumliche Ent-fernung keine Rolle. Irith und Lunis waren inspirativ verbunden, und für Irith war Lunis der vertraute Bezugsrahmen für ihre eigene Kreativität und beständige Aussicht auf Austausch und lange Nächte unter Sternenhimmel mit tiefen Gesprächen und Stern- flüstern.

Lunis‘ plötzlicher Tod und seine testamentarische Verfügung, daß Irith über die Dinge in seiner Waldhütte und Werkstatt verfügen möge, wie sie wolle, und der posthume Auf-trag, ein Päckchen an eine ihr unbekannte Frau namens Alix zu schicken, lösen einen Stillstand in Iriths Entscheidungsfähigkeit aus. Sie konzentriert sich auf die Arbeit im Hotel, fügt Tag an Tag an Tag und weicht der Bitte ihres Chefs wegen des Hotelfoyer-Mosaiks aus.

Auf dem Rückweg vom Hotel zu ihrer Wohnung verläßt Irith eines sommerhitzigen Abends einige Haltestellen früher den stickigen Bus und geht ein Stück zu Fuß. An einem schönen alten Haus, das von einem großen verwilderten Garten eingerahmt wird, meint sie Lunis‘ Stimme zu hören.

Sie sieht ein Verkaufsschild für das leerstehende Haus und schleicht sich heimlich in den verwunschenen Garten. Die Atmosphäre dort ist trotz einiger Verfallserscheinungen an-genehm friedlich, und auf dem ausgedörrten Rasen funkeln im Abendsonnenlicht einige bunte Glasscherben von der zerbrochenen Verglasung der Hausterrasse. Diese Glas-scherben erscheinen Irith wie ein ferner Gruß von Lunis, und sie packt sie vorsichtig ein.

Dieser Zufall ist ein erster Lichtblick des Neuanfangs – auch wenn Irith dies zunächst noch nicht erkennt. Der nächste Lichtblick steht zwei Wochen später leibhaftig vor Irith am Hoteltresen, fragt nach einem freien Zimmer und betrachtet außergewöhnlich lange Iriths Namenschild. Es ist eine zierliche junge Frau, namens Sophie, die einst auf einem Flohmarkt ein kleines Mosaik von Irith gekauft hat. Und da Lunis Irith stets dazu ange-halten hatte, ihre Werke zu signieren, freut sich Sophie nun über diese zufällige Begeg-nung, und auch Iriths Neugier ist geweckt, und sie reagiert aufgeschlossen auf das unverhoffte Kontaktangebot der jungen Frau.

Es stellt sich heraus, daß Sophie aus Holzresten und Holzabfällen, alten Fenster- und Türrahmen sowie Totholz Rahmen herstellt. Auch Iriths kleines Mosaik hat sie einge-rahmt, und Irith ist von der harmonischen Wirkung berührt und begeistert. So bietet sie Sophie an, gemeinsam mit ihr das große Mosaik für die Hotelempfangshalle zu kompo- nieren. Sophie ist sogleich Feuer und Flamme, und in Irith regt sich wieder die Freude der Inspiration und des gemeinsamen Gestaltens.

Im Garten des alten Hauses „organisieren“ sie genug herabgefallene Äste für die Ein-rahmung und viele Scherben von zerbrochenen Blumentöpfen und zersprungen Glas- bausteinen für die Darstellung der Stadtsilhouette, die ebenfalls Bestandteil des Mosaiks werden soll. 

Sophie befindet sich ebenso wie Irith an einem Wendepunkt ihres Lebens und muß sich neu finden und orientieren. Während der Vor- und Hauptarbeiten am Hotelmosaik freunden sich die beiden Frauen an. Das Mosaik entwickelt sich gut und ermutigt vom freudigen schöpferischen Schub nimmt Irith endlich Kontakt zu der unbekannten Frau auf, der sie Lunis‘ Paket schicken soll …

Man könnte an diesem Roman kritisieren, daß es zu viele beinahe märchenhafte, vorhersehbare  glückliche Fügungen gibt, aber meiner Einschätzung nach, sind solche Fügungen durchaus möglich.

„Sternflüstern“ bietet sich besonders für musische Menschen an sowie für Menschen, die einen zwischenmenschlichen Verlust verkraften müssen. Im Roman folgen nach der Schwere der Trauer das heilsame Loslassen und die dankbare Würdigung des Gewesen- en sowie der nicht zu unterschätzende Trost inniger, freundschaftlicher, ja, schicksal- hafter Verbundenheit. So können Leichtigkeit und Lebensfreude wiederkehren und sogar neue sternflüsternde Augenblicke.

Besonders bemerkenswert ist der zärtliche Blick, mit dem beispielsweise Irith die künst-lerischen Möglichkeiten weggeworfener Bruchstücke erkennt, wie sie Reste, Scherben und zusammenhanglose Überbleibsel in eine neue konstruktive und ästhetische Ordnung bringt. Die liebevoll-wertschätzende, detailreiche Betrachtung der Natur und die lebhafte Aufmerksamkeit, mit der sowohl Irith als auch Sophie die Farben, Formen, Konturen, Muster und Texturen der Dinge wahrnehmen, ist anregend und sinnlich, ebenso die einfühlsame Art, wie sie im verlassenen Haus den Lebensspuren des einstigen Besitzers nachspüren – das ist eine große Lesefreude und zeugt von weiser Lebensbejahung angesichts der Vergänglichkeit.

»Wir sind alle aus Teilen zusammengesetzt, die scheinbar nicht zusammenpassen und doch ein interessantes Bild ergeben. Bei den Menschen gilt das meist eher innerlich als äußerlich. Aber stell dir vor, man könnte es sehen!« (Seite 59)


Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Sternfluestern/Paula-Carlin/Diederichs/e589085.rhd

Die Autorin:

»Paula Carlin ist das Pseudonym der deutschen Spiegel-Bestsellerautorin Patricia Koelle. Sie wurde 1964 in Alabama/USA geboren und lebt seit 1965 in Berlin. Ihre größte Leidenschaft gilt dem Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften Planeten zum Ausdruck bringt.« https://paula-carlin.life/

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Drei mal wir

  • Roman
  • Laura Barnett
  • Aus dem Englischen von Judith Schwaab
  • Originaltitel: »The Versions Of Us«
  • Kindler Verlag, März 2016   http://www.rowohlt.de/verlage/kindler
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 496 Seiten mit farbigen Vignetten
  • LESEBÄNDCHEN
  • 19,95 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-463-40659-6
    Drei mal wir

LEBENSWEICHENSTELLUNGEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Der Roman „Drei mal wir“ erzählt die Liebesgeschichte von Eva und Jim, ausgehend von ihrer ersten schicksalhaften Begegnung. Doch das, was sich aus dieser ersten Begegnung an Lebens- und Liebesabzweigungen entwickelt, erzählt die Autorin in drei unterschiedlichen Variationen.

Ein Junge (Jim Taylor) und ein Mädchen (Eva Edelstein) kommen im selben Jahr (1938) auf die Welt; zwanzig Jahre später studieren beide in Cambridge und laufen sich zufällig über den Weg. Beide haben starke musische Neigungen, Eva studiert Anglistik und möchte Schriftstellerin werden, und Jim studiert Jura, obwohl sein Herz für Kunst und Malerei schlägt.

In der ersten Variante ist Eva eilig mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Tutorium. Ein kleiner Hund, der auf dem Weg herumstromert, bringt sie dazu, auszuweichen, sie fährt über einen rostigen Nagel und hat einen platten Reifen. Sie schaut sich die Bescherung an und flucht. Ein junger Mann (Jim) tritt hinzu und bietet ihr seine Hilfe an. Die beiden kommen recht flüssig und humorvoll ins Gespräch, und Eva nimmt sein Angebot an, den Reifen zu flicken. Deutlich spürt sie, daß diese Entscheidung ihr Leben dauerhaft verändern wird.

In der zweiten Version fährt Eva denselben Weg mit dem Fahrrad, macht wegen des zerstreuten Hundes eine Vollbremsung und wird gleichwohl dafür vom Hundehalter unfreundlich angeblafft. Wieder erscheint Jim und fragt, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Sie bedankt sich distanziert bei ihm und ihre Blicke kreuzen sich flüchtig. Sie bemerkt seine ungewöhnlich dunkelblauen Augen; irgendwie kommt er ihr bekannt vor, und sie spürt kurz den Impuls, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Doch sie folgt diesem flüchtigen Impuls nicht und radelt zu ihrem Tutorium.

In der dritten Version kreuzt wieder der verspielte Hund Evas Weg. Sie klingelt und ruft, aber der Hund läuft ihr direkt vor den Vorderreifen. Eva weicht aus, fährt gegen einen Stein und stürzt mit dem Fahrrad ins Gras am Wegesrand. Jim eilt ihr zu Hilfe, sie kommen ins Gespräch und fachsimpeln über den Roman „Mrs Dalloway“ von Virginia Woolf, den Jim zufällig in der Hand hält. Spontan beschließen sie, in ein Pub zu gehen und sich länger miteinander zu unterhalten.

Die drei Versionen werden nun fortlaufend erzählerisch weitergesponnen und in  chronologischer Ordnung hintereinander gereiht. Der Leser weiß stets, welche Version „gespielt“ wird, da alle Kapitel und jede Seite mit einer Zwischentitel-Überschrift in einer bestimmten Farbe (erste Version: Rot, zweite Version: Blau und dritte Version: Grün) versehen ist. Außerdem tragen die floralen Ziervignetten, welche die unteren Seitenränder schmücken, die der jeweiligen Version zugeordnete Farbe. Das hilft bei der Orientierung, und es sieht sehr dekorativ aus.

Wem das abwechselnde Versionenlesen zu kompliziert scheint, kann auch getrost erst die eine und dann die andere Version hintereinander lesen. Man muß dann halt ein wenig blättern, bleibt aber bei einem einzigen Handlungsverlauf.

Laura Barnett ist mit diesem außergewöhnlichen Roman ein beeindruck- endes, schicksalsspielerisches Prosakunststück gelungen. Es ist ganz erstaunlich und von raffinierter Erzählkomposition, wie die Autorin in den drei Versionen mit kleinen Detailveränderungen nachhaltige Änderungen der  Lebensweichenstellungen auslöst, diese mit einigen gleichbleibenden Konstanten ausbalanciert und dabei jeder Variante eine glaubwürdige Entwicklung und Liebesdurchdringung ermöglicht.

Eine Konstante ist die unmittelbare Anziehungskraft zwischen Eva und Jim, aber die Bereitschaft, konsequent dieser Kraft zu folgen, ist mal stärker, mal schwächer ausge- prägt. Menschen können zusammenkommen und sich trotzdem verpassen; es gibt direkte Wege, Irrwege und Umwege …

In einer Version wird Jim ein erfolgreicher Künstler, in einer anderen nur Kunstlehrer, mal wird Eva eine sehr bekannte Schriftstellerin, mal nur Lektorin, und der geplante Roman schafft es nicht aus der Schublade heraus.

Vor wechselnden Schauplätzen (Cornwall, London, Los Angeles, NY, Rom, Paris, Sussex) erlesen wir Hochzeiten, die Geburt von Kindern, Geburtstagsfeiern, Trauerfeiern, Um- züge, Reisen, Entfremdungen und Aussöhnungen, künstlerische Entfaltung und künst- lerische Stagnation, die Befreiung aus Lebenslügen, Abschiede und Neuanfänge, familiäre und berufliche Freuden und Leiden, Anfang und Ende.

In allen Versionen finden wir eine große Gefühlspalette: Liebe und Freundschaft, Ver- bundenheit und Einsamkeit, Treue und Untreue, Lüge und Wahrhaftigkeit, Glück und Schmerz, Sehnsucht und Sucht, Trauer und Trost, Angst und Mut, Verzweiflung und Hoffnung, Muttergefühle, Vatergefühle, Kindergefühle.

Unwillkürlich löst dieser Roman Erinnerungen und Fragen zu den eigenen Lebensver- zweigungen, Entscheidungen und Schicksalsschwellen aus, und man lauscht den eigenen Echos des „Was wäre gewesen oder geworden, wenn …“ aufmerksam nach.

Die Autorin stellt ihrem Roman – gleichsam einleitend – ein Zitat von Anne Tyler (aus Im Kriege und in der Liebe) voran:

„Manchmal phantasierte er, dass er in der Stunde seines Todes, wie in einem Amateur- film, all die Wege gezeigt bekäme, die er nicht eingeschlagen hatte, und wohin sie ihn geführt hätten.“

Das ist nichts, was sich im wirklichen Leben jemals ganz zu Ende denken ließe, aber im Rahmen eines Romans kann dieses Was-wäre-wenn- Gedankenspiel sehr gut inszeniert werden, und genau dies gelingt Laura Barnett mit „Drei mal wir“ sehr berührend, filigran-verflochten, lebensnah, wohldurchdacht und mitfühlend.


Die gebundene Ausgabe ist inzwischen vergriffen.
Die TASCHENBUCHAUSGABE zu 9,99 € gibt es seit August 2017.
Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:

https://www.rowohlt.de/taschenbuch/laura-barnett-drei-mal-wir.html
Inzwischen gibt es nur noch das elektronische Buch zu 6,99 € :
https://www.rowohlt.de/buch/laura-barnett-drei-mal-wir-9783644314115

 

Das gleichnamige Hörbuch (2 mp3 CDs zu 19,95 € ) ist im Argon Verlag erschienen, unge- kürzte Lesung  (13 Stunden, 44 Minuten) von Richard Barenberg, Philipp Schepman und Uve Teschner. Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Argon-Verlagswebseite:
https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/barnett-drei-mal-wir-2001808/

Die Autorin:

»Laura Barnett wurde 1982 in London geboren, wo sie zusammen mit ihrem Ehemann lebt. Sie hat Spanisch, Italienisch und Journalismus in Cambridge und London studiert. Bisher hat sie einige Kurzgeschichten veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. „Drei mal wir“ ist ihr erster Roman. Er stand in England viele Wochen unter den Top Ten der Bestsellerliste, wurde von der Presse gefeiert und in zweiundzwanzig Länder verkauft.«

 

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Konzert ohne Dichter

  • von Klaus Modick
  • Roman
  • Verlag Kiepenheuer & Witsch Februar 2015   http://www.kiwi-verlag.de
  • 229 Seiten
  • gebunden
  • mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 17,99 € (D), 18,50 € (A)
  • ISBN: 978-3-462-04741-7
    Konzert ohne Dichter

ROMAN  MIT  RILKE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In einem filmisch anmutenden, szenisch ineinanderfließenden changierenden Wechsel zwischen Gegenwart und Erinnerungsrückblenden erzählt uns Klaus Modick von der Freundschaft zwischen Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke sowie von den Lebens- und Liebesverhältnissen und Auseinandersetzungen der Worpsweder Künstler und Künstlerinnen.

Heinrich Vogeler befindet sich im Jahre 1905, im Alter von 33 Jahren, auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Erfolges. Er ist als Maler, Illustrator, Graphiker und Buchgestalter gefragt und hochbezahlt. Sein Wohnhaus in Worpswede, den „Barkenhoff“, hat er zu einem lebenden Gesamtkunstwerk gemacht, hier war er architektonisch und garten- gestalterisch aktiv und hat Möbel, Tapeten, Stoffmuster u.v.a. nach eigenen Entwürfen gestaltet oder gestalten lassen.

Als einer der Repräsentanten des Jugendstils sollen er und sein großes Wandgemälde »Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff« in Oldenburg mit der »Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft« geehrt werden.

Auf den Vorsatzblättern des vorliegenden Buches wird dieses idyllische Wandgemälde wiedergegeben, was der Einstimmung in das zwischenmenschliche „Klima“ der Worps- weder Künstlerkolonie sehr dienlich ist.

Dargestellt ist ein Fest im Garten des Barkenhoffs: Eine kleine Freitreppe führt zum Gartentor, an dem Vogelers Frau Martha steht und tagträumerisch in die Ferne schaut. Auf der rechten Bildseite befinden sich drei Musiker, ein Geiger und ein Flötenspieler, zwischen denen halb verdeckt ein Cellospieler sitzt. Dieser Cellospieler ist Heinrich Vogeler.

Auf der linken Bildseite sitzen die Malerin Paula Modersohn-Becker, Agnes Wulff und die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff zusammen, im Hintergrund steht Otto Modersohn. Der Sitzplatz neben Clara Rilke-Westhoff ist auffällig leer …

Verschwenderisches Grün und rosige Blütenpracht, mit präziser Willkür ornamentativ angeordnet, umrahmen die musische Zusammenkunft. Doch wirklich glücklich wirken die abgebildeten Menschen nicht.

Am Morgen seiner Abreise zur Preisverleihung betrachtet Vogeler selbstkritisch und selbstzweiflerisch sein Worpsweder Gesamtkunstwerk und erinnert sich an die Entstehung der „Künstlerkolonie“ und an die Ankunft Rilkes vor fünf Jahren. Damals freute er sich, daß Rilke die ihm bei ihrer ersten zufälligen Begegnung in Florenz angebotene Gastfreundschaft angenommen hatte und mit seiner exzentrischen Art und seiner lyrischen Eloquenz die künstlerische Gemeinschaft bereicherte.

Doch die einstige Harmonie und seelenverwandtschaftliche Inspiration sind vergangen. Auf der Fahrt von Worpswede nach Bremen und von Bremen nach Oldenburg erinnert sich Vogeler an die Stationen der freundschaftlichen sowie musischen Annäherung, Gemeinschaft und langsamen Distanzierung und Entfremdung zwischen sich und Rilke sowie an die „Konstruktion“ und zwischenmenschlichen Konstellationen des Worpsweder Kunstkosmos.

Rilke erscheint und schlägt zunächst alle in seinen dichterischen Bann. Vogeler bewundert neidlos Rilkes Fähigkeit, Dichtung als magische Darbietung zu servieren. Besonders die Damen sind Rilkes zauberspruchartigen Versen, Wendungen und ein- schmeichelnden Anschmiegungen – wahrscheinlich auch wortwörtlich – erlegen. Doch für Rilke dienen Frauen nur als Muse oder als Mäzenin; und in seinem Buch über die Worpsweder Maler finden die Künstlerinnen keine Erwähnung, obwohl er zu dieser Zeit bereits mit Clara Westhoff verheiratet ist.

Rilkes Manierismen, seine selbstbeweihräuchernden Versverstiegenheiten, sein ständig zückbereites Notizbüchlein, seine Wortberauschtheiten und seine Alltagsuntauglichkeit werden in ausgesprochen situationskomischen Dialogszenen wiedergeben.

Bei Vogeler sorgt Rilke mit seiner fast religiösen Hingabe an sein Werk für wachsendes Befremden, zumal Rilkes zwischenmenschliche Qualitäten eher irrlichternder Art sind. Im Laufe der Zeit überstrapaziert Rilke die Gastfreundschaft und die finanzielle Unter- stützung, die er von Vogeler bekommt. Schließlich setzt Vogeler Rilke zwar nicht vor die Türe, aber er malt ihn aus dem Bild vom Barkenhoff hinaus …

Nun soll Vogeler ausgerechnet für das Bild, das ihm beispielhaft für einen ausgeträum- ten Lebenstraum und eine brüchig gewordene Kunstvision steht, eine große Ehrung empfangen. Am liebsten würde er sein Bild zerstören, doch es gehört ihm ja schon längst nicht mehr, da es der Mäzen Ludwig Roselius bereits gekauft hat.

Einmal noch verkörpert Heinrich Vogeler äußerlich den Künstler, den sein Publikum sehen möchte. Indes ist er innerlich schon nicht mehr verbunden mit seinem Stil, den er nur noch als dekorativ und handwerklich perfekt empfindet. Er strebt hinaus aus der selbstgeschaffenen Kulisse, dem „Schönheitspflästerchen“, und er wird sich auf die Reise nach neuen Perspektiven machen.

Klaus Modick standen als Quellen für dieses Buch Rainer Maria Rilkes Werke, Tage- bücher und Briefe sowie Heinrich Vogelers fragmentarische Lebenserinnerungen zur Verfügung. Aus diesem Fundus formuliert er das lebhafte, vielschichtige Beziehungs- portrait einer Künstlerfreundschaft und eine empfindsame Reflexion über die soziale und zeitgeistige Gestimmtheit der Worpsweder Künstlergruppe.

Die Darstellung der Charaktere und ihrer sprachlichen Eigenheiten ist von überaus einfühlsamer Lebendigkeit, die Kunstbetrachtungen sind stilsicher und detailgetreu, die Beschreibung des Zeitgeistes atmosphärisch und auf- schlußreich.

Kurz: Dieser feine Künstlerroman wurde mit Gefühl und Verstand geschrie- ben und erfreut zusätzlich durch einen ganz eigenen ausgewogenen sowie bildhaften Sprachstil, von dem nachfolgendes Zitat eine abschließende Kostprobe gibt. Es ist eine Szene, in der Heinrich Vogeler seinen beiden Töchtern eine Gutenachtgeschichte vorliest.

»Unter der Dachschräge, getaucht ins beruhigende Blau der Wände, wirkt das Kinder- zimmer wie ein Beduinenzelt, in dem die Tage mit einer Geschichte enden, die Nächte mit einer Geschichte beginnen, lustige und traurige Geschichten, kurze und lange. In diesen Stunden zwischen Tag und Traum herrscht ein heller Zauber, mit dem die Buchstaben zu gesprochenen Worten werden und sich zwischen erzählendem Mund und lauschenden Ohren eine unsichtbare Brücke bildet, während der Kater, der eingerollt einem der Mädchen zu Füßen liegt, seinen einverständigen Kommentar schnurrt. Manchmal, wenn die Mädchen eingeschlafen sind, liest er noch ein wenig weiter – vielleicht, um ihren Träumen ein paar Worte einzugeben, vielleicht aber auch, weil er vom Vorlesen nicht lassen will, weil daraus etwas aufsteigt, was stumme, erwachsene Leseroutine nicht mehr kennt: Klang. Das hat er von Rilke gelernt, der seine Gedichte auch so vorträgt, dass sie wie Zaubersprüche klingen oder wie Gebete.«
(Seite 13)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kiwi-verlag.de/buch/konzert-ohne-dichter/978-3-462-04741-7/

Der Autor:

»Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach u.a. als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach zahlreichen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter den Nicolas-Born-Preis und den Bettina-von-Arnim-Preis. Zudem war er Stipendiat der Villa Massimo. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Sunset (2011), Der kretische Gast (2003), Vierundzwanzig Türen (2000) und Konzert ohne Dichter (2015).«

QUERVERWEIS:

KONZERT OHNE DICHTER ergänzt sich mit einem weiteren Künstlerroman, den ich  vor einiger Zeit bereits besprochen habe:
DAS BUCH DER KINDER von Antonia Byatt. Dieser Roman spielt ungefähr zur gleichen Zeit in England und reflektiert die künstlerischen Ideale der „Arts and Crafts“Bewegung, die von William Morris, John Ruskin und vielen weiteren Kunst- und Kunsthandwerkschaffenden ins Leben gerufen wurde, und den Zeitgeist des Fin de siècle:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/26/das-buch-der-kinder/

Unter diesem Link sind fünf Rezensionen hinterlegt, da ich an diesem Tage fünf Rezensionen an einem Tag publiziert habe und als „jungfräuliche“ Bloganfängerin noch nicht wußte, daß die Verlinkung mit dem DATUM zielverknüpft ist. DAS BUCH DER KINDER steht an dritter Stelle, also bei Interesse, bitte einfach ein bißchen rollen oder ALLES lesen … 😉

 

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