Der stille Stein

  • Text und  Illustration von Brendan Wenzel
  • Originaltitel: »A Stone Sat Still«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Bodmer
  • NordSüd Verlag, August 2019 www.nord-sued.com
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 28 cm x 23 cm
  • 56 Seiten
  • 16,00 € (D), 16,50 € (A), 20,90 sFr.
  • ISBN 978-3-34-10501-2
  • Bilderbuch ab 5 Jahren

S T E I N A L T

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein Stein liegt still in der Landschaft, in der Nähe eines Gewässers. Eine Schnecke kriecht langsam über ihn hinweg, Vögel überfliegen ihn schnell, eine Schlange nutzt den Stein als sonnige Aufwärmterrasse; Tag und Nacht und der Wandel der Jahreszeiten verändern das farbliche Erscheinungs- bild des Steins. Für einen großen Elch ist der Stein nur ein Kiesel, für ein winziges Insekt hingegen ein riesiger Berg. Tiere hinterlassen ablesbare Duftspuren auf dem Stein, Pflanzen überwuchern ihn, kleine Nagetiere nutzen ihn als Zufluchtsort, für eine Grille bietet er die passende Freilichtbühne zum Zirpen …

Illustration aus „Der stille Stein“ von Brendan Wenzel © 2019 NordSüd Verlag AG, Zürich/ Schweiz

Das Wasser steigt, und der Stein wird zur Insel, wird überflutet und setzt sein Dasein unter Wasser fort, mit Wasserpflanzen, Seeschnecken, Fischen und Seepocken …

Mit wenigen langsamen Worten erzählt Brendan Wenzel, wer und was dem stillen Stein begegnet.

Die abwechslungsreichen Bilder sind in einer Kombination aus verschie- denen Maltechniken und Collagenelementen gestaltet und illustrieren mit überwiegend gedeckter Farbpalette Jahreszeiten- und Lichtwechsel und das Wachstum der Pflanzen in der Nachbarschaft des Steins sowie die tierischen Besucher mit ihren Wahrnehmungsperspektiven und ihren unterschied- lichen Interaktionen mit dem Stein.

„Der stille Stein“ ist ein meditatives Bilderbuch, das dem Betrachter viel Raum läßt und die Sinne für alltägliche Naturerscheinungen öffnet. Dieses Bilderbuch eignet sich hervorragend, um sich gleichsam zu erden, um einfach zu SEIN und sich dem Atem zeitloser Zeit hinzugeben. Es empfiehlt sich in dieser Hinsicht für Kinder ebenso wie für Erwachsene.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://nord-sued.com/programm/der-stille-stein/

Illustration aus „Der stille Stein“ von Brendan Wenzel © 2019 NordSüd Verlag AG, Zürich/ Schweiz

Der Autor & Illustrator:

»Brendan Wenzel studierte am New Yorker Pratt Institute. Seine besondere Vorliebe gilt der Darstellung von Tieren. Er arbeitet mit verschiedenen Magazinen und Umweltorga-nisationen zusammen. 2017 gelang ihm der internationale Durchbruch mit dem Buch »They All Saw a Cat«, das im Frühjahr 2018 bei NordSüd erschienen ist und in diesem Jahr in die Ehrenliste der Caldecott-Medaille aufgenommen wurde. Brendan Wenzel lebt im Bundesstaat New York.«

Querverweis:

Hier entlang zu Brendan Wenzels Bilderbuch „Alle sehen eine Katze“, in dem er ebenso abwechslungsreich wie anschaulich illustiert, daß die menschliche Sichtweise nur eine von vielen möglichen ist, und er dem Betrachter buchstäblich die Augen für tierische Wahrnehmungsmöglichkeiten und Sichtweisen öffnet. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/07/04/alle-sehen-eine-katze/

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Minima Animalia

  • Ein Stundenbuch der Natur
  • von Andreas Weber
  • mit einem Vorwort von Hildegard Kurt
  • im Oktober 2012 erschienen bei:
  • thinkOya, einem Imprint des Drachen Verlages  http://www.think-oya.de
  • 144 Seiten, Klappenbroschur, Fadenheftung
  •  ISBN 978-3-927369-68-9
  • 22,80 €

Weber_MinimaAnimalia

VOM   SCHNEEGLÖCKCHENGLÜCK

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit seinem Stundenbuch der Natur „Minima Animalia“ durchstreift Andreas Weber einen Jahreskreis, der dem natürlichen Kalender folgt: also beginnt das Jahr nicht mit dem ersten Januar, sondern mit dem Frühling  –  der wahren Zeit des Anfangs.

Andreas Weber läutet den Frühling mit einem Loblied auf die Schneeglöckchen ein. Zunächst schenkt er uns eine sinnliche, ja: liebkosende Beschreibung der anmutigen kleinen Blumen und in der „gedanklicheren“ Fortsetzung eine philosophische und biologische Reflexion über Wildnis und Zivilisation.

Wie bereits in seinem bekanntesten Buch „Alles fühlt“  (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/03/21/alles-fuhlt/ ) geht es dem Autor darum, die Trennung zwischen Verstand und Gefühl, Subjekt und Objekt, Mensch und Natur als künstlich zu enttarnen und die dementsprechend fließenden Grenzen zwischen Innen und Außen zu illustrieren.

In seiner Einleitung zu „Minima Animalia“ schreibt er: „Eine Biologie als Wissenschaft des Mit-Fühlens zeigt: Das Poetische ist das stärkste Moment der Wirklichkeit. Die lebenden Wesen machen diesen Grundcharakter bloß sichtbar. Poiesis – die verkörperte Selbsther- stellung des Organischen – ist eine Variante des grundlegend poetischen Charakters des Ganzen. Poesie eine andere. Die empirische Avantgarde der Biologie nähert sich dabei wieder einer alten Position an: Für Aristoteles bestand der Charakter des Lebendigen genau in seinem poietischen Charakter – diesseits der Spaltung in Sprache und Fleisch.“  (Seite 24)

Andreas Weber läßt sich von den Naturerscheinungen berühren und inspirieren und tastet Wort für Wort, Blütenblatt um Blütenblatt nach einer Sprache, welche die Freude, die Poesie und den Zauber des Lebendigen möglichst unmittelbar wiedergibt. Er bemüht sich um einen frisch-geschlüpften Blick in die Mitwelt und um eine Sprachgestaltung, die sinnlich-körperliche Erfahrungen und seelische Empfindungen evoziert.

„Alles sind poetische Bilder, es besteht einzig die Hürde, sie zu erkennen, und alle geben im Wahrgenommenwerden wieder einer neuen Poesie Raum. Alles ist Ausdruck, weil ich mitten darin bin.“  (Seite 68)

Der Autor verfügt über eine naturempfindsame, teilnehmende Wahrnehmung, die uns allen gegeben ist, aber nur von einigen gepflegt wird. Als wehmütiger Biograph des Lebens spricht er auch den zerstörerischen Einfluß des menschlichen Umganges mit der Natur an und stellt sich wahrheitstapfer der Sorge und dem Schmerz über die alltäg- lichen Verluste an lebendiger Vielfalt und regenerativem Gleichgewicht.

Zugleich erschreibtschafft er eine poetische NaturKUNDE, deren mitfühlende Spiegelung wesentlich, WIRKlich und lebensdienlich ist. Hier erlesen und erleben wir Lebensnähe statt Lebensferne und Lebensfülle statt Lebensleere.

Der Puls des GANZEN Lebens schlägt im Refugium dieser kurzen poetisch-verdichteten Textminiaturen und Meditationen. Sie umkreisen Begegnungen und Vorkommnisse in und mit der natürlichen Welt: Sonnenauf- und Untergänge, Bäume, Blumen, Gräser, Moose, Flechten, Vögel, Insekten, Eidechsen, Eichhörnchen, Steine, Kastanienfrüchte, Kinder, Gewässer, Fische, Steine, Wolken, Wind und Wetter, Sonne, Mond und Sterne und die Jahreszeitenstimmung kommen hier zu Wort  –  natürlich-kultürlich durch die Perspektive und die Sprachwerkzeuge eines menschlichen Wesens.

Ein Mensch ist als Lebewesen unter Lebewesen unterwegs und erfährt dabei eine zutiefst beglückende Lebensverbundenheit und Lebensfreude, ein Dasein im MITEIN- ANDERSEIN. Mensch und Natur sind nicht getrennt, sondern Natur und Mensch sind ineinander enthalten, also gibt es kein Geschehen, das uns nicht alle MITEINANDER betrifft.

„Das Gefühl bleibt, dass die Wesen und Gestalten eigentlich vollkommen transparent sind, dass sich in ihrem So-Sein so deutlich ihr Wie-Sein enthüllt, in ihren Qualitäten ihre Qualität, dass alle ihre Rolle im Leben spielen und ich sie darin sehe – etwas von abgrundtiefer Solidarität.“ (Seite 104)

Andreas Weber sind Natur und Leben eine Herzensangelegenheit, und das sollten sie für uns alle sein.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite: https://www.think-oya.de/buch/minima_animalia.html

Hier entlang zu Andreas Webers empathiesophischer Naturkunde „Alles fühlt“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/

Der Autor:

»Andreas Weber, geboren 1967, studierte Biologie und Philosophie in Berlin, Freiburg, Hamburg und Paris und promovierte bei Hartmut Böhme und Francisco Varela über Natur als Bedeutung. Als freier Publizist schreibt er regelmäßig Beiträge für Geo, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Greenpeace Magazin, National Geographic, mare und Oya.«
Im Berlin Verlag erschienen 2007: „Alles fühlt“ und 2008: „Biokapital“,
bei Ullstein 2016 »Natur tut gut Warum Kinder draußen glücklicher sind« : https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/natur-tut-gut-9783548376486.html

PS (post scriptum = Nachschrift)

Nur eines finde ich schade – gerade bei einem Buch von solcher Sprachsensibilität – :
Die Textüberschriften sind auf lateinisch (Gattungsbezeichnungen, wie ich mir als Nicht- lateinerin zwar durchaus zusammenreimen kann), und das kann auch gerne so sein; aber eine zusätzliche Übersetzung ins Deutsche (vielleicht in Klammern dahinter oder darunter gestellt oder ∗ fußnotig ∗ souffliert) fände ich entgegenkommend. Bei den gelegentlichen englischen und französischen Gedichten und Zitaten halte ich es sogar für unerläßlich.

 

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