Der Literatur Kalender 2021

  • Momente der Hoffnung
  • Texte und Bilder aus der Weltliteratur
  • Herausgegeben von Elisabeth Raabe
  • Gestaltet von Max Bartholl
  • Verlag edition momente, 2020 www.edition-momente.com
  • Wochenkalender
  • 60 Blätter
  • 55 Fotos und Abbildungen
  • Format: 32,5 x 24 cm
  • Spiralbindung
  • 22,00 € (D/A), 33,50 sFr.
  • ISBN 978-3-0360-2021-1

Toni Morrison, 2004, Foto: Giovanni Giovanetti © effegi/Bridgeman Images

LITERARISCHE  HOFFNUNGSFUNKEN

Kalenderbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hoffnung kann keimen und wachsen, verblühen und welken, sie kann glühen und lodern und auch wieder zu Asche werden, kurz: Hoffnung mag nicht beständig sein, gleichwohl vermag sie uns aufzuheben und zu tragen, ja, zu beflügeln.

Für den „Literatur Kalender 2021“ hat die Herausgeberin Elisabeth Raabe in Lebens-erinnerungen, Gedichten, Briefen, Tagebüchern und Notizen dokumentierte Hoffnungs-funkenmomente von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zusammengestellt.

So hofft Toni Morrison, die auch das Kalendertitelblatt ziert, nach dem Empfang des Literaturnobelpreises, daß sie für junge Schwarze ein ermutigendes Vorbild für große Leistungen und erreichbare gesellschaftliche Anerkennung sein möge. Günter Kunert erinnert sich, wie er sich als junger Mann gemeinsam mit Freunden eine bessere Welt ausmalte. Virginia Woolf hegt in einem Brief große Hoffnung, daß sie mit ihrem Mann eine unkonventionell-lebendige Ehe führen werde. Max Frisch betrachtet nüchtern, daß man keine Hoffnung hegen solle, das bereits gelebte  Leben nachträglich zu ver-bessern. Charles Baudelaire, dem 1857 sechs Gedichte aus seinem Zyklus „Die Blumen des Bösen“ wegzensiert wurden, hofft, daß dieses Werk in späteren Jahren auf mehr Verständnis stoßen möge.

Im Gedicht „Espresso“ des schwedischen Lyrikers Tomas Tranströmer strömt die Hoffnung gleichsam als Muntermacher der Seele aus dem schwarzen Leuchten der Kaffeetasse. Michail Bulgakow beschreibt in einem Brief seine Hoffnung auf die Genehmigung einer Auslandsreise und seine Sehnsucht nach Paris. Marina Zwetajewa ist voller schwärmerischer Vorfreude angesichts eines erhofften Wiedersehens mit Rainer Maria Rilke. Milo Dor und Paul Celan teilen freundschaftlich das gleiche Empfinden von Desillusion, aber auch die überlebenswichtige Hoffnung. Selma Meerbaum-Eisinger schließlich beschwört in ihrem inzwischen berühmten Gedicht „Ich will leben“ ebenso überschwenglich wie anrührend ihren unbedingten Lebenswillen.

Foto: © akg/Archiv K. Wagenbach

Begleitet werden die Texte von atmosphärisch-ausdrucksvollen Fotos, bei älteren Autoren von Zeichnungen oder Portraits. Max Bartholl, dem Haus- grafiker des Verlags edition momente, ist es wie immer wohl gelungen, Text, Bild, Typografie und Farben zu anschaulicher Harmonie zu vereinen.

Die abwechslungsreich-vielsaitigen Momente der Hoffnung in diesem Kalender verbindet, daß Hoffnung, gleichgültig ob sie aus bedrückenden oder beglückenden Gegebenheiten hervorwächst, ein unverzichtbares Lebens- und Überlebenselixier darstellt. Dies dürfte auch den Kalender- nutzern allwöchentlich eine ermutigende und inspirierende Erkenntnis sein.

 

Hier entlang zum Kalender und zur Blätterprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.edition-momente.com/kalender/literatur-kalender-2021.html

 

Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Verlag edition momente außer dem hier besprochenen Kinder Kalender noch vier weitere bemerkenswerte Kalender publiziert:

Der Kinder Kalender 2021 (Besprechung meinerseits folgt)
Mit 52 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
Herausgegeben von der
Internationalen Jugendbibliothek, München
https://www.edition-momente.com/kalender/kinder-kalender-2021.html

Der Klima Kalender 2021 (Besprechung meinerseits folgt)
Unser blauer Planet – Schönheit und Gefahren
Herausgegeben von Hermann Vinke
https://www.edition-momente.com/kalender/klima-kalender-2021.html

Der literarische Küchenkalender 2021
Mit Texten, Rezepten & Bildern
Herausgegeben von Sybil Gräfin Schönfeldt
https://www.edition-momente.com/kalender/literarischer-kuechenkalender-2021.html

Der Musik Kalender 2021
Musiker und ihre Sehnsuchtsorte
https://www.edition-momente.com/kalender/musik-kalender-2021.html
Als ebenso lesens- wie hörenswertes Gesamtkunstwerk empfehle ich für den Musik Kalender 2021 gerne die meisterhafte Besprechung von Random Randomsen: https://randomrandomsen.wordpress.com/2020/11/17/veredeln-statt-verubeln-%f0%9f%98%89/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

  • von Matt Haig
  • Originaltitel:»Reasons To Stay Alive«
  • Deutsch von Sophie Zeitz
  • DTV Verlag   März 2016   www.dtv.de
  • Deutsche Erstausgabe
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 304 Seiten
  • 18,90 € (D), 19,50 € (A)
  • ISBN 978-3-423-28071-6
    Ziemlich gute Gruende am Leben zu bleiben 9783423280716

 

DEPRESSION  OHNE  SCHEUKLAPPEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit entwaffnender Verletzlichkeit und tapferer Hoffnung umkreist Matt Haig das Thema Depression. Er nennt sie die „unsichtbare Krankheit“ und versucht, Betroffene dazu anzuregen, ihr Leiden nicht zu verschweigen, sondern zur Sprache zu bringen. Seiner Erfahrung nach helfen Worte (gesprochene und geschriebene), die depressive Isolation zu verlassen und Verbindung zu anderen Menschen und zur Welt herzustellen, was durchaus ein erster Schritt zur Heilung sein kann.

„Was sollen wir also tun? Reden, Zuhören. Zum Reden ermuntern. Zum Zuhören ermuntern. Das Gespräch weiterführen. Die Augen offen halten, uns nach Leuten umsehen, die sich vielleicht am Gespräch beteiligen möchten. Wiederholen, immer und immer wieder, dass Depressionen nichts sind, das man »bekennt«, wofür man sich schämen muss, sondern eine menschliche Erfahrung … Die Depression, das bist nicht du. Sie ist etwas, das dir passiert. Etwas, das häufig durch Reden besser wird. Durch Worte. Trost. Unterstützung … Wo man reden kann, ist Hoffnung.“ (Seite 85/86)

Matt Haig weiß, wovon er schreibt, denn er ist selbst betroffen. Aus seiner schweren Depression in Kombination mit Angststörungen fand er heraus – u.a. auch dank der liebevollen Unterstützung seines familiären Umfeldes. Inzwischen hat er noch depressive Phasen, aber nicht mehr die alle Hoffnung und alle Freude verschlingende Dunkelheit, die ihn einst fast in den Selbstmord getrieben hätte.

Seine Symptom- und Situationsbeschreibungen sind sehr anschaulich und ermöglichen dem Leser eine ahnende Annäherung an den lähmenden, entmutigenden, freudlosen und derealisierenden Depressionszustand. Die unkonventionelle und leicht verständliche Herangehensweise, die auch depressionsunerfahrenen Lesern einen Zugang zur unsichtbaren Krankheit Depression ermöglicht, finde ich gelungen.

So ist sein Buch eine Zusammenstellung von Fakten und Selbsterfahrungen zum Thema Depression und Angst sowie von fiktiven Dialogen mit der Depression. Es gibt Listen von berühmten Persönlichkeiten, die an Depressionen litten, eine subjektive Liste mit schädlichen und heilsamen Dingen, ergänzende Listen mit wertvollen Empfehlungen ( „Gründe, am Leben zu bleiben“ oder „Wie man für jemanden mit Depressionen oder Ängsten da ist“ ) und zu guter Letzt eine „Anleitung zum Leben“ mit 40 hilfreichen Ratschlägen, wie beispielsweise Rat Nr. 26: „Von keinem Medikament auf der Welt wirst du dich tief drin so gut fühlen, wie wenn du nett zu anderen Menschen bist.“ (Seite 290)

Matt Haig hat gleichwohl kein klassisches Ratgeberbuch verfaßt, sondern er führt uns – verteilt auf fünf Leseportionen mit den Überschriften: „FALLEN, LANDEN, AUFSTEHEN, LEBEN, SEIN“ – durch seine persönliche Erfahrung mit Depression und Angststörung. Seine authentischen und selbsterfahrenen Informationen dürften für Betroffene eine erste Hilfe und Orientierung sein oder vermitteln zumindest das tröstliche Gefühl, nicht der einzige Mensch auf Erden zu sein, der sich ausgesetzt, entkräftet, sinnlos und lebensmüde fühlt.

Es gibt keine Pauschalrezepte, die für jeden passen, und deshalb ist es in Ordnung, daß der Autor einfach von den Bedingungen und Methoden (Yoga, lange Spaziergänge, Lesen und Schreiben, Meditation, gesundes Essen …) berichtet, die für ihn heilsam und unterstützend waren und sind.

Dem respektvollen und achtsamen Umgang mit dem Thema Depression fehlt es zugleich auch nicht an durchaus humorvoll-selbstironischen Elementen. Die besondere Qualität dieses Buches liegt in seiner berührenden, warmherzigen Lebenszugewandtheit, seinem tröstlichen Mitgefühl und dem glaubwürdigen Versprechen, daß es sich lohnt, die Depression zu überwinden.

Es gelingt Matt Haig wirklich den Leser einerseits mit dem Phänomen Depression vertraut zu machen, und ihm andererseits die Kostbarkeit, Schönheit und das Gefühlswunder des Lebens (wieder) schmackhaft zu machen und auf diesem Wege seinen Lebenswillen zu stärken.

„Die Menschen legen so viel Wert auf das Denken, aber das Fühlen ist genauso wichtig. Ich will Bücher lesen, die mich zum Lachen und zum Weinen bringen, die mir Angst und Hoffnung machen und mich triumphieren lassen. Ich will, dass ein Buch mich umarmt oder am Kragen packt. Ich habe auch nichts dagegen, wenn es mir einen Schlag in dem Magen versetzt. Denn wir sind hier, um zu fühlen.
Ich will das Leben.
Ich will es lesen und schreiben und spüren und leben.“ (Seite 265)

Auf der DTV-Verlagswebseite gibt es einen Buchtrailer:
http://www.dtv.de/special/ziemlich_gute_gruende_am_leben_zu_bleiben/trailer/2388/

Das gleichnamige Hörbuch ist beim Audio Verlag erschienen:
Ungekürzte Lesung von Barnaby Metschurat
Der Audio Verlag
4 CDs, ca. 5 Stunden und 16 Min.
19.99 € (D), 22.50 € (A)
ISBN 978-3-86231-661-8
Eine Hörprobe gibt es hier: http://www.der-audio-verlag.de/hoerbuecher/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben-haig-matt-978-3-86231-661-8/

Querverweis:

Und hier geht es zu Matt Haigs nachdenklich-amüsanten Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

 

Der Autor:

»Matt Haig, geboren 1975 in Sheffield, hat bereits mehrere Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London. In Deutschland bekannt wurde er mit seinem Romanbestseller „Ich und die Menschen“.«  Mehr unter www.matthaig.com