Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

  • von Matt Haig
  • Originaltitel:»Reasons To Stay Alive«
  • Deutsch von Sophie Zeitz
  • DTV Verlag   März 2016   www.dtv.de
  • Deutsche Erstausgabe
  • gebunden mit Schutzumschlag
  • 304 Seiten
  • 18,90 € (D), 19,50 € (A)
  • ISBN 978-3-423-28071-6
    Ziemlich gute Gruende am Leben zu bleiben 9783423280716

 

DEPRESSION  OHNE  SCHEUKLAPPEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mit entwaffnender Verletzlichkeit und tapferer Hoffnung umkreist Matt Haig das Thema Depression. Er nennt sie die „unsichtbare Krankheit“ und versucht, Betroffene dazu anzuregen, ihr Leiden nicht zu verschweigen, sondern zur Sprache zu bringen. Seiner Erfahrung nach helfen Worte (gesprochene und geschriebene), die depressive Isolation zu verlassen und Verbindung zu anderen Menschen und zur Welt herzustellen, was durchaus ein erster Schritt zur Heilung sein kann.

„Was sollen wir also tun? Reden, Zuhören. Zum Reden ermuntern. Zum Zuhören ermuntern. Das Gespräch weiterführen. Die Augen offen halten, uns nach Leuten umsehen, die sich vielleicht am Gespräch beteiligen möchten. Wiederholen, immer und immer wieder, dass Depressionen nichts sind, das man »bekennt«, wofür man sich schämen muss, sondern eine menschliche Erfahrung … Die Depression, das bist nicht du. Sie ist etwas, das dir passiert. Etwas, das häufig durch Reden besser wird. Durch Worte. Trost. Unterstützung … Wo man reden kann, ist Hoffnung.“ (Seite 85/86)

Matt Haig weiß, wovon er schreibt, denn er ist selbst betroffen. Aus seiner schweren Depression in Kombination mit Angststörungen fand er heraus – u.a. auch dank der liebevollen Unterstützung seines familiären Umfeldes. Inzwischen hat er noch depressive Phasen, aber nicht mehr die alle Hoffnung und alle Freude verschlingende Dunkelheit, die ihn einst fast in den Selbstmord getrieben hätte.

Seine Symptom- und Situationsbeschreibungen sind sehr anschaulich und ermöglichen dem Leser eine ahnende Annäherung an den lähmenden, entmutigenden, freudlosen und derealisierenden Depressionszustand. Die unkonventionelle und leicht verständliche Herangehensweise, die auch depressionsunerfahrenen Lesern einen Zugang zur unsichtbaren Krankheit Depression ermöglicht, finde ich gelungen.

So ist sein Buch eine Zusammenstellung von Fakten und Selbsterfahrungen zum Thema Depression und Angst sowie von fiktiven Dialogen mit der Depression. Es gibt Listen von berühmten Persönlichkeiten, die an Depressionen litten, eine subjektive Liste mit schädlichen und heilsamen Dingen, ergänzende Listen mit wertvollen Empfehlungen ( „Gründe, am Leben zu bleiben“ oder „Wie man für jemanden mit Depressionen oder Ängsten da ist“ ) und zu guter Letzt eine „Anleitung zum Leben“ mit 40 hilfreichen Ratschlägen, wie beispielsweise Rat Nr. 26: „Von keinem Medikament auf der Welt wirst du dich tief drin so gut fühlen, wie wenn du nett zu anderen Menschen bist.“ (Seite 290)

Matt Haig hat gleichwohl kein klassisches Ratgeberbuch verfaßt, sondern er führt uns – verteilt auf fünf Leseportionen mit den Überschriften: „FALLEN, LANDEN, AUFSTEHEN, LEBEN, SEIN“ – durch seine persönliche Erfahrung mit Depression und Angststörung. Seine authentischen und selbsterfahrenen Informationen dürften für Betroffene eine erste Hilfe und Orientierung sein oder vermitteln zumindest das tröstliche Gefühl, nicht der einzige Mensch auf Erden zu sein, der sich ausgesetzt, entkräftet, sinnlos und lebensmüde fühlt.

Es gibt keine Pauschalrezepte, die für jeden passen, und deshalb ist es in Ordnung, daß der Autor einfach von den Bedingungen und Methoden (Yoga, lange Spaziergänge, Lesen und Schreiben, Meditation, gesundes Essen …) berichtet, die für ihn heilsam und unterstützend waren und sind.

Dem respektvollen und achtsamen Umgang mit dem Thema Depression fehlt es zugleich auch nicht an durchaus humorvoll-selbstironischen Elementen. Die besondere Qualität dieses Buches liegt in seiner berührenden, warmherzigen Lebenszugewandtheit, seinem tröstlichen Mitgefühl und dem glaubwürdigen Versprechen, daß es sich lohnt, die Depression zu überwinden.

Es gelingt Matt Haig wirklich den Leser einerseits mit dem Phänomen Depression vertraut zu machen, und ihm andererseits die Kostbarkeit, Schönheit und das Gefühlswunder des Lebens (wieder) schmackhaft zu machen und auf diesem Wege seinen Lebenswillen zu stärken.

„Die Menschen legen so viel Wert auf das Denken, aber das Fühlen ist genauso wichtig. Ich will Bücher lesen, die mich zum Lachen und zum Weinen bringen, die mir Angst und Hoffnung machen und mich triumphieren lassen. Ich will, dass ein Buch mich umarmt oder am Kragen packt. Ich habe auch nichts dagegen, wenn es mir einen Schlag in dem Magen versetzt. Denn wir sind hier, um zu fühlen.
Ich will das Leben.
Ich will es lesen und schreiben und spüren und leben.“ (Seite 265)

Auf der DTV-Verlagswebseite gibt es einen Buchtrailer:
http://www.dtv.de/special/ziemlich_gute_gruende_am_leben_zu_bleiben/trailer/2388/

Das gleichnamige Hörbuch ist beim Audio Verlag erschienen:
Ungekürzte Lesung von Barnaby Metschurat
Der Audio Verlag
4 CDs, ca. 5 Stunden und 16 Min.
19.99 € (D), 22.50 € (A)
ISBN 978-3-86231-661-8
Eine Hörprobe gibt es hier: http://www.der-audio-verlag.de/hoerbuecher/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben-haig-matt-978-3-86231-661-8/

Querverweis:

Und hier geht es zu Matt Haigs nachdenklich-amüsanten Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

 

Der Autor:

»Matt Haig, geboren 1975 in Sheffield, hat bereits mehrere Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London. In Deutschland bekannt wurde er mit seinem Romanbestseller „Ich und die Menschen“.«  Mehr unter www.matthaig.com

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Lola auf der Erbse

  • von Annette Mierswa
  • Mit Bildern von Stefanie Harjes
  • TULIPAN Verlag 2008                 http://www.tulipan-verlag.de
  • gebunden
  •  195 Seiten
  •  9,95 €
  • 978-3-939944-10-2
  • ab 8 Jahren
    Lola

H E R Z E N S Q U A L I T Ä T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lola auf der Erbse“ ist keine Prinzessin auf der Erbse, sondern ein achtjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter auf einem Hausboot lebt. Die Mutter hat eine kleine Wäscherei in der Stadt. Sie steckt sich gerne Blüten ins Haar und schmückt auch das Hausboot mit vielen, bunten Blumentöpfen.

Lola ist klein für ihr Alter und wird oft für viel jünger gehalten, als sie ist. Die kleine Lola will nicht mehr wachsen, seitdem ihr Vater vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Sie weigert sich auch, ihren Hals zu waschen, weil sie den letzten Kuß ihres Vaters dort gleichsam aufbewahrt. Außerdem trägt sie stets Schuhe mit einem weißen und einem schwarzen Schnürsenkel, um sich daran zu erinnern, „dass ihr Vater zuletzt gesagt hatte, alles habe zwei Seiten und sie solle immer darauf achten, beide zu sehen. Denn es gebe keinen Schatten ohne Licht, keinen schönen Tag ohne einen trüben und keine Mama ohne einen Papa.“ (Seite 7)

In der Schule ist Lola eine Außenseiterin, aber das nimmt sie weitgehend unbekümmert hin. Ihr bester Freund ist ein Nachbar, der alte Fischer Solmsen, der sich rührend und großväterlich um Lola kümmert und ihr märchenhafte Geschichten erzählt, die in blühende Phantasie und Poesie verpackte Lebensweisheiten sind.

Kurz vor Lolas neuntem Geburtstag kommt es zu einer familiären Krise, weil Lolas Mutter sich neu verliebt hat. Lola ist wild entschlossen ist, den neuen Mann nicht zu mögen.

Nach trotzigen Reaktionen, dramatischen Auftritten, Tränen und sanft aufklärenden Gesprächen zwischen Mutter und Tochter und auch zwischen dem weisen alten Solmsen und Lola verarbeitet Lola die schmerzliche Wahrheit, daß ihr Vater sich nicht  „in Luft aufgelöst hat“, sondern mit einer anderen Frau nach Kuba ausgewandert ist. Sie empfindet zum ersten Mal nicht nur Sehnsucht nach ihrem Vater, sondern auch Wut.

Sie vollzieht kleine Lösungsschritte, z.B. wäscht sie sich spontan den Hals und am nächsten Tag bemerkt sie, daß sie mindestens zwei Zentimeter gewachsen ist. Das ist ein Grund zur Freude, und ganz, ganz langsam kann sich Lola mit dem Gedanken anfreunden, in Zukunft zwei Väter zu haben; denn wie sagt ihre Mutter so treffend:  „Im Herzen ist mehr Platz, als du dir vorstellen kannst.“ (Seite 122)

Die kindliche Anhänglichkeit und Solidarität mit dem Vater, die unterschwellige Hoffnung, der Vater möge vielleicht doch irgendwie zurückkehren, das Festhalten an alten Erinnerungs-schätzen und die dennoch langsam aufkeimende Sympathie zu dem neuen Partner der Mutter werden sehr feinfühlig und in all ihrer aufwühlenden Widersprüchlichkeit erzählt.

„Lola auf der Erbse“  ist ein wunderbar warmherziger Kinderroman, in dem die Kinder Kinder sind und in dem die Erwachsenen  –  auf erfreulich unneurotische Weise  –  erwachsen sind und eine zwischenmenschliche Orientierung bieten, an der ein Kind wahrlich wachsen kann.

Der Zeichenstil der Buchillustrationen von Stefanie Harjes ist in seiner Kombination aus kindlichem und künstlerischem Ausdruck eine harmonische Widerspiegelung und phantasievoll verspielte Ergänzung der Geschichte.

 

Die Autorin:

»Annette Mierswa, geboren 1969 in Mannheim, tätig für Film, Theater und Zeitung, arbeitet heute als freie Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg. Ihre Romane „Lola auf der Erbse“ (2008) und „Samsons Reise“ (2011) wurden mit diversen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. „Lola auf der Erbse“ ist 2013 u. a. mit Christiane Paul verfilmt worden (Prädikat: Besonders wertvoll) und auch als Hörbuch erhältlich. «

Mehr auf www.annettemierswa.de

 

Die Illustratorin:

»Stefanie Harjes, geboren 1967 in Bremen, studierte Illustration und Malerei an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und Prag. Sie arbeitet als freischaffende Illustratorin in Hamburg vor allem für Buch- und Zeitschriftenverlage und hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise für Ihre Arbeiten erhalten, u. a. den Österreichischen Jugendbuchpreis sowie die Auszeichnung für zwei der Schönsten Bücher Deutschlands. Stefanie Harjes wurde 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«