Die Mitternachtsbibliothek

  • von Matt Haig
  • Roman
  • Originaltitel: »The Midnight Library«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Droemer Verlag, Februar 2021  www.droemer-knaur.de
  • gebunden
  • mit LESEBÄNDCHEN
  • 320 Seiten
  • 20,00 € (D), 20,60 € (A)
  • ISBN 978-3-426-28256-4

LEBENSWECHSEL / WECHSELLEBEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Nora Seed ist eine junge Frau mit vielen Talenten, sie ist klug, musikalisch und vielseitig interessiert, sie hat einen Universitätsabschluß in Philosophie und einen Kater namens Voltaire. Sie arbeitet bei „String Theory“, einem Gitarren- und Musikzubehörladen, und sie leidet an Depressionen, ihre beste Freundin ist nach Australien ausgewandert, und ihr Bruder ist von ihr enttäuscht, weil sie einst in seiner Band wegen ihrer Panik- attacken als Leadsängerin zurücktrat, weshalb ein verheißungsvoller Plattenvertrag nicht zustande kam. Außerdem hat sie vor einiger Zeit ihre eigene Hochzeit kurz vor der Trauung abgesagt. Nora bereut viele ihrer bisherigen Lebensentscheidungen, und ihre zwischenmenschlichen Kontakte sind recht reduziert.

Als sie ihre Arbeit bei „String Theory“ verliert, ihr einziger privater Klavierschüler wegen ihrer Unpünktlichkeit abspringt und dann auch noch ihr Kater stirbt, ist das Maß an Ver-lust, Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Verzweiflung so übervoll, daß sich Nora mit einer Überdosis Tabletten umbringt.

Doch anstelle himmlischer Ruhe findet sie sich anschließend in der „Mitternachtsbiblio-thek“ wieder. Dort steht die Uhr stets auf Mitternacht, und die für Nora zuständige Bibliothekarin klärt sie freundlich darüber auf, daß sie sich in einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod befinde und sie hier die Gelegenheit habe, Einblick in alter- native Nora-Seed-Lebensläufe zu bekommen.

Endlose Reihen von Büchern unterschiedlicher Dicke, in verschiedenen Abstufungen von Grün füllen die Regale der Bibliothek. Doch bevor sie ein anderes Leben „anprobieren“ darf, muß sie das graue und sehr schwere „Buch des Bereuens“ aufschlagen und lesen. Nora ist die alleinige Autorin dieses Buches, wie ihr die Bibliothekarin erläutert, und Nora ist erschüttert, all diese großen und kleinen, alten und jungen Reuegedanken und -Gefühle so buchstäblich zur Kenntnis nehmen zu müssen.

„Du hast so viele Leben, wie du Möglichkeiten hast. Es gibt Leben, in denen du andere Entscheidungen triffst. Und diese Entscheidungen führen zu anderen Resultaten. Hättest du nur eine Entscheidung anders getroffen, dann hättest du eine andere Lebensgeschichte gehabt. Und all diese Möglichkeiten existieren in der Mitternachts- bibliothek.“ (Seite 43)

Zunächst trotzt Nora noch herum, daß sie doch einfach nur sterben wolle, doch dann überwiegt eine leise Neugier, und sie bittet die Bibliothekarin, ihr das Lebensbuch zu geben, in dem sie ihre Hochzeit nicht abgesagt hat. Nora schlüpft in diese Lebensvaria-tion und muß feststellen, daß sie sich dort auch nicht wirklich glücklich fühlt, so kehrt sie nach wenigen Stunden enttäuscht in die Bibliothek zurück.

Unter behutsamer Anleitung der Bibliothekarin besucht sie einige weitere naheliegende Leben, in denen sie die Entscheidungen, die sie bisher stets bereut hatte, anders fällte. Doch egal, ob sie beispielsweise als erfolgreiche, berühmte Sängerin in der Band ihres Bruders auf der Bühne steht oder den bescheidenen Job im Tierheim ausübt anstelle der Arbeit bei „String Theory“, ob sie ihre Freundin nach Australien begleitet oder gar als Gletscherforscherin an einer spannenden Arktis-Expedition teilnimmt – sie merkt immer wieder, daß sie gar nicht ihren eigenen Wünschen folgt, sondern die Erwartungen ihrer Eltern, ihres Ehemanns, ihres Bruders oder ihrer besten Freundin erfüllt, während zugleich ihre Erwartung, mit dieser Wahl eine wesentlich bessere Lebensabzweigung genommen zu haben enttäuscht wird.

Ihre Vorstellung des Hätte-ich-doch-dies-oder-das-getan-oder-gelassen steht immer nur unter einem positiven Erwartungsvorurteil, das sich in der Realisation dann doch nicht ganz so vortrefflich entfaltet. Alle diese Leben enthalten neben Liebe, Glück, Freude, Dankbarkeit, Erfüllung, Freiheit, Ordnung und Verbundenheit auch Angst, Chaos, Ein- samkeit, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Zwang, Schmerz und Trauer.

Nach und nach wagt sie sich an Lebensversionen heran, die nichts mehr mit dem Reue-katalog zu tun haben und viel weiter von ihrer alten Lebensentwicklung entfernt sind. In einer sehr gefährlichen Situation in einem dieser Leben spürt sie, daß sie doch noch einen Lebenswillen hat. Die Bibliothekarin nimmt dies erfreut zur Kenntnis und ermun- tert Nora zu weiteren Lebensanproben, da Nora dadurch mehr über sich und ihr Potenzial lernen kann.

„Der einzige Weg zu lernen ist zu leben.“ (Seite 100)

Nora erkennt, welche Lebenszeitverschwendung es ist, sich übermäßig mit dem „Was-gewesen-wäre-wenn“ zu beschäftigen und daß es konstruktiver ist, die guten Anteile des Jetzt wahrzunehmen und auch selbst etwas zu den guten Anteilen beizutragen. Ihr Selbstmitleid verwandelt sich nachhaltig in Selbstmitgefühl und Selbstakzeptanz, und nachdem Nora endlich begriffen hat, daß jedes Leben voller unendlicher Möglichkeiten ist und daß sie es sich von nun an wert sein will, die ihr wesensgemäßen Entscheidun- gen zu treffen, findet sie auch einen tragfähigen Weg zurück in ihr ursprüngliches Leben.

Matt Haig ist es mit diesem spannenden, gedanken- und schicksals- spielerischen Roman sehr anschaulich gelungen, die Thematisierung von Depression und Lebensangst mit der Idee multiverseller Leben zu verbin- den. Die sehr detailliert durchdachte, raffinierte Romankomposition bietet eine ebenso berührende wie faszinierende sowie gelegentlich amüsante philosophische, quantenphysikalische und zwischenmenschliche Inszenie- rung, die glaubwürdig von Lebensverneinung zu Lebensbejahung führt.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.droemer-knaur.de/buch/matt-haig-die-mitternachtsbibliothek-9783426282564

 

Der Autor:

»Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Bei dtv sind von ihm zuletzt die Romane „Ich und die Menschen“ (2014)  und „Wie man die Zeit anhält“ (2018) sowie die Sachbücher „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ (2016) und „Mach mal halblang“ (2019) erschienen. Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.«

Die Übersetzerin:

»Sabine Hübner übersetzt seit 1989 Sachbücher, Belletristik und Lyrik, u.a. von Mark Haddon, Michael Frayn und Edward St. Aubyn.«

Querverweis:

Hier entlang zu Matt Haigs nachdenklich-amüsantem Roman „Ich und die Menschen“, in dem uns die außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation einen ganz besonderen Blick auf das Alltägliche verschafft: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/
Hier entlang zu seinem Roman „Wie man die Zeit anhält“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/05/27/wie-man-die-zeit-anhaelt/
Und zu seinem autobiographischen Buch zum Thema Depression „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/06/14/ziemlich-gute-gruende-am-leben-zu-bleiben/

Noch ein Querverweis:

Das Thema biografischer Variationen wird auch in Laura Barnetts Roman „Drei mal wir“ anschaulich durchgespielt. Dieser Roman erzählt die Liebesgeschichte von Eva und Jim, ausgehend von ihrer ersten schicksalhaften Begegnung. Doch das, was sich aus dieser ersten Begegnung an Lebens- und Liebesabzweigungen entwickelt, erzählt die Autorin in drei unterschiedlichen Variationen. Diese drei Variationen werden durch drei unter- schiedliche Druckfarben von einander abgegrenzt, so daß man immer weiß welche Variante gerade leseaktuell ist. https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/28/drei-mal-wir/

 

 

 

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Vielleicht

  • Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns
  • Geschrieben von Kobi Yamada
  • Illustriert von Gabriella Barouch
  • Originaltitel: »maybe«
  • Übersetzung von Gerda M. Pum
  • Adrian Verlag 2020 www.adrian-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 22,3 x 31 cm
  • 44 Seiten
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3947188-85-7
  • Bilderbuch ab 4 Jahren

S E L B S T B E S T I M M U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das Bilderbuch „vielleicht“ spricht Kinder direkt an, stellt Fragen, die nach innen führen und bietet spielerisch-philosophisch Antworten an – läßt dabei gleichwohl weite Frei- räume und ermutigt ausdrücklich dazu, auf das eigene Herz zu hören, sich nicht mit der Oberfläche abzufinden und in die Tiefe zu gehen, um die eigenen Talente und Neigungen zu entdecken.

Angesichts eines Zeitgeistes übermäßiger Konformität, willkürlicher Gleichmacherei, bindungszerstörerischer Wettbewerbsmentalität und zweckbetonter Bildungsnormen ist dieses Bilderbuch ein gelungener Gegenpol, der ebenso zu Individualität und unkon- ventioneller Einzigartigkeit wie zu Empathie und Verbundenheit animiert. „Vielleicht“ setzt einfühlsam in Szene, wie es wäre, wenn man Kinder nicht in ein Korsett aus Erwartungen schnürt, sondern ihnen den Spielraum läßt, ihrer inneren Stimme und ihrer Herzenswahrheit zu lauschen und entdeckend-ausprobierend zu folgen. Gelegentliches Scheitern ist dabei ebenfalls erlaubt, denn dies gehört dazu wie Wachstumsschmerzen.  

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Die Fragen, die hier gestellt werden, weisen auf das SEIN hin, auf innere Werte, auf Achtsamkeit, Begeisterung, Entdeckungslust, Freiheit, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Lebensweite, Mut, Magie, Naturverbundenheit und Phantasie. So wird Kindern auf empfindsam-meditative Weise vermittelt, daß die Möglichkeiten und Perspektiven, die sie in sich finden, wahrnehmen und kultivieren, auch eine Bereicherung für die Gestaltung der Welt sein dürfen, ja, sogar sein sollen.

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Es ließe sich einwenden, daß der Text verhältnismäßig abstrakt bleibt, daß viele Sätze – aus erwachsener Perspektive – an kalenderspruchartige Weisheiten erinnern. Doch der kindliche Geist ist noch viel unbelesener und dürfte deutlich aufnahmebereiter für solche Ermutigungen sein – zumal sich während der Vorlesesituation und im Dialog mit dem Kind vertiefende Konkretisierungen der persönlichen Besonderheiten und Vorlieben ergeben können.

Die ausdrucksvollen Illustrationen sind konkreter als der Text, gehen mehr ins Detail, bieten eine anregend-phantasievolle und schöne Kulisse für die innere Orientierung. Sie zeigen ein Kind (ohne Namen), das eine Mütze aus Blättern trägt, in der Stirnmitte ist ein gelber Vogelschnabel aus gefaltetem Papier angebracht. Dieser Laubvogelkopf- schmuck gibt dem Kind unmittelbar eine naturverbundene und kreative Note. Man sieht sofort, daß wir es hier mit einem eigenwilligen und sensiblen Menschenwesen zu tun haben, das die Welt mit offenem Herzen betritt und dessen Schritte in der Welt deshalb noch fließender und verträumter sind als beim eher verschlossenen erwachsenen Menschen. Naturverbundenheit zeigt sich in fast allen Szenerien und spiegelt sich auch in der ständigen Begleitfigur des kleinen Schweinchens.

© Vielleicht / Kobi Yamada & Gabriella Barouch, Adrian Verlag

Die Illustratorin benutzt eine dezente, sanftbunte Farbpalette, und sie jongliert mit Größenproportionen – so reist das Kind beispielsweise auf einer Seite in einer Nuß- schale übers Meer, und auf der nächsten Seite sitzt es bequem auf der Mondsichel und spielt mit den Sternen. Dies spiegelt anschaulich die Reichweite des Möglichen.

Dieses Bilderbuch wird vom Verlag ab dem Alter von vier Jahren empfohlen. Dem stimme ich zu, möchte aber ergänzen, daß sich diese vorbildliche Anregung zur Selbst- bestimmung und Selbstwirksamkeit auch noch gut für Jugendliche eignet, die sich dem Ende der Schulzeit nähern und sich für die nächste Lebensweichenstellung entscheiden müssen.

 

»Du bist du. So jemanden wie dich
hat es noch nie gegeben und wird
es auch nie mehr geben.
In dir steckt so viel.«

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://adrian-verlag.de/vielleicht-landing_page/

Eine weitere Besprechung aus mütterlicher Sicht gibt es bei Steffi auf LESENSLUST:
https://lesenslust.wordpress.com/2020/04/16/kinderfreuden-37-make-a-wish/

Der Autor:

»Kobi Yamada ist ein New York Times Bestsellerautor und CEO von Compendium, einem Unternehmen, wo besondere Menschen besondere Dinge kreieren. Kobi lebt glücklich mit der Liebe seines Lebens und ihren zwei superlustigen Kindern im Land des fliegenden Lachses. Dort entdeckt er jeden Tag unglaubliche Möglichkeiten. Er fragt sich oft, ob sein Leben vielleicht noch schöner ist, als er es sich je erträumt hat. «

Die Illustratorin:

»Gabriella Barouch ist eine Künstlerin, deren Arbeiten weltweit anerkannt sind. Ihr unverwechselbarer Stil kombiniert realistische Details mit magischen Elementen und Motiven auf eine ganz besondere Art. Dadurch spricht sie Menschen jeden Alters an. Gabriella lässt sich gerne von ihren gesammelten Vintage-Spielzeugen inspirieren und liebt es, an  viele verschiedene Ort zu reisen. Sie ist tief verbunden mit der Natur, vor allem mit Wäldern. „Vielleicht“ ist ihr erstes Bilderbuch.«

 

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