Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben

LEBENSWACH  UND  TODESMUTIG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In weiser Gelassenheit, schicksalserprobter Demut und mit großer kultureller Flügelspannweite umkreist François Cheng in seinem Buch Leben und Tod aus. Das Werk entstand aus philosophischen Gesprächen mit Freunden, und so wird auch der Leser stets zu Beginn jeden Kapitels mit in den Freundeskreis eingeladen, um zu leselauschen, hinzuspüren und sich dem Thema zu stellen.

Vertraut mit fernöstlichen sowie westlichen poetisch-philosophischen Traditionen stellt François Cheng beispielsweise Rilke-Gedichte sowie Tagebucheinträge von Etty Hillesum neben Weisheiten Laozis und weist auf ihre korrespondierenden Sichtweisen bezüglich Sein und Werden, Ewigkeit und Vergänglichkeit, Gott und Religion, Gut und Böse, Leben und Tod hin.

Es geht dem Autor in seiner Darstellung keineswegs um Todessehnsucht, sondern um eine achtungsvolle Akzeptanz der Sterblichkeit, die eine zugewandte Haltung zur kostbaren Einmaligkeit des Lebens verstärkt. Anstatt vom Leben aus ängstlich auf den Tod zu blicken, schaut François Cheng vom Tode aus mutig auf das Leben.

„Den Tod in unsere Sicht eingliedern, heißt, das Leben als ein Geschenk von unschätzbarer Großzügigkeit zu empfangen.“
(Seite 37)

Des weiteren wird in den insgesamt fünf Kapiteln über Körper, Geist und Seele, Eros und Liebe, Leere und Fülle, Kunst und Transzendenz, Trost und Verantwortung sowie Zeit und Augenblick reflektiert. Dabei bezieht sich der Autor u.a. auf Stendhal, Michelangelo, Marcel Proust, Simone Weil, Victor Hugo, Teilhard de Chardin, Pascal, Meister Eckhart, Friedrich Nietzsche, auf den Daoismus und Konfuzianismus sowie auf viele Dichter, u.a. Keats, Shelley, Wang Wei und immer wieder Rilke.

„Jedes Kunstwerk ist in seinem erhabensten Zustand Einklang der Seele mit der Seele der anderen und mit dem SEIN. Auf diese Weise sucht jeder Schöpfer Raum und Zeit zu überwinden, Trennung und Tod zu transzendieren. Er strebt nicht nach Kommunikation, sondern nach Kommunion.“
(Seite 89)

Gerade die Schmerzempfindlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens taucht seine Schönheit und Einmaligkeit in ein besonders intensives Licht. Erst das Bewußtsein des Todes lehrt uns die Kostbarkeit des Lebens.

Im Verlaufe der ersten vier Kapitel ergänzen und illustrieren zitierte Verse und Gedichtstrophen sowie Tagebucheinträge den philosophisch-meditativen Diskurs. Das fünfte Kapitel indes enthält eine Auswahl von François Chengs eigenen Gedichten und verläßt sich schließlich ganz auf die Poesie, als das Instrument, das sich am besten für ein letztes Wort eignet.

So wähle ich zum poetischen Ausklang auch ein paar Verse von François Cheng aus und übergebe sie dem Augenblick.

„ … Inmitten der überwältigenden Sternenunermesslichkeit?
Aufblitzen dieses winzigen Herzens, das da schlägt,
An diesem Nachmittag einer Sommersonnenwende …
Dank sei dem Wunder, das bewirkt, dass dies ist…“      (Seite 159)

François Cheng ©

 

Der Autor:

»François Cheng, geb. 1929 in China, siedelte bereits mit 19 Jahren nach Frankreich über. Er hat zahlreiche Romane, Gedichtsammlungen sowie Arbeiten über das chinesische Denken und die chinesische Kunst verfasst und ist darüber hinaus ein berühmter Kalligraph. Seit 2002 ist er Mitglied der Académie française.
Bei C.H. Beck ist 2013 vom ihm außerdem erschienen: Fünf Meditationen über die Schönheit.«

 

Advertisements

Oma trinkt im Himmel Tee

  • Bilderbuch
  • Text von Fang Suzhen
  • Übersetzung aus dem Chinesischen von Thomas Geiger
  • Illustrationen von Sonja Danowki
  • Nord Süd Verlag   www.nord-sued.com
  • 48 Seiten
  • Fadenheftung
  • 19,99 € (D), 20,60 € (A), 28,90 € sFr.
  • ISBN 978-3-341-10275-2
  • ab 4 Jahren

Oma trinkt im Himmel Tee Titelbild

ZWISCHEN  HIMMEL  UND  ERDE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sehr feinfühlig und mit leisen Tönen in Wort und Bild vermittelt das Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“, wie ein Kleinkind den Verlust seiner Großmutter verarbeitet und währenddessen sowohl eine zartes Bewußtsein von Vergänglichkeit als auch eine ganz persönliche Form der inneren Verbundenheit entwickelt, die Trost spendet.

Der kleine Xiao Le fährt mit seiner Mutter in das Dorf der duftenden Blumen, um seine Oma zu besuchen. Das Dorf ist weit entfernt, und sie müssen mit dem Zug fahren. Xiao Le freut sich schon darauf, endlich seine Oma wiederzusehen und ihr sein momentanes Lieblingsspielzeug, einen kleinen Bagger, zu zeigen.

Bei der Ankunft fremdelt er zunächst ein bißchen, denn die Oma hat sich sichtbar verändert und liegt krank im Bett. Während die Tochter einige haushalterische Dinge erledigt, schaut sich Xiao Le ein Kindheitsfoto seiner Mutter an, und seine Großmutter erzählt davon, wie die Mutter sich als Kind verhielt.

1

Illustration von Sonja Danowski ©

(Alle hier wiedergegebenen Illustrationen sind aus dem Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“ von „Fang Suzhen“, illustriert von „Sonja Danowski© 2015 NordSüd Verlag AG, Zürich / Schweiz)

3

Illustration von Sonja Danowski ©

Dann steht sie auf und geht mit ihrem Enkel Hand in Hand in den Garten, und sie spielen vergnügt Tauziehen mit Sauerkleestengeln, und anschließend trinken sie gemeinsam mit der Mutter Tee und essen Kuchen. Schließlich muß sich die Oma erschöpft wieder hinlegen, und Xiao Le sieht, wie seine Mutter mit einer Nachbarin spricht und dabei weint.

4

Illustration von Sonja Danowski ©

Xiao Le und seine Mutter fahren wieder zurück nach Hause. Xiao Le wird seine Oma nicht mehr wiedersehen.
(Anklicken vergrößert die Bildansicht)

Seine Mutter erklärt ihm später, daß seine Oma vom Dorf der duftenden Blumen in den Himmel umgezogen sei. Xiao Le fühlt, daß seine Mutter ihre Mutter vermißt, wenn sie gedankenverloren und weinend in den Himmel schaut, und er begreift auch, daß die Entfernung zum Himmel zu groß ist, um sie mit dem Zug zu überwinden.

Für Xiao Le wird der Blick in den Himmel zu einer stillen Verbindung zum himmlischen Alltag seiner Oma. Wenn die Sonne golden leuchtend untergeht, stellt sich Xiao Le vor, daß seine Oma sich im Himmel ein Spiegelei brät, oder wenn der Mond aufgeht, hat seine Oma das Licht angeknipst und wenn es regnet, wäscht sie ihre Wäsche.

Xiao Le ist damit im Einklang, daß seine Oma in unerreichbarer Ferne „lebt“, aber seiner Mutter nimmt er gleichwohl das Versprechen ab, nicht auf die Idee zu kommen, die Oma zum Teetrinken im Himmel zu besuchen …

5

Illustration von Sonja Danowski ©

(Alle hier wiedergegebenen Illustrationen sind aus dem Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“ von „Fang Suzhen“, illustriert von „Sonja Danowski© 2015 NordSüd Verlag AG, Zürich / Schweiz)

Einfühlsam hat die deutsche Illustratorin den chinesischen Text in detailreiche Bilder übersetzt, die ein asiatisches Ambiente wiedergeben. Die Zeichnungen von Sonja Danowski sind von erstaunlicher Feinheit, die Darstellung der menschlichen Lebensräume und das anrührend gefühlvolle Minenspiel der Familienmitglieder, die zärtlichen Gesten und die liebevollen Abschiedsblicke bringen das Unausgesprochene, das zwischen den Zeilen schwebt, überaus beredt zum Ausdruck.

Es sind Bilder, in deren feinsinniger Tiefe und transparenter Zwischenmenschlichkeit man geradezu meditativ versinken kann. Die sanftmütige Harmonie, die von diesem Bilderbuch ausstrahlt ist wirklich etwas ganz besonderes.

 

Hier gibt es Einblicke ins Bilderbuch:
http://www.book2look.com/vBook.aspx?id=lff7KVzQai

Die Autorin:

»Fang Suzhen ist eine preisgekrönte taiwanesische Kinderbuchautorin, die Bilderbücher, Märchen und auch Poesie für Kinder schreibt. Ihr Werk umfasst fast 200 Bücher. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitet Fang Suzhen auch als Übersetzerin und engagiert sich ehrenamtlich als Geschichtenerzählerin und in der Leseförderung.«

Die Illustratorin:

»Sonja Danowski lebt als Illustratorin in Berlin. Bei ihrer Arbeit liegt ein besonderer Fokus auf Bilderbüchern und darauf, mit Bildern menschliche Erinnerungen zu bewahren. Ihre kolorierten Zeichnungen wurden mehrfach international ausgezeichnet.
2013 gewann sie die Goldmedaille beim koreanischen Nami Island International Picture Book Illustration Concours. Diese Auszeichnung führte zur Zusammenarbeit mit dem chinesischen Kinderbuch-Verlag CCPPG.«

Querverweise:

Hier folgen Links zu weiteren Kinderbüchern zu den Themen: Abschied, Tod und Trauer:

Ente, Tod und Tulpe
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/06/13/ente-tod-und-tulpe/
Erik und das Opa-Gespenst

https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/05/erik-und-das-opa-gespenst/
Kleiner Fuchs Großer Himmel
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/11/23/kleiner-fuchs-grosser-himmel/
Nur ein Tag
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/10/13/nur-ein-tag/
Opa Meume und ich 
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/opa-meume-und-ich/
Der Tod auf dem Apfelbaum
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/20/der-tod-auf-dem-apfelbaum/
Überall & Nirgends / Gedichte über Tod und Trauer
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2018/07/03/ueberall-nirgends/
Wie lange dauert Traurigsein?
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/12/03/wie-lange-dauert-traurigsein/

Der vierte Versuch

  • von Catherine  O’Flynn
  • Arche Verlag 2011
  • 978-3-7160-2645-8
  • 300 Seiten,  19,90  €
  • Übersetzung aus dem Englischen von
  • Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Taschenbuchausgabe bei btb                              http://www.btb-verlag.de
  • 978-3-442-74416-9
  • 9,99 €
    Der vierte Versuch von Catherine OFlynn9783716026458.jpg Der vierte Versuch

PROVINZPROMINENZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 „Der vierte Versuch“  ist ein leises Buch, eine Choreographie der kleinen und  großen, der unsichtbaren und sichtbaren Abschiede.

Wie schon in ihrem faszinierenden ersten Roman „Was mit Kate geschah“  (siehe meine  Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/10/was-mit-kate-geschah/ )
, erweist sich Catherine O‘ Flynn als eine Meisterin der Schilderung des feinen zwischenmenschlichen Gefühlsgewebes, das unser Leben maßgeblich bestimmt.

Frank  Allcroft arbeitet als Moderator bei einem Fernsehsender in seiner Heimatstadt Birmingham. Er genießt eine gewisse Provinzprominenz, ist jedoch angenehm frei von Profilneurosen und sonstigen mediengemäßen Selbstdarstellungsaufblähungen.

Gelegentlich berichtet er in seiner Sendung über Menschen, die dermaßen einsam und isoliert gelebt haben, daß ihr Tod erst nach vielen Tagen, einmal sogar erst nach fast drei Wochen bemerkt wird. Er macht es sich zur Gewohnheit, zu den menschenleeren Beerdigungen dieser Toten zu gehen und ihnen auf diese Weise Respekt zu zollen. Manchmal hilft er auch bei der Recherche nach eventuellen entfernten Angehörigen.

Im Gegensatz dazu hat der plötzliche Unfalltod, mit Fahrerflucht, seines väterlichen Freundes und einstigen Mentors Phil eine breite Öffentlichkeit. Phil hatte eine glanzvolle Karriere beim überregionalen Fernsehen gemacht und war ein richtiger Fernsehstar, der mit 78 Jahren noch munter auf der Bühne stand. „Phil war mit so einer Art televisuellem Feenstaub gesegnet – “

Als Frank bei der Durchsicht von Unterlagen eines seiner einsamen Toten ein Kinderfoto von Phil und dem Verstorbenen findet, macht er sich auf weitere Spurensuche, in der Hoffnung, vielleicht etwas zur Aufklärung des Unfalles seines Freundes beitragen zu können.

In geschickt eingeschobenen Rückblenden erfahren wir von Franks Verhältnis zu Phil, nehmen Teil an Franks Kindheitsprägungen und sehen, wie sich Birminghams Stadtbild verändert. Frank ist ein freundlicher und melancholischer Charakter, der auch damit zu kämpfen hat, daß die einst zukunftsträchtigen Hochhäuser, die sein Vater in den siebziger Jahren als Architekt entworfen hat, nach und nach abgerissen werden und neuen Stadtplanungen weichen müssen.

Beiläufig wird Sozialkritik  geübt, z.B. wenn Frank beim Besuch einer Moderatorin erlebt, wie ein Interview nachträglich so zusammengeschnitten wird, das die Antworten besser zum beabsichtigten Sendeformat passen, oder wenn Frank die Entscheidung des Produzenten in Frage stellt, welche Geschichten und Nachrichten es wert sind, die Sendebühne zu erreichen.

Der Roman hat eine angenehm undramatische Spannung, die selbst für nur momenthaft auftauchende Nebenfiguren Anteilnahme und Interesse weckt. Die durchgehende Abschiedsstimmung wird durch wohldosierte Prisen feinen Humors aufgelockert.

Dazu gehören besonders die putzigen Szenen, in denen sich Mo, die kleine Tochter von Frank, dazu berufen fühlt, die offenkundige Traurigkeit ihrer Großmutter zu verringern. Sie holt sich Anregungen aus den Gratisblättchen mit Tipps  für Senioren und installiert diverse, mehr oder weniger gelungene, Alltagserleichterungen in der Wohnung ihrer Oma.

Franks Suchergebnis ist am Ende fast nebensächlich, bleibt doch das Hauptthema der Geschichte, empfindsam und scharfsinnig, unterschiedliche Varianten des Umgangs mit Alter, Tod und Vergänglichkeit darzustellen.

Unsere Abwesenheit ist das, was von uns bleibt.“