Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch

  • von Andreas Steinhöfel
  • illustriert von Peter Schössow
  • vierter Rico-und-Oskar-Band
  • CARLSEN Verlag  November 2017    www.carlsen.de
  • gebunden
  • 272 Seiten
  • Format: 15 x 21 cm
  • mit vierfarbigen Illustrationen
  • 14,99 € (D), 15,50 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-551-55665-3
  • ab 10 Jahren

KINDERHERZLICHE  NÄCHSTENLIEBE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Es gibt bereits drei Bände von Rico und Oskar, und als es damals im Jahre 2011 beim Erscheinen des dritten Bandes „Rico, Oskar und das Herzgebreche“ hieß, die Reihe sei abgeschlossen, war ich betrübt, daß es mit diesen außergewöhnlich liebenswerten und originellen Kinderbuchcharakteren nicht weitergehen sollte. Nun bin ich hocherfreut, daß Andreas Steinhöfel den Leselebensfaden von Rico und Oskar doch noch weitergesponnen hat.

Der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar sind die besten Freunde füreinander. Die beiden Jungs ergänzen sich mit ihren jeweiligen Eigenheiten, Stärken und Schwächen, und sie entwickeln sich aneinander weiter.

Oskar kann ausgezeichnet kopfrechnen, weiß viel und ist ein wandelndes Lexikon. Deshalb ist er sich jedoch auch allzu vieler möglicher Lebensgefahren bewußt, was eine Neigung zum Tragen von Kopfbedeckungen (Sturzhelme, diverse Mützen) zur Folge hat. Besonders auffällig ist dies bei Bommelmützen im Hochsommer und wenn er darauf besteht, die Kopfbedeckung auch in Innenräumen nicht abzulegen. In entspanntem Zustand kann Oskar jedoch gut auf eine Kopfbedeckung verzichten.

Rico kann schlecht rechnen, weil ihm – wie er selber sagt – im Gehirn die passende Abteilung für Mathematik fehle. Bei Reizüberflutung kann er gar nicht mehr denken, weil in seinem Kopf die „Bingotrommel“ losgeht und ihn die  wild und laut herum- klackernden Bingokugeln total verwirren. Manchmal versteht er Dinge etwas zu wörtlich, was zu witzigen Mißverständnissen führt. Rico verfügt über sehr viel Einfühlungsvermögen und geht wesentlich geduldiger an seine Mitmenschen heran als Oskar, der die Begriffsstutzigkeit von Erwachsenen und Kindern nur schwer ertägt.

Mit Ricos ausgeprägtem Gefühlsspürsinn und Oskars klugem Köpfchen haben die beiden Jungs schon einige aufregende Abenteuer gut überstanden. Die Freunde wohnen in einem Altbauhaus in der „Dieffe 93“ in Berlin. Das ist ganz praktisch, zumal Rico eine ausgeprägte Rechtslinksschwäche hat und sich räumlich schnell verirrt.

Oskar wohnt bei seinem Vater Lars in der zweiten Etage. Rico lebt mit seiner Mutter und seinem frisch angeheirateten Stiefvater in einer zusammengelegten Wohnung, die sich  über die vierte und fünfte Etage erstreckt. Ricos Mutter ist hochschwanger und achtet inzwischen konsequent auf gesunde Ernährung, was Ricos Süßigkeitenkonsum drastisch einschränkt. Und kürzlich behauptete seine Mutter auch noch, er habe heimlich ihre Silberzwiebelchen weggefuttert. Mann, Mann, Mann – dabei war er wirklich unschuldig.

Wir schreiben den 24. Dezember. Rico schaut schneeflockenhypnotisiert aus dem Fenster auf das dichte Schneetreiben und ist mit seiner Geschenkevorfreude beschäftigt. Er wünscht sich einen Kriminalkoffer und eine Detektivausrüstung, schließlich hat er mit Oskar zusammen schon einige Kriminalfälle gelöst, und überdies ist sein neuer Papa  Polizist – da dürften ja wohl mal ein paar Handschellen & Co drin sein.

Um halb elf gehen Rico und Oskar zu Fuß zum Karstadt. Oskar will noch ein Geschenk für seinen Vater und für Otto kaufen, den besten Kumpel seines Vaters. Außerdem vielleicht noch eine Kleinigkeit für Anna, die neue Freundin, die Otto heute zum Festessen und Kennenlernen mitbringen wird. Rico will noch ein ganz raffiniertes, sehr um die Ecke gedachtes Geschenk für sein zukünftiges Brüderchen oder Schwesterchen kaufen – einen Schwimmreifen, mit dem es bei der Geburt durchs „Obstwasser“ schwimmen soll. Ich freue mich jetzt schon auf die Verfilmung dieses lustigen Verkaufsgesprächs …

Auf dem Weg zum verabredeten Wiedertreffpunkt in der Herrenabteilung – bei Karstadt verirrt sich Rico nämlich unerklärlicherweise nie – beobachtet Rico von der Rolltreppe aus, daß Oskar an einem Sonderangebotstisch für weiße Damenunterwäsche herum-wühlt. Rico wundert sich, fragt aber später nicht nach.

Zurück in der Dieffe 93 muß erst einmal Ricos Vater vor der im Treppenhaus einge-klemmten etwas übergroßen Weihnachtstanne gerettet werden. Das kommt davon, wenn man irgendwelche unterwegslichen Sonderangebote wahrnimmt, anstatt wie versprochen seinen Sohn zum Baumaussuchen mitzunehmen.

Doch das renkt sich alles wortwörtlich wieder ein, zumal Lars, Otto, Anna und sogar der muffelige Hausmeister Mommsen tüchtig mitanpacken. Rico darf zum Ausgleich den Baum schmücken, und Mamas beste Freundin Irina beginnt derweil ein traditionelles russisches Weihnachtsmenü vorzubereiten, denn Ricos Mama kann mit ihrem Wasserballbauchumfang nicht so lange in der Küche hantieren und soll sich lieber schonen und ausruhen.

Rico macht eine kleine Stippvisite bei Frau Dahling, seiner alten Freundin und Nachbarin aus dem dritten Stock, die sich Sorgen macht, da ihr Verehrer noch nicht da ist. Rico tröstet sie und meint, daß er wegen des vielen Schnees einfach länger unterwegs sei. Ein paar leckere Müffelchen staubt er beiläufig auch noch ab. Frau Dahling erzählt, daß Oskar bei seinem letzten Besuch eine Riesenmenge Müffelchen alleine verputzt habe. Rico wundert sich erneut über Oskars ungewohntes Verhalten.

Müffelchen sind kleine Schnittchen mit Käse und Aufschnitt, mit kulinarischer Dekoration aus Gürkchen, Oliven, Ei, Petersilie, salziger Sardelle und Silberzwiebelchen. Wenn Frau Dahling mit Rico und Oskar Filmschnulzen guckt, gibt es immer Müffelchen, und da wäre man wirklich selber gerne mal dabei.

Der Schneesturm wird immer heftiger. Rico packt liebevoll das Geschenk für sein Geschwisterchen ein und kuschelt eine Runde mit Porsche, seinem kleinen Jack-Russell-Terrier.

Rico denkt über Oskar nach, über das verschwundene Essen, über die Damenunter-wäsche und diverse weitere Auffälligkeiten. Kaum hat er richtig kombiniert, daß Oskar offenbar jemanden versteckt und durchfüttert, da klingelt Oskar und bittet seinen Freunde dringend um Hilfe …

Das wird sehr dramatisch und schneewehisch, aber auch ganz wunderwunderbar familiär und nächstenlieb – wie es sich für den Heiligen Abend gehört …

Wer eine spannende und zugleich gefühlvoll-nachdenkliche sowie humorvolle Kinderlektüre sucht, ist bei Rico und Oskar sehr gut aufgehoben. Hier finden sich ein reicher Fundus lebensechter Charaktere, ein warmherziger, wortspielerisch- er Erzählstil, eine lebenskluge Balance von perfekter Dramaturgie und emotionaler Reflektion sowie vielfältige familiäre, lustige, milieuspezifische, zwischenmenschliche und kindgemäß-geistreiche Aspekte.

Alleine schon für die Worterklärungskästchen, die Rico immer formuliert, wenn er ein neues Fremdwort gelernt hat, lohnt sich die Lektüre, wie das nachfolgende Zitat zeigt:

»PROFILNEUROSE: Wenn jemand sich vor anderen wieder und wieder darstellen muss, auch wenn die ihn schon jahrelang kennen und das langweilig finden. Es ist die Vorstufe von Narzissmus, wo einer nur noch sich selber sieht und liebt. Keine Ahnung, was das alles mit Rosen und Narzissen zu tun hat, aber es betrifft nicht nur Gärtner.« (Seite 156)

Die farbigen Illustrationen von Peter Schössow geben Rico und Oskar mit ausdrucksvollem Minimalismus anschaulich-knuffelige sowie äußerst textgetreue Gestalt, und die schneebeflockten Kapiteltrennseiten tragen zusätzlich zur winterlichen Gestimmtheit der Geschichte bei.

Im vorliegenden vierten Band von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind die Kinder im Vergleich zu den ersten drei Bänden etwas reifer und selbstbe- wußter geworden. Ricos Kopfbingogekugel hat deutlich nachgelassen, und Oskar trägt nicht ständig eine Kopfbedeckung. Gleichwohl sind sie Kinder und brauchen Halt, Orientierung und Hilfe von erwachsenen Erwachsenen. Es gibt in diesem Buch sehr anrührende Szenen, welche das tiefe kindliche Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit, Schutz, Trost und Vertrauen in anschaulichen Formulierungen wiedergeben.

Ricos Angst vor Liebesverlust durch das erwartete Geschwisterchen begegnet Oskar mit folgender sehr weisen Antwort:

»Liebe ist, glaube ich, etwas ziemlich Unerschöpfliches. Dir wird nichts weggenommen – wenn jemand Neues dazukommt, wächst für den einfach neue Liebe dazu. Deshalb muß man auch keine Vorräte anlegen, es ist immer genug für alle da.« (Seite 94)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-vomhimmelhoch-rico-und-oskar-/61384

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band „Rico, Oskar und die Tieferschatten“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-die-tieferschatten-rico-und-oskar-1/30991
zum zweiten Band: „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-das-herzgebreche-rico-und-oskar-2/25135
und zum dritten Band: „Rico, Oskar und das Herzgebreche“:
https://www.carlsen.de/hardcover/rico-oskar-und-der-diebstahlstein-rico-und-oskar-3/23133
Hier entlang zu einem weiteren Kinderbuch von Andreas Steinhöfel, in dem sich ebenfalls zwei Außenseiter erfolgreich zusammentun: „Glitzerkatze und Stinkmaus“
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/11/glitzerkatze-und-stinkmaus/

Der Autor:

»Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren, arbeitet als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher – vor allem aber ist er Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2009 hat Andreas Steinhöfel den Erich-Kästner-Preis für Literatur verliehen bekommen, 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Der Illustrator:

»Peter Schössow, Jahrgang 1953, gehört zu den renommiertesten deutschen Illustratoren. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg arbeitete er unter anderem für Spiegel, Stern und Die Sendung mit der Maus. Darüber hinaus hat er eine Vielzahl von Kinderbüchern verfasst und illustriert, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Peter Schössow lebt in Hamburg.«

 

Meine lokale KAUFEMPFEHLUNG:

Für meine Solinger Mitleser weise ich gerne darauf hin, daß die Buchhandlung
DIE SCHATZINSEL stets einen satten Vorrat an Andreas-Steinhöfel-Büchern pflegt.
Von „Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch“ sind sogar noch
vom Autor signierte Exemplare (von der Solinger-Steinhöfel-Lesung vom 6.11.2017) vorrätig.

Die Schatzinsel
Buch & Meer
Forststr. 1
42697 Solingen
Tel:   0212  –  38 32 95 10
Fax:  0212  –  38 32 95 11
http://www.schatzinsel-solingen.de

 

 

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Ein Geschenk für den Weihnachtsmann

  • von Martina Badstuber
  • Pappbilderbuch
  • Magellan Verlag  September 2017  www.magellanverlag.de
  • Format: 17,5 x 17,5 cm
  • 16 Seiten
  • 8 € (D), 8.30 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-1536-2
  • Bilderbuch ab 2 Jahren

G E B E F R E U D E

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Das kleine Eichhörnchen bekommt alljährlich ein schönes Geschenk vom Weihnachts-mann. Dieses Jahr möchte das Eichhörnchen nicht nur Geschenkempfänger, sondern auch einmal Geschenkegeber sein. Es hat sich in seinem kleinen Köpfchen die allerbesten Geschenke überlegt und sich schließlich dazu entschieden, dem Weihnachtsmann eine neue Mütze zu stricken.

Doppelt vorfreudig aufs Schenken und Beschenktwerden wartet das kleine Eichhörnchen nun auf die Ankunft des Weihnachtsmannes. Kaum erklingen die Glöckchen des Weihnachtsmannschlittens im Wald, da stapft das Eichhörnchen mit seinem Geschenk durch den Schnee und überreicht dem  Weihnachtsmann ein verschnürtes Päckchen.

Auf die Frage des Eichhörnchens, ob ihm sein Geschenk gefalle, antwortet er schmunzelnd, daß das Eichhörnchen noch etwas viel Besseres habe, das es ihm schenken könne.

Das Eichhörnchen überlegt und bietet eine besondere Nuß als Wegzehrung an, dann einen selbstgenagten Kamm. Doch stets meint der Weihnachtsmann, daß es noch ein viel, viel besseres Geschenk für ihn gebe.

Illustration von Martina Badstuber © Magellan Verlag 2017

Nach angestrengtem Grübeln kommt das Eichhörnchen auf die Idee, dem Weihnachts-mann beim Geschenkeverteilen zu helfen, und es müht sich sogleich demonstrativ mit dem Tragen eines viel zu großen Geschenks ab.

Nein, das bräuchte das Eichhörnchen nun wirklich nicht zu leisten, meint der Weihnachtsmann und überreicht dem eifrigen Eichhörnchen sein Geschenk. Das kleine Eichhörnchen lächelt erfreut über sein ganzes Gesichtchen und – DA! – ist es, das beste Geschenk für den Weihnachtsmann: Das Lächeln!

„Ein Geschenk für den Weihnachtsmann“ erzählt in einfachen, sanft formulierten Worten von der Freude des Schenkens, von Dankbarkeit und von der Kostbarkeit des Lächelns. Die lustigen, farbenfrohen, flächigen Zeichnungen setzen die freundliche Beziehung zwischen Eichhörnchen und Weihnachtsmann verspielt und stimmungsvoll in Szene.

Die dankbare, einfühlsame und großzügige Grundhaltung des niedlichen Eichhörnchens wirkt sehr sympathisch und ausdrücklich vorbildlich. Unaufdringlich wird kleinen Kindern hier die Botschaft vermittelt,  daß die Aufmerksamkeit und die dankbare Geste, mit der ein Geschenk gegeben und empfangen wird, mindestens so wertvoll sind wie das Geschenk selbst.

 

Die Autorin und Illustratorin:

» Martina Badstuber, geboren 1972 in Ravensburg, hat nach der Ausbildung zur Dekorateurin an der Fachhochschule für Gestaltung in Augsburg Kommunikationsdesign studiert. Seit 2004 ist sie als Autorin und Illustratorin für verschiedene Verlage tätig. Sie lebt mit ihrem Mann, Tochter, Sohn und Kater August-Dieter-Löwe in der Nähe von Ravensburg. «

Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!

  • von Frida Nilsson
  • Illustrationen von Anke Kuhl
  • Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
  • Gerstenberg Verlag September 2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • 128 Seiten
  • gebunden
  • Format 16 x 21,5 cm
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A), 16,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-5860-8
  • ab 8 Jahren
    Frohe Weihnachten, Zwiebelchen! Titelbild

EINE  SCHÖNE  BESCHERUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!“ ist eine Geschichte, die ganz nahe am ebenso verletzlichen wie tapferen kindlichen Herzen geschrieben wurde.

Stig, der als Säugling von seiner Mutter den Kosenamen Zwiebelchen bekommen hat, wünscht sich sehnlich ein Fahrrad zu Weihnachten. Doch seine alleinerziehende Mutter hat nicht genug Geld, um ihm einen solch kostspieligen Wunsch zu erfüllen, und sie ermahnt ihn freundlich, sich doch bitte ein alternatives Geschenk zu überlegen.

Zwiebelchen hat aber nun einmal diesen einen Wunsch, und auf dem Fußweg zur Schule beobachtet er neidisch seinen Klassenkameraden Elmar – der begleitet von seinem Vater – mit dem Rad zur Schule fährt.

Elmar hat also nicht nur ein Fahrrad, er hat auch einen Vater. Denn Stig vermisst nicht nur ein Fahrrad, sondern auch einen Vater. Schon oft hat er versucht, seine Mutter dazu zu bewegen, nach Stockholm zu fahren und seinen Vater kennenzulernen. Aber seine Mutter will nichts von diesem Mann wissen; nur ihn, das Zwiebelchen, das hätte sie unbedingt gewollt.

Nachdenklich geht Stig auf dem weiteren Weg zur Schule an einer Autoreparatur-werkstatt vorbei, die Karl gehört. Karl gilt als komischer Vogel, er hinkt, er hat einen kleinen Hühnerstall auf seinem Werkstattgelände, und angeblich kann er Hühner hypnotisieren. Das bringt Zwiebelchen auf die Idee, daß er Karl fragen könne, ob er vielleicht auch Mütter dahingehend hypnotisieren könne, daß sie trotz Geldmangels einen Fahrradwunsch erfüllen.

Zwiebelchen im Chor

Illustration von Anke Kuhl ©

Schüchtern nähert er sich Karl und ist angenehm überrascht, daß dieser zwar äußerlich etwas verlottert ist, aber sehr freundlich mit ihm und mit den Hühnern spricht. Zwiebelchen besucht Karl nun öfter und lernt einiges über Hühner und wie man sich ihr Vertrauen erwirbt. Tatsächlich ist er mit der Hühnerpflege und der wachsenden zutraulichen Verbindung zu Karl eine ganze Weile von seiner Fahrradbesessenheit abgelenkt und erwägt sogar, sich stattdessen etwas von Lego zu wünschen.

Zwiebelchen radelt

Illustration von Anke Kuhl ©

Seine Mutter freut sich über den Kontakt, den er mit Karl aufgenommen hat, und sie scheint ihn auch zu mögen. Bei einer weihnachtlichen Schulaufführung sitzt seine Mutter zusammen mit Karl im Publikum, und Stigs Mitschüler spekulieren laut darüber, ob der komische Vogel wohl sein unbekannter Vater sei. Das geht Stig zu weit, und er reagiert schroff und abweisend auf Karl und stellt sich seinen richtigen Vater irgendwie glanzvoller und toller vor.

So kommt es, daß Stig sich von allen unverstanden und peinlich-bemitleidetet fühlt und er einfach ein verwaistes Fahrrad „mitnimmt“ und versucht, sich – trotz des einsetzenden Schneefalls – auf den Weg nach Stockholm zu machen. Der emotionale Aufruhr in seinem Herzen weicht mit zunehmender Kälte und Dunkelheit der Sehnsucht nach seiner Mama und dem Zweifel, ob er bei seinem richtigen Vater überhaupt erwünscht sei, ja, er zweifelt sogar an seiner grundsätzlichen Liebenswertigkeit.

Zwiebelchen umarmt

Illustration von Anke Kuhl ©

Schließlich durchdringt das Licht eines Autoscheinwerfers das Schneegestöber; am Steuer des Wagens sitzt Karl. Zwiebelchen ist sehr froh und dankbar, daß Karl ihn offenkundig gesucht und gefunden hat und ihn fürsorglich zurück nach Hause bringen möchte. Stig und seine Mutter sprechen sich danach – gemütlich aufs Sofa gekuschelt – gründlich aus, und Stig wünscht sich von ganzem Herzen, daß sie gemeinsam mit Karl Weihnachten feiern … und Hühner streicheln.

„In seiner Brust, die vom vielen Weinen noch ganz wund ist, fliegt sein Herz herum wie ein eben aufgewachter Winterschmetterling.“
(Seite 52)

Zwiebelchen mit Huhn

Illustration von Anke Kuhl ©

Frida Nilsson schlüpft in dieser Weihnachtsgeschichte einfühlsam in die kindliche Wahrnehmungs- und Gefühlswelt und beschreibt diese sozialsensibel, ungeschönt, situationskomisch und warmherzig sowie mit spielerischem Tiefsinn. Besonders anrührend empfinde ich die Unmittelbarkeit in der sprachlichen Darstellung der kindlichen Bedürfnisse, Hoffnungen, Interpretationen, Konflikte und Sehnsüchte.

Die Illustrationen von Anke Kuhl geben den emotionalen Abwechslungsreichtum dieser Geschichte mit ausdrucksvollem Minimalismus wider.

 

Die Autorin:

»Frida Nilsson, geb. 1979 in Örebro, Schweden, arbeitete als Moderatorin für das schwedische Kinderfernsehen und schreibt seit 2004 äußerst erfolgreich Kinderbücher. In Schweden wird sie von der Presse gern mit Roald Dahl verglichen, der einer ihrer Lieblingsautoren ist. Viele ihrer Geschichten sind für das schwedische Kinderradio veretont worden. Für Hedvig! Im Pferdefieber wurde Frida Nilsson 2006 für den Augustpreis nominiert; 2014 wurde sie mit dem Astrid Lindgren Priset für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.
Bei Gerstenberg sind von ihr außerdem erschienen: Hedvig! Das erste Schuljahr und Hedvig! Die Prinzessin von Hardemo, beide Bücher mit Bildern von Anke Kuhl.«

Die Illustratorin:

»Anke Kuhl, geb. 1970, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Sie hat Freie Kunst an der Uni Mainz und Visuelle Kommunikation an der HFG Offenbach studiert und arbeitet seit ihrem Abschluss 1998 als freie Illustratorin und Grafikerin in der Ateliergemeinschaft »labor«. 2002 wurde sie mit dem Troisdorfer Bilderbuchstipendium ausgezeichnet, 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.«

Die Übersetzerin:

»Friederike Buchinger, geb. 1973, lebt mit Tochter, Hund und Meerschweinchen in der Pfalz. Sie übersetzt seit 2001 aus dem Dänischen, Norwegischen und Schwedischen und hegt dabei eine besondere Liebe zu Kinderbüchern im Allgemeinen und den schrägen, unangepassten im Besonderen. Ihre Übersetzung von Ich, Gorilla und der Affenstern wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«

Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben

LEBENSWACH  UND  TODESMUTIG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In weiser Gelassenheit, schicksalserprobter Demut und mit großer kultureller Flügelspannweite umkreist François Cheng in seinem Buch Leben und Tod aus. Das Werk entstand aus philosophischen Gesprächen mit Freunden, und so wird auch der Leser stets zu Beginn jeden Kapitels mit in den Freundeskreis eingeladen, um zu leselauschen, hinzuspüren und sich dem Thema zu stellen.

Vertraut mit fernöstlichen sowie westlichen poetisch-philosophischen Traditionen stellt François Cheng beispielsweise Rilke-Gedichte sowie Tagebucheinträge von Etty Hillesum neben Weisheiten Laozis und weist auf ihre korrespondierenden Sichtweisen bezüglich Sein und Werden, Ewigkeit und Vergänglichkeit, Gott und Religion, Gut und Böse, Leben und Tod hin.

Es geht dem Autor in seiner Darstellung keineswegs um Todessehnsucht, sondern um eine achtungsvolle Akzeptanz der Sterblichkeit, die eine zugewandte Haltung zur kostbaren Einmaligkeit des Lebens verstärkt. Anstatt vom Leben aus ängstlich auf den Tod zu blicken, schaut François Cheng vom Tode aus mutig auf das Leben.

„Den Tod in unsere Sicht eingliedern, heißt, das Leben als ein Geschenk von unschätzbarer Großzügigkeit zu empfangen.“
(Seite 37)

Des weiteren wird in den insgesamt fünf Kapiteln über Körper, Geist und Seele, Eros und Liebe, Leere und Fülle, Kunst und Transzendenz, Trost und Verantwortung sowie Zeit und Augenblick reflektiert. Dabei bezieht sich der Autor u.a. auf Stendhal, Michelangelo, Marcel Proust, Simone Weil, Victor Hugo, Teilhard de Chardin, Pascal, Meister Eckhart, Friedrich Nietzsche, auf den Daoismus und Konfuzianismus sowie auf viele Dichter, u.a. Keats, Shelley, Wang Wei und immer wieder Rilke.

„Jedes Kunstwerk ist in seinem erhabensten Zustand Einklang der Seele mit der Seele der anderen und mit dem SEIN. Auf diese Weise sucht jeder Schöpfer Raum und Zeit zu überwinden, Trennung und Tod zu transzendieren. Er strebt nicht nach Kommunikation, sondern nach Kommunion.“
(Seite 89)

Gerade die Schmerzempfindlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens taucht seine Schönheit und Einmaligkeit in ein besonders intensives Licht. Erst das Bewußtsein des Todes lehrt uns die Kostbarkeit des Lebens.

Im Verlaufe der ersten vier Kapitel ergänzen und illustrieren zitierte Verse und Gedichtstrophen sowie Tagebucheinträge den philosophisch-meditativen Diskurs. Das fünfte Kapitel indes enthält eine Auswahl von François Chengs eigenen Gedichten und verläßt sich schließlich ganz auf die Poesie, als das Instrument, das sich am besten für ein letztes Wort eignet.

So wähle ich zum poetischen Ausklang auch ein paar Verse von François Cheng aus und übergebe sie dem Augenblick.

„ … Inmitten der überwältigenden Sternenunermesslichkeit?
Aufblitzen dieses winzigen Herzens, das da schlägt,
An diesem Nachmittag einer Sommersonnenwende …
Dank sei dem Wunder, das bewirkt, dass dies ist…“      (Seite 159)

François Cheng ©

 

Der Autor:

»François Cheng, geb. 1929 in China, siedelte bereits mit 19 Jahren nach Frankreich über. Er hat zahlreiche Romane, Gedichtsammlungen sowie Arbeiten über das chinesische Denken und die chinesische Kunst verfasst und ist darüber hinaus ein berühmter Kalligraph. Seit 2002 ist er Mitglied der Académie française.
Bei C.H. Beck ist 2013 vom ihm außerdem erschienen: Fünf Meditationen über die Schönheit.«

 

Die kleine Elfe feiert Weihnachten

  • Bilderbuch
  • von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus         http://www.urachhaus.de
  • 3. Auflage 2011
  • 24 Seiten, gebunden
  • Format: 20,8 x 23 cm
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-8251-17740-9
  • ab 4 Jahren
    9783825177409_Elfe und Weihnachten

EINE   SCHÖNE   BESCHERUNG

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die kleine Elfe Flirr, die manchen vielleicht aus dem Vorgängerbuch „Die kleine Elfe kann nicht schlafen“ schon vertraut ist, sucht ein Winterquartier. Sie wandert durch den eingeschneiten Wald und begegnet einigen hilfsbereiten Tieren.

Als die kleine Elfe vor dem Schneegestöber hinter einem Baum Schutz sucht, findet sie ein frierendes und hungriges Zwergenkind, das dem Weihnachtmann entgegengehen wollte und sich dabei verirrt hat. Fürsorglich teilt sie ihre bescheidenen Vorräte mit dem Zwergenkind, und sie gehen gemeinsam weiter.

Nach einer Weile  treffen sie den Weihnachtsmann, der mit seinem Esel und dem berühmten Sack mit den vielen Geschenken unterwegs ist. Die beiden dürfen auf dem Esel reiten und begleiten den Weihnachtsmann eine ganze Nacht lang. Am nächsten Morgen kommen sie beim Zuhause des Zwergenkindes an, der Weihnachtsmann überreicht jedem ein Geschenk und verabschiedet sich.

Die kleine Elfe Flirr feiert mit der Zwergenfamilie ein gemütliches Weihnachtsfest und wird von ihr eingeladen, den ganzen Winter über in ihrer behaglichen Zwergenbehausung zu bleiben.

Welches Geschenk die kleine Elfe vom Weihnachtsmann bekommen hat, verrate ich hier nicht, das dürfen Sie schon selbst herausfinden…

„Die kleine Elfe feiert Weihnachten“ ist ein warmherziges, empfindsam illustriertes  Bilderbuch, in dem es um Hilfsbereitschaft und das Glück einfacher, elementarer und geteilter Freuden geht.

Und wie immer bei der Illustratorin Daniela Drescher sind die Bilder von erstaunlicher botanischer und zoologischer Genauigkeit, gepaart mit einer feinsinnigen, seelenvollen und zauberhaften Atmosphäre.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.urachhaus.de/buecher/9783825177409/die-kleine-elfe-feiert-weihnachten

Die Autorin und Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen mittlerweile weltweit bekannt. Neben eigenen Geschichten hat sie mehrere Klassiker der Weltliteratur illustriert. Daniela Drescher lebt in Blaubeuren am Blautopf, ist verheiratet und Mutter von vier Kindern
http://www.danieladrescher.de

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

  • von Meir Shalev
  • Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
  • Diogenes Verlag   November  2012               http://www.diogenes.ch
  • Taschenbuch
  • 288 Seiten
  •  9,90  €
  •  ISBN 978-3-257-24200-3
    meine-russische-grossmutter-und-ihr-amerikanischer-staubsauger-9783257242003

GESCHICHTEN, DIE  SICH  UM GESCHICHTEN RANKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben, man muß sie nur erzählen, weitersagen und weitergeben. Tatsachen dienen dabei als Rankhilfe für alle möglichen Geschichtenverästelungen, Wörterblütenschmuck und Phantasiefrüchte.

Der israelische Romancier Meir Shalev schöpft für den Roman „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ bewegliche Wahrheiten aus dem biographischen Brunnen seiner Vorfahren und Verwandten.

Die Hauptperson ist seine Großmutter Tonia, die Hauptsache ist ein Staubsauger, und die Haupthandlung dreht sich ums Putzen.

Zwischen diesen drei Eckpunkten knüpft Meir Shalev ein facettenreiches, interessantes und menschenkenntnisreiches Geschichtennetz. Die Großmutter erzählt, der Großvater, die Mutter, der Vater, die Onkel, die Tanten: Alle erzählen gern und viel und haben keine Scheu, die tatsächlichen Tatsachen nur als Vorwort für eigenwillige und kreative Ausschmückungen, Ergänzungen, Interpretationen und Variablen der Wahrheit zu nutzen. In Meir Shalevs Buch kommen sie alle zu Wort, und so mäandern um die Geschichte des Staubsaugers viele Nebengeschichten, die jedoch einen anschaulichen und sinnvollen Beitrag zum Gesamtbild liefern.

Nebenbei bemerkt: Aus diesem Geschichtenkomposthaufen und dieser familiären Erzähltradition mußte  ja ein Schriftsteller hervorwachsen!

Ich bringe nun den „shalevschen“ Einleitungsrefrain zum Einsatz.  „Die Sache war so“ : Großmutter Tonia wanderte in den zwanziger Jahren aus dem ukrainischen Dorf Rokitno nach Israel ein, in die Jesreel-Ebene, in das  Dorf Nahalal.

Nahalal war der erste „Moschaw“. Die genossenschaftliche ländliche Siedlungsform des Moschaw erlaubt im Gegensatz zum Kibbuz Privatbesitz und eine individuelle, familiäre Haushaltsführung.

Tonia heiratete ihren verwitweten, 14Jahre älteren Schwager Aaron und gebar zwei Töchter und drei Söhne. Eine dieser Töchter war Meir Shalevs Mutter. Großvater Aaron und Großmutter Tonia bewirtschafteten einen Bauernhof. Die Lebensbedingungen waren einfach, und die Arbeitsbedingungen verlangten schweren körperlichen Einsatz. Erst im Jahr 1936  bekam das Dorf eine Stromversorgung, und Großvater Aaron und Großmutter Tonia zogen von ihrer Holzbaracke in ein richtiges, neugebautes Wohnhaus um.

Mit dem Einzug ins Haus begann Tonias Putzfimmel, zunächst harmlos mit Schonläppchen auf den neuen Türklinken und der Vorschrift für das kleine Geschäft, nicht das WC zu benutzen, sondern Großvaters speziellen Zitrusbaum im Garten zu bewässern.

Die klimatischen Bedingungen in Nahalal bedeuteten im Winter Schlamm und Matsch und im Sommer Staub über Staub. Dies machte es einer Sauberkeitsfanatikerin nicht leicht, ihren Anspruch durchzusetzen. Alltäglich wurde der Fußboden mit einem Lappen naß gewischt und das Putzwasser so lange gewechselt und der Aufwischvorgang so oft wiederholt, bis das Putzwasser glasklar und absolut lichtdurchlässig war – ein Frondienst, von dem Großmutter Tonias Töchter ein Lied singen können, da sie natürlich beim Kampf gegen den Schmutz von ihrer Mutter zum frühmorgendlichen Putzen zwangsverpflichtet wurden.

Großvater Aaron hatte einen älteren Bruder, Jeschajahu, der es vorgezogen hatte, nach Amerika auszuwandern, und der dort ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde. Da er von der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Pioniere in Palästina wußte, schickte er einen Brief, gefüllt mit Dollars an seinen jüngeren Bruder, um ihm zu helfen. Doch der sture, sozialistische Landwirt lehnte das „kapitalistische Diasporageld“  ab und sandte es mit „einigen ideologischen Zurechtweisungen“  wieder an den Absender zurück. Nach mehrfachen vergeblichen Reisen von Briefen und Dollars zwischen Amerika und Nahalal war dann auch Jeschajahu beleidigt und sann auf eine raffinierte Rache.

Nachdem das Gerücht über Tonias Putzzwang bis nach Amerika in Jeschjahus Ohren gelangt war, kam die Gelegenheit zur Rache. Jeschajahu kaufte  den „größten, schwersten, stärksten und besten Staubsauger“, den Amerika zu bieten hatte, und schickte ihn  seiner Schwägerin, wohlwissend, daß seine Verwandten es sich nicht leisten konnten, dieses Geschenk zurückzuschicken.

Wie dieses Geschenk, diese konspirative Luxusputzhilfe von Großmutter Tonia behandelt wurde, überlasse ich nun gerne Ihrer Leseneugier oder sage, wie Tonia befehlen würde: „Lest mir dieses Buch!“

Sprachlich besonders reizvoll und amüsant sind die familientypischen Redewendungen und die grammatischen Eigenwilligkeiten der Großmutter, die der Autor stilistisch aufgreift und mit denen wir als Leser bald ganz selbstverständlich und vertraut auf  Du sind. Ein paar liebenswürdige und schmackhafte Prisen Jiddisch bekommen wir außerdem serviert.

Die Figuren dieses Romans erscheinen so echt, leibhaftig und greifbar lebendig, daß man nach Beendigung der Lektüre das Gefühl hat, sie wirklich kennengelernt zu haben. Das liegt nicht nur daran, daß es wirkliche Menschen sind und wir auch einige Photographien zur Illustration angeboten bekommen, sondern an der malerischen, sinnlichen, warmherzigen und humorvollen Erzählweise. Shalevs Erzählton hat eine starke Ausstrahlung, die sich dem Gedächtnis lebhaft einprägt und die Leseerfahrung beinahe in Lebenserfahrung verwandelt.

Die Passage, in der Meir Shalevs Mutter mit Bleistift und Globus die Reiseroute des Putzfimmelgerüchtes nacherzählt, ist märchenhaft schön und witzig.

Aus dem langen Lieferweg eines Staubsaugers eine kurzweilige, spannende Heldenreise zu machen bezeugt Shalevs glaubwürdige Phantasiebegabung.

Und auch die Belehrung über das richtige und geschlechtsspezifische Auswringen des Putzlappens auf Seite 84 hat eine gewisse pragmatische Faszination, die mir ein unwillkürliches Schmunzeln entlockte und mich  –  das gebe ich gerne zu  –  in Versuchung führte, diese Anleitung praktisch zu überprüfen.

Von herrlicher historischer Selbstironie sind z.B. die einfühlsam nachempfundenen Gedanken und Gefühle des versammelten Moschaw-Dorfpublikums beim Anblick des Staubsaugerkartons mit der fast lebensgroß aufgedruckten, aufgedonnerten, mit Nagellack und Lippenstift bewaffneten amerikanischen Hausfrau.

Ein ganz großes Lob hat auch das Titelbild verdient: es gibt  wirklich die Werbever- packung des sagenhaften Staubsaugers wieder; oder jedenfalls entspricht die Illustration exakt der Beschreibung, die der Autor uns ausführlich ausgemalt hat.

Und nun folgt noch ein Zitat (der letzte Satz des Romans), mit dem ich Meir Shalev das Schlußwort überlasse:

„Denn das ist wichtig: Der Wahrheit treu bleiben, auch wenn sie einem nicht die Treue hält, sie mit Verstand auswringen, nicht wie ein Mann, sondern wie eine Frau, und sie in Geschichten erzählen und diese gegen das Licht halten und gründlich prüfen, immer wieder, bis sie richtig sind – wirklich klar und sauber.“

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/meir-shalev/meine-russische-grossmutter-und-ihr-amerikanischer-staubsauger-9783257242003.html

Der Autor:

»Meir Shalev wurde 1948 in Nahalal in der Jesreel-Ebene geboren. Er studierte Psychologie und arbeitete viele Jahre als Journalist, Radio- und Fernsehmoderator. Inzwischen ist Meir Shalev einer der bekanntesten und beliebtesten israelischen Romanciers. Er lebt mit seiner Familie in Jerusalem und in Nord-Israel.«