Lebensgeister

S E E L E N S C H I M M E R N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lebensgeister“ ist ein meditatives Buch, erzählt in einer leisen, unaufgeregten Sprache, die Klarheit, Mitgefühl und Trost ausstrahlt.

Die Geschichte beginnt mit dem kompletten Text des Liedes „Lover Lover Lover“ von Leonhard Cohen. Dieses Lied erklang im Auto, als der Unfall geschah, den Sayoko schwerverletzt überlebte und der Sayokos Geliebten Yōichi das Leben kostete

Bevor Sayoko im Krankenhaus wieder zu Bewußtsein kommt, macht sie eine liebe- und lichtvolle Nahtoderfahrung und wird von ihrem verstorbenen Großvaterfreundlich, aber bestimmt dazu aufgefordert,  ins Leben zurückzukehren.

Sayoko widmet sich ihrer Genesung, kümmert sich in Kyōto um das Atelier sowie Yōichis künstlerischen Nachlaß und ist dankbar für die herzliche Geborgenheit, die ihre Eltern und Schwiegereltern ihr schenken. Das Katalogisieren von Yōichis Skulpturen und Skizzen lindert ihre Trauer, gibt ihr eine sinnvolle Beschäftigung und ein Gefühl von ferner Nähe zum verstorbenen Geliebten.

Der Unfall, die Nahtoderfahrung und die Trauer haben Sayoko verändert. Sie geht verwandelt durch die Welt, bemerkt Feinheiten und Farben, die ihr früher entgangen sind, und sie kann die Geister/Seelen der Verstorbenen sehen, die sich noch nicht ganz von der irdischen Welt gelöst haben.

Die Wahrnehmung und Begegnung mit solchen Geistern ist nicht dramatisch, sondern ganz unspektakulär, alltäglich, ja, oft friedlich und in manchen Fällen sogar ganz sympathisch. Nur Yōichi kann sie nicht sehen, da er offenbar leichten Herzens die Erde verlassen hat und nicht „herumspukt“.

Abends besucht Sayoko regelmäßig eine gemütliche Bar, um gewissermaßen rituell „ihre Wunden zu desinfizieren“, wie sie selber scherzhaft anmerkt. Der aufmerksame Barkeeper Shingaki behandelt sie sehr fürsorglich, und auch er scheint über eine Wahrnehmung zu verfügen, die über das übliche hinausgeht.

Sayoko  schmeckt zärtlich-wehmütigen Erinnerungen an Yōichi nach, aber sie schließt auch Freundschaft mit Ataru, der um seine verstorbene Mutter trauert und gleichwohl von sehr lebenszugewandter und heiterer Wesensart ist.

Langsam wächst Sayokoks Vertrauen wieder, Dankbarkeit, Hoffnung, Sehnsucht, Zuversicht und freundschaftliche Verbundenheit entstehen in einfacher Selbstverständlichkeit. Sayoko kann sich schließlich mit vertiefter Empfindsamkeit und Daseinsfreude dem Leben zuwenden und den Tod akzeptieren.

Sanftmütig, federleicht und herzenstief wird in „Lebensgeister“ mit Leben und Tod umgegangen. Ganz ohne heiligen Bimbam, unsentimental und doch feinfühlig findet Sayoko ins Leben zurück und öffnet ihr Herz weit für das Jetzt.

Zum Ausklang und zum Lesevorkosten noch drei Zitate:

»Der Tod nimmt nicht mit dem Alter zu. Er ist immer bei Dir, ganz nah. Nur das Denken an den Tod nimmt zu und nagt an der Illusion, vor dem Unausweichlichen noch eine Weile sicher zu sein.« (Seite 105)

»Wenn du zu weit nach vorne schaust, stolperst du. Verweile lieber im Moment, und gehe Schritt für Schritt deinen Weg.«  (Seite 111)

»Wir haben nur das Jetzt, Augenblick für Augenblick, aber welch eine unerschöpfliche Fülle sich allein schon in einem einzigen Moment offenbart!« (Seite 130)

 

Die Autorin:

»Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch ›Kitchen‹ schrieb sie während ihres Studiums, jobbte nebenbei als Kellnerin in einem Café und verliebte sich dort in die Blüten der ›red banana flower‹, daher ihr Pseudonym. Ihr Vater Ryumei Yoshimoto war ein bekannter Essayist und Literaturkritiker. Sie schrieb zahlreiche Bücher, die auch außerhalb Japans ungewöhnlich hohe Auflagen erreichten. Ihr Debütroman verkaufte sich auf Anhieb millionenfach – ein Phänomen, für das dann die Bezeichnung ›Bananamania‹ gefunden wurde.«
Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/banana-yoshimoto/lebensgeister-9783257300420.html

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57 Kommentare zu “Lebensgeister

  1. Liebende Ulrike

    … die Seite 130 aufgreifend

    „Der Heilige Augenblick“

    So Er gefühlt gewürdigt ermöglicht gewollt und bewusst ergriffen ist
    Hat sich schon Alles verändert
    Hin zu jenem umfassenden Lieben
    Frei von jeglicher Todesangst
    Unbefangen jedweder Lebensgier
    Und „lieb sein und lieb haben“ Strategie

    Obiges Gänsefüßchenzitat aus

    „Ein Kurs in Wundern“

    dankend
    Dir Joaquim von Herzen

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  2. Klingt gut, was Du darüber schreibst, liebe Ulrike.
    Stille Geschichten mit vielen feinsinnigen Gedanken sind wundervoll und regen die Leselust sehr an.
    Über ihren Vornamen habe ich mich sehr gewundert, bis Du ihn dann erklärt hast *g*.

    Zu poetisch wird es mir wohl nicht sein, denke ich *g* und das Stille darin wird mir gefallen

    Liebe Abendgrüße von Bruni an Dich

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    • Schön, daß meine Besprechung bei Dir solchen Anklang findet, liebe Bruni.
      Die meditative Stille und sanftmütige Klarheit, die zu Yoshimotos Stil gehören, dürften Dir wohlgefallen.

      Die Texte zu den Autoren schreibe ich übrigens nicht selbst, die zitiere ich von den Verlagsangaben im jeweiligen Buch oder von der Webseite. Deshalb setzte ich sie auch in » Klämmerchen «.

      Herzensgruß von mir an Dich

      Gefällt 2 Personen

  3. Für mich ist das eh das typische an ihren Büchern, diese gewisse tiefe Ruhe, das setz ich mal auf meine Liste. Nachdem Murakami nun abgehakt ist, jetzt Banana Yoshimoto. Kitchen mochte ich aufjedenfall.

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  4. Die Geschichte des Buches klingt wundertraurig und erinnert ein wenig an „Wie der Wind sich hebt“… es könnte eine Fortsetzung des Filmes sein. Kann ich nur empfehlen, falls du mal eine Pause von Büchern brauchst 😉

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  5. Danke für Deinen interessanten Einblick in dieses Buch.
    Die Rezension kam für mich zu einem ziemlich günstigen Zeitpunkt. Ich werde morgen meine erste „offizielle“ Rezension – also mit einem von einem Verlag gestellten Rezensionsexemplar – einstellen. Ich habe gleich noch einmal geschaut, welchen Aufbau Du für Deine Rezensionen wählst. Ich glaube, ich kann keine bessere Lehrerin finden. Ich danke Dir.
    Solltest Du den Eindruck haben, dass ich zu sehr kopiere oder zu viel nachmache, dann sage mir doch bitte Bescheid. Das möchte ich gern vermeiden.
    Dankbare Grüße
    Belana Hermine

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    • Liebe Belana Hermine,
      Du hast doch bereits gute Schreibroutine mit Deiner Webseite. Ich bin mir sicher, daß Du Deinen eignen TON pflegst, auch wenn Du meine Rezensionsstruktur studierst.
      Bin schon neugierig-gespannt auf Deine Besprechung …
      Harmonische Grüße 🙂

      Gefällt 2 Personen

  6. Liebe Ulrike, es sind diese „Zufälle“ im Leben, die dieselbe leise Offenheit verdienen, die Random Randomsen so unglaublich schön in Worte gefasst hat: gestern haben wir beide uns noch über ein Buch ausgetauscht, das sich von einer anderen Seite her mit dem Thema der „Seele“ befasst. Am Morgen hatte ich, bevor ich noch hier auf deiner Seite war, die Idee, ein anderes Buch erneut zu lesen, das mich unendlich tief berührt hat: „Heilung im Licht“ von Anita Moorjani, die von ihrer Nahtoderfahrung berichtet und ihrer Heilung. Und heute lese ich diese wunderschön einfühlsame Rezension von dir.
    So sollten wir miteinander umgehen, leise, unaufdringlich, unmissionarisch, aber ruhig auch deutlich sprechen von unserem letztendlichen Eins-Sein. Da ist der Ausgang aus der Angst.
    Ich freu‘ mich auf die Lektüre der „Lebensgeister“.
    herzlich, Michael

    Gefällt 2 Personen

  7. Deine heutige Buchbesprechung hat den delikaten Klang von Sternenstaub, der sachte ins Herz fällt und dort nach und nach und nach ein immer deutlicheres und schöneres Muster bildet. 🙂
    Ein lebenswesentliches Thema, dem es sehr gut bekommt, wenn es unaufdringlich erzählend und ohne heiligen Bimbam daherkommt. Denn Letzterer ist Gift für ein Thema, das wie kaum ein anderes eine sensible Offenheit bedingt. Vom unheilvoll-heiligtümelnden Bimbam befreit können Leserinnen und Leser ungezwungen das aus dem Text herauslesen, was für sie stimmig ist. Deine heutige Rezension bringt in mir Saiten zum Klingen, die nicht bei jeder Alltagsmelodie in Schwingung geraten.
    Wir haben nur das Jetzt. Ja. Jetzt oder nie ist eigentlich das Motto jedes Lebens. Deshalb sage ich hier – jetzt – schon mal ganz herzlich danke für diese ganz besondere Buchpräsentation.

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  8. Liebste Ulrike, dieser japanische Roman klingt wirklich interessant. Eigentlich tue ich mich schwer mit japanischen Texten, sind mir sie doch zu oft zu poetisch. Dieses Buch klingt ganz anders. Mal eine ganz andere Frage, wurde es erst auf japanisch, dann englisch, jetzt auf deutsch übersetzt? Wann war die Erstveröffentlichung? Ich habe gerade über den Übersetzer Thomas Eggenberger nachgelesen, weil seine wundervolle Übersetzung mich neugierig gemacht hat. Und wieder kann ich Dir für diese wunderbare Rezension danken. Allerliebste Grüße von mir zu Dir!

    Gefällt 4 Personen

    • Liebstes Sternchen,
      dieses Buch ist 2011 bei Gentosha Publishing Co., Ltd., Tokyo erschienen und zwar unter dem Titel > Sweet Hereafter <. Ich weiß nicht, warum der Titel auf Englisch ist.
      Die mir vorliegende deutsche Übersetzung erfolgte aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg.

      Lebensgeister ist ein sehr stilles Buch, es ist nicht ausdrücklich poetisch, sondern eher skizzenhaft und andeutend geschrieben.

      Mit einem dankbaren Lächeln für Deine Aufmerksamkeit und Dein Lob verneige ich mich ganz japanisch und sage arigatou gozaimasu
      有難う 御座います

      Gefällt 4 Personen

      • Also 5 Jahre alt 😉 eigentlich relativ schnell übersetzt und auf deutsch veröffentlicht. Danke für die Info und hab einen wunderschönen Abend.

        Gefällt 3 Personen

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