Feuchtgebiete

HIMMEL, ARSCH UND ZWIRN!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Zu  „Feuchtgebiete“  möchte ich gerne ein Zitat von Arno Schmidt wiedergeben:
„Der Mensch ist eine Mischung aus Scheiße und Mondschein.“
Auf Mondlicht warten wir bei diesem Buch indes vergeblich!

Helen, ein18-jähriges Scheidungskind, das die innere Liebesleere mit Sex zustopft, liegt im Krankenhaus. Sie hat sich bei der Intimrasur geschnitten und eine Analfissur erlitten. Da liegt sie nun allein mit ihren Schmerzen, langweilt sich und läßt ihre Gedanken um ihre angeblich geilen, sexuellen Gewohnheiten kreisen. Das macht sie sehr anschaulich und unverblümt. Sie offenbart eine anal- und genitalfixierte, rohe, zärtlichkeitsferne und im Grunde beziehungslose Sexsucht.

Neben ihrem fast wahllosen Einsamkeitsverdrängungssex kultiviert sie eine trotzige Antiintimhygiene. Ekeleffekthascherisch kommen alle erreichbaren Körpersekrete, in frischer und abgelagerter Konsistenz, auf die Speisekarte. Dazwischen tropft sie noch ein paar Scheidungstraumatränen, damit sich in den Lesewiderwillen doch noch ein wenig Mitleid mischt. Dabei erspare ich Ihnen hier die Avocadokernnummer.

Diese ganze penetrante Sexbesessenheit ist so lustvoll wie Stacheldraht, so sinnlich wie Urinstein und so erotisch wie Schmirgelpapier.

Daß die breite Masse auf ein Tabubrechmittel hereinfällt, ist nicht erstaunlich, aber die positiven Kommentare von bekannten Intellektuellen auf der Buchrückseite haben mich doch sehr befremdet. Wahrscheinlich ist das, insbesondere im Falle von Roger Willemsens Lobgehudel, kuschelkollegiale Strategie: Ich lobe dein Buch, dann lobst du mein Buch und dann lobst du meine Sendung und ich deine usw.

Außerdem glaube ich, daß dieses Buch mit ganz kühlem, marktorientiertem Kalkül verfaßt wurde und nicht aus irgendeinem Bekenntnisbedürfnis. Nun denn, so gibt es ein weiteres Buch, das ein drastisches Beispiel für die Entsinnlichung unserer Gesellschaft bietet und die Autorin finanziell überaus bereichert. An betriebswirtschaftlicher Inspiration fehlt es Frau Roche jedenfalls nicht.

Meine Empfehlung: als Klopapier benutzen, dann finden Form und Inhalt zu unübertrefflicher Kongruenz – obwohl, wenn ich es recht bedenke: solche Blätter haben ziemlich scharfe Schnittkanten, und man könnte sich verletzen und sogar eine Analfissur provozieren… Ach ne, und dann geht die ganze Geschichte wieder von vorne los (oder doch von hinten?).

Dann doch lieber zum Altpapier geben und dem unschuldigen Werkstoff die Chance auf eine Wiedergeburt in einem besseren Buch ermöglichen.


Die Autorin:

»Charlotte Roche wurde 1978 in High Wycombe/England geboren und wuchs in Deutschland auf. Für ihre Arbeit als Fernsehmoderatorin u.a. für Viva, arte und das ZDF wurde sie mit dem Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Charlotte Roche lebt in Köln, sie ist verheiratet und hat ein Kind. Sie veröffentlichte die Romane ›Feuchtgebiete‹ (die Originalausgabe erschien bei DuMont im Frühjahr 2008) und ›Schoßgebete‹ (2011).«

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15 Kommentare zu “Feuchtgebiete

  1. Ich glaube, selten hat ein Buch so polarisiert wie Feuchtgebiete – und ist damit auf ganzer Linie ein Erfolg, denn eine größere Medienpräsenz hätte man sich sicherlich nicht erträumen können.

    Ich persönlich muss gestehen, dass mich das Buch mehrere Male überrascht hat. Das fing zum einen gleich damit an, dass unsere gut sortierte, eigentlich auf Fachbücher spezialisierte Unibibliothek, ein – oder mehrere – Exemplare des Romans anschaffte, so konnte ich es lesen, ohne Geld dafür zu bezahlen (was ich wohl, zumindest damals in meiner Studienzeit, auch nicht gemacht hätte). Ich habe mir sicherlich auch den ein oder anderen, komischen Blick gefangen, wenn ich öffentlich in der Bahn erkennbar als Mann Feuchtgebiete gelesen habe – aber da muss man als Buchliebhaber nun einmal durch.

    Den Inhalt möchte ich nicht schönreden, und kann auch nicht verhehlen, dass er ekelhaft, grauenvoll und zum fremdschämen ist. Ich möchte mir Teile der beschriebenen Handlung nicht vorstellen, und habe deswegen auch den Kinofilm gemieden (der ja durchaus auch wohlwollend besprochen wurde).

    Wenn ich den Inhalt ausblende, muss ich jedoch sagen, dass ich mit Charlotte Roches Erzählweise, mit ihrer Sprache und ihrem Schreibstil erstaunlich gut zurechtgekommen bin. Er war frisch und spritzig (man verzeihe das Wortspiel^^), unkonventionell, aber doch irgendwie auch gut. Es ist ihr als Autorin gelungen, ein – wenn auch verstörendes – Kopfkino zu starten, und den Leser im Grauen zu packen und nicht mehr loszulassen.

    Vielleicht ist der Ekel mittlerweile einfach wieder etwas abgestumpft, aber die Begeisterung für Charlotte Roche als Autorin an und für sich, sorgt dafür, dass ich seit fast einem Jahr immer mal wieder daran denke, mir „Mädchen für Alles“ zuzulegen – das erscheint auch in der Darstellung weniger provokativ und abstoßend. Irgendwann werde ich sicherlich, obwohl ich bereits in ungelesenen Büchern ertrinke, dazu greifen.

    Viele Grüße,
    Erik

    Ps: Abgesehen davon, dass ich hier die Meinung nicht komplett teile, ein schöner Verriss. Mir fällt dies immer schwer.

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    • Lieber Erik,
      vielen Dank für Deine ausführliche Rückmeldung.

      Ich stimme Dir zu, daß Charlotte Roche ihren Text in eingängig leichter und flüssiger Weise geschrieben hat. Indes, zum Bewundern finde ich sie stilistisch keineswegs; dazu ist das unkonventionelle und gelegentlich originell Formulierte zu sehr BEABSICHTIGT, zu sehr auf Effekthascherei und Provokation und widersprüchliches Mitleid angelegt.

      BEWUNDERUNG für ihre Sprachkunst verdienen meiner Leseerfahrung nach Jane Austen, Giovanni Boccaccio, Heinrich von Kleist, Joseph Roth, Laurence Sterne, Robert Walser …

      Hoffnungsvoll altmodische Grüße von Ulrike

      PS:
      Ich schreibe nur wenige Verrisse. Wenn ich mich dazu entschließe, weil mich die Lektürezumutung allzu sehr geärgert hat, dann schlage ich gnadenlos polemisch zu.
      Das brauche ich dann als Blitzableiter! 😉

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  2. Ach, wie lustig! Nie hatte ich ernsthaft Lust, dieses Buch zu lesen. Ich habe mal kurz darin geblättert, um es schnellstmöglich wieder aus der Hand zu legen. Die neulich im Fernsehen laufende Verfilmung habe ich gefühlte 2 Minuten ertragen. Als die Protagonistin ohne Höschen genussvoll ihre Weichteile an einer dreckigen Toilettenbrille rieb, kam ich zu dem Schluss, derartigen geistig-seelischen Störungen keinesfalls beiwohnen zu wollen. „Entsinnlichung der Gesellschaft“ bringt es auf den Punkt. Als Klopapier würde ich das Buch trotz der zutreffenden Kongruenz nicht benutzen. Warum? Dafür wäre mir mein wohlgeformter Arsch definitiv viel zu schade!

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    • Ich bin auch immun gegen MARKTGESCHREI, und ich habe es nur gelesen, weil es bei einer Freundin in der AUSMIST-Kiste lag und mich nichts außer etwas Zeit gekostet hat.
      Außerdem hatte ich unerwartet viel Formulierungsfreude beim Schreiben des Verrisses.

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  3. Dein Titel und das Zitat von Arno Schmidt treffen es wohl beim Wort. Mehr will ich zu diesem Schmarrn nicht verlieren. Wie gut, dass ich bereits die ersten Zeilen derart abstoßend fand, dass ich nicht weitergelesen habe. Dazu wird es wohl auch nie kommen.

    Liebe Grüße, Steffi

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    • Da Du ja nun meine Besprechung gelesen hast, weißt Du Bescheid und kannst gegebenenfalls – kennerinnenhaft – mitreden 😉
      Jedenfalls hast Du durch Deine Lektüreabstoßung nichts verpaßt und zugleich eine souveräne Leseentscheidung getroffen.

      Herzhafte Grüße, Ulrike

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    • Liebe Rosie,
      schön,daß Du mit diesem Verriß einverstanden bist. Für mich war es eine aufschlußreiche Erfahrung, zu entdecken, daß ich auch „böse“ Worte/Pfeile in meinem geistigen Köcher trage 😉
      Bibliophile Grüße von
      Ulrike

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