Lebensgeister

S E E L E N S C H I M M E R N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lebensgeister“ ist ein meditatives Buch, erzählt in einer leisen, unaufgeregten Sprache, die Klarheit, Mitgefühl und Trost ausstrahlt.

Die Geschichte beginnt mit dem kompletten Text des Liedes „Lover Lover Lover“ von Leonhard Cohen. Dieses Lied erklang im Auto, als der Unfall geschah, den Sayoko schwerverletzt überlebte und der Sayokos Geliebten Yōichi das Leben kostete

Bevor Sayoko im Krankenhaus wieder zu Bewußtsein kommt, macht sie eine liebe- und lichtvolle Nahtoderfahrung und wird von ihrem verstorbenen Großvaterfreundlich, aber bestimmt dazu aufgefordert,  ins Leben zurückzukehren.

Sayoko widmet sich ihrer Genesung, kümmert sich in Kyōto um das Atelier sowie Yōichis künstlerischen Nachlaß und ist dankbar für die herzliche Geborgenheit, die ihre Eltern und Schwiegereltern ihr schenken. Das Katalogisieren von Yōichis Skulpturen und Skizzen lindert ihre Trauer, gibt ihr eine sinnvolle Beschäftigung und ein Gefühl von ferner Nähe zum verstorbenen Geliebten.

Der Unfall, die Nahtoderfahrung und die Trauer haben Sayoko verändert. Sie geht verwandelt durch die Welt, bemerkt Feinheiten und Farben, die ihr früher entgangen sind, und sie kann die Geister/Seelen der Verstorbenen sehen, die sich noch nicht ganz von der irdischen Welt gelöst haben.

Die Wahrnehmung und Begegnung mit solchen Geistern ist nicht dramatisch, sondern ganz unspektakulär, alltäglich, ja, oft friedlich und in manchen Fällen sogar ganz sympathisch. Nur Yōichi kann sie nicht sehen, da er offenbar leichten Herzens die Erde verlassen hat und nicht „herumspukt“.

Abends besucht Sayoko regelmäßig eine gemütliche Bar, um gewissermaßen rituell „ihre Wunden zu desinfizieren“, wie sie selber scherzhaft anmerkt. Der aufmerksame Barkeeper Shingaki behandelt sie sehr fürsorglich, und auch er scheint über eine Wahrnehmung zu verfügen, die über das übliche hinausgeht.

Sayoko schmeckt zärtlich-wehmütigen Erinnerungen an Yōichi nach, aber sie schließt auch Freundschaft mit Ataru, der um seine verstorbene Mutter trauert und gleichwohl von sehr lebenszugewandter und heiterer Wesensart ist.

Langsam wächst Sayokoks Vertrauen wieder, Dankbarkeit, Hoffnung, Sehnsucht, Zuversicht und freundschaftliche Verbundenheit entstehen in einfacher Selbstverständlichkeit. Sayoko kann sich schließlich mit vertiefter Empfindsamkeit und Daseinsfreude dem Leben zuwenden und den Tod akzeptieren.

Sanftmütig, federleicht und herzenstief wird in „Lebensgeister“ mit Leben und Tod umgegangen. Ganz ohne heiligen Bimbam, unsentimental und doch feinfühlig findet Sayoko ins Leben zurück und öffnet ihr Herz weit für das Jetzt.

Zum Ausklang und zum Lesevorkosten noch drei Zitate:

»Der Tod nimmt nicht mit dem Alter zu. Er ist immer bei Dir, ganz nah. Nur das Denken an den Tod nimmt zu und nagt an der Illusion, vor dem Unausweichlichen noch eine Weile sicher zu sein.« (Seite 105)

»Wenn du zu weit nach vorne schaust, stolperst du. Verweile lieber im Moment, und gehe Schritt für Schritt deinen Weg.«  (Seite 111)

»Wir haben nur das Jetzt, Augenblick für Augenblick, aber welch eine unerschöpfliche Fülle sich allein schon in einem einzigen Moment offenbart!« (Seite 130)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/banana-yoshimoto/lebensgeister-9783257300420.html

Die Autorin:

»Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch ›Kitchen‹ schrieb sie während ihres Studiums, jobbte nebenbei als Kellnerin in einem Café und verliebte sich dort in die Blüten der ›red banana flower‹, daher ihr Pseudonym. Ihr Vater Ryumei Yoshimoto war ein bekannter Essayist und Literaturkritiker. Sie schrieb zahlreiche Bücher, die auch außerhalb Japans ungewöhnlich hohe Auflagen erreichten. Ihr Debütroman verkaufte sich auf Anhieb millionenfach – ein Phänomen, für das dann die Bezeichnung ›Bananamania‹ gefunden wurde.«

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Der Glühwürmchensommer

  • von Gilles Paris
  • Übersetzt von Carina von Enzenberg
  • Roman
  • Bloomsbury Berlin Verlag   März2015        http://www.berlinverlag.de
  • 224 Seiten
  • Gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 16,99 € (D), 17,50 € (A), 22,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8270-1229-6
    Glühwürmchensommer

ELTERN  WAREN  AUCH  MAL  KINDER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein sonniges Buch, in dem es zwar durchaus um Leben und Tod geht, aber auf eine so nonchalante Art, daß es berührt, aber nicht bedrückt. Es handelt zudem von der Liebe und ihren Spielarten und von unaufdringlich-übersinnlichen Wahrnehmungen, zu denen empfindsame Kinder leichter Zugang finden als Erwachsene.

Der neunjährige Victor Beauregard ist der Ich-Erzähler des „Glühwürmchensommers“. Seine Familienverhältnisse sind recht unkonventionell: Seine Eltern leben getrennt, wollen aber verheiratet bleiben, sein Vater arbeitet als Fotograf für Reiseführer und reist dementsprechend viel, seine Mutter hat eine Buchhandlung und liest dementsprechend viel.

Seine hübsche vierzehnjährige Schwester verliebt sich öfter als ihr guttut, und seine sogenannte zweite Mama ist die argentinische Malerin Pilar, die sich nach der ersten Buchempfehlung sofort in Victors Mama verliebt hat und seitdem zur Familie gehört.

Victors Vater scheint ziemlich negligeant zu sein, er öffnet seine Post nicht, versäumt Rechnungstermine und weigert sich, das Urlaubsdomizil, das er von seiner verstorbenen Schwester Félicité geerbt hat, jemals wieder zu betreten, da dieser Ort für ihn mit einem Kindheitstrauma belastet ist. Die Mutter behauptet, der Vater weigere sich, erwachsen werden.

Dennoch ist er ein liebevoller, großherziger Vater und offenbar auch nicht eifersüchtig auf Pilar, die er einfach akzeptiert, da sie seiner Ansicht und auch Victors Ansicht nach eine wohltuende Zugabe zum „normalen“ Familienleben ist, auf Mama Nr. 1 aufpaßt und den Alltag mit einer Prise Magie bereichert: z.B. legt sie Tarotkarten und schmuggelt den Kindern kleine Feengeschenke unters Kopfkissen.

Victor sehnt sich sehr nach seinem Vater und nach seiner ganz alltäglichen Anwesenheit. Es ist sein größter Wunsch, daß sie wieder alle zusammenleben, und es wäre auch wunderbar, wenn sein Vater mit an die Côte d‘Azur käme.

Weder die Mutter noch der Vater haben jemals Victors Fragen nach dem belastenden Ereignis aus der Vergangenheit des Vaters beantwortet. Er wird mit der Bemerkung abgespeist, seine Tante Félicité sei kein guter Mensch gewesen und er sei noch zu klein für weitere Informationen.

Doch die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht totschweigen, und sie werden noch großen – erlösenden – Einfluß auf den Verlauf dieses Sommerurlaubs haben.

So fährt nun die gesamte Familie – ohne den Vater – auch in diesem Sommer wieder nach Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza in die vornehme Résidence, in der sich das geerbte Vier-Zimmer-Appartement befindet.

Victor hat dort einen guten Freund, Gaspard. Außerdem freundet er sich endlich mit Justine an, für die er schon seit dem vergangenen Sommer schwärmt. Die drei Kinder gehen gemeinsam schwimmen und erkunden die Umgebung.

In der Résidence residiert schon seit Jahrzehnten eine Baronin, und auch mit dieser freundet sich Victor an, denn er ist ein warmherziger, höflicher und durchaus schon charmanter Charakter, der offenbar auch bei älteren Damen Sympathie weckt. Von der Baronin erfährt er, daß die ungewöhnlich große Anzahl Glühwürmchen, die in diesem Sommer die Nächte beleuchten, eine besondere, wunscherfüllende Magie mitbrächten, der er Vertrauen schenken solle.

Es zeigt sich, daß die Baronin Tante Félicité kannte; und ihre Beschreibung von Félicités Wesensart schließt für Viktor einen Teil der Wissenslücken über die Kindheit seines Vaters und dessen Verhältnis zur eigenen Schwester.

Bei einem Spaziergang lernt Victor dann noch die Zwillinge Tom und Nathan kennen, die zwar sehr wasserscheu sind, indes aber über einen geheimnisvollen Schlüsselbund verfügen, mit dem sie sich Zugang zu den schönen Gärten und zeitweise unbewohnten Villen vor Ort verschaffen können. Freundlich laden sie Victor zu diesen heimlichen Besichtigungstouren ein und haben auch nichts dagegen, daß Gaston und Justine mitkommen.

Begeistert, entdeckungsfreudig und achtungsvoll dringen die Kinder in verwunschene Gärten und sehr schöne Villen ein und genießen den Reiz des Verbotenen. Tom und Nathan wissen zu jedem Gebäude interessante Hintergrundgeschichten zu erzählen, was die Faszination erhöht.

Indes ist es die Absicht der Zwillinge, Victor die Wahrheit über das tragische Ereignis aus der Kindheit des Vaters zu vermitteln und Victors Vater auf Umwegen dazu zu bringen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Dies gelingt ausgesprochen spektakulär und hat viele positive Nebenwirkungen …

„Der Glühwürmchensommer“ ist ein Buch mit viel Sonne, Wind und Meer und bunten Schmetterlingen zwischen den Zeilen. In einem ruhigen, unaufgeregten Tonfall legt Victor Zeugnis ab von einem Sommer voller neuer Lebensweichenstellungen und läßt uns teilhaben an seiner kindlichen Perspektive voller Lebensneugier, Poesie, Feingefühl und Liebesspürsinn.

Außer Zwergen kann jeder groß werden, körperlich jedenfalls. Das ist das, was man mit den Augen sehen kann. Aber innerlich groß werden, das ist schon komplizierter.“
(Seite 27)

„Aber ich möchte mit meiner Traurigkeit allein sein und warten, bis ein weißer Schmetterling sie mit seinem Flügelschlag verscheucht.“
(Seite 57)

„Schöne Worte sind wichtig, wenn man jemanden liebt, aber sich berühren und miteinander eins werden ist wie ein Schlüssel, der alle Türen aufschließt.“
(Seite 68)

Das Titelbild und das sonnengelbe LESEBÄNDCHEN korrespondieren harmonisch mit dem Buchinhalt: Licht, Luft, Meeresglühen, kindliche Unbeschwertheit, kindlicher Mut, frischer Lebensschwung und sonnige Herzenswärme.

Der Autor:

»Gilles Paris wurde 1959 in Suresnes geboren und verdingte sich nach seinem Abitur als Kellner, Medikamententester und Bürohilfe. Er war im Ministerium für Jugend und in verschiedenen Buchverlagen tätig, gründete eine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb für mehrere Zeitungen als freier Journalist. „Der Glühwürmchensommer“ ist sein vierter Roman.«

 

QUERVERWEIS:

„Der Glühwürmchensommer“ ergänzt sich gut mit dem Roman „TEO“ von Lorenza Gentile, den ich im Mai 2015 besprochen habe : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/05/20/teo/

In beiden Geschichten geht es um die kindliche Perspektive auf erwachsene Lebensbedingungen, um die kindliche Sorge um den familiären Zusammenhalt und das kindliche Bedürfnis, die eigenen Eltern in Liebe vereint zu sehen.
TEO ist etwas philosophischer und schwerer im Vergleich zum etwas „leichtsinnigen“
GLÜHWÜRMCHENSOMMER.

Die Geisterverschwörung

E N T G E I S T E R U N G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sie kennen Prometheus Schröder, den berühmten Geisterjäger und sein Buch »Die Wahrheit über Geister« nicht? Nun – dies ist nicht verwunderlich, denn es liegt in der Natur dieses geheimnisvollen Berufes, daß die Berühmtheit nur im Verborgenen blüht. Doch jedes Kapitel des im folgenden besprochenen Buches „Die Geisterverschwörung“ wird von einem nützlichen Zitat aus diesem Werk eingeleitet. Sie müssen also nicht gänzlich unwissend sterben.

Falls Sie der Ansicht sind, daß einem manche Menschen auf den Geist gehen können, dann haben Sie noch nicht erlebt, wie einem Geister auf den Geist gehen können. Davon kann das Mädchen Mara ein langes Lied singen.

Dabei war es einst ihr Wunsch gewesen, endlich einmal ein richtiges Gespenst zu sehen. Zwei Jahre zuvor hatte Mara in den Sommerferien bei ihrer Oma gewohnt und sich mit Kathi, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, angefreundet. Die beiden Mädchen ver- brachten in einträchtigem Spiel eine schöne Zeit miteinander, bis Mara unbedingt darauf bestand, ein leerstehendes altes Haus, in dem es angeblich spuken solle, aufzusuchen.

Mara machte eine alberne Bemerkung über blutrünstige Geister und verlorene Seelen und erregte damit Kathis Zorn. Denn Kathi war tatsächlich selbst ein Geist, zwar keineswegs blutrünstig oder bösartig, aber doch verletzlich, was menschliche Über- heblichkeit gegenüber Spukgestalten betraf. So endete die Freundschaft zwischen Mara und Kathi damit, daß sich Kathi in ihrer durchscheinenden Geistergestalt zeigte und Mara als Abschiedsgeschenk die Gabe verlieh, Geister zu sehen.

Seitdem hat sie viele Geister kennengelernt und wäre ihre Gabe gerne wieder los. Gleichwohl ist Mara inzwischen mit zwei Kindergeistern, Emilia und Adrian, gut be- freundet. Die beiden wohnen sogar bei ihr. Adrian ist ein bißchen altklug, aber er hilft Mara in der Schule, indem er ihr in Mathe vorsagt, und Emilia, deren Kleiderfarbe je nach Stimmung wechselt, stammt aus dem 18. Jahrhundert und bemüht sich, Mara damenhaftes Benehmen beizubringen.

Manchmal sind die Geister ganz hilfreich und unterhaltsam für Mara. Da es jedoch ziemlich viele Geister gibt, macht Mara oft die Erfahrung, wie erschreckend lästig Geister sein können. Denn wenn sie bemerken, daß sie bemerkt werden, zeigen sie sich recht anhänglich, scheren sich nicht um abgeschlossene Türen und wollen mit Mara z.B. Schachspielen.

Als es in Maras Schule, im Musikraum zu Spukphänomenen kommt, ruft der neue Musiklehrer eine Geisterjägerin. Klar, daß Mara diese Frau heimlich bei ihrer Arbeit beobachtet. Mit Hilfe einer sogenannten Seelenkerze und freundlich-verständnisvollem Zureden lotst die Geisterjägerin den Geist eines musikbegeisterten Jungen ins Jenseits.

Doch Mara ist nicht die einzige heimliche Zeugin dieser „Entgeisterung“. Lucas, ein sehr technikaffiner Klassenkamerad, hat sich hinter dem Kontrabaß versteckt, denn er be- lauscht schon geraume Zeit die Gespräche zwischen Adrian, Emilia und Mara, vermutet jedoch eine ausgeklügelte, ultramoderne Kommunikationstechnik dahinter. An Geister glaubt er nicht – noch nicht… Mara wimmelt seine neugierigen Fragen ab und zieht ihn damit auf, daß er „zuviel Zeit mit künstlicher Intelligenz“ verbringe.

Adrian und Emilia betrachten die Geisterjägerin mit Skepsis, aber Mara fischt die Visitenkarte, die der Musiklehrer diskret im Papierkorb verschwinden läßt, neugierig wieder heraus. Frau de Santis steht auf der Karte und die Adresse des alten Spukhauses.

Tapfer besucht Mara Frau de Santis, vertraut sich ihr an und hofft darauf, daß sie einen Weg kennt, wie Mara ihre Geistersehbegabung loswerden könne. Die Geisterjägerin wiederum ist begeistert von Maras Gabe, da sie selbst nur Geister hören, aber nicht sehen kann, und bietet ihr, da die Sommerferien gerade beginnen, einen Ferienjob als Hüterin des Spukhauses an.

Während Frau de Santis Geister ins Jenseits befördert, soll Mara die Geister im Spukhaus beobachten und ein verborgenes magisches Schriftstück finden. Das Mädchen macht seltsame Entdeckungen in diesem Haus; an manchen Stellen duftet es nach Vanille, Insekten buchstabieren Botschaften und Dinge werden wortwörtlich wie von Geister- hand verrückt.

Außerdem wird sie gleich zweifach beschattet: Von einem unheimlichen Geisterschatten und von Lucas, der ihr nachspioniert. Als Mara Lucas schließlich zur Rede stellt, bietet er unerwartet und großzügig seine Hilfe an. Zwar ist er noch ausgesprochen geisterskep- tisch und sucht nach rationalen Erklärungen für die geisterhaften Vorgänge, aber seine Hackerkünste und seine klugen Schlußfolgerungen fördern wichtige und durchaus rettende Informationen ans Licht.

Mara und Lucas sowie Adrian und Emilia kommen einer für Menschen und Geister gefährlichen Verschwörung auf die Spur, deren Initiatoren sich bemerkenswert gut getarnt haben. Auch bei Geistern menschelt es noch gehörig, und irdische Machtgelüste und kriminelle Energie sind manchmal nicht ganz totzukriegen.

Um die komplexen geisterhaften Verstrickungen aufzuklären, bedarf es ebenso Lucas‘ logischer Vorgehensweise wie Maras intuitivem Gespür. Und es wird lebensgefährlich-spannend, düster und dramatisch, bis die guten Geister sich durchsetzen…

„Die Geisterverschwörung“ von Susanne Mittag ist keine Horror-Schrecktüre – sonst hätte ich sie nicht gelesen und schon mal gar nicht besprochen -, sondern eine unter- haltsam-spannende, kurzweilige Lektüre. Die Autorin hat eine außergewöhnliche Geistergeschichte geschrieben, mit buchstäblich feingeistigem Grusel, überraschenden Wendungen, amüsanten Dialogen und sympathisch-schrägen Charakteren sowie einem durchgehend selbstironisch-gefühlvollen Tonfall.

Die graphisch-illustrative Gestaltung des Titelbildes mit Schwarz-weiß-Zeichnungen der Hauptfiguren und des Spukhauses – umwunden von einem sich schlängelndem, matt-kupferfarbenen Spruchband für Titel, Autor- und Verlagsnamen – ist sehr stimmig.

Weitere Zutaten wie die tiefschwarzen Vorsatzblätter, schwarze Tintenkleckse auf jeder Seite und die typographische Anmutung von handbeschriebenen Pergamentblättern bei den eingefügten Zitaten aus dem geheimnisvollen Buch von Prometheus Schröder runden die sorgfältige Buchgestaltung fein ab.

Ich habe bloß ein LESEBÄNDCHEN vermißt – oder ein irgendwie geisterhaftes, halbtransparentes, bespinnwebtes LESEZEICHEN.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:

Die Geisterverschwörung – Mara deckt auf – (E-Book)

Die Autorin:

»Susanne Mittag wurde 1967 geboren. Da sie mehrmals umzog, brauchte sie etwas, das sie immer bei sich tragen konnte, und so kam Susanne Mittag zu ihren Träumen und Geschichten. Sie lebt als freie Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Esslingen.«
www.susannemittag.de

 

Querverweis:

Wer sich von „Die Geisterverschwörung“ angesprochen fühlt, dürfte sich auch für ein ähnlich geartetes Buch von Neil Gaiman interessieren. Deshalb folgt hier der Wink mit dem Link zu meiner Besprechung des „Graveyard Buches“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/20/das-graveyard-buch/

 

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Das Graveyard Buch

  • von Neil Gaiman
  • Originaltitel: »The Graveyard Book«
  • Übersetzung aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
  • Umschlagillustration von Chris Riddell
  • Arena Verlag   2009    http://www.arena-verlag.de
  • 310 Seiten, 14,95 €
  • 978-3-401-06463-5
  • Klappenbroschur  9,99 €   Juni 2011
  • ISBN 978-3-401-50273-1
  • inzwischen sind die Buchausgaben vergriffen und
  • es gibt nur noch das elektronisch Buch zu 7,99 €
  • ISBN 978-3-401-80051-6
  • ab 10 Jahren
    978-3-401-50273-1.jpg Graveyard Buch

B   E   G   E   I   S   T   E   R   U   N   G

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Sei Staub, sei Wind, sei Traum, sei Nacht,
Sei alles, was unsichtbar macht,
Lern schleichen, schlüpfen, schweben,
Über, unter, zwischen, neben.“
(Seite 131)

Dieser magische Reim ist Teil einer Nachhilfestunde im Unsichtbarwerden, die Nobody Owens von der kecken Hexe Liza bekommt. Er hat auch noch andere Lehrer, liebevolle Adoptiveltern und Spielkameraden, die alle eines gemeinsam haben: sie sind Geister und „leben“ auf einem uralten Friedhof.

Der Handlungs- und Bewegungsradius der Toten ist auf den Friedhof beschränkt, wo sie in einer Parallelgesellschaft, für die lebenden Menschen meist unsichtbar, ganz gemütlich ihr Geisterdasein verbringen, sich gegenseitig besuchen, diskutieren, ihre Gräber und Grüfte bewohnen, tanzen gehen und sogar Staub wischen.

Mrs. Owens, eine rundliche Geisterdame –im Leben wie im Tode, seit über zweihundertfünfzig Jahren verheiratet“  (Seite 17) mit Mr. Owens – trifft bei einem nächtlichen Spaziergang auf ein Kleinkind, das von einem Mörder verfolgt wird. Kurzentschlossen und mitfühlend rettet sie das Kind und setzt in der darauffolgenden Friedhofsbewohnerversammlung durch, daß dieses Kind als Friedhofsehrengast bleiben darf. Organisatorische und moralische Unterstützung erhält sie von Silas, einem weiteren Ehrengast. Silas übernimmt die Vormundschaft für das Kind und gibt ihm den Namen Nobody Owens, kurz Bod genannt.

Bods Vormund ist ein Vampir, der zu einer geheimnisvollen Ehrengarde gehört, welche die Grenzbereiche zwischen Leben und Tod vor negativen Einflüssen schützt. Da er den Friedhof verlassen kann, kümmert er sich um die Besorgung der materiellen Lebens- notwendigkeiten (Nahrung, Kleidung, Bücher etc.) und steht dem Kind Nacht für Nacht mit Rat und Tat zur Seite. Er erklärt Bod auch, daß er nur auf dem Friedhofsterritorium vor seinen Verfolgern sicher ist. Sollte er diesen geschützten Raum verlassen, könnte seine von den Geistern vernebelte Spur wieder aufgenommen werden.

Die Mitglieder einer schwarzmagischen Bruderschaft  – „Die Schurkenschaft“  –  trachten dem Kind nach dem Leben, weil es einer alten Prophezeiung  zufolge dazu bestimmt ist, die böse Herrschaft dieser Bruderschaft zu beenden.

Wie meist in solchen Geschichten führen ausgerechnet die Vernichtungsversuche, die eine Erfüllung der Prophezeiung verhindern sollen, zu den Umständen, die den Helden darin unterstützen, genau die Fähigkeiten und Stärken auszubilden, die ihn seine Gegner besiegen lassen.

So reift Nobody Owens zu einem Jugendlichen heran, der neben Ernsthaftigkeit, Mut und Gerechtigkeitssinn auch über gewisse mehrdimensionale Qualitäten verfügt.

Er bekommt von den zahlreichen Lehrern, die der Friedhof beherbergt, umfangreiche „Geisterstunden“, die die üblichen Schulfächer um übersinnliche Fähigkeiten, wie im Dunkeln sehen, durch Wände gehen und Traumwandeln, ergänzen. Miss Lupescu, eine strenge Werwölfin, die Silas gelegentlich vertritt, unterrichtet den Jungen in magischer Selbstverteidigung und Astronomie. Hinzu kommen noch die unterschiedlichen Umgangsformen mehrerer Jahrhunderte aus dem „Kompendium für den jungen Gentleman nebst zusätzlichen Lektionen für die Verstorbenen“.

Natürlich sehnt sich Bod nach Kontakt zu lebenden Menschen, was die böse Bruder- schaft nutzt, um ihn in sein ehemaliges Elternhaus zu locken. Doch Bod ist nach jahrelanger, „geisterreicher“ Erziehung und seinen Erfahrungen mit zwielichtigen Wesen gut gewappnet und entkommt. Er lockt seine Verfolger auf den Friedhof, wo er sie geschickt unschädlich macht.

So wie Nobody Owens zu Anfang Abschied von den Lebenden nehmen muß, um zu überleben, muß er, nachdem er seine Bestimmung erfüllt hat, Abschied von den liebgewonnenen Toten nehmen, um ganz ins Leben zurückzukehren.

„Ein Lächeln umspielte seine Lippen, allerdings ein  verhaltenes Lächeln, denn die Welt ist weiter als ein kleiner Friedhof auf einem Hügel. Es gab Gefahren, aber auch Geheimnisse, es galt, neue Freunde zu finden und alte wiederzufinden, Fehler zu machen und viele Wege zu gehen, bis er dann am Ende auf den Friedhof zurückkehren… würde.

Aber zwischen jetzt und dereinst lag das Leben, und Bod ging ihm entgegen mit offenen Augen und mit weitem Herzen.“
 
(Seite 310)

Ein Kinderbuch, dessen Hauptschauplatz ein Friedhof ist, ein kinderloses Geisterehepaar (im 18. Jahrhundert verstorben), das ein lebendiges  Kind adoptiert, und ein kultivierter Vampir als Vormund: Das ist schon eine ungewöhnliche Inszenierung, aber eine, die keineswegs in eine Horrorgeschichte mündet, sondern in eine spannende und lebenskluge Entwicklungsgeschichte.

Neil Gaimans Sprachstil, der mit leiser Ironie und dezenten Andeutungen auskommt, diese zwischen den Zeilen schwebende, elegante Transparenz paßt zu Nobody Owens Abenteuern im Zwischenreich und gibt den durchaus dramatischen und gefährlichen Bewährungsproben des Jungen eine unerwartete Nonchalance.

Es hat auch einen amüsanten Reiz, wenn einige Friedhofsbürger durch das Zitieren ihrer Grabinschrift vorgestellt werden: „Hat ihr Lebtag keiner Menschenseele etwas zuleide getan, kannst du, lieber Leser, selbiges von dir behaupten?“ (Seite 103)

Lobend erwähnen möchte ich außerdem die Illustration des Buchumschlages von Chris Ridell, die mit dem subtilen Charakter der Geschichte hervorragend korrespondiert.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.arena-verlag.de/artikel/das-graveyard-buch-978-3-401-80051-6

Der Autor:

»Neil Gaiman, 1960 in Portland (England) geboren, arbeitete zunächst in London als Journalist und wurde durch seine Comic-Serie „Der Sandmann“ bekannt. Im „Dictionary of Literary Biography“ wird er als einer der wichtigsten lebenden Autoren der Postmoderne aufgeführt – in England und den USA ist Neil Gaiman längst ein Superstar. Seine Romane und Comics sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, u.a. mit dem World Fantasy Award und der Newbery Medal. Er lebt seit einigen Jahren mit seiner Familie in den USA.«
http://www.neilgaiman.com

 

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