Die Kinderbuchbrücke

  • von Jella Lepman
  • Herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek http://www.ijb.de
  • unter Mitarbeit von Anna Becchi
  • Neuausgabe Verlag Antje Kunstmann, September 2020 www.kunstmann.de
  • 25,00 € (D), 25,70 € (A)
  • gebunden
  • 303 Seiten
  • mit zahlreichen Fotos
  • 25,00 € (D), 25,70 € (A)
  • ISBN 978-3-95614-392-2

VON  KINDERBÜCHERN,  KINDERHERZEN  UND  WELTVERBUNDENHEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

In diesem autobiografischen Buch lernen wir eine eigenwillige, emanzipierte Frau kennen, die es verdient, mehr ins historische Bewußtsein gehoben zu werden. Jella Lepmans Engagement und Begeisterung für Kinder- und Jugendbücher sowie ihrem versöhnlich-ausgleichenden Umgang mit dem besiegten Nachkriegsdeutschland verdanken wir die Gründung der Internationalen Jugendbibliothek (http://www.ijb.de).

Jella Lepman war in Deutschland aufgewachsen. Als Jüdin durfte sie im nationalsoziali-stischen Deutschland ihren journalistischen Beruf nicht mehr ausüben und emigrierte 1936 über Italien nach London. Sie war früh verwitwet und alleinerziehende Mutter zweier Kinder.

1945 wird Jella Lepman gebeten, als „Adviser“ bzw. „Berater für die kulturellen und erzieherischen Belange der Frauen und Kinder in der amerikanischen Besatzungszone“ zu arbeiten. Der amerikanischen Besatzungsmacht schien es wohl angeraten, für die „Umerziehung der Deutschen“ und eine kulturelle Neuausrichtung auch eine mütter- lich-familiäre, weibliche Perspektive einzubeziehen. Nach einer aufwühlenden Bedenk- zeit überwiegt bei Jella Lepman das Mitgefühl mit den Kindern, und sie sagt ihre Mitarbeit zu.

Jella Lepman beschreibt die deutsche Nachkriegssituation und die damaligen zwischen-menschlichen Gestimmtheiten sehr differenziert, und ebenso differenziert betrachtet sie die amerikanische Einflußdominanz auf die deutsche Gesellschaft. Es herrscht Woh- nungsnot, es mangelt an Nahrung, Heizmaterial, Kleidung und Kinderbetreuungsmög- lichkeiten. Sie trifft auf ehrlich Reumütige, Ewiggestrige, echte und unechte „Wider- standskämpfer“ und die übliche Melange der Mitläufer in jede Richtung.

Neben dem leiblichen Hunger gibt es jedoch auch Lesehunger und kindlichen Wissensdurst. Zwölf Jahre Diktatur, Zensur und Bücherverbrennungen sowie die massiven Ausbombungen haben den Kinderbuchfundus deutscher Kinder drastisch reduziert. Nach und nach reift in Jella Lepman die Idee, eine Wanderausstellung der besten internationalen Kinder- und Jugendbücher zu organisieren und so den deutschen Kindern die weite Welt aus Kinderbuchperspektive näherzubringen.

Zwei Jungen in der Stuttgarter Ausstellung 1946 © Stiftung Internationale Jugendbibliothek

Sie schreibt Bittbriefe an diplomatische Vertretungen, Ministerien und Verlage. Neben erzählerischen Werken bittet sie um Bilderbücher, weil diese eine geringere Sprach-barriere bedeuten, und um Kinderzeichnungen und Kinderbilder, weil Kinder auf diesem Wege unabhängig von Fremdsprachenkenntnissen miteinander kommunizieren können. Die internationale Resonanz ist sehr gut, die Bücherspenden fließen großzügig.

Am 3. Juli 1946 eröffnet schließlich die „Internationale Jugendbuchausstellung“ im Haus der Kunst in München und zieht mehr als eine Million Besucher an. Die Ausstellung wandert – soweit sich passende Räumlichkeiten finden lassen – weiter nach Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und Berlin. Das rege Interesse der deutschen Bevölkerung und die lebhafte Aufgeschlossenheit der Kinder bestätigen Jella Lepman darin, aus dieser Ausstellung eine dauerhafte Internationale Jugendbibliothek hervorgehen zu lassen.

Mit bewundernswerter Hartnäckigkeit, Zielstrebigkeit und Charme überwindet Jella Lepmann unzählige bürokratische und finanzielle Hürden, findet Mitstreiter, Sponsoren und prominente Befürworter, u.a. Theodor Heuss, Erich Kästner, Eleanor Roosevelt, die Rockefeller Foundation und die ALA, die „American Library Association“.

Am 14. September 1949 kann die „Internationale Jugendbibliothek“ zunächst in einer Villa in der Kaulbachstraße in München eröffnet werden. Von Anfang an werden dort neben Büchern auch Buchdiskussions- und Theaterspielgruppen, Puppentheaterauf-führungen, Elternabende, Sprachkurse und ein Malatelier angeboten. Außerdem dürfen die Kinder selbst Buchkritiken schreiben, die zum Teil sogar im Jugendfunk gesendet werden.

Kinder in der neueröffneten Internationalen Jugenbibliothek am 14. September 1949 © Stiftung Internationale Jugendbibliothek Foto: Otfried Schmidt

Jella Lepmans ausdrückliche Wertschätzung von Kinderliteratur als „Lebensmittel“ zur Herzensbildung und ihre Bemühungen, Kinderbücher als Boten von Fantasie, Freiheit, Frieden, Mitmenschlichkeit, Toleranz und Vielfalt einzusetzen, regten einen lebhaften internationalen Bücheraustausch an und entsprechende wechselseitige Übersetzungen, wie sie uns heutzutage selbstverständlich erscheinen.

Zudem initiierte sie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Hans Christian Andersen Preis, und sie regte die Gründung des „IBBY“, des International Board on Books für Young People, eines internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch, an, was den gesell-schaftlichen Stellenwert und die positive öffentliche Wahrnehmung von Kinder- und Jugendbüchern erhöhte.

Es ist bewundernswert, mit welcher Unermüdlichkeit und welch großen Idealismus Jella Lepman die deutschen Kinder der Nachkriegszeit mit konstruktiver geistiger Nahrung versorgte. Die nachhaltige Wirkung und internationale Anerkennung, die mit der Institution der Internationalen Jugendbibliothek nach wie vor erreicht wird, bestätigen ihr Wirken.

Jella Lepman (links), Elisabeth Ekström (Geschäftsleiterin des Arbeitskreises für Jugendliteratur in München), Astrid Lindgren und die Bibliothekarin Elsa Olenius auf dem IBBY Kongress in Stockholm 1956 © Foto: privat Familie Lepman-Mortara

„Die Kinderbuchbrücke“ ist ein bemerkenswertes Dokument der Versöhnung, Hoffnung und unerschütterlichen Zielstrebigkeit. Jella Lepman schreibt mit weitem Herzen, gro- ßem Weitblick, scharfer Beobachtungsgabe und Humor. Einfühlsam schildert sie ihre Erfahrungen in Deutschland von der Trümmerzeit bis zur Wirtschaftswunderzeit, freut sich daran, wie aus hohlen Kinderwangen wieder runde Bäckchen werden, und beschreibt anrührende Szenen kindlich-begeisterter Reaktionen auf Bücher. Bei all ihrer organisatorischen und argumentativen Arbeit fand sie sogar noch die Muße, für Erich Kästners Kinderbuch „Die Konferenz der Tiere“ Ideen beizusteuern.

Die Neuausgabe der „Kinderbuchbrücke“ wird um ausführliche Anmerkungen ergänzt, die personelle und historische Zusammenhänge erläutern, sowie um eine Kurzbiografie von Anna Becchi, welche Jella Lepmans Lebensstationen jenseits ihres Engagements für die Internationale Jugendbibliothek nachzeichnet. Zahlreiche Fotos der Autorin und ihrer hilfreichen Wegbegleiter sowie hingebungsvoll in Bücher vertiefter Kinder ergänzen und bereichern Jella Lepmans Bericht um anschauliche, anrührende und aussagekräftige Zeitzeugnisse.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.kunstmann.de/buch/jella_lepman-die_kinderbuchbruecke-9783956143922/t-2/

 

Die Autorin:

»Jella Lepman (1891–1970) wuchs in Stuttgart auf. Die jüdische Journalistin und Kinderbuch- autorin emigrierte 1936 nach England und wurde 1945 von der amerikanischen Militär- regierung als Beraterin für den Wiederaufbau nach Deutschland geholt. 1949 gründete sie die Internationale Jugendbibliothek in München, die weltweit größte Spezialbibliothek für inter- nationale Kinder- und Jugendliteratur, sowie 1951 IBBY (International Board on Books for Young People), eine internationale Organisation zur Förderung der Kinder- und Jugendliteratur.«

Querverweis:

Alljährlich erscheint im Verlag edition momente „Der Kinder Kalender“, herausgegeben von der Internationalen Jugendbibliothek. Für diesen Kalender treffen die Bibliotheks-Lektoren aus dem Kinderbuchfundus eine Auswahl von Kindergedichten, die in ihrer jeweiligen Landes- sprache und -Schrift, der dazugehörigen Illustration und einer deutschen Übersetzung jeweils ein Kalenderwochenblatt füllen. So wird Jella Lepmans Idee der Völkerverständigung von Kind zu Kind auf poetische Weise fortgesetzt und in deutsche Kinderzimmer transportiert und weitergesagt.
Den Kinder Kalender für das laufende Jahr (2021) können Sie unter nachfolgendem Link gerne besichtigen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/11/12/der-kinder-kalender-2021/

 

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

35 Kommentare zu “Die Kinderbuchbrücke

  1. Eine sehr interessante Persönlichkeit, die hier vorgestellt wird. Und das Bild, auf dem so viele Kinder nebeneinander stehen und ihre Nasen in Bücher stecken, das würde ich mir in der heutigen Zeit auch öfter wünschen. Das Entdecken neuer Welten macht doch in Gemeinschaft noch einmal viel mehr Spaß.

    Gefällt 1 Person

    • Das Foto mit den Kindern, die nebeneinander in die Betrachtung von Büchern vertieft sind, fand ich auch sehr ansprechend und angesichts des momentanen digitalen Fernunterrichs und reduzierter ECHTER Kinderkontaktmöglichkeiten geradezu nostalgisch-wehmütig schön. Ich denke, daß diese gemeinsame körperliche Anwesenheit in einem Raum auch einen bereichernden gemeinsamen geistigen Miteinanderraum eröffnet.

      Gefällt 1 Person

      • Ich hoffe sehr, dass die Digitalisierungsüberoptimisten sich hinsichtlich unseres Bildungssystems nicht zu stark durchsetzen können – auf keiner Ebene. Wir leben vom wirklichen Kontakt miteinander und nicht von dessen Abschaffung aus Kostengründen.

        Gefällt 1 Person

      • Da kann ich Dir nur lebhaft zustimmen!
        Es ist zudem auch neurologisch längst erwiesen, daß Lerninhalte durch die Beteiligung der Sinne und durch echte zwichenmenschliche Kommunikation, Interaktion und BEZIEHUNG wesentlich besser und tiefer im Gedächtnis verankert und vernetzt werden.

        Gefällt 1 Person

    • Lieber Andreas,
      hab‘ Dank für Deine bestätigende Zustimmung und den passenden Hinweis auf Deine Besprechung der „Kinderbuchbrücke“ – so können sich meine Leser auf Deiner Webseite zusätzlich einlesen.
      Harmonische Grüße! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Und ich kann nur jedem empfehlen, sobald es wieder möglich ist, die wunderbare Blutenburg aufzusuchen und in den Lesemuseen zu staunen und zu verweilen…Ein so schöner Ort für Menschen, die Illustration und Worte lieben! Ich weiss, wovon ich schreibe 😉 …

    Gefällt 1 Person

  3. Das Buch kommt auf jeden Fall in meine Sammlung der Bücher ums Buch, es würde sonst etwas fehlen. Auch mir war sie bisher unbekannt und ich danke Dir sehr für diese Vorstellung.
    Lieber Gruß zu Dir Bücherfee, Karin

    Gefällt 1 Person

    • Verbindlichen Dank, liebe Karin,
      für Deine positive und kaufkräftige 😉 Resonanz. Dieses Buch ist auf jeden Fall eine Bereicherung Deiner Sammlung von Büchern ums Buch.
      Es freut mich, daß ich mit meiner Buchempfehlung etwas zur größeren Bekanntheit – wenn auch posthum – Jella Lepmans beitragen kann.
      Herzensgruß von mir zu Dir

      Gefällt mir

  4. Ich danke Dir! Schade, dass ich selbst in meiner Ausbildung damals nichts von dieser wunderbaren Frau gehört habe. Eigentlich peinlich (meinerseits) denn vor den digitalen Zeiten der Unterhaltung waren diese Preise von noch größerer Bedeutung und im medialen Interesse und wurden oft in Stapeln verkauft. Alles, was (gute) Bücher unter Kinder bringt, ist gut ☺
    Danke für das Stück Zeitgeschichte
    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Nina,
      hab‘ Dank für Deine Zustimmung zu Jella Lepman und zu ihrem Engagement für Kinderbücher. 🙂
      Ich habe in meiner Buchhändlerausbildung auch nichts von Jella Lepman gehört, habe aber aus meiner Kindheit einen Band mit ihren Gutenacht- geschichten. Doch in diesen Gutnachtgeschichten findet sich nur ein Vorwort von Jella Lepman und keinerlei Hinweis auf ihre Biografie. Solche Verdienste würden von den Verlagen heutzutage wesentlich strategischer und werbewirksamer dargestellt.
      Liebe Grüße auch von mir zu Dir

      Gefällt 1 Person

  5. Das ist ein wunderbares Stück aufgeschriebener Zeitgeschichte. Ich wusste, dass es dieses Projekt gab. Aber der Name Jella Lepman war mir unbekannt. Das ist ein Buch, das ich mir merken werde.
    Liebe Grüße an Dich, B.

    Und nebenbei angemerkt: der Verlag war bei seiner Leseprobe sehr großzügig.

    Gefällt 5 Personen

    • Vielen Dank für Deine Leseaufmerksamkeit, liebe Barbara.
      Dieses Buch ist in der Tat ein wunderbares Stück Zeitgeschichte und der Ruhm bzw. Nachruhm Jella Lepmans kann sich ruhig noch mehr herumsprechen.
      Großzügige Leseproben sind stets verkaufsfördernd und mindern die Wahrscheinlichkeit von Fehlkäufen, weil man einen wirklichen Eindruck des Lesestoffs bekommt.
      Herzensgruß von mir zu Dir

      Gefällt 3 Personen

  6. Toll, deine Ausführungen, Deine Informationen über die Internationale Jugendbibliothek.
    Ich kannte sie nicht und auch nicht den Namen ihrer Schöpferin Jella Lepman.
    Gibt es dieses Jugendbibliothek auch jetzt noch, liebe Ulrike?

    Es muß ein hochinteressantes Buch sein.
    Ganz herzliche Grüße von Bruni

    Gefällt 6 Personen

  7. Das ist eine höchst aufschlussreiche Lektüre, die du uns hier anbietest, liebe Bücherfee. Dank des von dir immer mit großem Enthusiasmus präsentierten Kinderkalenders sagt mir die Internationale Jugendbibliothek inzwischen etwas. Aber über die Hintergründe war mir bislang nichts bekannt. So ein Buch ist ja dann nicht „nur“ ein spannendes zeitgeschichtliches Dokument, sondern es ist auch insbesondere sehr inspirierend, weil es uns das Menschenmögliche und das möglich Menschliche vor Augen führt.

    Gefällt 7 Personen

    • Herzlichen Dank für Deine wohlklingende Resonanz auf „Die Kinderbuchbrücke“ und die Hintergründe der Internationalen Jugendbibliothek.
      Ich fand diese Lektüre auch sehr inspirierend und ein animierendes Beispiel für das, was Du so fein formuliert „das Menschenmögliche und das möglich Menschliche“ nennst. 🙂

      Gefällt 3 Personen

    • Vielen Dank, liebe Christiane,
      für Dein reges Interesse. Gerne mache ich Jella Lepman und ihr wertvolles Wirken im Rahmen meiner publizistischen Möglichkeiten bekannter.
      Schön, daß ich mit meiner Buchempfehlung Deine Leseneugier wecken konnte. 😀
      Abendgrüße aus dem nieselnebeligen Solingen 🙂

      Gefällt 1 Person

    • Verbindlichen Dank für Deine lebhafte Begeisterung für Jella Lepman. Ich kenne Jella Lepman auch erst, seitdem ich den KINDERKALENDER, den die Internationale Jugendbibliothek herausgibt, regelmäßig rezensiere.
      Ja, die Kindergesichter haben mich auch sehr angerührt, und ich bin froh, daß mir der Verlag entsprechendes Bildmaterial zur Verfügung gestellt hat.
      Jella Lepmans Bericht ist auch aufschlußreich hinsichtlich unterschiedlicher amerikanischer Ansichten zum Sinn und Unsinn der deutschen „Umerziehung“ in der Nachkriegszeit. Sie mußte durchaus kämpfen, um ihre Ideen bei ihren militärischen Vorgesetzten durchzusetzen, aber sie war offenbar sehr überzeugungsfähig.

      Gefällt 6 Personen

Sie dürfen gerne ein Wörtchen mitreden, wenn's konveniert!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s