Blaue Blumen

  • von Carola Saavedra
  • Roman
  • Aus dem Portugiesischen
  • von Maria Hummitzsch
  • C.H. Beck Verlag, März 2015       http://www.beck.de
  • 222 Seiten
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 18,95 € (D)
  • ISBN 978-3-406-67567-6
    BLAUE BLUMEN_cover

B L A U E   F L E C K E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Schauen wir uns erst einmal die äußere Gestaltung dieses Buches an: Da liegen mit einer Hanfschnur gebündelte Briefe auf einer Tischplatte, mit abblätterndem türkisfarbenen Anstrich. Die Briefumschläge sind blaßblau und die leicht hervorlugenden handbeschriebenen Seiten verblichen-cremefarben. Die vier zitierten Sätze auf dem hinteren Buchdeckel klingen melancholisch-sehnsuchtsvoll und verheißen eine poetische Liebesgeschichte:

Liebster, eine Trennung, sagt man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, mit dem ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.“ (Seite 5)

Ich sage es direkt und deutlich: Eine Liebesgeschichte werden Sie in diesem Buch beim besten Willen nicht entdecken. Der Verlag preist zwar an, dies sei „Ein kluger, intensiver und leidenschaftlicher Roman über Gefühle und Sprache, über Liebe und ihre Macht, über Trennungen und Neuanfänge.“

Indes empfinde ich gänzlich anders. Um es polemisch auszudrücken: Ein kopflastiger, liebeskümmerlicher und schmerzverherrlichender Roman über Liebesunfähigkeit, Machtspiele und Manipulation, Gewalt und leblose Herzensleere.

Eine Frau, die namenlos bleibt, ist verlassen worden und schreibt dem Mann, der sie offenbar wortlos verlassen hat, Briefe, die sie lediglich mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschreibt.

Ein anderer Mann zieht nach der Trennung von Frau und Tochter in eine neue Wohnung und erinnert sich an die Beziehungsgeschichte seiner Ehe und die wachsende Entfremdung zwischen sich und seiner Frau. Die Briefe der verlassenen Briefschreiberin landen in seinem Briefkasten. Den ersten Brief öffnet und liest er nur, weil er sich Auskunft über die Absenderin erhofft, da eine Absenderadresse fehlt, und er überlegt auch schon, sich nach der Adresse seines Vormieters zu erkundigen, da er diesen als den korrekten Adressaten annimmt.

Doch die Geschichte der unbekannten Frau, die offenbar auch eine Trennung zu verkraften hat, beschäftigt ihn von Brief zu Brief zunehmend, so daß er sogar seine Arbeit vernachlässigt und erwartungsvoll auf den nächsten Brief hofft.

Darüber hinaus beginnnt er mit einer amateurdetektivischen Suche nach der Absenderin. Dabei reflektiert er über sein Verhältnis zu Frau und Tochter und entpuppt sich als ein Mann von mangelnder Authentizität und Willenskraft, der sich Frauen gegenüber unterlegen fühlt. Zugleich ist er wütend und findet, daß die Frauen in seinem Leben zuviel von ihm verlangen und immer in der Nehmerrolle sind und ihm nichts geben. Er hegt die diffuse Hoffnung, daß die unbekannte Briefschreiberin hingebungsvoller sei.

Bei der Lektüre ersten Brief kann der Leser noch glauben, daß die Frau mit dem Verlust des Mannes etwas verloren hat, das der Trauer wert sei. Auch deutet sie ein Geschehen an, das zur Trennung führte, was selbstverständlich einige Neugier weckt.

Doch von Brief zu Brief erfahren wir in sich steigernden, sadomasochistischen Mißhandlungsstufen von einer ausgesprochen lieblosen, grausamen Beziehung. Schon nach der ersten „Liebesnacht“ ist der Körper der Frau von blauen Flecken übersäht, die sie sich im Spiegel anschaut und die sie als Verschönerung ihres verletzlichen Körpers betrachtet sowie als Beweis und Andenken der Aufmerksamkeit des „Liebhabers“.

Der in jedem von insgesamt neun Briefen wiederholte Refrain der freiwilligen Unterwerfung, des selbstquälerischen, co-abhängigen Verletztseins, Verletztwerdens und Verletztenwollens, dieses angestrengten Schmerz mit Schmerz Betäubens und der Verwechslung von grobmotorischem Körperkontakt mit Sinnlichkeit und innerer Nähe ist nervtötend und öde.

Der Höhepunkt der Unterwerfung kommt im vorletzten Brief zur Sprache: Die Frau, nur bekleidet mit hochhackigen Pumps, wird zum Tisch befohlen, über den sie sich zu beugen hat, damit der Herr sie von hinten … Weitere schmerzliche Einzelheiten erspare ich Ihnen hier gerne. Dieses abgedroschene Klischee wurde schon mit hinreichender Penetranz von Helmut Newton fotografiert.

Der Höhepunkt der Lesequal wird schließlich im letzten Brief erreicht: Die Bereitschaft der Frau, diesem „Liebhaber“ zu vergeben, ihr ausdrücklicher Wunsch, ihn zurückzubekommen, ihre unsinnige Sehnsucht, endlich von ihm wahrgenommen zu werden, ihn gefühlsmäßig zu erreichen, ihre kläglich wiederholte Leidensleier und pseudophilosophische Haßliebe und Schmerzverherrlichung sind eine arge Zumutung.

Der rote Faden der Brief-Geschichte ist der vergebliche Versuch ein brutales Beziehungsmuster und äußerst verletzende Verhaltensweisen SCHÖNzuschreiben und geradezu religiös zu idealisieren. Der erzählerische Zwischenraum von Brief zu Brief wird von den blassen Befindlichkeiten des Briefempfängers gefüllt, der durch die Briefe ein winziges bißchen aus seiner Seinstaubheit geweckt wird. Doch kann das ganze Buch nur herzensverarmte Figuren buchstabieren.

Dieses mogelverpackte Romänchen ist sprachstilistisch nicht explizit pornographisch, sondern kitschig-möchtegernlyrisch. Die sexuellen Handlungen werden durch die dezente Wortwahl intellektualisiert und aus der emotionalen Distanz erzählt.

Die weichzeichnerische, zarte Empfindsamkeit des Titelbildes steht in eklatantem Widerspruch zu der schmerzverzerrten Geschichte einer Frau, die ins Leiden verliebt ist. Welche ZIELGRUPPE schwebte dem Verlag eigentlich bei dieser romantischen Titelbildwahl vor? Empfindsame Erwartungen werden in diesem Buch keineswegs erfüllt.

Das Mindeste, was man von einer vernünftigen und nachhaltig werbewirksamen Buchgestaltung erwarten können sollte, ist ein EHRLICHES Titelbild, das dem Inhalt ENTSPRICHT. Dies ist hier auf der ganzen Linie mißlungen.

Ich rege einen nachträglich aufzubringenden WARNHINWEISAUFKLEBER an:

Achtung: Mißbräuchlicher Einsatz eines romantischen Motivs sowohl beim Titelwortlaut wie beim Titelbild. Bei der Lektüre drohen schmerzliche Enttäuschung und qualvoller Überdruß.

 

Die Autorin:

»Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman „Landschaft mit Dromedar“. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Mit „Toda Terça“ (2007) gewann sie den APCA-Preis in der Kategorie „Bester Roman“. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens. „Blaue Blumen“ erschien zuerst 2008. «

Die Übersetzerin:

»Maria Hummitzsch, 1982 geboren, übersetzt aus dem Englischen und Portugiesischen,
u. a. Helen Walsh, Beatriz Bracher und Shani Boianjiu, für C.H.Beck Carola Saavedras „Landschaft mit Dromedar“ und von Jessica Keener „Schwimmen in der Nacht“ (2014).«

Querverweis:

Dieser Verriß ergänzt schamlos  meinen Verriß von »Feuchtgebiete«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/feuchtgebiete/
sowie meine Abrechnung mit  »Alle meine Wünsche«:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/03/21/alle-meine-wunsche/

 

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67 Kommentare zu “Blaue Blumen

  1. Ok, diese Geschichte werde ich nicht lesen.
    Liebeskümmerlich und ohne jegliche Liebesgeschichte?
    Wie hat die Autorin denn das geschafft?
    Da lasse ich dieses Buch doch gerne links oder auch rechts liegen
    und schlage es nicht mal an einer einzigen Seite auf, dank Deiner
    tollen Besprechung, die mich nun davor bewahrt .

    Bei Feuchtgebiete wollte ich es damals genau wissen u. quälte mich durch ca. 2 1/2 Seiten, bis ich es endlich entnervt weglegte und mich fragte, ob es denn einen einzigen Menschen gäbe, der es genussvoll gelesen hätte.

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  2. Oha. Das war hier diesmal wirklich komplett anders. ^^ Das Cover (lag prompt auch falsch nach dem ersten Blick darauf), das Buch und – zack! – auch die Rezension! Für mich natürlich: Die Lektüre der Rezension! Die hat mich jetzt gerade so richtig wachgemacht.
    Ich kann nun im Grunde nicht wirklich mitsprechen, ohne es gelesen zu haben, doch aufgrund deiner Auflistung, deiner Analyse und deiner Argumente bin ich „spontan“ bereit zuzustimmen, dass so ein Werk – derart falsch verpackt und präsentiert – schon in dieser Hinsicht enttäuschen muss!
    Ob nun ein anderer Leser gerade mit der distanzierten Weise, der intellektuellen Art oder dem großen Anteil an Leid, Pein, Schuldgefühlen etc. gut klarkommt und darüber in Lobeshymnen ausbricht, weiß man natürlich nicht. Ich wage es aber zu bezweifeln.

    Die Autorin hat einige Preise eingeheimst, die ihr sowohl vor als auch nach Erscheinen der „Blauen Blumen“ zugesprochen wurden. Ich hoffe mal, der Stil von „Toda Terça“ (2007) war etwas anders und auch das preisgekrönte Werk von 2013 wich von diesem Roman hier im Stil und Inhalt ab. Sonst müsste ich mich ja fast über die Preisvergabe wundern.
    Ich glaube, ich muss mir – rein interessehalber – mal die Cover zu den anderen Büchern ansehen …

    Dir wünsche ich nun als nächstes wieder ein Buch, bei dem du hinterher keinen Blitzableiter brauchst, liebe Ulrike. 😉

    LG Michèle

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    • Selbstverständlich ist meine Kritik subjektiv. Und andere Leser müssen nicht meine Erfahrung von Liebe teilen.
      Liebe und Liebeslust in einem herzensüberquellenden, zärtlich und erkennend zu tieferer Nähe wachsenden und unbefangen, strömenden, SINNLICHEN Sinne kommt jedenfalls in diesem Buch nicht vor.
      Welche QUALifizierung die anderen Romane von Carola Saavedra haben, werde ich gewiß nicht überpüfen.
      Ich wende mich nun erfreulicherer Lektüre zu. Ein Blitzableiterbuch pro Halbjahr reicht mir 😉
      Ich danke Dir von Herzen für Deine ausführliche Resonanz und wünsche Dir, liebe Michèle, eine gute Nacht.
      Ulrike 🙂

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  3. Liebe Ulrike,
    wow, deine Klarheit, deine Argumente und der Pfeffer in deiner überaus nachvollziehbaren Buchkritik haben mir eine interessante Seite von dir gezeigt! Danke. Diese Frauenpower tut gut! Frau muss sich auch nicht jeden „Schmarrn“ vorsetzen lassen. Danke für´s Vorkosten. Ich hoffe, du bist ohne Verdauungsstörungen davon gekommen.
    Liebe Grüße
    Heidrun

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    • Es ist keine klassische SM-Geschichte, im Sinne abgesprochener „Sexspielchen“ mit vereinbarten Grenzen.
      SIE wird von ihm herumkommandiert und ER „liebt“ es, wenn SIE Pumps mit hohen Absätzen und einschneidenden Riemchen trägt, von denen ER genau weiß, daß ihr das Gehen damit Schmerzen bereitet. ER straft SIE mit Schweigen, wenn SIE weint. ER schenkt ihr eine elektrische Kaffeemühle, weil ER seinen Kaffee ZWANGHAFT nur auf eine ganz bestimmte Weise zubereitet haben will. ER bestimmt und SIE folgt, und SIE sucht nach Erklärungen und Entschuldigungen für seine lieblosen bis körperlich-verletzenden Umgangsformen usw. … GÄHN …
      Beide tragen sehr viel Wut in sich. ER äußert seine Wut tätlich und wörtlich. SIE äußert ihre Wut gedanklich und schriftlich in den Briefen.
      BEIDE gehören DRINGEND auf die Couch!

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  4. *grins*
    Also noch ein Buch, das ich nicht lesen werde. Danke auch für den Verriss der Feuchtgebiete, das ich ebenfalls nicht gelesen habe (okay, zwei Seiten angelesen) und für dessen Ablehnung du sehr schönes Material lieferst. 🙂
    Vergnügte Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  5. Ui, vielen Dank für diese Warnung! Ich wäre auf das hübsche Cover reingefallen! Finde ich großartig, dass Du so deutlich bist! Ich finde es gerade für junge Frauen z.T. fatal, was es momentan, auch gehyped, auf dem Buchmarkt gibt. Und ich bin noch mit der „Emma“ groß geworden… liebe Grüße, Wanja

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für Deine Zustimmung, liebe Wanja.
      Es gibt heutzutage zuviele solcher liebesfernen, entherzten „Liebesromane“. In einem anderen meiner Verisse (siehe QUERVERWEIS oben – unter der Besprechung) habe ich einmal gefragt:“Wieso gibt es keinen Therapeuten in diesem Buch?“
      Hinzu kommen noch die Liebesromänchen, die einfach NUR eitel und oberflächlich sind.
      Herzenbildungsromane finden sich weit mehr bei den Klassikern, wie Du ja auch mit der Erwähnung Jane Austens bereits angedeutet hast.
      Einvernehmliche Grüße 🙂 Ulrike

      Gefällt 1 Person

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