Glaube wenig – Hinterfrage alles – Denke selbst

  • Wie man Manipulationen durchschaut
  • von Albrecht Müller
  • WESTEND Verlag 2019 www.westendverlag.de
  • 9. Auflage 2020
  • Klappenbroschur
  • 144 Seiten
  • 14,00 € (D), 14,40 € (A)
  • ISBN 978-3-86489-218-9

GEISTIGE  IMMUNSTÄRKUNG

Buchbeipackzettel von Ulrike Sokul ©

 

 Was ist  das Buch „Glaube wenig – Hinterfrage alles – Denke selbst“ und wie wird es angewendet?

„Glaube wenig – Hinterfrage alles – Denke selbst“ ist ein Mittel zur Belebung, Förderung und Unterstützung und – in manchen Fällen – sogar der Reanimierung der geistigen Immunstärke und Gedankenfreiheit gegenüber weitverbreiteten medialen Manipu- lationsmethoden, strategischer Meinungsmache, Kampagnenjournalismus, PR-Gefälligkeiten und Propagandapraktiken.

Dieses Buch schärft den Blick und das Bewußtsein für den Wert von Demokratie, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Meinungsvielfalt, Respekt und unabhängiger Presse. Die demokratiewirksamen Informationsbestandteile und die entlarvenden Medienanalyen sensibilisieren für die sprachlichen und inszenatorischen Werkzeuge der massen- medialen Meinungsbeeinflussung und der von Machtinteressen gelenkten Irreführung und dienen der Aufklärung, Achtsamkeit, Vernunft und Selbstbestimmung.

Die Einnahme erfolgt buchstäblich durch aufmerksames Lesen, begleitendes Nach- und Mitdenken sowie persönliche Reflektion.

 

Wie ist das Buch zu lesen?

Für Erstleser empfehlen wir eine Lektüre im individuellen Lesetempo, mit wenigstens 50 Seiten täglich, so daß eine komplette Einnahme innerhalb von drei Tagen erfolgt.

Selbstverständlich wird diese Lektüre keineswegs verordnet, sondern sie geschieht absolut freiwillig und eigenverantwortlich

Zur geistigen Verarbeitung der aufklärenden Informationen zu bleibendem Wissen und zur vertiefenden neuronalen Verankerung ist eine zwei- bis dreimalige Wiederholung der Lektüre – gerne mit persönlichen Lesehaftzettelchen oder Textmarkierungen – sinnvoll.

Eine Leseüberdosis ist unbedenklich, außer wenn Ihnen die zahlreichen Erkenntnisse über massive Propagandapraktiken sowie ihre tatsächlichen Auswirkungen auf die Gestaltung gesellschaftlicher und wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen den Schlaf rauben.

Wir weisen darauf hin, daß diese Lektüre bei besonderer Denkeigenwilligkeit und bereits geübter medialer Mündigkeit besonders schnell und nachhaltig wirkt und das konstruktiv-kritische Urteilsvermögen gnadenlos schärft.

 

Woraus besteht „Glaube wenig Hinterfrage alles Denke selbst“?

Albrecht Müller, der Autor dieses Buches, diagnostiziert übersichtlich und komprimiert siebzehn gängige Methoden der Manipulation. Dazu gehören diverse Sprachregelungen und Sprachformeln – so werden Regierungen, die dem Westen mißfallen, bevorzugt als Diktaturen oder Regimes bezeichnet und die entsprechenden Regierungschefs wahl- weise Autokraten, Diktatoren, Machthaber oder Schlächter genannt.

Gerne kommen auch permanent wiederholte wertende Etikettierungsbegriffe zur Anwendung, die entweder positiv besetzt sind, wie beispielsweise Menschenrechte, Reformen, Wachstum, Exportüberschüsse, Zivilgesellschaft oder negativ geladene wie beispielsweise Reformitis, Populist, Linkspopulist, Rechtspopulist oder Querfront. Die einen Begriffe dienen der Seligsprechung, die anderen der Diffamierung. Und mit einer vorschußlorbeerigen, politisch-fürsorglichen Formulierung wie das „Gute-KiTa-Gesetz“ versteht dann auch noch der Dümmste, wie ein solches Gesetz zumindest theoretisch gemeint ist.

Weitere Methoden sind u.a. Verschweigen, Wiederholen, Übertreiben, die gleiche Botschaft aus verschiedenen Ecken aussenden, öffentliche Gesprächsrunden, in denen Meinungseintönigkeit vorherrscht, der Wippschaukeleffekt, Andeutungen und Halb- wahrheiten zur Wahrheit stilisieren, NGOs gründen und benutzen, Experten und Expertisen präsentieren, die eine erwünschte einseitige (alternativlose!) Ausrichtung vertreten und bestätigen, Personen willkürlich miteinander verknüpfen, um eine bestimmte Kontextualisierung, (Ab)Wertung und Stigmatisierung zu erzeugen, Konflikte zur Meinungsmache ausnutzen, aufbauschen oder inszenieren, der gezielte Einsatz von Emotionen und Angst … usw.

Der Methodendarstellung folgen anschauliche Beispiele für aktuelle und historische Fälle von Meinungsmache, Kampagnenjournalismus und rücksichtslose Irreführung im Interesse kommerzieller Kreise. Im Folgenden nun streiflichternd einige Musterexem-plare: Die medialen Kampagnen zur Senkung der Lohnnebenkosten, um angeblich mehr Arbeitsplätze zu schaffen, der endlos sowohl von öffentlich-rechtlichen als auch privaten Medien wiedergekäute demographische Wandel als Hauptargument für die Demontage und systematische Schwächung der solidarischen Gesetzlichen Renten- versicherung zugunsten privatwirtschaftlicher Versicherungskonzerne, die Umdeutung und Umformulierung der Finanzkrise von 2008 in eine Staatsschuldenkrise, für die der Steuerzahler brav aufkommen darf … usw.

Und hochaktuell: Die völlig gedankenlos-fortschrittsgläubige und verantwortungslose Forcierung der Digitalisierung von Kindheit und Bildung. Dieses fatale Bildungsexperi- ment mit kindlichen Versuchskaninchen steht im massiven Interesse kommerzieller Profiteure und keineswegs im Interesse kindlicher Bildungsförderung. Entsprechende warnende Stimmen von Neurologen und Psychologen werden jedoch sowohl von der Politik als auch von den Hauptmedien größtenteils ignoriert.

Dramatisch ist auch der westliche Konfrontationskurs gegenüber Russland. Hinsichtlich dieses politischen und medialen Feindbildaufbaus sollte uns die aktuelle Wiederbe- lebung bzw. Aufrüstung der Sprachformeln „Abschreckung“ und „Politik der Stärke“ eine deutliche Warnung sein.

Diese Meinungsbeeinflussungen und Denklenkungen geschehen vor dem Hintergrund starker Medienkonzentrationen sowie unter dem Einfluß diverser Journalisten und Chefredakteuere, die der NATO tief verbunden sind und dementsprechend ihre Wertungen vornehmen und verkünden. (Für wissenswerte Details dazu siehe: DIE ANSTALT vom 29.4.2014   https://www.youtube.com/watch?v=nX3urDVrwTE , ab Minute 36:10)

Die häufige Einseitigkeit und Unausgewogenheit massenmedialer Berichterstattung zeigt sich auch darin, daß der sich extrem vergrößernde Abstand zwischen Arm und Reich für die reichen Zeitungskonzerne und Medienhäuser allenfalls ein Nischenthema ist – so verengt sich der Artikulationsspielraum für die vielen einkommensschwachen Mitbürger und die faire Repräsentanz ihrer Anliegen.

»Wir haben Klassen-Medien und Klassen-Historiker – das zu erkennen ist ein wichtiger Lernschritt auf dem Weg zum Ziel, selbst zu denken.« (Seite 89)

»Diese Verschiebung verschärft eine immer schon erkennbare Schlagseite der demo-kratischen Meinungsbildung und politischen Entscheidungsfindung: Wer über viel Geld oder publizistische Macht verfügt, kann in viel größerem Maße als die normalen Menschen Einfluss nehmen. Diese Einflussnahme bezieht sich auf die Bildung der öffentlichen Meinung und auch schon auf die Bildung der veröffentlichten Meinung, also die Meinung der Medienmacher.« (Seite 18)

 

Was müssen Sie vor Einlesung des Buches beachten?

„Glaube wenig – Hinterfrage alles – Denke selbst“ sollte besser nicht eingenommen werden bei akuter Denkfaulheit und chronischer Leichtgläubigkeit, obwohl es gerade in solchen Fällen zu großen Erkenntnissprüngen kommen könnte.

Bei ängstlicher Überempfindlichkeit angesichts von fundierter Gesellschaftskritik und gegebenenfalls deutlichem Widerspruch zu den Narrativen der sogenannten Leitmedien kann es gelegentlich zu Kopfschmerzen, Übelkeit bis hin zu Ohnmachtsanfällen kommen.

Menschen, die gewohnheitsmäßig oder suchtartig nur seditativ-zerstreuende Unter-haltungsmedien und eintönige „Talkshows“ einnehmen, werden die hier enthaltenen unbequemen Denk- und Hinterfrageaufforderungen sowie die desillusionierenden aktuellen und historischen Medienanalysen schwer bekömmlich oder viel zu ernüchternd finden, um sich ernsthaft damit zu beschäftigen.

Bequemlichkeit, Engstirnigkeit, Ignoranz, Konformitätsbedürftigkeit und Untertanen- mentalität verhindern zudem ein Überschreiten der Geist-Hirn-Schranke und lassen keine ungewollten Erkenntnisse ins Bewußtsein dringen oder führen im Falle spurenelementarer Durchdringung zu kognitiver Dissonanz.

Besondere Vorsicht ist geboten bei Kapitalismusgläubigkeit und ausgeprägtem neo-liberalem Welt- und Menschenbild sowie naiver ÖRR-Hörigkeit; hier können drastische Intoleranzen, Klassenkampfallergien, das neuartige »Ein-Schimpfwort-Verschwörungs-theoretiker-Tourette-Syndrom« und Bluthochdruck auftreten bis hin zu lesensgefähr-lichen Entzündungen. In freiwilligen Leseversuchen kam es jedoch nur in sehr, sehr seltenen Fällen (1:100.000) zu Buchverbrennungen.

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen:

Plötzliche Geistesblitze sind nicht ausgeschlossen, aber unbedenklich!

Kurzfristige leichte bis schwerere Verstimmungen angesichts der unvermeidlich schmerzlichen Enttäuschung über die häufige strategisch-meinungsmanipulierende Ausrichtung der Leitmedien, die vielen finanz- und machtinteressensgebundenen „Experten“ und den Ausverkauf von Demokratie und Gemeinwohl treten mit großer Wahrscheinlichkeit auf. Langfristig sollte diese Desillusionierung jedoch zu mehr geistiger Wachheit, lebhafter Diskussionsbereitschaft und zu unheilbarer staats- bürgerlicher Mündigkeit führen.

Eine häufige Nebenwirkung ist eine zunehmende Abneigung gegen die erdreisteten Rundfunkgebühren des Öffentlich-Rechthaberischen-Rundfunks und die mehr als berechtigte Frage, in welch eklatantem Mißverhältnis hier Preis und Demokratie- leistung bzw. vorgeblich solidarisch-demokratisch-pluralistischer Anspruch und faktisch überwiegend mediale Eintönigkeit und Denklenkungsberieselung stehen.

Wer den häufigen und beabsichtigten Etikettenschwindel massenmedialer Manipulation durchschaut und hinterfragt, unterwirft sich nicht mehr in stillem Gehorsam der Deutungshoheit und Bevormundung der Hauptmedien und entwickelt chronische Wahrheitsliebe.

Eine Überdosis geistiger Immunstärke ist nur in Diktaturen lebensgefährlich!

Erhellende Wechselwirkungen mit anderen Büchern und bereits vorhandenem gesell-schafts- und medienkritischem Bewußtsein sind wahrscheinlich, ja, sogar wünschens- wert, da dies dem Anspruch und der erhofften Wirkungsweise von „Glaube wenig – Hinterfrage alles – Denke Selbst“ ausdrücklich entspricht.

 

Dauer der Anwendung:

Grundsätzlich kann dieses Buch unbegrenzt konsumiert werden, ja, Sie dürfen es auch gerne anderen Menschen leihen, schenken oder Lieblingspassagen daraus vorlesen. Beim Auftreten akuter Begeisterungssymptome, gesteigerter Denkeigenwilligkeit und beflügeltem Aufklärungsgeist sowie zur aktualisierenden Ergänzung empfehlen wir außerdem unbedingt die Webseite des Autors:
„NachDenkSeiten“
https://www.nachdenkseiten.de/

 

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.westendverlag.de/buch/glaube-wenig-hinterfrage-alles-denke-selbst/

 

Der Autor:

»Albrecht Müller, 1938 in Heidelberg geboren, ist Diplom-Volkswirt, Bestsellerautor, Publizist, Initiator und Herausgeber der NachDenkSeiten. Müller leitete Willy Brandts Wahlkampf 1972 und die Planungsabteilungen unter den Kanzlern Brandt und Schmidt. Von 1987 bis 1994 war er für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages. Zu seinen Büchern zählen „Die Reformlüge“, „Machtwahn“ und „Brandt aktuell“.«

 

 

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Blaue Blumen

  • von Carola Saavedra
  • Roman
  • Aus dem Portugiesischen
  • von Maria Hummitzsch
  • C.H. Beck Verlag, März 2015 https://www.chbeck.de/
  • 222 Seiten
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 18,95 € (D)
  • ISBN 978-3-406-67567-6
    BLAUE BLUMEN_cover

B L A U E   F L E C K E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Schauen wir uns erst einmal die äußere Gestaltung dieses Buches an: Da liegen mit einer Hanfschnur gebündelte Briefe auf einer Tischplatte, mit abblätterndem türkis- farbenen Anstrich. Die Briefumschläge sind blaßblau und die leicht hervorlugenden handbeschriebenen Seiten verblichen-cremefarben. Die vier zitierten Sätze auf dem hinteren Buchdeckel klingen melancholisch-sehnsuchtsvoll und verheißen eine poetische Liebesgeschichte:

Liebster, eine Trennung, sagt man, ist nie abgeschlossen, kommt nie plötzlich. Man sagt, eine Trennung beginnt mit ihrem Gegenteil. Sie beginnt genau im sanftesten Moment, bei der ersten Begegnung, mit dem ersten Blick. Ich möchte glauben, eine Trennung kennt kein Ende, und der letzte Tag, die letzte Nacht wiederholen sich unaufhörlich, mit jedem Warten, jeder Wiederkehr, immer dann, wenn du mir fehlst, immer dann, wenn ich deinen Namen sage.“ (Seite 5)

Ich sage es direkt und deutlich: Eine Liebesgeschichte werden Sie in diesem Buch beim besten Willen nicht entdecken. Der Verlag preist zwar an, dies sei „Ein kluger, intensiver und leidenschaftlicher Roman über Gefühle und Sprache, über Liebe und ihre Macht, über Trennungen und Neuanfänge.“

Indes empfinde ich gänzlich anders. Um es polemisch auszudrücken: Ein kopflastiger, liebeskümmerlicher und schmerzverherrlichender Roman über Liebesunfähigkeit, Machtspiele und Manipulation, Gewalt und leblose Herzensleere.

Eine Frau, die namenlos bleibt, ist verlassen worden und schreibt dem Mann, der sie offenbar wortlos verlassen hat, Briefe, die sie lediglich mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschreibt.

Ein anderer Mann zieht nach der Trennung von Frau und Tochter in eine neue Wohnung und erinnert sich an die Beziehungsgeschichte seiner Ehe und die wachsende Entfrem- dung zwischen sich und seiner Frau. Die Briefe der verlassenen Briefschreiberin landen in seinem Briefkasten. Den ersten Brief öffnet und liest er nur, weil er sich Auskunft über die Absenderin erhofft, da eine Absenderadresse fehlt, und er überlegt auch schon, sich nach der Adresse seines Vormieters zu erkundigen, da er diesen als den korrekten Adressaten annimmt.

Doch die Geschichte der unbekannten Frau, die offenbar auch eine Trennung zu verkraften hat, beschäftigt ihn von Brief zu Brief zunehmend, so daß er sogar seine Arbeit vernachlässigt und erwartungsvoll auf den nächsten Brief hofft.

Darüber hinaus beginnnt er mit einer amateurdetektivischen Suche nach der Absenderin. Dabei reflektiert er über sein Verhältnis zu Frau und Tochter und entpuppt sich als ein Mann von mangelnder Authentizität und Willenskraft, der sich Frauen gegenüber unterlegen fühlt. Zugleich ist er wütend und findet, daß die Frauen in seinem Leben zuviel von ihm verlangen und immer in der Nehmerrolle sind und ihm nichts geben. Er hegt die diffuse Hoffnung, daß die unbekannte Briefschreiberin hingebungsvoller sei.

Bei der Lektüre des ersten Briefes kann der Leser noch glauben, daß die Frau mit dem Verlust des Mannes etwas verloren hat, das der Trauer wert sei. Auch deutet sie ein Geschehen an, das zur Trennung führte, was selbstverständlich einige Neugier weckt.

Doch von Brief zu Brief erfahren wir in sich steigernden, sadomasochistischen Mißhand- lungsstufen von einer ausgesprochen lieblosen, grausamen Beziehung. Schon nach der ersten „Liebesnacht“ ist der Körper der Frau von blauen Flecken übersäht, die sie sich im Spiegel anschaut und die sie als Verschönerung ihres verletzlichen Körpers betrachtet sowie als Beweis und Andenken der Aufmerksamkeit des „Liebhabers“.

Der in jedem von insgesamt neun Briefen wiederholte Refrain der frei- willigen Unterwerfung, des selbstquälerischen, co-abhängigen Verletztseins, Verletztwerdens und Verletztenwollens, dieses angestrengten Schmerz mit Schmerz Betäubens und der Verwechslung von grobmotorischem Körper- kontakt mit Sinnlichkeit und innerer Nähe ist nervtötend und öde.

Der Höhepunkt der Unterwerfung kommt im vorletzten Brief zur Sprache: Die Frau, nur bekleidet mit hochhackigen Pumps, wird zum Tisch befohlen, über den sie sich zu beugen hat, damit der Herr sie von hinten … Weitere schmerzliche Einzelheiten erspare ich Ihnen hier gerne. Dieses abgedroschene Klischee wurde schon mit hinreichender Penetranz von Helmut Newton fotografiert.

Der Höhepunkt der Lesequal wird schließlich im letzten Brief erreicht: Die Bereitschaft der Frau, diesem „Liebhaber“ zu vergeben, ihr ausdrücklicher Wunsch, ihn zurückzu- bekommen, ihre unsinnige Sehnsucht, endlich von ihm wahrgenommen zu werden, ihn gefühlsmäßig zu erreichen, ihre kläglich wiederholte Leidensleier und pseudophilo- sophische Haßliebe und Schmerzverherrlichung sind eine arge Zumutung.

Der rote Faden der Brief-Geschichte ist der vergebliche Versuch ein brutales Beziehungsmuster und äußerst verletzende Verhaltensweisen SCHÖNzu- schreiben und geradezu religiös zu idealisieren. Der erzählerische Zwischenraum von Brief zu Brief wird von den blassen Befindlichkeiten des Briefempfängers gefüllt, der durch die Briefe ein winziges bißchen aus seiner Seinstaubheit geweckt wird. Doch kann das ganze Buch nur herzensverarmte Figuren buchstabieren.

Dieses mogelverpackte Romänchen ist sprachstilistisch nicht explizit pornographisch, sondern kitschig-möchtegernlyrisch. Die sexuellen Handlungen werden durch die dezente Wortwahl intellektualisiert und aus der emotionalen Distanz erzählt.

Die weichzeichnerische, zarte Empfindsamkeit des Titelbildes steht in eklatantem Widerspruch zu der schmerzverzerrten Geschichte einer Frau, die ins Leiden verliebt ist. Welche ZIELGRUPPE schwebte dem Verlag eigentlich bei dieser romantischen Titelbild- wahl vor? Empfindsame Erwartungen werden in diesem Buch keineswegs erfüllt.

Das Mindeste, was man von einer vernünftigen und nachhaltig werbewirksamen Buchgestaltung erwarten können sollte, ist ein EHRLICHES Titelbild, das dem Inhalt ENTSPRICHT. Dies ist hier auf der ganzen Linie mißlungen.

Ich rege einen nachträglich aufzubringenden WARNHINWEISAUFKLEBER an:

Achtung: Mißbräuchlicher Einsatz eines romantischen Motivs sowohl beim Titelwortlaut wie beim Titelbild. Bei der Lektüre drohen schmerzliche Enttäuschung und qualvoller Überdruß.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.chbeck.de/saavedra-blaue-blumen/product/14347906

Die Autorin:

»Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien bei C.H.Beck ihr Roman „Landschaft mit Dromedar“. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Mit „Toda Terça“ (2007) gewann sie den APCA-Preis in der Kategorie „Bester Roman“. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens. „Blaue Blumen“ erschien zuerst 2008. «

Die Übersetzerin:

»Maria Hummitzsch, 1982 geboren, übersetzt aus dem Englischen und Portugiesischen,
u. a. Helen Walsh, Beatriz Bracher und Shani Boianjiu, für C.H.Beck Carola Saavedras „Landschaft mit Dromedar“ und von Jessica Keener „Schwimmen in der Nacht“ (2014).«

Querverweis:

Dieser Verriß ergänzt sich schamlos mit meinen Verriß der »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche https://leselebenszeichen.wordpress.com/2012/12/30/feuchtgebiete/
sowie mit meiner therapeutischen Abrechnung mit  »Alle meine Wünsche« von Grégoire Delacourt https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/03/21/alle-meine-wunsche/
und mit der liebesleeren Eiszeitlektüre »Dieses klare Licht in den Bergen«
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/26/dieses-klare-licht-in-den-bergen/

 

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