Das Mundschloss

IM  GESPRÄCH  MIT  DER  UNAUSSPRECHLICHKEIT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

»„Die ist doch stumm wie eine Parkuhr!“ – sagt eine Mitschülerin; „Sprich bitte mit uns!“, die Grundschullehrerin. Doch zu Hause ist alles anders: Dort wird geredet wie ein Wasserfall, gespielt, getanzt und sich verkleidet. Aber wieso spielt Simone nicht mit anderen Kindern? Warum werden Hallo, Danke, Bitte zu demselben bedrückenden Problem wie jede denkbare andere Situation mit Menschen?«
(Zitat aus dem Klappentext)

Wie soll ein Mensch sich weitersagen, wenn die Anwesenheit unvertrauter Menschen und / oder das Betreten ungewohnter Räume so viel Angst auslösen, daß sich das wahre Selbst verschließt, der sprachliche Ausdruck blockiert und der Körper beinahe erstarrt ist, während das Denken krampfhaft darum kreist, irgendwie doch noch passende Worte und soziale Gesten hervorzubringen, ja, schließlich sogar das Denken verschwimmt und nur noch das Überleben eine Rolle spielt? Das ist mehr als „normale“ Schüchternheit, das ist selektiver Mutismus.

In der Einleitung zu ihrem Buch schreibt Simone Dräger: »Das ist ein Buch über eine Art von Schüchternsein, die nur im Beisein von anderen Personen auftaucht und bei einem selbst einen Identitätsverlust, Selbstleugnung und Verwirrung auslöst. Kennzeichnend hierbei ist eine gewisse Verschlossenheit. Der Körper befindet sich in einer Angst- reaktion, alles andere wird ausgeschaltet, aufgelöst – da nur das Überleben zählt. Diese Angstreaktion ist zu begreifen wie ein „Blackout“, welches sich letztendlich in der Sprache niederschlägt und man „Das Mundschloss“ nennen kann.«

Schon früh bemerkt die Autorin, daß es ihr unmöglich ist, bei der Begegnung mit fremden Menschen – egal ob Kindern oder Erwachsenen – einen „normalen“ sozial-kommunikativen Kontakt auszuhalten, geschweige denn initiativ herzustellen.

Zu Hause und im Beisein naher Familienmitglieder kann sie sich durchaus lebhaft und flüssig ausdrücken und bewegen, aber außerhalb des vertrauten Schutzraumes kommt es meist zu einer heftigen Angst-Stressreaktion. Zwar kann sie auf Fragen antworten, und sie kommt den Spielaufforderungen anderer Kinder nach, allerdings stets um den Preis, einfach nur mitzumachen und nichts Selbstbestimmtes miteinzubringen.

Betrübt beobachtet sie, wie andere Menschen einfach Fragen stellen, Bedürfnisse äußern und sich ganz frei bewegen, während sie unerklärlich „eingesperrt“ und schon von den kleinsten alltäglichen Höflichkeitsfloskeln überfordert ist.

Es gibt gelegentliche positive und entspannte Miteinandererfahrungen im Spiel mit anderen Kindern, aber den erfülltesten Selbstausdruck findet sie bei Verkleidungs- spielen und selbstausgedachten kleinen „Shows“ mit Tanz und Gesang. Auf der Bühne überfällt sie die Ausdruckshemmung nicht, nur im realen Alltag. So keimt der Wunsch, später eine Schauspiel- oder Musicaldarsteller-Ausbildung zu absolvieren.

Anderen Menschen ins Gesicht oder in die Augen schauen, Begrüßungen, Bitten, Danken, Fragen stellen, Fragen beantworten, Gratulationen, Namen oder ein Du oder Sie aussprechen, Telefonieren, sich im Schulunterricht melden, Verabredungen treffen, – alles ist ein anstrengender Hürdenlauf mit mühsamen, gedanklich-emotionalen Vorbereitungsvorstellungen und Drehbuchspickzetteln sowie mit langen Nachwehen, in denen sie über ihr hölzernes Verhalten und die ausgestandenen Ängste und Peinlich- keiten reflektiert und sich immer wieder vornimmt, es beim nächsten Mal besser zu machen. Sie schwankt zwischen Vermeidungsstrategien und Selbstüberwindungs- sehnsüchten.

Zugleich spürt sie, wie dieses „Kontaktleiden“ ihre Lebendigkeit regelrecht „ausschaltet“:
„Ich fühlte mich überall unwohl, eingeengt und abhängig. Es gab keinen Ausweg aus dem Labyrinth, sondern immer nur ein Im-Kreis-Gehen.“(Seite 39)
„Ich sehnte mich immer mehr nach etwas Eigenem, wodurch ich mich wirklich ausdrücken und als eigenständige Person beweisen könnte. Bisher schien ich einfach eine ferngesteuerte Puppe zu sein.“ (Seite 42)

Sensibel registriert sie die Erwartung von Familie und Freunden, daß sie selbständiger werden müsse, nicht ständig zu Hause bleiben könne und sich für altersgemäße „Teenie-Dinge“ interessieren solle.

Mit zwölf Jahren wird Simone Dräger magersüchtig, und es folgt eine mehrjährige therapeutische Achterbahnfahrt mit stationären Aufenthalten, bis es ihr gelingt, sich von der verführerischen Selbstausdrucksform des Hungerns und der damit verknüpften Körperbeherrschung zu lösen. Ihre sehr persönliche und dramatische Beschreibung des Suchtmechanismus der Magersucht ist beeindruckend und anrührend.

Ihre wortkargen und steifen zwischenmenschlichen Umgangsformen werden jedoch nur als Nebenwirkung der Erschöpfung durch die Magersucht gedeutet, und wieder kommt das eigentliche Thema nicht ans Licht. Doch während eines therapeutischen Kinder- heimaufenthaltes beginnt Simone Dräger ihre innere Entwicklungsgeschichte aufzu- schreiben, um diesem Unsagbarkeitsgeschehen auf die Spur zu kommen.

Als sie siebzehn Jahre alt ist und wieder zu Hause lebt, hört ein Freund der Familie zufällig eine Radiosendung über den „selektiven Mutismus“, der damals wie heute noch recht unbekannt ist. Da hat der fehlende kommunikative Kompaß plötzlich einen Namen, und Simone Dräger erfährt eine treffende Diagnose für ihre „seltsame“ Wesensart.

Eine Therapie mit Antidepressiva, welche neurochemisch die erhöhte Streßreaktion dämpfen, die mit dem Mutismus einhergeht, lehnt sie wegen der möglichen schädlichen Nebenwirkungen ab.

Kurz erklärt sie die drei bisher bekannten offiziellen Mutismustherapien (SYMUT, KoMut, DortMut), entscheidet sich selbst jedoch für einen eigenwilligen, inoffiziellen Therapieweg.

Simone Dräger überwindet sich dazu, an einem Schauspielkurs teilzunehmen, was schwierig für sie ist, aber gleichwohl ein förderlicher Schritt in Richtung Selbsttherapie. Tapfer bewirbt sie sich bei diversen Schauspielschulen, fährt selbständig in fremde Städte und stellt sich den Aufnahmeprüfungen. Dies führt zwar nicht zu einer Aufnahme an einer Schauspielschule, aber sie verfolgt immerhin zum ersten Mal zielstrebig und aktiv ein Ziel, das ihr entspricht, und sie gewinnt an Lebenserfahrung.

Sie erforscht und analysiert die unterschiedlichsten Sprechsituationen in Hinsicht auf den Mutismus-Mechanismus, arbeitet eine Weile mit einer Logopädin, beleuchtet ihre „Sprachbehinderung“ mit systemischer Familientherapie und nimmt Ballettunterricht.

Dieser Ballettunterricht mit seiner körperlichen Disziplin verhilft ihr zu neuen, spielerischen Bewegungs- und Verhaltensmustern, die ihr Selbstbewußtsein und Körpergefühl stärken.

Nach ausführlicher Selbstreflektion kommt Simone Dräger für sich zu der Schluß- folgerung, daß der Kern des Mutismus weniger in der Sprechblockade liegt, sondern im Verlust des Selbst, im schlagartigen „Leerwerden“ in als bedrohlich empfundenen Situationen. So ist es elementar wichtig, den roten Faden zum eigenen Selbst zu finden und möglichst zu halten, trotz äußerer Einflüsse.

Sie erläutert einige Hilfswerkzeuge, die sie sich erarbeitet hat. Der Mutismus läßt sich zwar nicht wegzaubern, aber man kann lernen, MIT ihm zu leben.

Mutismus ist eine wenig bekannte Krankheit. Der Zugang des vorliegenden Buches zum Mutismus ist beeindruckend authentisch, informativ und konstruktiv. Für Mutismusbetroffene, Angehörige und Menschen im päda- gogischen, sozialen und psychologischen Arbeitsfeld ist es eine Erweiterung oder Ergänzung ihrer Kompetenz, und für sonstige Leser ist es eine Lektüre, die dazu anregt, das „Krankheitsbild“ überhaupt erst einmal in seiner Besonderheit wahrzunehmen und mehr Toleranz, Sensibilität und Verständnis für diese extreme Form der Schüchternheit zu entfalten.

Simone Dräger gibt dem Mutismus ein Gesicht, indem sie sich ihm auch öffentlich stellt. Durch das Mutismusforum wurde sie zusammen mit zwei weiteren Mutisten für einen Mutismusartikel in der Zeitschrift Brigitte interviewt, und sie nahm auch an einer WDR-Fernsehdokumention    https://youtu.be/4o-KSZ2PADo  zum Thema Mutismus teil.

Außerdem führt sie eine eigene Webseite zum Thema:  http://mutismusseite.jimdo.com/          

 

Die Autorin:

»Simone Dräger, geboren am 22.02.1986 in Solingen.
Aufgrund des Mutismus war ihr bisher keine Berufsausbildung möglich. Jedoch begann sie 2003 ihre Geschichte aktiv aufzuarbeiten, sich durch starke Selbstreflexion, mit Tagebucheinträgen, Ballett und Logopädie immer mehr an den Kern der Sache heranzuarbeiten, um sich selbst und anderen Menschen aufzuzeigen, wie man einen Weg MIT dem Mutismus gehen kann.«
Die Mutismus-Webseite der Autorin :      http://mutismusseite.jimdo.com/

Weiterführende Links:

http://www.mutismus.de/   Forum und Info

http://www.selektiver-mutismus.de/     StillLeben e.V. Info Seite

https://www.fk-reha.tu-dortmund.de/zbt/de/home/index.html
(Beratungsstelle und Therapie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mutismus

 

 

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