Die Non-Paul-Temples

  • von Francis Durbridge
  • Übersetzungen von Hanns Hammelmann, Marianne de Barde, Max Faber
  • 4 Hörspiele:
  • Der Fall Greenfield SDR (heute: SWR) 1961
  • Nur über meine Leiche SDR (heute: SWR) 1963
  • La Boutique SWF (heute: SWR)/hr 1967
  • Tief in der Nacht MDR 2000
  • Sprecher: Friedrich Schönfelder, Lotte Betke, Heinz Schimmelpfennig,
  • Peter Fricke, Irm Hermann, Friedhelm Ptok u.v.a.
  • DAV Verlag, April 2022 www.der-audio-verlag.de
  • 1 mp3-CD
  • in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 4 Stunden, 35 Minuten
  • 15,00 €
  • ISBN 978-3-7424-2329-0

Non-Paul-Temples Hörspiele
R A D I O – N O S T A L G I E

Hörbuchrezension von Ulrike Sokul ©

Meine erste Bekanntschaft mit den legendären Francis-Durbridge-Kriminalhörspielen und dem Privatdetektiv Paul Temple machte ich erst im Jahr 2000. Bei den Radioerstaus-strahlungen aus den 50er- und 60er-Jahren war ich noch nicht auf dieser Welt oder noch ein Kleinkind.

Doch ab dem Jahr 2000 wurden einige dieser Hörspiele nach und nach – beim Hörverlag und DAV-Verlag – als Hörspiel-CDs neu aufgelegt. Ich war sogleich begeistert und habe diese Hörspiele eines nach dem anderen regelrecht„verschlungen“.

Die vorliegenden Non-Paul-Temple-Hörspiele sind zwar kürzer als die klassischen Paul-Temple-Hörspiele und dementsprechend ist die Handlung nicht so ausführlich und die Figurenzeichnung knapper, gleichwohl sind die Dramaturgie und der spezielle Stil von Francis Durbridges Dialogführung nicht zu überhören.

„Der Fall Greenfield“ handelt von der Rekonstruktion und Neubewertung eines älteren Mordfalls in Zusammenhang mit einem verrückten Schriftsteller, der sich mehrfach fälschlich selbst des Mordes bezichtigt hatte.

„Nur über meine Leiche“ ist eine Krimimalkomödie und wartet mit amüsanter Genre-selbstironie auf. Ein Theaterschauspieler-Pärchen beklagt sich bei der Autorin der Stücke, für die sie seit Jahr und Tag auf der Bühne stehen, daß ihre Fälle klischeehaft seien und sie doch bitte einmal etwas anders – sprich Lebensnahes – schreiben solle. Sie hätten die „abgegriffenen Figuren“ wie den unerschrockenen Privatdetektiv, seine adrette Gattin, den geheimnisvollen Professor, den geistesabwesenden Doktor etc. satt.

Doch dann stolpern die beiden auf dem Weg in den Urlaub über eine Leiche in einen echten Mordfall und erfahren lebhaft exakt die Klischees, die sie für konstruiert und überzogen gehalten hatten. Nach der Aufklärung des Falls sind sie mit ihrer Autorin wieder versöhnt.

 „La Boutique“ ist mit 130 Minuten das  längste Hörspiel dieser Sammlung und weist die größte Ähnlichkeit zu den klassischen Paul-Temple-Fällen auf. Der Fall ist sehr komplex mit vielen, verschlungenen verdächtigen Fährten. Kommissar Robert Bristol will den Mord an seinem Bruder Lewis Bristol, der ein bekannter Musiker war, aufklären. Der Tote wurde im Modesalon „La Boutique“ seiner Exfrau gefunden. Robert Bristols ehemalige Schwägerin ist erschüttert, gerät jedoch wegen einiger Unstimmigkeiten in ihren Aussagen in Verdacht.

Lewis Bristol hatte den Gürtel eines Damensommerkleids in seiner Manteltasche, worauf sich zunächst niemand einen Reim machen kann. Nach und nach tauchen noch weitere solcher Gürtel auf … ein geheimnisvoller Brief, eine schöne Unbekannte und ein zwielichtiger Millionär sorgen für dramatische Mißverständnisse und Verwicklungen, die nicht leicht aufzulösen sind.

Im vierten Fall „Tief in der Nacht“ gerät der Hotelier Carl Houston auf dem Rückflug von Australien in eine Flugzeugentführung. Dabei kann er das Leben seines Sitznachbarn Ronnie Sheldon retten, und er selbst kommt mit einem gehörigen Schrecken davon.

Zurück in England wird Carl Houston von Scotland Yard zu einem Koalaplüschtier befragt, das sich angeblich in seinem Handgepäck befunden habel. Da das Handgepäck jedoch während der Flugzeugentführung verloren ging und Houston wirklich nichts von einem solchen Plüschtier weiß, wundert er sich über die Hartnäckigkeit, mit welcher der Inspektor auf diesem Thema herumreitet und ihn zudem noch wie einen Verdächtigen behandelt. Als jedoch ein Mordversuch auf Carl Houston und seine Frau verübt wird, bemerkt auch der ahnungslose Houston, daß er unfreiwillig in kriminelle Machen- schaften eingebunden wurde…

Bei allen vier Hörspielen befindet sich die schauspielstimmliche Leistung durchgehend auf bewundernswert hohem Niveau und vermittelt gekonnt und prägnant Charme, Humor, Ironie, Rätselhaftigkeit, vielsaitige emotionale und intellektuelle Zwischentöne sowie die typische Durbridge-Zeitgeistatmosphäre mit sehr männlichen Herren und sehr weiblichen Damen. Altmodische Telefonwählscheibengeräusche und -Klingeltöne, Barmusik, Feuerzeugklicken, Käuzchenrufe, Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen und zerklirrenden Glasscheiben, Schüsse und klappernde Schreibmaschinen lassen unwillkürlich die passenden Schwarz-weiß-Bilder im Kopf entstehen und bereichern die ebenso dramatisch-spannende wie unterhaltsam-nostalgische Auditüre.

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.der-audio-verlag.de/hoerbuecher/die-non-paul-temples-durbridge-francis-978-3-7424-2329-0/

Der Autor:

»Francis Durbridge (1912 – 1998) geboren in Yorkshire, studierte Altenglisch und Volkswirt- schaft. Zunächst arbeitete er als Börsenmakler, wandte sich aber bald dem Schreiben zu. Er veröffentlichte zahlreiche Romane und Drehbücher und wurde erfolgreicher Hörspielautor der BBC. Seine Hörspielserie »Send for Paul Temple« erreichte Kultstatus. Die  Fernsehmehrteiler »Das Halstuch« oder »Das Messer« wurden europaweit zu Straßenfegern und legten das öffentliche Leben lahm.«

Querverweis:

Ergänzend empfiehlt sich zudem die Neuinszenierung des verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels „Der Fall Gregory“ durch BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN aus dem Jahr 2014: Paul Temple und der Fall Gregory
Das erste ins Deutsche übersetzte Kriminalhörspiel von Francis Durbridge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, wurde 1949 gesendet und verschwand aus den Rundfunkarchiven. Einzig eine Karteikarte mit Löschvermerk blieb erhalten. Leider wurden auch bei der BBC zahlreiche Aufzeichnungs-Bänder gelöscht, und erst als das deutsche Skript wieder- gefunden worden war, konnte eine Rekonstruktion ins magische Auge gefaßt werden.
Diese rekonstruierte Paul-Temple-Version wartet mit einem geschickt choreographier- ten Drehbuch im Drehbuch auf, das sowohl mit der Hommage an die Kriminalrezeptur Francis Durbridges als auch mit den metafiktiven Kommentaren und der inszenierten Gruppendynamik der gegenwärtigen Darsteller einen ganz eigenen Reiz entfaltet.

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19 Kommentare zu “Die Non-Paul-Temples

  1. Diesen Autor kannte ich noch nicht, danke dir für den Tipp, liebe Ulrike. Hörbücher sind eine prima Sache, wenn man auf Reisen ist. Ich habe ewig keine Krimis mehr gelesen, ausser die von Elizabeth George, die ich immer verschlinge. Vor kurzem habe ich Minette Walters entdeckt, die ebenfalls sehr spannend schreibt. Da ich selbst gerade eine Buchschreibpause einlege, habe ich wieder mehr Zeit und Muße zum Lesen. Ich wünsche dir einen schönen, entspannten Sommer in deinem Garten mit guter Lektüre 🙂 , liebe Grüße 🌻

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    • Es freut mich, liebe Annette, daß ich Dir die Bekanntschaft mit Francis Durbridge und seinen Hörspielkrimis vermitteln konnte.
      An die beiden Autorinnen Elizabeth George und Minette Walters erinnere ich mich positiv aus meinen aktiven Buchändlerzeiten.
      Vielen Dank für Deine Rückmeldung und die schönen Sommergartenwünsche. 😀
      Herzlich grüßt 🌿
      Ulrike

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  2. Das klingt toll liebe Ulrike und wird gleich als Geschenkidee für den Liebsten notiert 🙂 Ich kenne nur eine oder zwei Versionen, die früher im Mitternachtskrimi im Radio liefen (wenn es denn dieselben sind). Jedenfalls mag ich diese nostalgischen Geschichten und würde jetzt zu gerne reinhören. Telefonwählscheibengeräusche finde ich ebenfalls sehr verlockend 😉 Schade, daß es heute weder im Radio noch im Fernsehen Krimis mit diesem Niveau gibt. Straßenfeger nannte sich das mal. Da gabs doch einen von Francis Durbridge, „Das Halstuch“. Hach ja, das wäre schön. Jedenfalls vielen Dank für diese schöne und spannende Rezension bzw. Anregung von dir!

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    • Verbindlichen Dank, liebe Almuth, für Deine Paul-Temple-Begeisterung und Dein Kompliment zu meiner Rezension. Es freut mich, daß ich Dich hiermit zu einem Geschenk anregen konnte. 🙂
      Ich weiß nicht, ob die Paul-Temple-Hörspiele einst im Mitternachtskrimi liefen, aber immerhin weiß ich, daß das „Halstuch“ ein Krimi von Francis Durbridge ist.
      Da Dich der angestaubte Charme dieser Hörspiele anspricht, lohnt sich für Dich gewiß ein Blick auf meinen Querverweis (unter der Rezension) auf die Neuinszenierung des verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels „Der Fall Gregory“ durch BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN aus dem Jahr 2014: Paul Temple und der Fall Gregory
      Dort wird der Unterschied zwischen Krimis damals und heute schön inszeniert.
      Gutenachtgruß 🙂

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      • Ja danke, ich hatte die Seite schon aufgerufen 🙂 Das hört sich auch sehr gut an. Hach, diese Sprecher von damals, die hatten es einfach drauf. Ich mag diese alten Hörspiele sehr. Ja, vielleicht habe ich mich vertan mit dem Mitternachtskrimi. Vielleicht war es auch etwas anderes. Jedenfalls war es eine gute Erinnerung, daß ich mich in dem Bereich noch mal umsehe. Gutenachtgruß zu dir!

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  3. Diese Hörspiele sind völlig an mir vorbeigegangen, liebe Ulrike. Wie Du war auch ich bei den Erstausstrahlungen entweder zu jung oder noch gar nicht auf der Welt, und als sie neuverlegt wurden, war ich schon aus Deutschland weg.
    Ich bin neugierig–machst Du beim Zuhören nebenher Hausarbeit oder hörst Du ausschließlich zu? Ich höre zwar oft Radio, wenn ich im Haus zu tun habe, aber meistens kürzere Beiträge. Lesen kann ich stundenlang, aber beim Zuhören wandern meine Gedanken nach einer Weile auf ihren eigenen Bahnen.

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    • Hab‘ Dank für Deine Rückmeldung und Nachfrage zu meinen Hörgewohnheiten, liebe Tanja.
      Hörbücher höre ich bei leisen Hausarbeiten wie Kochen, Bügeln, Spülen und Abtrocknen, Aufräumen oder auch beim Balkonbepflanzen und ebenso gerne höre ich auch einfach nur aufmerksam hin, ohne etwas anderes dabei zu tun. Nur wenn ich müde bin, kann es passieren, daß ich beim Lauschen einnicke. 😉

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      • Danke für Deine Erklärung, liebe Ulrike. Ich habe mir gedacht, daß es Dir nicht schwer fällt, mehrgleisig zu fahren (ich habe mir mit Absicht das Wort „multitasken“ verkniffen, um Dich zu schonen 😊).
        Manchmal denke ich mir, es wäre gut, mal wieder zu probieren mir ein Hörbuch oder Hörspiel anzuhören, und vielleicht mache ich nochmals einen Anlauf.
        Weiterhin viel Spaß beim Buchlesen bzw. -hören.
        Tanja

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  4. Man könnte sie für hörspielerische Kurzgeschichten halten. Aber mit einigem Geschick (das man bei Francis Durbridge ja voraussetzen darf) bringt man selbst in einer knappen Stunde Hörspiel einiges an Inhalt unter. Und das hat dann auch den Vorteil, dass nicht alles breitgewalzt und ausgemalt ist und die eigene Imagination einiges an Auslauf bekommt. 😉
    Einen besonderen Reiz hat diese kleine Sammlung aber vor allem deshalb, weil hier der Hörspielklang meiner Kindheit wieder lebendig wird. Selbst wenn man als Kind die Erwachsenen-Hörspiele im Radio nicht wirklich mitverfolgt hat, ist ja vom „Klangbild der damaligen Zeit“ etwas hängen geblieben. 🙂

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    • Verbindlichen Dank für Deine Zustimmung zu meiner Hörbuchempfehlung. 😀
      Deine Bezeichnung „hörspielerische Kurzgeschichten“ für diese weniger ausführlichen Hörspiele ist durchaus passend und an Inhalt mangelt tatsächlich trotzdem nicht.
      Den von Dir angesprochenen erinnerungswürdigen Effekt des „Klangbilds der damaligen Zeit“ kann ich bestätigen. 🙂

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