Wem gehört Deutschland?

DIE  ReGIERung  DER  OBEREN  ZEHNTAUSEND

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Vorsicht: Diese Lektüre wird Ihnen die Augen öffnen und revolutionäre Impulse in Ihnen auslösen!

Alljährlich können wir in zahlreichen Veröffentlichungen von Banken und in der Tagespresse nachlesen, um wie viel das Geldvermögen der privaten Haushalte wieder einmal gestiegen sei. Viel seltener liest man dagegen etwas über die Spreizung der Vermögensschere und die Reichtumsunmäßigkeiten in unserem reichen Land.

Jens Berger befaßt sich in seinem Buch „Wem gehört Deutschland?“ ausführlich damit, diesen statistischen Reichtum den tatsächlichen Vermögensinhabern zuzuordnen. Außerdem faßt er aufschlußreich zusammen, welcher EinflußREICHTUM auf Politik und Gesellschaft damit in Verbindung steht.

Die mehr als 5 Billionen Euro privaten Geldvermögens sind leider kein Ruhekissen fürs Volk, sondern sie konzentrieren sich zum größten Teil bei einer elitären Minderheit. Das Statistische Bundesamt untersucht keine Haushalte, deren Einkommen mehr als 18 000 Euro pro Monat beträgt. Während Armut statistisch lückenlos erfaßt und präzise definiert wird, gibt es offenbar für die Superreichen einen Schonraum.

Es sollte uns zu denken geben, daß aus dem „Vierten Armuts- und Reichtumsbericht“ der Bundesregierung von 2013 u.a. die Passagen herausgestrichen wurden, die auf eine extreme Verteilungsschieflage hinwiesen.

Dazu paßt auch, daß unsere Regierung seit 1997 freiwillig auf die Erhebung der Vermögenssteuer verzichtet. Dafür wurde 2007 die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent erhöht – irgendwoher muß ja wieder Geld in die Staatskasse fließen; da nimmt man es gerne von den „Unteren Zehntausend“ , die ihr schmales Salär komplett ausgeben, weil sie zum Sparen keinen finanziellen Spielraum haben.

Doch zum Ausgleich plagen die „Unteren Zehntausend“ auch keine Albträume vom Spitzensteuersatz (seit 2014 gilt für ledige Jahreseinkommen ab 250 000 Euro der Spitzensteuersatz von 45 %, für eheliche ab 500 000 Euro Jahreseinkommen).

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit der Unterstellung von Neidgefühlen. Vermögen ist nicht einfach nur Geld. Es geht hier nicht um das Geld, das in existenziellen oder luxuriösen Konsum umgesetzt wird, sondern um sehr viel äußerst „überflüssiges“ Geld. Solche großen Vermögen bedeuten Macht und großen Einfluß auf die Politik unseres Landes.

Jens Berger weist u.a. darauf hin, daß vieleDenkfabriken, die auffällig oft von Familienstiftungen der Superreichen finanziert werden“ (Seite 13), tatsächlich großen Einfluß auf die Gesetzgebung haben. Betrachten wir z.B. die Bertelsmann Stiftung. Die »Agenda 2010«, mit der das Sozialsystem und der Arbeitsmarkt nach neoliberalen Vorstellungen umgebaut wurden, setzten in weiten Teilen eins zu eins einen Forderungskatalog der Bertelsmann Stiftung um.“ (Seite 178)

Der Autor gibt in jedem Kapitel interessante Zahlenverhältnisse anschaulich wieder:

„Ein durchschnittlicher Haushalt verfügt inklusive der Ansprüche aus Lebensversicherungen und privater Altersvorsorge über ein Nettogeldvermögen von weniger als 8 000 Euro.
Ein Haushalt aus dem obersten 0,1 Prozent der Vermögensskala verfügt im Schnitt über ein Nettogeldvermögen von mehr als 19 Millionen Euro.
Würde man mit dem Vermögenszuwachs der deutschen Millionäre die Staatsschulden zurückzahlen, wäre der Bund nach sechs Jahren und zweieinhalb Monaten schuldenfrei – und die Millionäre wären immer noch Millionäre.“ (
Seite 44)

Viele der auflagenstärksten Tageszeitungen sind im Besitz von Personen und Familien, deren Vermögen sich in drei bis vierstelliger Millionenhöhe befindet. Da brauchen wir uns nicht mehr zu wundern, wessen Interessen in den entsprechenden Medien vertreten werden und daß Themen wie die extreme Öffnung der Vermögensschere oder gar die Wiedereinführung der Vermögenssteuer keine Berichtenswertigkeit haben.

Jens Berger beschreibt in klaren Worten und mit überdeutlichen Zahlen, wie sich in unserem Verteilungssystem privater Reichtum und öffentliche Armut wechselseitig bedingen.

Er erläutert die Freiheitsgefährdung durch monopolartige Machtkonzentrationen im Wirtschafts- und Finanzsystem sowie die damit verknüpfte Markt- und Medienmacht großer Konzerne. Er erklärt die Demontage der Sozialen Markwirtschaft, die unsoziale Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge, das globalisierte Finanzkapital, steigende Mieten für steigende Renditen, Steuersenkungen für Reiche und Großunternehmer sowie zahlreiche Arbeitsmarktreformen, die eine massive Umverteilung von unten nach oben befördern.

Nach der schonungslosen und mit anschaulichen Übersichtsdiagrammen vervollständigten Anamnese der zur Zeit herrschenden Verteilungsungerechtigkeit in unserem Lande folgt ein durchdachter, konstruktiver 16-Punkte-Plan zur UmFAIRteilung.

Es hängt vielleicht von Ihrem Kontostand ab, ob Sie die Aufklärungsarbeit, die dieses Buch leistet, begrüßen oder ablehnen. Ich halte dieses Buch für sehr wichtig. Die Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik, die darin zu Wort kommt, ist überaus berechtigt und ein Dienst an der Demokratie, und die in detektivischer Rechercheleistung zusammengetragenen Daten und Zahlen liefern eine unentbehrliche Diskussionsgrundlage.

„Ohne politische Maßnahmen wird sich an der Spreizung der Vermögensschere nichts ändern. So stellt sich die Frage, wie lange diese Entwicklung noch weitergehen kann. Die historische Erfahrung lehrt uns, dass Verteilungssysteme, die sich derart in Richtung einer Konzentration an der Spitze entwickeln, zum Kollabieren neigen. … Wenn der Kapitalismus nicht zivilisiert wird, vernichtet er sich selbst.
Noch ist es nicht zu spät: Solange die Chance besteht, diese Fehlentwicklung friedlich zurückzudrehen, sollten wir diese Chance nutzen. Zivilisiert den Kapitalismus!“

(Seite 209)

Der Autor:

Autorenportrait Jens Berger

»Jens Berger ist als freier Journalist tätig. 2007 schuf er den Spiegelfechter, der zu den bekanntesten politischen Blogs in Deutschland zählt. Hauptberuflich ist Jens Berger Redakteur der NachDenkSeiten. Außerdem schreibt er Gastartikel für zahlreiche Zeitungen und ist Kolumnist der taz. 2012 erschien von ihm bei Westend „Stresstest Deutschland. Wie gut sind wir wirklich?“.«

http://www.spiegelfechter.com

http://www.nachdenkseiten.de

Und auf der Verlagswebseite gibt es hörenswerte Zusatzinfos, eine Leseprobe und ein ausführliches Interview mit dem Autor:
https://www.piper.de/buecher/wem-gehoert-deutschland-isbn-978-3-492-30719-2

 

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2 Kommentare zu “Wem gehört Deutschland?

  1. Ist ja meistens so gewesen, dass die Reichen möglichst unter sich bleiben wollen und sie gegenseitig dafür sorgen. Ja und leider ist es meistens dann auch eskaliert. Kann man hoffen, dass eine friedliche Umverteilung stattfindet. Das fänden sicher alle gut und wirkt sicher auch beispielhaft auf andere Länder. Die Reichen brauchen doch auch keine Angst haben, denn ausgesorgt haben sie doch sowieso.

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