Was mit Kate geschah

  • Von Catherine O‘Flynn
  • Übersetzung aus dem Englischen von
  • Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Atrium Verlag 2009
  • 978-3-85535-580-8
  • 270 Seiten, 19,90 €
    (Die gebundene Ausgabe ist vergriffen.)
  • Taschenbuch  März 2011 bei btb,  8,99€                      http://www.btb-verlag.de
  • und die Taschenbuchausgabe ist inzwischen auch vergiffen
    knvmmdb.dll.jpg was mit kate geschah Was mit Kate geschah von Catherine OFlynn

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Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein außergewöhnlicher Krimi und ein vielschichtiges Psychogramm, ein Buch mit echtem Weiterlesesog.

Im ersten Teil des Romans wird Kate ausführlich vorgestellt. Die zehnjährige Kate ist ein einsames, ernstes und kreatives Kind, dessen Freizeitbeschäftigung darin besteht, als Privatdetektivin diverse verdächtige Erwachsene zu beschatten, um potenzielle Verbrechensabsichten zu erkennen und ihre Ausführung zu verhindern. Und sie hofft durch eine spektakuläre Ermittlung den Grundstein für ihre zukünftige Karriere als freie Mitarbeiterin bei der Kriminalpolizei zu legen.

Ihre Mutter hat die Familie bereits vor acht Jahren verlassen und ist nach Australien ausgewandert, und nach dem plötzlichen Tod  ihres liebevollen Vaters kümmert sich die Großmutter um Kate. Aber die beiden Verwandten werden nicht so recht warm miteinander, und da Kate sehr intelligent ist, plant die Großmutter, ihr Enkelkind mit Hilfe eines Begabtenstipendiums in einem Internat unterzubringen. Davon ist Kate garnicht begeistert, da sie mit Gleichaltrigen nicht so viel anfangen kann.

Befreundet ist sie mit Adrian, dem zweiundzwanzigjährigen Sohn des Zeitschriftenladeninhabers aus der Nachbarschaft. Adrian hilft im Laden aus, wo Kate ihn täglich besucht und mit ihm über ihre Detektivarbeit fachsimpelt. So kommt sie auch zu ihrem ersten bezahlten Auftrag, für den sie „die Sicherheitssituation im Laden evaluiert“. Ihre Anregungen für eine diebstahlsichere Warenanordnung, nebst der strategischen Plazierung zweier Spiegel, werden tatkräftig umgesetzt und reduzieren erfolgreich die Ladendiebstahlsquote.

Ihre einzige Schulfreundin ist Teresa, eine Außenseiterin aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die Kate in ihren Plan einweiht, ihren Stiefvater, der sie und ihre Mutter schwer mißhandelt, umzubringen.

Und dann gibt es noch ihren Assistenten, einen Stoffaffen im Nadelstreifenanzug, der unerläßlicher Begleiter und Ansprechpartner bei allen Ermittlungen ist.

Kates Lieblingsschauplatz für Observierungen ist Green Oaks, ein riesiges, mehrgeschossiges Einkaufszentrum, wo sie sich hauptsächlich auf Verdächtige im Bereich von Bankinstituten konzentriert.

Aus ihrem  gewissenhaft geführten Ermittlungsnotizbuch erfahren wir einiges über seltsame Szenen, auffällige Personen und Kates rührend kindliche Schlußfolgerungen.

Sechsundsiebzig Seiten lang haben wir Kate richtig liebgewonnen, und dann verschwindet sie – spurlos!

Zwanzig Jahre später  ist Green Oaks weitergewachsen zu einem unheimlich großen, unübersichtlichen Gebäudekomplex von 140 000 Quadratmetern. Während der Nachtschicht sieht der Wachmann Kurt auf seinem Überwachungsbildschirm ein Mädchen mit einem Stoffaffen und einem Notizbuch vor einer Bank stehen. Er vermutet, daß sich das Kind verlaufen hat, aber es verschwindet aus seinem Sichtfeld, und auch der Kollege Scott von der Patrouille kann es nicht finden.

Die Verlorenheit des Kindes beschäftigt den Wachmann sehr, und dann trifft er in den Versorgungsgängen des Einkaufszentrums auf Lisa, eine Angestellte von Your  Music, die sich wirklich verlaufen hat und seltsamerweise den Affen des Mädchens gefunden hat.

Einige Tage später taucht Kate wieder auf dem Monitor auf,  Kurt schickt per Funk wieder Scott hin und sieht ihn auf das schreckensstarre Kind zugehen. Er wundert sich, warum sein Kollege das Mädchen nicht anspricht, doch dieser  schaut zur Kamera und fragt, in welche Richtung  sie denn verschwunden wäre, damit er weitersuchen könne, denn Scott kann Kate nicht sehen. Kurt gilt seitdem als Geisterseher und bekommt ein paar freie Tage verordnet.

Trotz seiner Wahrnehmungsselbstzweifel fühlt Kurt eine unerklärliche Verantwortung für das verschwundene Kind,  und zusammen mit Lisa forscht er weiter nach Kate. Bei dieser Suche kommen die beiden sowohl sich selbst als auch Kate auf die Spur, und sie können das Rätsel um Kates Verschwinden lösen.

Neben der kriminalistischen Thematik beschreibt die Autorin ganz hervorragend die Schattenseiten eines sogenannten Einkaufsparadieses. Die schönen und luxuriösen Konsumräume werden den fensterlosen, minimalisierten Sozialräumen des Verkaufspersonals und den vernachlässigten, gruseligen Versorgungsgängen gegenübergestellt. Die Aufzüge sind so programmiert, „daß die Etagenwünsche der Kunden Vorrang vor dem Personalcode“ haben, was große Verzögerungen beim Erreichen der Personaletage zur Folge hat und so manche Mittagspause ruiniert.

Auch die Verkaufsmechanik  und die Personalrangstufendynamik großer Ladenketten wie Your Music werden zwar sehr witzig, aber zugleich angemessen sozialkritisch dargestellt. Bei den sehr anschaulichen Verkaufs- und Reklamationsdialogen mit gutmütigen und anmaßenden Kunden merkt man: Da schreibt jemand mit Einzelhandelserfahrung!   

Zu guter Letzt ist Kate nicht spurlos verschwunden, sondern sie hat mit ihrem Verschwinden für einige Menschen neue Lebensweichen gestellt.

Für Adrian geht es in eine traurige Richtung, da er, obwohl vollkommen unschuldig, nie den Schatten des Verdachtes, der auf ihn fiel, loswird.

Teresa findet durch Kates Verschwinden ein neues und besseres Leben, wobei sie von Kates Geist gewissermaßen ständig begleitet wird: „Sie glaubte nicht an Geister. Die Geister glaubten an sie.“

Lisa und Kurt finden durch ihre Suche nach Kate zueinander.

Und wir Leser werden Kate nach dieser Lektüre noch lange, lange  vermissen!

 

Die Autorin:

»Catherine O’Flynn, geboren 1970 in Birmingham, arbeitete u.a. im Plattenladen, bei der Post, als Lehrerin und als Testkäuferin, bevor sie ihren ersten Roman schrieb. Nach zunächst über zwanzig Ablehnungen von Agenturen und Verlagen gewann sie mit „Was mit Kate geschah“ auf Anhieb den FIRST NOVEL PRIZE beim COSTA BOOK AWARD 2008 und andere wichtige Literaturpreise; ihr Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt. Nach einigen Jahren in Barcelona lebt Catherine O’Flynn wieder in Birmingham.«


Querverweis:

Und hier der Link zu einem weiteren Roman von Catherine O’Flynn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/17/der-vierte-versuch

PS:
Hier ist eine Titelbildklage fällig: War das Titelbild bei der gebundenen Ausgabe des Atrium Verlages schon mehr eine Tarnkappe als ein Blickfang, so ist die Titelbildverunstaltung der btb-Taschenbuchausgabe eine äußerst wirksame Verkaufsbremse. Es ist schwer, gegen ein solch deprimierendes, unattraktives Titelbild anzuempfehlen. Ohne gutes Zureden wird kaum jemals jemand freiwillig nach diesem Buch greifen.

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