Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen

  • Kinderbuch
  • Illustrationen: Marc Boutavant
  • Text: Toon Tellegen
  • Übersetzung aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
  • Carl Hanser Verlag 2015 www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden,  Fadenheftung
  • Format: 19 x 27 cm
  • 80 Seiten
  • durchgehend farbig illustriert
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-446-24677-5
  • ab 6 Jahren zum Selbsterlesen
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
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MUT  ZUR  WUT

Kinderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wut hat viele Gesichter und Ausdrucksformen, einige davon werden in den zwölf Geschichten des Bilderbuches „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ anschaulich vorgeführt.

Da können sich Käfer und Regenwurm nicht darüber einigen, wer von ihnen am wütendsten ist, und geraten darüber so richtig feurig-wetteifernd in Rage. Doch nachdem sie sich ausgetobt haben, können sie sich auch wieder miteinander vertragen.

Die Grille nimmt beim Käfer Nachhilfeunterricht im Wütendsein. Sie lernt den intensiv funkelnden Blick, die passende Mimik und Körperhaltung, aber sie kann sich einfach keine bösen Gedanken ausdenken. Schließlich provoziert der Käfer die Grille, indem er sie und ihr Grillenzirpen als häßlich bezeichnet. Da wird die Grille wirklich wütend und verpaßt dem Käfer eine Ohrfeige, die ihn umwirft. Freundlich hilft die Grille dem Käfer wieder auf, denn ihre bösen Gedanken sind schon wieder verflogen, und sie ist nicht nachtragend. Allerdings ist jetzt der Käfer beleidigt …

Der Elefant ist wütend auf sich selbst, weil er bei seinem Konflikt zwischen Gefühl und Verstand eine schmerzliche Erfahrung – wider besseres Wissen – wiederholt …

Der Igel hingegen wundert sich, daß er das Gefühl der Wut noch nie selbst empfunden hat und es nur aus der Beobachtung anderer Tiere kennt …

Der Klippschliefer ist wütend auf die Sonne, die jeden Abend untergeht und nicht wenigstens einmal für den Klippschliefer eine Ausnahme macht. Doch egal wie sehr er tobt und schimpft: Die Sonne macht, was sie will, und kümmert sich nicht um den Wunsch des Klippschliefers. Ja, wahrscheinlich hört sie ihm noch nicht einmal zu, gleichgültig wie böse er auf sie wird …

Das Eichhörnchen läßt sich von den Unverschämtheiten der wütenden Spitzmaus nicht zu einer Wutreaktion verleiten. Trotz der heftigen Wortattacken und Beleidigungen bleibt es  gelassen, was die Spitzmaus zum enttäuschten Rückzug veranlaßt.

Nilpferd und Nashorn begegnen sich auf einem schmalen Weg, und keines von beiden will ausweichen und den anderen vorbeilassen. Nachdem sie drohend klargestellt haben, daß keines von ihnen nachzugeben bereit ist, setzen sie sich erst einmal hin und schweigen. Dann teilen sie ihren Proviant, schließlich tanzen sie sogar miteinander, und am Abend verabschieden sie sich freundlich und versprechen sich gegenseitig gutgelaunt, einander beim nächsten Treffen auf keinen Fall aus dem Wege zu gehen.

Der Krebs kommt mit einem Musterkoffer voller Wut zur Maus ins Maleratelier und bietet seine Ware an. Die Maus entgegnet, daß sie ganz gut von alleine wütend sein könne, wenn sie das wolle, aber sie läßt sich dennoch das ganze Sortiment zeigen: „leichte, hellrote Wut, runzliger grauer Ärger, grünlicher Zorn und schneeweiße Raserei“.

Ganz unten im Koffer zieht etwas Hellblaues die Aufmerksamkeit der Maus auf sich. Das sei Wehmut, sagt der Krebs, und diese sei eigentlich unverkäuflich. Die Wehmut schaut aus wie ein halbdurchsichtiger Schal, und den wickelt sich die Maus um den kleinen Hals, und schon sagt sie seufzend „Ach…“

Die Ameise erklärt der wütenden Kröte, was sie mit ihrer Wut machen könne. Sie könne die Wut wegpusten, begraben, vergessen, aufessen, ins Meer werfen, sie wegsingen, übermalen, mit ihr tanzen, aber sie könne sie auch hegen und pflegen – doch am besten würfe sie die Wut einfach weg. Also wirft die Kröte die Wut weg, und danach unterhalten sich die beiden über die Zufriedenheit, mit der man nämlich „nie etwas tun müsste.

Die in diesem Kinderbuch versammelten Wutepisoden zeigen, daß Wut (oder sogenannte böse Gefühle und Gedanken) zum Empfindungsspektrum des Daseins gehören. Die vorgestellten Wutszenarien sind nicht todernst, sondern lustig, selbstironisch und leise philosophisch. Die Wut ist keine unausweichliche Naturgewalt, sondern sie ist beherrschbar, dosierbar und sogar verwandelbar.

Die  ausdrucksvollen Zeichnungen von Marc Boutavant geben den Figuren und ihren wechselvollen Gefühlen glaubwürdige Gestalt.

Der Autor Toon Tellegen plaudert nicht alles plakativ aus, sondern deutet an, läßt offen und weckt ein psychologisch-poetisch-philosophisches Nachspürecho, das der Reflexion und Akzeptanz eigener Wuterfahrungen dienlich sein kann. Mit diesem Bilderbuch können Kinder lernen, der eigenen und der fremden Wut mitfühlend zu begegnen und sie etwas schelmischer zu betrachten. Die zwölf Wutgeschichten eignen sich auch als Impuls, um mit Kindern über Wut und Wutanfälle zu sprechen, deren Ursachen zu entdecken und konstruktive Umgangsformen mit der Wut zu finden.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/man-wird-doch-wohl-mal-wuetend-werden-duerfen/978-3-446-24677-5/

 

Der Illustrator:

»Marc Boutavant, 1970 im französischen Dijon geboren, lebt und arbeitet in Paris. Er zählt zu den stilprägenden Illustratoren seiner Generation und ist insbesondere für seine farbenfrohen Werke für Kinder bekannt. Die Geschichten um seinen Bären Mouk und den Esel Ariol wurden beide für das Fernsehen verfilmt. Im Hanser Kinderbuch erschien nach Die große Reise des kleinen Mouk (2008) das von ihm illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen (2015).«

Der Autor:

»Toon Tellegen, am 18.11.1941 in Den Briel, Niederlande geboren, studierte Medizin in Utrecht, arbeitete als Arzt in Kenia und ließ sich als Lyriker in Amsterdam nieder. Heute ist er einer der bekanntesten Schriftsteller der Niederlande. 1997 erhielt er den Theo Thijssenprijs für Literatur, 2004 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, den Goldenen Griffel bekam er 1988 und 1994, den Silbernen Griffel 1990, 1994, 1997 und 1999. Im Hanser Kinderbuch erschienen sind Josefs Vater (1994), Richtig dicke Freunde (1999) sowie Briefe vom Eichhorn an die Ameise (Hanser 2001). 2015 folgte das von Marc Boutavant illustrierte Kinderbuch „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“.«

Querverweis:

Hier geht es zu einem weiterem Kinderbuch von Toon Tellegen: Ein Garten für den Wal
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/03/27/ein-garten-fuer-den-wal/

PS:
Da der konstruktive Umgang mit Gefühlen ein wesentlicher Bestandteil  heilsamer kindlicher Herzensbildung ist, reihe ich meine Rezension von „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ gerne bei  Petra Pawlowskys Projekt KINDER IM AUFWIND ein. Die Künstlerin Petra Pawlowsky hat auf ihrer Webseite „da sein im Netz“ https://pawlo.wordpress.com/ das Projekt KINDER IM AUFWIND initiiert:
»Fragt Ihr Euch auch manchmal, wie unsere Kinder all das verkraften, was an Nachrichten auf sie einstürzt?  Wie sie mit dem anspruchsvollem Leistungsdruck, der Hetze im Alltag, den Medien, den stumpfen Blicken vieler Erwachsener um sie herum zurechtkommen? Wie wir ihnen eine Basis geben können, gelassen, selbstsicher und hoffnungsvoll zu leben und in die Zukunft zu schauen? Eben im Aufwind zu bleiben…«

https://pawlo.wordpress.com/2016/08/18/kinder-im-aufwindchildren-upwind/

Sie lädt weitere Blogger dazu ein, thematisch passende Texte, Bilder, Fotos, Musik, Gemälde, digitale Kunst, Gedichte, Lieder, Zitate usw. per Linkhinweis ergänzend hinzuzufügen. Die bisherigen gesammelten Beitragslinks der anderen aufwindigen Teilnehmer finden sich – thematisch geordnet – hier: https://pawlo.wordpress.com/home-2/fundgrube-fuer-kinder-im-aufwind/

 

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Lola auf der Erbse

  • von Annette Mierswa
  • Mit Bildern von Stefanie Harjes
  • TULIPAN Verlag 2008                 http://www.tulipan-verlag.de
  • gebunden
  •  195 Seiten
  •  9,95 €
  • 978-3-939944-10-2
  • ab 8 Jahren
    Lola

H E R Z E N S Q U A L I T Ä T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lola auf der Erbse“ ist keine Prinzessin auf der Erbse, sondern ein achtjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter auf einem Hausboot lebt. Die Mutter hat eine kleine Wäscherei in der Stadt. Sie steckt sich gerne Blüten ins Haar und schmückt auch das Hausboot mit vielen, bunten Blumentöpfen.

Lola ist klein für ihr Alter und wird oft für viel jünger gehalten, als sie ist. Die kleine Lola will nicht mehr wachsen, seitdem ihr Vater vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Sie weigert sich auch, ihren Hals zu waschen, weil sie den letzten Kuß ihres Vaters dort gleichsam aufbewahrt. Außerdem trägt sie stets Schuhe mit einem weißen und einem schwarzen Schnürsenkel, um sich daran zu erinnern, „dass ihr Vater zuletzt gesagt hatte, alles habe zwei Seiten und sie solle immer darauf achten, beide zu sehen. Denn es gebe keinen Schatten ohne Licht, keinen schönen Tag ohne einen trüben und keine Mama ohne einen Papa.“ (Seite 7)

In der Schule ist Lola eine Außenseiterin, aber das nimmt sie weitgehend unbekümmert hin. Ihr bester Freund ist ein Nachbar, der alte Fischer Solmsen, der sich rührend und großväterlich um Lola kümmert und ihr märchenhafte Geschichten erzählt, die in blühende Phantasie und Poesie verpackte Lebensweisheiten sind.

Kurz vor Lolas neuntem Geburtstag kommt es zu einer familiären Krise, weil Lolas Mutter sich neu verliebt hat. Lola ist wild entschlossen ist, den neuen Mann nicht zu mögen.

Nach trotzigen Reaktionen, dramatischen Auftritten, Tränen und sanft aufklärenden Gesprächen zwischen Mutter und Tochter und auch zwischen dem weisen alten Solmsen und Lola verarbeitet Lola die schmerzliche Wahrheit, daß ihr Vater sich nicht  „in Luft aufgelöst hat“, sondern mit einer anderen Frau nach Kuba ausgewandert ist. Sie empfindet zum ersten Mal nicht nur Sehnsucht nach ihrem Vater, sondern auch Wut.

Sie vollzieht kleine Lösungsschritte, z.B. wäscht sie sich spontan den Hals und am nächsten Tag bemerkt sie, daß sie mindestens zwei Zentimeter gewachsen ist. Das ist ein Grund zur Freude, und ganz, ganz langsam kann sich Lola mit dem Gedanken anfreunden, in Zukunft zwei Väter zu haben; denn wie sagt ihre Mutter so treffend:  „Im Herzen ist mehr Platz, als du dir vorstellen kannst.“ (Seite 122)

Die kindliche Anhänglichkeit und Solidarität mit dem Vater, die unterschwellige Hoffnung, der Vater möge vielleicht doch irgendwie zurückkehren, das Festhalten an alten Erinnerungs-schätzen und die dennoch langsam aufkeimende Sympathie zu dem neuen Partner der Mutter werden sehr feinfühlig und in all ihrer aufwühlenden Widersprüchlichkeit erzählt.

„Lola auf der Erbse“  ist ein wunderbar warmherziger Kinderroman, in dem die Kinder Kinder sind und in dem die Erwachsenen  –  auf erfreulich unneurotische Weise  –  erwachsen sind und eine zwischenmenschliche Orientierung bieten, an der ein Kind wahrlich wachsen kann.

Der Zeichenstil der Buchillustrationen von Stefanie Harjes ist in seiner Kombination aus kindlichem und künstlerischem Ausdruck eine harmonische Widerspiegelung und phantasievoll verspielte Ergänzung der Geschichte.

 

Die Autorin:

»Annette Mierswa, geboren 1969 in Mannheim, tätig für Film, Theater und Zeitung, arbeitet heute als freie Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg. Ihre Romane „Lola auf der Erbse“ (2008) und „Samsons Reise“ (2011) wurden mit diversen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. „Lola auf der Erbse“ ist 2013 u. a. mit Christiane Paul verfilmt worden (Prädikat: Besonders wertvoll) und auch als Hörbuch erhältlich. «

Mehr auf www.annettemierswa.de

 

Die Illustratorin:

»Stefanie Harjes, geboren 1967 in Bremen, studierte Illustration und Malerei an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und Prag. Sie arbeitet als freischaffende Illustratorin in Hamburg vor allem für Buch- und Zeitschriftenverlage und hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise für Ihre Arbeiten erhalten, u. a. den Österreichischen Jugendbuchpreis sowie die Auszeichnung für zwei der Schönsten Bücher Deutschlands. Stefanie Harjes wurde 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«