Über den Umgang mit Menschen

  • von Adolph Freiherr Knigge
  • Hörbuch
  • gekürzte Lesung
  • gelesen von Christoph Maria Herbst
  • mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788)
  • Pianist: Christoph Grund
  • Buchvorlage: »Über den Umgang mit Menschen«
  • von Adolph Freiherr Knigge
  • Der Audio Verlag   Februar 2019 www.der-audio-verlag.de
  • 2 CDs in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 2 Stunden, 36 Minuten
  • 14,99 € (D), 16,90 € (A), 21,50 sFr.
  • ISBN 978-3-7424-0998-0

PHILANTHROPISCHE  AUFKLÄRUNG

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dem höchst empfehlenswerten Buche „Über den Umgang mit Menschen“ des Freiherrn Knigge, das sich nunmehr schon seit 231 Jahren auf dem Buchmarkte behauptet, wird man nur gerecht, wenn man es von seinem Rufe als noble Benimmfibel befreit. Gewiß spielen Manieren eine gewisse Rolle, indes weisen Knigges Anregungen und Betrachtun-gen weit über oberflächliche, leere Formen und Konventionen hinaus und plädieren für einen allgemein harmonisch-freundlichen, rücksichtsvollen und toleranten zwischen-menschlichen Umgang. Ja, erstaunlich zeitgemäß für uns Gegenwärtige fordert er auch für die Tiere eine mitfühlende Behandlung, die angesichts des Autors zukunftsweisen- der Einfühlsamkeit mit der leidenden, wehrlosen Kreatur und seiner deutlichen Kritik diesbezüglicher menschlicher Grausamkeit überrascht und erfreut.

„Über den Umgang mit Menschen“ enthält trefflich menschenkenntnisreiche Psycho-gramme und Behandlungsempfehlungen verschiedener Wesensarten – so sei mit dem Herrschsüchtigen, Ehrgeizigen und Eitlen anders umzugehen als mit dem Empfindlichen, Eigensinnigen, Dummen oder mißtrauisch-verschlossenen Menschen.
 
Ebenso wie der rechte Umgang mit anderen Menschen sind der „Umgang mit sich selbst“ und eine gute selbstreflektierte Beziehung zur eigenen Person wichtig: „Respektiere Dich selbst, wenn Du willst, daß andere Dich respektieren sollen.“

Des Autors kluge Erörterungen zum „Umgange unter Eheleuten“ geben nicht nur ein-leuchtende und durchaus noch aktuelle Empfehlungen zum gemeinsamen, alltäglichen und verträglichen Miteinander, sondern auch Hinweise zum Verhalten angesichts außerehelicher Versuchungen. So betont Knigge zu Recht, daß eine Ehe mehr Freude, Glück und Erfüllung bereite, wenn sie eine Verbindung gegenseitiger Hochachtung, harmonischer Neigungen und wechselseitiger Seelenbedürfnisse ist.

Seine Betrachtungen und Hinweise führen sodann weiter zum Umgange mit Verliebten, Freunden, Frauenzimmern, Gästen und sogar Feinden. Im Anschluß an die privaten Gefilde widmet sich Knigge schließlich dem Umgange mit verschiedenen sozialen Menschengattungen.

Dabei übt er strengen Tadel an dünkelhaftem Hochmut, lebensweltfremder Arroganz, verwöhnter Selbstgefälligkeit und egozentrischer Geltungssucht von Fürsten, Vorneh- men, Reichen und Hofleuten und zweifelt an ihrer politischen und moralischen Kompe- tenz. Seine Auflistung der Fehler höherer Stände nebst zahlreicher anschaulicher Beispiele ihrer Untugenden ist erstaunlich freimütig und erklärt, daß sich der Freiherr Knigge in den damaligen aristokratischen Kreisen nicht gerade beliebt gemacht hat. 

Für das Verhalten gegenüber Menschen von „niederem Stande“ (z.B. Hausangestellten und Dienern) fordert er Achtung, Höflichkeit, angemessene Würdigung ihrer Leistungen und auch Fürsorge und Schutz im Notfalle und keinesfalls Herablassung und Gleich- gültigkeit.

Freiherr Knigges Buch „Über den Umgang mit Menschen“ erschien im Jahre 1788 (ein Jahr vor der Französischen Revolution), und es enthält zutiefst aufklärerische, gesell-schaftskritische, dem Adel angeborene Herrschaftsrechte sehr deutlich absprechende und für eine bürgerlich-republikanische Verfassung plädierende Ansichten.

„Über den Umgang mit Menschen“ ist Knigges berühmtestes Werk; doch die aufklärer-ische Substanz wurde in späteren Auflagen verfälscht oder ausgespart, so daß der Name Knigge inzwischen synonym für alle möglichen (und unmöglichen) Benimm- und Manie- renanleitungen und Stilfibeln eingesetzt wird. Wer sich hingegen das inzwischen wieder unzensierte Werk zu Gemüte führt, wird zweifellos erkennen, daß „Über den Umgang mit Menschen“ in vieler – wenn auch nicht jeder – Hinsicht ein lebensphilosophisches Werk von zeitloser Gültigkeit und Güte ist.

Der Autor übt Nachsicht mit kleinen menschlichen Schwächen, ohne ihnen indes über Gebühr nachzugeben. Er illustriert, daß die Vertretung eigener Interessen nicht unbe-dingt rücksichtslos sein muß und daß Tugenden wie Verschwiegenheit, Wahrhaftigkeit, Würde, Fingerspitzengefühl, freundlicher Humor, natürliche Freude, Großzügigkeit und eine edle Gesinnung für jeden Menschen anzustreben seien. Seine Aufforderung zu echter Herzensbildung, vernünftiger Selbstvervollkommnung, geistiger Aufgeschlossen-heit und höflichem Respekt zielt auf allgemeine Achtsamkeit zum Wohle des Ganzen. „Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurteilt werden.“

Freiherr Knigges Werk ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch wertvoll und bemerkens-wert. Des Autors Ausdrucksweise ist fein und kultiviert, ohne abgehoben zu sein, dabei ebenso geistreich wie einfühlsam, und seine zwischenmenschlichen Charakterisierun- gen zeugen von großem Menschenkenntnisreichtum. Alleine Knigges kleine Schrift- steller-Typologie, die im Kapitel „Über den Umgang mit Gelehrten und Künstlern“ Platz nimmt, gibt von seiner amüsant-anschaulichen Charakterisierungskunst Zeugnis.

So kreist der Zirkel seiner Gedanken mit solch hohem Geistesschwung und weitem Radius, daß die kleinste Kleinigkeit und größte Größe zwischenmenschlichen Mitein- anders ausgewogen zu Wort kommen.

Es ist ein anregender, ja, geradezu spannender Genuß, dem wohlformulierten, kom-plexen Satzbau zu lauschen. Die lobenswert-vielsaitigen stimmlichen und emotionalen Nuancen, mit denen Christoph Maria Herbst uns Knigges Ausführungen ins Ohr kompli-mentiert, tragen nicht unwesentlich zu diesem Hörvergnügen bei und verleihen den Worten des Autors lebhaften Atem.

Einer kleinen kritischen Anmerkung zur nachlässigen Wahl des Bildhintergrundes der inneren CD-Hülle kann ich mich indes nicht enthalten. Eine elegante Ballszenerie wäre zwar durchaus angemessen, gleichwohl sollte doch diese Szene historisch zum Erster-scheinungsjahr von Knigges Buch passen. Die Illustration, welche hier eingesetzt wurde, „spielt“ ungefähr im Jahre 1920/30. Dies ist, halten zu Gnaden, gute 130 -140 Jahre zeitversetzt.

Hingegen fügen sich die feinen musikalischen Intermezzi (Carl Philipp Emanuel Bach, gespielt vom Pianisten Christoph Grund) harmonisch und der Lebensepoche Knigges gemäß zwischen die Textpassagen. Auch die augenzwinkernde Verkleidung des Sprechers Christoph Maria Herbst als Freiherr Knigge ist für die Titelbildgestaltung des Hörbuches ein sehr gelungener Blickfang.

Zum Ausklang möge nun der Autor das letzte Wort haben:

„Sei lieber das kleinste Lämpchen,
das einen dunklen Winkel mit eigenem Lichte erleuchtet,
als ein großer Mond einer fremden Sonne oder gar Trabant eines Planeten!“

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:

Knigge – Über den Umgang mit Menschen

Der Autor:

Adolph Freiherr Knigge kam am 16. Oktober 1752 auf dem väterlichen Gut Bredenbeck bei Hannover zur Welt und verließ dieselbige am 6. Mai 1796 in Bremen im Alter von nur 43 Jahren. Falls Sie sich fragen, wo denn das blaublütige „von“ geblieben sei, so kann ich Ihnen versichern, daß der Herr Knigge seinen Adelstitel höchstselbst abgelegt hatte.
Der „freie Herr Knigge“, wie er sich selbst zu nennen pflegte, war ein erfolgreicher und bekannter Schriftsteller von Theaterstücken und Romanen sowie von pädagogischen, politischen und satirischen Texten. Darüber hinaus übersetzte er die »Bekenntnisse« von Rousseau ins Deutsche.

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, arbeitete als Bankkaufmann, bevor er sich der Schauspielerei widmete.
Doch schon während seiner Bankausbildung engagierte sich Christoph Maria Herbst in der Theaterszene in Wuppertal. Bekannt wurde er später vor allem durch seine Rollen in Filmen wie Michael Herbigs »(T)Raumschiff Surprise – Periode 1«, in der Edgar-Wallace-Parodie »Der WiXXer« und der Fortsetzung »Neues vom WiXXer«. Sein komödiantisches Talent stellte er weiterhin in der Rolle des »Stromberg« in der gleichnamigen Fernseh-serie unter Beweis. Für diese ist er mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Comedypreis.
Für DAV hat Christoph Maria Herbst schon mehrere Hörbücher gelesen, u. a. den packenden Thriller »Still« von Zoran Drvenkar, das Hörbuch »Kängt ein Guru« sowie die lustigen Lesungen der Sprüche der Website SMSvonGesternNacht.de.«

 

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Jane Eyre

  • von Charlotte Brontë
  • Hörspiel
  • Hörspielbearbeitung und Regie: Christiane Ohaus
  • Übersetzung: Gottfried Röckelein
  • Buchvorlage: Manesse
  • Musik: Annie Whitehead, Ramesh Shotham
  • Produktion: Saarländischer Rundfunk / Deutschlandradio Kultur /
  • Norddeutscher Rundfunk / Radio Bremen 2005
  • erschienen beim Hörverlag   Januar 2016   http://www.hoerverlag.de
  • 3 CDs in Pappklappschuber
  • Laufzeit: 3 Stunden 50 Minuten
  • 19,99 € (D), 19,99 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2067-5

Die Rollen und ihre Darsteller:

Jane Eyre: Sascha Icks                                      Edward Rochester: Christian Redl
Jane als Kind: Marike Petrich                            Mrs Reed: Angelika Thomas
Mr. Brocklehurst: Dietrich Mattausch            Lehrerin: Gabriele Möller-Lukasz
Miss Temple: Dorothea Gädeke                      Helen Burns: Franziska Schubert
Mrs. Fairfax: Witta Pohl                                     Adèle Varens: Lea Sanft
Lady Ingram: Uta Hallant                                  Blanche Ingram: Katharina Burowa
Richard Mason: Jens Wawreczeck                   Briggs: Siegried W. Kernen
Pfarrer Wood: Wolfgang Schenk                     St. John Rivers: Sylvester Groth
Diana Rivers: Gabriela Maria Schmeide         Miss Oliver: Verena Güntner
Wirt: Günter Kütemeyer

Jane Eyre von Charlotte Bronte

EMANZIPATION  DES  HERZENS

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Heute (21. April 2016) ist der 200. Geburtstag von Charlotte Brontë. Da liegt es nahe, zur Feier und zum Gedenken ihrem berühmtesten Werk, Jane Eyre, nachzulauschen. Und so können wir mit dem vorliegenden Hörspiel einige Stunden mit Jane Eyre leben, leiden, lernen und lieben.

Trotz Textkürzung ist die Essenz der Jane-Eyre-Geschichte in der Hörspielbearbeitung von Christiane Ohaus nicht verwässert, sondern sehr konzentriert wiedergegeben. Gelegentliche Ausrutscher in meiner Hörsicht nach zu moderne Redewendungen wollen wir mit Nachsicht hinnehmen, da das Hörspiel gleichwohl insgesamt weitgehend entsprechend dem Sprachstil seiner Entstehungszeit inszeniert worden ist.

Die schicksalhaften Verästelungen, maßgeblichen Beziehungsdynamiken, atmosphärischen Szenerien und aufwühlenden Herzensregungen dieser komplexen Geschichte werden in der Hörspielfassung in geschickter Raffung einbezogen und stimmungsvoll sowie musikalisch untermalt wiedergegeben.

Fast alle meine Lieblingsszenen aus Jane Eyre kommen zu Wort: Janes Widerrede an Mr. Brocklehurst, die erste Begegnung zwischen Jane und Edward und ihre spätere Diskussion über die Bedeutung von Geschenken und Schönheit, die erste berührende Annäherung mit den deutlich zarteren, zugeneigten Tönen, nachdem Jane bei einem mysteriösen, nächtlichen Zimmerbrand Edwards Leben gerettet hat, die überraschende Verwandlung eines Abschiedsgespräches in eine wahrhaftige Liebeserklärung … Ach, soviel unvergeßliches Herzklopfen …

Die Sprecherinnen und Sprecher sind hervorragend und verstimmlichen die Charaktere ausgesprochen authentisch. Besonders hervorzuheben sind Sascha Icks, die eine zugleich verletzlich-sehnsüchtige, mauerblumig-leidenschaftliche und vorwitzig-kluge Jane Eyre gibt, sowie Christian Redl, dem die zynische Weltläufigkeit, brummige Nonchalance und warmherzig-herrische Wesensart Edward Rochesters stilecht gelingt. Auch Sylvester Groth läßt sich überzeugend auf seinen Rollencharakter ein und spielt einen religiös-selbstgefälligen St. John Rivers, dessen kleinkarierte Herzensgröße nur noch vom missionarischen Berufungseifer übertroffen wird.  

Jane Eyre kennt doch wohl hoffentlich jeder – wenigstens aus einer der zahlreichen Verfilmungen? Sollte es hier tatsächlich Leserinnen geben, die ihre Geschichte nicht kennen? Nun, so will ich eine kurze ROMANtische Orientierung verfassen:

Jane Eyre ist die Frucht einer unstandesgemäßen Liebesheirat. Ihre Mutter war eine Tochter aus reichem Hause und heiratete gegen den Willen ihrer Familie einen armen Geistlichen. Sie wurde von der dünkelhaften Familie enterbt. Als Jane Eyre erst wenige Monate auf der Welt ist, sterben ihre Eltern kurz hintereinander an Typhus.

Mr. Reed, der Bruder der Mutter, nimmt das Waisenkind in seinem Hause Gateshead Hall auf. Die Tante, Mrs. Reed, duldet das Kind, aber sie hat keinen Funken Liebe oder Mitgefühl für Jane Eyre. Und auch die drei Kinder von Mrs. Reed behandeln Jane Eyre von oben herab, kaltherzig, grausam und ablehnend.

Jane Eyre ist ein eigenwilliger Charakter; äußerlich klein und unscheinbar, verfügt sie über einen wachen und erstaunlich unabhängigen Geist und eine sehr aufrichtige Art, ihre Meinungen und Ansichten zu äußeren und unbequeme Fragen zu stellen.

Dies wird von Mrs. Reed als Zeichen von Unverschämtheit und Bosheit gewertet, und nachdem Mr. Reed gestorben ist, schickt sie Jane Eyre nach Lowood, einem Internat für die strenge „Aufzucht“ und Erziehung zukünftiger Gouvernanten und Dienstmägde.

Der selbstgefällig-puritanische Leiter dieser Institution, Mr. Brocklehurst, fragt die zehnjährige Jane Eyre, ob sie wisse, daß böse Menschen und unartige kleine Mädchen nach dem Tode in die Hölle kämen und was sie zu tun gedenke, um nicht dorthin zu kommen. Sie antwortet, daß sie sich bemühen würde, gesund zu bleiben und nicht zu sterben. Mit dieser Antwort macht sie sich bei Mr. Brocklehurst nicht gerade beliebt, zeugt sie doch von unabhängigem Denken und wenig Gottesfurcht.

In Lowood findet Jane eine liebe Freundin, Helen Burns, und sie trifft immerhin auf eine mitfühlende und förderliche Lehrerin, Miss Temple, und so entwickelt sich Jane Eyre, trotz der entbehrungsreichen Lebensbedingungen, zu einer sehr guten Schülerin, und nach sechs Jahren unterrichtet sie selbst als Lehrerin an dieser Schule.

Zwei Jahre später ist die Sehnsucht, mehr von der Welt zu sehen und neue Erfahrungen zu machen, so groß geworden, daß Jane eine Stellung als Gouvernante in Thornfield Hall antritt.

Sie wird von der freundlich-mütterlichen Haushälterin Mrs. Fairfax sehr warmherzig empfangen und bekommt in dem weitläufigen, burgartigen Herrenhaus ein schönes eigenes Zimmer in der Nähe des Kinderzimmers. Für Jane ist Thornfield Hall mit seiner vornehm-luxuriösen Ausstattung und der freundlich-zugewandten Mrs. Fairfax  ein ungewohnt angenehmes Zuhause.

Für ein Jahresgehalt von 30 Pfund widmet sie sich der Erziehung und Unterrichtung der knapp zehnjährigen Adèle Varenz, der Mündeltochter des Hausherrn. Der Hausherr, Mr. Edward Rochester, ist viel auf Reisen, und die ersten Monate bekommt Jane ihn nicht zu Gesicht. Das Einvernehmen mit ihrer Schülerin ist gut, und Jane lebt sich ein.

Die erste Begegnung mit Mr. Rochester findet zufällig außerhalb von Thornfield Hall statt. Jane macht einen Spaziergang, und Mr. Rochester trabt zu Pferde auf dem gleichen Wege, das Pferd scheut und wirft seinen Reiter ab. Jane eilt dem gestürzten Herrn zu Hilfe und weiß nicht, daß sie ihren Arbeitgeber vor sich hat, und dieser stellt erst im Verlaufe ihres Gespräches fest, daß sie seine Angestellte ist, was er schmunzelnd zur Kenntnis nimmt, ohne seine Identität preiszugeben.

Erst am Abend stellt Mrs. Fairfax offiziell Mr. Rochester und Jane Eyre einander vor und lauscht erstaunt dem schlagfertigen Dialog der beiden, als Mr. Rochester scherzhaft bemerkt, seine Verstauchung verdanke er Jane Eyre, die wie eine Feengestalt aus der Märchenwelt plötzlich auf seinem Heimweg aufgetaucht sei.

Mr. Rochester, der schon einige schmerzliche zwischenmenschliche Enttäuschungen hinter sich hat und eine verbitterte Welt- und Menschensicht pflegt, hat oft einen schroffen, befehlsgewohnten Umgangston, aber er ist gleichwohl ein verantwortungsbewußter und im tiefsten Herzen warmherziger Mensch.

Jane Eyre neigt nach wie vor dazu, unverblümt ihre Meinung zu vertreten, und sie ist bei aller Dienstbarkeit keineswegs unterwürfig oder eingeschüchtert. Ihre selbstbewußte Eigenwilligkeit, ihr Scharfsinn, ihre spröde Würde, stolze Unabhängigkeit, ihre Zartheit und ihre echte Herzensgüte beeindrucken Edward Rochester.

Jane und Edward liefern sich regelmäßig unkonventionell-offene und dezent-schelmische Wortgefechte. Zwischen den beiden wächst – trotz des Rang- und Altersunterschieds –  eine tiefe, unausgesprochene Nähe. Jane fühlt sich von Edward angenommen und geachtet.

Der Hausherr und die Gouvernante sind wechselseitig voneinander fasziniert und seelenverwandtschaftlich angezogen. Doch bis zum erfüllten Liebesglück ist es noch ein beschwerlicher Weg; familiäre Verstrickungen und ein plötzlich aufgedecktes Geheimnis verhindern ihre geplante Heirat abrupt vor dem Traualtar.

Denn Edward Rochester ist an eine verrückte Ehefrau gebunden, die in einem Turmzimmer auf Thornfield lebt und von einer Pflegerin bewacht wird. In jungen Jahren war Mr. Rochester aus mitgiftlichen Gründen von seinem Vater in eine arrangierte Ehe mit der Tochter eines Geschäftsfreundes aus Jamaica hineinmanövriert worden. Erst nach der Heirat wurde ihm die Geistesgestörtheit seiner Gattin offenbart.

Nach dem Tode seines Vaters kam Edward zurück nach England und brachte seine Frau unter strengster Geheimhaltung in Thornfield Hall unter. Auf ausgedehnten Reisen durch Europa machte er sich erfolglos auf die Suche nach Liebe, nahm sich schöne Maitressen und kehrte schließlich ernüchtert, verbittert und tief enttäuscht nach Thornfield zurück und traf auf dem Heimweg am Wegesrand auf Jane Eyre.

Edward fleht Jane an, ihn nicht zu verlassen, sondern unehelich mit ihm auf seinem Gut in Südfrankreich zu leben. Doch bei aller Liebe erlaubt dies Janes moralische Integrität nicht.

Jane verläßt Thornfield und den Mann ihres Herzens überstürzt und mittellos. Sie strandet entkräftet an der Haustüre eines jungen Geistlichen, St. John Rivers. Er nimmt sie in sein Haus auf, und seine beiden Schwestern pflegen Jane gesund und freunden sich herzlichst mit ihr an.

Indessen legt Edwards Frau in einem unbewachten Moment ein Feuer; Edward will sie aus dem brennenden Haus retten, doch sie stürzt sich vom Dach aus tödlich in die Tiefe, und Edward wird schwerverletzt aus den Trümmern von Thornfield Hall geborgen.

St. John Rivers vermittelt Jane eine Stelle als Lehrerin an einer kleinen, bescheidenen Dorfschule. Er selbst strebt eine Karriere als Missionar in Indien an und meint, in Jane eine tüchtige, eheliche Gehilfin für seine Berufung gefunden zu haben. Sein nüchtern- rationaler Heiratsantrag wird jedoch von Jane abgelehnt.

Sie ist empört über St. Johns lieblose, puritanisch-pflichterfüllende Eheauffassung und spürt überdeutlich, daß seine Herzensqualitäten ihrem Gefühlsreichtum keineswegs ebenbürtig sind. Jane Eyre will einen Mann, der „Herz von ihrem Herzen sei“ und das ist nicht St. John, der alle natürlich-menschlichen Herzensregungen seinem missionarischen Ehrgeiz und einer überirdischen Gottgefälligkeit unterordnet.

Jane erbt überraschend 20.000 Pfund von einem kinderlosen Onkel aus Madeira. Diesen Onkel aus der väterlichen Linie hatte Janes Tante, Mrs. Reed, aus Mißgunst vor Jane geheimgehalten.

Nun ist Jane Eyre eine reiche Frau, und zu ihrer geistigen Unabhängigkeit gesellt sich finanzielle Unabhängigkeit. Auf einen geheimnisvollen Herzensruf hin reist sie zurück nach Thornfield und „rettet“ Mr. Rochester. Endlich dürfen die beiden Liebenden und Seelenverwandten heiraten, zusammen leben und sich aneinander erfreuen.

So etwas kommt in den besten Romanen vor und hat bis heute nicht an Liebesstrahlkraft verloren!

Die Gefühlsintensität und zwischenmenschliche Qualität von Charlotte Brontës Sprache und ihre lebendigen, glaubwürdigen Dialoge erscheinen dem heutigen Leser anrührend, empfindsam und stilvoll, vor 200 Jahren waren sie indes beinahe skandalös freizügig.

Das Besondere und zeitlos Faszinierende an der Figur Jane Eyres ist ihre Eigenwilligkeit, Tapferkeit, ihr weiter Geist, ihre Empfindsamkeit und ihre unbestechliche Menschen-kenntnis, die nicht auf äußeren Schein hereinfällt. Das zur Entstehungszeit des Romans Revolutionäre und Bewundernswerte und das gleichwohl auch heutzutage noch überaus Ansprechende an Jane Eyre ist ihr ausdrücklicher Wunsch nach ebenbürtiger Liebe, nach Gefühlstiefe und echter Verbundenheit, nach vertrauensvoller Hingabe und Gleichberechtigung.

Hier gibt es eine Hörkostprobe:
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Jane-Eyre/Charlotte-Bronte/der-Hoerverlag/e493048.rhd

Die Autorin:

»Charlotte Brontë wurde am 21.April 1816 in Thornton, Yorkshire, als drittes Kind des Reverend Patrick Brontë und seiner Frau Maria, geb. Branwell, geboren. Ihre beiden älteren Schwestern verstarben im Kindesalter an Tuberkulose. Gemeinsam mit ihren drei jüngeren Geschwistern Branwell, Emily und Anne begann sie schon als Kind zu schreiben.
Die Kinder wurden daheim unterrichtet. In Roe Head trat Charlotte Brontë 1835 eine Stelle als Lehrerin an. Von 1839 bis 1841 arbeitete sie als Gouvernante und reiste 1842 zusammen mit ihrer Schwester Emily nach Brüssel, um dort im Pensionat de Demoiselles der Madame Heger ihre Französischkenntnisse zu verbessern. Ihre unerwiderte Liebe zu Monsieur Heger wurde Thema ihres Romans The Professor, der aber erst posthum veröffentlicht wurde. Zusammen mit ihren Schwestern gab sie unter dem (männlichen) Pseudonym Ellis (Emily), Acton (Anne) und Currer (Charlotte) Bell einen Gedichtband heraus.
Der literarische Durchbruch kam jedoch erst mit dem Roman Jane Eyre (1847), ebenfalls unter Pseudonym veröffentlicht. Die Zeitgenossen vermuteten zuerst einen männlichen Autor. Als Charlotte Brontë ihre Identität preisgab, wurde sie in die Londoner literarischen Kreise eingeführt und genoss eine kurze Zeit des Ruhms. 1854 heiratete sie Arthur Bell Nicholls, den Hilfspfarrer ihres Vaters. Sie starb am Karsamstag 1855 an Tuberkulose.«

CINEASTISCHE  RANDBEMERKUNG:

Die beste Jane-Eyre-Verfilmung, die ich kenne – und ich habe einige gesehen –, ist die von 1995 unter der Regie von Franco Zeffirelli. Kleine drehbuchdramaturgisch bedingte Abweichungen und geraffte Handlungsstränge sind dabei Kennzeichen jeder Verfilmung; in der Verfilmung von Franco Zeffirelli  werden die Schauspieler William Hurt (als Edward Rochester), Charlotte Gainsbourg (als erwachsene Jane Eyre), Anna Paquin (als kindliche Jane Eyre) und Joan Plowright (als Mrs. Fairfax) den literarischen Charaktervorlagen am glaubwürdigsten gerecht und verkörpern sie in einer ausgesprochen roman-symmetrischen Darstellung.

Querverweis:

Wie geradezu archetypisch die literarische Figur Jane Eyres inzwischen ist, können Sie bei Jasper Fforde in seinem ersten Thursday-Next-Band „Der Fall Jane Eyre“ metafiktiv-vergnüglich nachlesen:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/

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Montedidio

  •  von Erri de Luca
  • Aus dem Italienischen
  • von Annette Kopetzki
  • Graf Verlag 2012                                                 http://www.graf-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 224 Seiten
  • 14,99 € (D),  15,50 € (A),  16,90  sFr.
  • ISBN 978-3-86220-031-3
  • Taschenbuchausgabe List Verlag 2014     http://www.list-taschenbuch.de
  • 8,99 € (D),  9,30 € (A),  10,50  sFr.
  • ISBN 978-3-548-61187-7
    MONTEDIDIOcsm_9783548611877_cover_d14b42011b

MIT  HAND  UND  FUSS  UND  FLÜGELN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ich könnte behaupten, ich habe dieses Buch in einem Atemzug gelesen, denn so kam es mir vor, wie ein langer, sehr tiefer Atemzug aus dem vollen Leben: elementar und einfach, voller Würde und berührender Wahrhaftigkeit.

Der Ich-Erzähler ist ein dreizehnjähriger Junge, der von seinem Vater einen Bumerang aus Akazienholz zum Geburtstag geschenkt bekommen hat und diesen hütet wie einen geheimen Schatz. Er lebt mit seinen Eltern in Neapel, im Stadtteil Montedidio; der Lebensabschnitt, von dem hier berichtet wird, spielt zeitlich Anfang der 60er Jahre.

Der Junge hat nach fünf Jahren Schulzeit eine Lehre bei einem Tischler begonnen und ist stolz darauf am Ende der Woche seinen bescheidenen Lohn nach Hause zu bringen. Sein Lehrherr, Meister Errico, ist freundlich, und er hat in seiner Werkstatt einem jüdischen Flüchtling Zuflucht gewährt, der nun in einer Ecke der Werkstatt sein Schuhmacherhandwerk ausübt.

Der Schuhmacher, Don Rafaniello, flickt die Schuhe der Armen und nimmt kein Geld dafür. Die Armen danken es ihm mit Segenswünschen, und sie streicheln seinen Buckel, weil die Neapolitaner glauben, dies bringe Glück. Don Rafaniello unterhält sich gerne mit dem Jungen und erzählt ihm, in Wirklichkeit seien Flügel in seinem Buckel verborgen, und bald würden sie ausschlüpfen und ihn nach Jerusalem fliegen lassen.

Der Junge arbeitet fleißig und pflegt seine italienischen Sprachkenntnisse, indem er die Erlebnisse jeden Tages mit Bleistift auf eine Restrolle Druckerpapier (ein Geschenk des Druckers aus der Nachbarschaft) schreibt. Seine Eltern sind stolz darauf, daß ihr Sohn außer dem neapolitanischen Dialekt auch das „richtige“ Italienisch beherrscht und Lesen und Schreiben gelernt hat.

Auf der Dachterrasse des Miethauses, in dem der Junge mit seinen Eltern wohnt, übt er jeden Abend den Schwung für den Wurf seines Bumerangs, ohne ihn jedoch fliegen zu lassen. Er will erst seine Kraft wachsen lassen und seine Geschicklichkeit trainieren. Auch die gleichaltrige Nachbarstochter Maria schaut zu, wie der Junge langsam männlichere Gestalt annimmt. Sie vertraut sich seinem Schutz an, und zwischen den beiden keimt eine starke, erste Liebe.

Die Mutter des Jungen erkrankt ernsthaft, und der Vater verbringt jede freie Minute im Krankenhaus, um über ihr Leben zu wachen. Der Junge wird darüber vernachlässigt, aber die beiden Ersatzväter, Meister Errico und Don Rafaniello – der eine mit seiner rauhen Herzlichkeit und der andere mit seiner alltagstauglichen Weisheit und beide mit abgrundtiefer Menschenkenntniss, – bieten einen guten Halt. Neben den Muskeln wächst auch der geistige Horizont des Jungen, und unvermeidlich verliert sich seine kindliche Unschuld. Die zärtliche und respektvolle Verbindung mit Maria und die ersten sinnlichen Erfahrungen, die sie sich gemeinsam ertasten, bedeuten Trost und Reifung.

„Montedidio“ ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Abschied und Neubeginn, von ersten Lebensgefahren und -Rettungen, Wundern und Verwundungen. Mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit kommen zudem gute Wünsche, böse Flüche, luftige Geister und ratgebende Engel zu Wort.

All das wird in einer zutiefst achtsamen, ungekünstelten Sprache erzählt: feinfühlig, lebensreif, sinnlich, wortwörtlich mit Hand und Fuß und zugleich poetisch und andächtig.

Der Autor instrumentiert den Verlauf der Geschichte mit den Besonderheiten des neapolitanischen Dialektes im Vergleich zum Italienischen; viele Ausdrücke, Sprüche und Weisheiten werden im Original und anschließend in der Übersetzung wiedergegeben. So beginnt das Buch mit: » ‘A iurnata è ‘nu muorzo, ein Tag ist schnell gegessen…«

Auf dem Buchumschlag wird aus einer italienischen Rezension aus La Repubblica zitiert, die das Buch mit einer „Kantate von Bach oder einer Parabel aus der Bibel“ vergleicht. Ich dachte bei der Lektüre oft an das Gemälde von Michelangelo Caravaggio: „Amor als Sieger“, das die attraktive und herausfordernde Mischung aus Irdischem und Himmlischem illustriert, die auch den Roman von Erri De Luca auszeichnet.

Nun noch ein Zitat als Leseleckerbissen:

„Ich erkenne das Alter der Leute immer, nur bei Rafaniello nicht. Im Gesicht ist er hundert Jahre alt, an den Händen vierzig, an den Haaren zwanzig, ganz rot und buschig sind sie. Wie alt er in seinen Worten ist, weiß ich nicht, er spricht wenig, mit einer sehr leisen Stimme. Er singt in einer fremden Sprache, wenn ich seine Ecke ausfege, zeigt er mir ein Lächeln, und die Falten und Sommersprossen bewegen sich, es sieht aus wie das Meer, wenn es darauf regnet.“ (Seite 20)

 

Der Autor:

»Erri de Luca, geboren 1950 in Neapel, begann erst mit vierzig zu schreiben. Als Autodidakt lernte er Hebräisch, um Teile der Bibel neu zu übersetzen. Mit seinen über dreißig Büchern gehört er in Italien zu den erfolgreichsten Autoren.«

Erri de Luca wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.