Das geheime Leben des Monsieur Pick

  • von David Foenkinos
  • Originaltitel: »Le mystère Henri Pick«
  • Übersetzung von Christian Kolb
  • Roman
  • Hörbuch
  • Buchvorlage: DVA
  • Vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag   März 2017   www.hoerverlag.de
  • Gelesen von Axel Milberg
  • 6 CDs in Pappklapphülle
  • Laufzeit: ca. 7 Stunden 10 Min.
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2541-0

VERWIRRUNG  DER  BUCHSTABEN

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Wechselwirkungen zwischen Literatur und Leben sind ein unermüdliches und spannendes Thema für Romane. Von einer solchen literarischen Spurensuche, ihren heiter bis wolkigen zwischenmenschlichen Verstrickungen, nebst schelmischen Bezügen zu verlegerischen Buchvermarktungsstrategien, handelt auch „Das geheime Leben des Monsieur Pick“.

Gleich zu Beginn seines Romans nimmt David Foenkinos Bezug auf ein anderes Buch, in dem der Held als Bibliothekar in einer  „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“ arbeitet.  Diese kuriose Bibliothek ist ein fiktiver Ort in Richard Brautigans Roman „Die Abtreibung“. Nachdem sich der Autor 1984 das Leben genommen hatte, gründete ein begeisterter Leser zu Ehren Richard Brautigans wirklich eine Bibliothek, die sich der von Verlagen abgelehnten Manuskripte annimmt: http://www.thebrautiganlibrary.org/Blank.html

Der Roman von David Foenkinos spielt in dem kleinen Küstenort Crozon in der Bretagne. Jean-Pierre Gourvec, der ungesellig-junggesellige Leiter der örtlichen Leihbibliothek richtet nach dem Vorbild Brautigans eine Sonderabteilung für abgelehnte Manuskripte ein. Per Inserat in einschlägigen Buchhandelsmagazinen lädt er Schriftsteller dazu ein, ihre von Verlagen für druckunwürdig bis unleserlich befundenen Werke in der „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“ persönlich abzugeben und sich auf diesem Wege endgültig von ihnen zu verabschieden. Im Verlauf von zehn Jahren stranden dort fast tausend Manuskripte.

Nach dem Tod Gourvecs versinkt die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte in einen Dornröschenschlaf, denn die Nachfolgerin Gourvecs vernachlässigt die Pflege dieses Nischensektors.

Delphine Despero, die als junge Lektorin bei einem renommierten Pariser Verlag arbeitet, hat bereits zwei unbekannte Autoren entdeckt und ihnen zu Bestsellerruhm verholfen. In den dritten unbekannten Schriftsteller, den sie entdeckt, verliebt sie sich auf den ersten Blick. Während sie die Verlagsvertragskonditionen besprechen, stellt sich heraus, daß diese Liebe erwidert wird. Frédéric und Delphine werden ein Paar. Doch leider findet Frédérics Roman nach der Veröffentlichung nicht das erhoffte Echo beim Lesepublikum, ja, er findet eigentlich fast überhaupt keine Leser.

Traditionell verbringt Delphine die Sommerferien bei ihren Eltern in der Bretagne, und Frédéric kommt selbstverständlich gerne mit. Delphine hat einen Stapel Manuskripte zu lesen, und Frédéric schreibt weiter an seinem zweiten Buch. Zur Entspannung unternehmen sie einen Ausflug in die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte. Sie blättern und schmökern einen ganzen Tag darin herum und finden ein Romanmanuskript, das sie unerwartet gelungen und bemerkenswert halten: „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ von Henri Pick.

Sie recherchieren, und es stellt sich heraus, daß Henri Pick der vor zwei Jahren verstorbene Pizzabäcker von Crozon war. Delphine sucht Picks Witwe auf, eine bodenständig-herzhafte alte Dame von achtzig Jahren, die zunächst nicht glauben kann, daß ihr Henri einen Roman, noch dazu ein Meisterwerk, geschrieben haben soll. Schließlich hatte er ihres Wissens niemals ein Buch gelesen, geschweige denn eines geschrieben.

Nachdem Madeleine Pick das Manuskript gelesen und durchaus einige verborgene Bezüge zur ihrer Beziehungsgeschichte mit Henri darin gefunden hat, ist sie geneigt, der unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeit einer heimlichen schriftstellerischen Tätigkeit ihres Mannes etwas mehr Glauben zu schenken. Nach Rücksprache mit ihrer Tochter Joséphine stimmt sie einer Veröffentlichung zu und wird von Delphine professionell betreut.

Um eventueller Skepsis gegenüber abgelehnten Manuskripten kompetent entgegentreten zu können, sammelt Delphine Beispiele aus der Literaturgeschichte. So wurde beispielsweise Marcel Prousts erster Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zunächst vom Verlag Gallimard nicht veröffentlicht. André Gide, der dort als Lektor mitwirkte, lehnte Prousts Manuskript ab und attestierte ihm „Sätze, so lang wie eine schlaflose Nacht.“  Nach einigen Umwegen erschienen Prousts Romane dann doch bei Gallimard, und für den zweiten Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erhielt Marcel Proust 1919 den Prix Goncourt.

Die geheimnisvolle Entstehungsgeschichte und das rätselhafte, verborgen gebliebene schriftstellerische Parallelleben Henri Picks werden werbewirksam vermarktet, und der Roman „Die letzten Tage einer großen Liebe“ entwickelt sich zu einem sensationellen Erfolg. Der Erfolg führt zu weiterem Medienrummel, Fernseh- und Zeitungsinterviews mit der Witwe und der Tochter Henri Picks. Erste Fans pilgern in die ehemalige Pizzeria und zum Grab des Autors. Die Bibliotheksabteilung der abgelehnten Manuskripte füllt sich mit Nachschub …

Die Verkaufszahlen des Romans wachsen und wachsen. Andere Verlage folgen dem neuen Buchmodetrend und trachten danach, abgelehnte Manuskripte zu publizieren.

Jean-Michel Rouge, ein karrieregeknickter, ehemaliger Literaturkritiker, glaubt nicht, daß Henri Pick der Autor von „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ ist und forscht akribisch-ungeschickt nach der Wahrheit. Er findet heraus, wer noch als Autor in Frage kommen könnte …

Ein Buch kann tatsächlich das Leben dramatisch beeinflussen, und für einige Personen im unmittelbaren und mittelbaren Einflußbereich der pickschen Meisterwerksaura ändern sich unverhofft Beziehungen, Perspektiven oder auch einfach nur Gewohnheiten.

David Foenkinos spielt mit möglichen Wahrheiten und glaubhaften Lügen. Geschickt verknüpft er Lebensfäden, Leidensknoten und Liebesschleifen seiner Figuren. Seine charakterisierenden Beschreibungen sind detailreich, einfühlsam und anschaulich. Ein Chor vieler Stimmen und vieler Wahrheiten wird von ihm zu einem charmanten, heiter-melancholischen Einklang geführt.

Der Vorleser Axel Milberg liest diesen Roman sehr angenehm und unaufgeregt-akzentuiert sowie mit einer warmherzigen Verbundenheit, die den unterschiedlichen Charakteren und ihren emotionalen Gestimmtheiten sehr gut gerecht wird.

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ handelt beiläufig auch davon, wieviel man als Leser in eine Geschichte hineinlesen kann, um sich darin bestätigend wiederzufinden.

Der Autor gewährt dem Leser zudem einen wahrhaft köstlichen und interessanten Blick hinter die Kulissen des Buchmarkts und die Mechanismen medialer Vermarktung. Als Buchhändlerin und Rezensentin kann ich bestätigen, daß diese Elemente des Romans keineswegs fiktiv oder übertrieben sind.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-geheime-Leben-des-Monsieur-Pick/David-Foenkinos/der-Hoerverlag/e513598.rhd

 

Der Autor:

»David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der auch als Film mit Audrey Tautou das Publikum begeisterte. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Der vielfach ausgezeichnete Roman „Charlotte“ hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft, wurde auch in Deutschland zum Bestseller und wird derzeit verfilmt. „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ war in Frankreich wochenlang auf der Bestsellerliste.«

Der Übersetzer:

»Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.«

Der Sprecher:

»Axel Milberg war bis 1997 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele und arbeitete mit Regisseuren wie Dieter Dorn Peter, Thomas Langhoff oder Peter Zadek. Mitte der 90er-Jahre wandte sich der wandelbare Schauspieler verstärkt Film und Fernsehen zu. Seither war er in zahlreichen erfolgreichen Produktionen zu sehen, z. B. in „Jahrestage“ (2000), „The International“ (2009), „Ludwig II.“ (2012), „Hannah Arendt“ (2012). Seit 2003 ist Axel Milberg außerdem in seiner Heimatstadt Kiel als „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski auf Verbrecherjagd.«

 

Die Buchausgabe ist bei DVA erschienen:

Das geheime Leben des Monsieur Pick
von David Foenkinos
Originaltitel: »Le mystère Henri Pick«
Übersetzung von Christian Kolb
DVA  März 2017
Gebunden mit Schutzumschlag
336 Seiten
Format: 12,5 x 20,0 cm
19,99 € (D),  20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN: 978-3-421-04760-1

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-des-Monsieur-Pick/David-Foenkinos/DVA-Belletristik/e512010.rhd#info

 

Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

  • Das geheime Leben der Insekten
  • von Dave Goulson
  • Originaltitel: »A Buzz in the Meadow«
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Hanser Verlag   Februar 2016  http://www.hanser-literaturverlage.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 320 Seiten
  • 21,90 € (D), 22,60 € (A)
  • ISBN 978-3-446-44700-4
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I N S E K T E N R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Dave Goulson ist Biologe und Hummelforscher und ein sehr guter Erzähler. Bereits in seinem ersten Buch „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ (siehe: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/ ) vermittelte er sein umfängliches Wissen in anschaulicher und allgemeinverständlicher Weise und umrahmte sein Thema seines Sachbuches mit persönlichen Naturerfahrungen und dem dringenden Appell zum Naturschutz im allgemeinen und zum Hummelschutz im besonderen.

Auch in seinem neuen Buch trägt die persönliche Note des Autors sehr zur Leseannehmlichkeit und gleichsam spielerischen Wissensvermittlung bei. Im Jahr 2003 erwarb der Autor das alte französisches Landhaus „Chez Nauche“ mit 13 Hektar Wiesenfläche und richtete dort nach und nach ein privates Naturschutzgebiet ein, frei von den vernichtenden Belastungen der modernen Landwirtschaft.

Zunächst ging es ihm hauptsächlich um die Einrichtung geschützter Habitate für Hummeln, seine Lieblingsforschungsobjekte. Die hummelfreundliche Gestaltung der Wiesen, die Wildblumenvielfalt und die Einrichtung von Teichen lockten auch zahlreiche weitere Insekten ins kleine Paradies „Chez Nauche“.

Dorthin lädt uns der Autor zu einem Wiesenspaziergang ein und öffnet uns die Augen für die Vielfalt der Insektenfamilien und die faszinierenden Erkenntnisse, die wir bereits über sie und ihre Rolle im Lebensgefüge erlangt haben. Sehr deutlich weist er darauf hin, daß all unser naturkundliches Wissen nur die Spitze des Eisberges darstellt und daß der Einsatz giftiger Chemikalien (in der Landwirtschaft) schon mehr zerstört hat, als unserem ganzheitlichen Lebensgefüge gut tut.

Zum Teil wissen wir gar nicht, welche Spezies schon ausgelöscht sind und mit ihnen all die geheimnisvollen Gaben und Funktionen, die sie im komplexen, ökologischen Beziehungsgeflecht erfüllt haben.

Hätten Sie gewußt oder auch nur geahnt, daß der  Gescheckte  Nagekäfer mit seinen Füßen hört? Oder daß der Schaum, in dem sich die Nymphen der Schaumzikaden verbergen, so bitter schmeckt, daß Vögel keine Neigung verspüren, die Nymphen aus ihrem „Schaumbad“ herauszupicken? Oder daß manche Blumen (z.B. Magnolien, Lilien, Krokusse und Löwenmäulchen) nicht nur Pollen und Nektar anbieten, sondern auch Wärme erzeugen und deshalb von  wärmebedürftigen Hummeln und Bienen bevorzugt werden? Außerdem werden die Bestäuber während des Blütenaufenthaltes nicht nur gewärmt, sondern auch der Nektar ist angewärmt – eine schöne Belohnung fürs fleißige Bestäuben an kalten Tagen.

Es ist das Anliegen des Autors, unsere Achtung vor dem Mikrokosmos der Insekten zu vergrößern, und dies gelingt ihm sogar bei den unappetitlichen Vertretern wie z.B. der Stubenfliege, die zwar unhygienische Tischmanieren hat, aber irgendwer muß ja auch den organischen Abfall wegfressen und als Vogelfutter dienen.

Ameisen, Bienen, Blattläuse, Glühwürmchen, Gottesanbeterinnen, Grillen, Grashüpfer, Hummeln, Käfer, Libellen, Nagekäfer, Papierwespen, Schmetterlinge, Tanzfliegen, Stielaugenfliegen, Schwebfliegen und Wanzen … sie alle werden von Dave Goulson kürzer oder länger beschrieben, erklärt und in ihre natürlichen Zusammenhänge eingeordnet.

Stets klingt die Bewunderung des Autors für seine Gartenbewohner und Studienobjekte, ihre Lebens- und Überlebenskunst sowie ihre komplexen Wechselwirkungen anregend mit. Atmosphärisch und einfühlsam weckt er das Interesse des Lesers und erzählt spannend und lebensliebevoll von der wissenswerten Vielfalt des Insekten- und Pflanzenreichs.

Eindringlich geht er auch auf das Bienensterben und den  Einfluß der Neonicotinoide in Insektiziden ein. Dieses Kapitel birgt angesichts behördlicher und agrochemischer Ignoranz und Verharmlosung zugunsten von Konzerninteressen aufregendes,  aufwühlendes und hoffentlich aufweckendes Informationsmaterial.

Er zitiert E.O. Wilson, den berühmtesten lebenden Entomologen:

»Wenn irgendwann die ganze Menschheit verschwinden sollte, würde sich die Natur regenerieren und wieder in jenen artenreichen Balancezustand gelangen, der noch vor 10 000 Jahren existierte. Würden jedoch die Insekten verschwinden, würde die Natur ins Chaos versinken.« (Seite 47)

Dave Goulson ist mit „Chez Nauche“ ein Biotop geglückt, sozusagen ein „Schöner Wohnen mit Insekten“. Er weiß, daß es nur eine Insel im Meer weltweiter Zerstörung ist. Doch je mehr lebensdienliche Inselbiotope es überall gibt desto bessere Lebenschancen und Lebensqualität haben alle Mitgeschöpfe. Und sei es nur der eigene Balkon oder Garten, oder im günstigsten Falle sogar ein Biobauernhof, ein Bioforst oder ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet.

Möge jeder dort beginnen, wo er selber etwas Naheliegendes bewahren und bewirken kann.

„Ich hoffe, Sie haben inzwischen erkannt, dass jedes Lebewesen seine eigene Geschichte hat und dass die meisten Geschichten erst noch erzählt werden müssen.“ (Seite 229)

Wenn wir der Natur RAUM geben, sorgen wir dafür, daß noch viele, viele Geschichten erzählt werden können.

 

Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf die bienenfleißige  und hummelsummende Webseite von Almuth hin: »NATUR AUF DEM BALKON«: https://naturaufdembalkon.wordpress.com/ . Dort kann man bewundernd zuschauen (klasse Fotos) und mitlesen (heiter-informative Texte), wie gut man die Welt auch auf kleinem Raum retten kann … und sich zu eigenem Mitwirken inspirieren lassen.

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlagswebseite, dort findet sich auch ein Insektenfragequiz, bei dem man ein luxuriöses Insektenhotel gewinnen kann: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wenn-der-nagekaefer-zweimal-klopft/978-3-446-44700-4/

Der Autor:

»Dave Goulson, Jahrgang 1965, ist Hummelforscher und einer von Englands bekanntesten Naturschützern. Sein „Sunday Times“-Bestseller „A Sting in the Tale“ stand auf der Shortlist des Samuel Johnson Prize, des renommiertesten Sachbuchpreises Großbritanniens. Bei Hanser erschien 2014 „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“. Dave Goulson lebt in Blackboys, East Sussex.«

www.sussex.ac.uk/lifesci/goulsonlab
https://twitter.com/DaveGoulson

Querverweis:

Hier entlang zu Dave Goulsons erstem Werk: „Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“ : https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/08/09/und-sie-fliegt-doch/

Und hier entlang zu einer weiteren fundierten Rezension aus der Blognachbarschaft:

Dave Goulson: Wenn der Nagekäfer zweimal klopft

 

 

 

 

Blumen und ihre Bewohner

  • Der Naturführer zum reichen Leben
  • an Garten- und Wildpflanzen
  • von Margot Spohn und Roland Spohn
  • Haupt Verlag     2015       http://www.haupt.ch
  • 304 Seiten
  • Flexibroschur, Fadenheftung
  • Format: 15,5 x 22,5 cm
  • 300 Fotos
  • 65 Zeichnungen
  • ISBN 978-3-258-07905-9
  • 29,90 € (D), 30,80 € (A), 35,90 sFr.
    Blumen und ihre Bewohner

B L U M E N G E N O S S E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Angesichts des vorliegenden Buchtitels wird wohl jeder zunächst an Bienen und Schmetterlinge denken, eventuell noch an Raupen und Käfer. Doch dieses Buch erweitert unseren Horizont in HINBLICK auf den zwar kleinen, aber doch komplexen LEBENSRAUM Blume.

Von der kooperativen Symbiose der Pflanzenwurzel mit Bodenpilzen (Mykorrhiza) über Larven, die nur das Blattgewebe zwischen den Adern fressen, aber dabei die Blattadern verschonen, bis zur Bienenverführung durch weibliche Sexualduftstoffe an Blüten und entsprechende Navigationshilfen bietet dieses Buch im wahrsten Sinne des Wortes ein weites Feld.

Anhand von 80 einheimischen Blütenpflanzen mit den ihnen zugehörigen erwünschten und unerwünschten Gelegenheits- und Dauergästen (Käfern, Schmetterlingen, Wanzen, Pflanzenläusen, Zikaden, Bienen, Hummeln, Wespen, Schlupfwespen, Blattwespen, Ameisen, Fliegen, Webspinnen, Weberknechten, Milben, Pilzen und Mikroorganismen), begleitet von großartigen Fotos und anschaulichen Illustrationen, entführen uns die beiden Autoren auf eine ausführliche und faszinierend-informative Expedition in die kleine Wildnis, die schon im eigenen Garten beginnt.

Zusätzlich gibt es praktische Hinweise, wie man die Blumenbewohner beobachten kann, ohne ihnen Schaden zuzufügen, und ein Glossar der botanischen und entomologischen Fachbegriffe. Ergänzend werden zudem nützliche Internetquellen zu Pflanzen, Tieren und Insekten aufgelistet.

Bienen übernachten wirklich in Glockenblumenblüten, manche Raupen sehen ihrer Wirtspflanze so ähnlich, daß man sie versehentlich pflücken könnte, und manches Insekt nimmt sich sein Verteidigungssekret von Giftpflanzen, manche Pflanzen verbinden ihre Samen mit einem für Insekten schmack- und nahrhaften Auswuchs (Elaiosom), um durch die Beweglichkeit z.B. von Ameisen den Verbreitungsradius ihrer Samen zu erweitern …

Und auch Unterirdisches wird einleuchtend erhellt: Die Mykorrhiza-Zusammenarbeit bedeutet, daß die Pflanzenwurzeln sich mit Bodenpilzen verbinden, um sich wechselseitig Nährstoffe zuzuleiten. Beim Spitzwegerich geht dieses ZUSAMMENWIRKEN sogar so weit, daß er seinen chemischen Abwehrstoff (Catapol) an den Pilz weitergibt, wenn dieser von Springschwänzen angefressen wird. Catapol ist ein bitter schmeckendes und fraßhemmendes Glykosid, das der Pilz vom Spitzwegerich zu seiner Selbstverteidigung bekommt.

Wer naturverbunden ist und sich gerne in spannende biologische Details und Wechselwirkungen vertieft, findet mit „Blumen und ihre Bewohner“ ein wissensvolles Buch mit einer erfreulich ganzheitlichen Natursicht.

Ich habe jedenfalls viel und gerne aus dieser Lektüre gelernt. So weiß ich jetzt, daß sich in der zugesponnenen Fingerhutblüte die Raupe des Rotfingerhut-Blütenspanners verbirgt, oder daß die rosa– und blaulilafarbenen Blüten des Lungenkrauts wie ein Indikatorpapier den Säuregehalt des Gewebes anzeigen.

Wegen der Fülle und Komplexität der dargebotenen Informationen und des überaus ANSCHAULICHEN Bildmaterials, bietet sich die Nutzung von „Blumen und ihre Bewohner“ als ergiebiges Nachschlagewerk an.

Die Autoren:

»Margot Spohn hat Biologie mit Schwerpunkt Botanik und Pharmazeutische Biologie studiert. Hauptberuflich ist sie mit der Zulassung komplementärmedizinischer Arzneimittel in der Schweiz beschäftigt.«

»Roland Spohn arbeitet als selbständiger Biologe im Bereich Naturfotografie und Sachillustration. Außerdem kombiniert er viele biologische Themen zu fantasievollen Gemälden und zeigt diese auf Ausstellungen.«

PS
Die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft 1822 e.V. hat „Blumen und ihre Bewohner“ aus mehr als 50 Titeln zu einem der fünf besten Gartenbücher 2016 gewählt. Weitere Informationen zur Preisverleihung und Fotos finden Sie unter: http://www.haupt.ch/magazin/nachlese/dgg-buchpreis-blumen-und-ihre-bewohner-unter-den-top-5-der-besten-gartenbuecher/.

 

Das bleibt in der Familie

  • Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten
  • von Sandra Konrad
  • PIPER Verlag  April 2013                                 http://www.piper.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  •  304 Seiten
  • 19,99 €, 20,60 € (A), 26,90 sFr
  • ISBN 978-3-492-05526-0
  • Taschenbuchausgabe    August 2014
  • 11,00 € (D), 11,40 € (A)
  • ISBN 978-3-492-30530-3
    Das bleibt in der Familie]

AHNENFORSCHUNG  AUF  PSYCHOLOGISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Das bleibt in der Familie“  ist ein allgemeinverständliches, interessantes und sogar spannendes Sachbuch über transgenerationale Übertragungen. Die Autorin stellt jedem Kapitel ein treffendes Zitat voran − häufig aus belletristischen Werken –, das den Sachbuchcharakter um einige zusätzliche zwischenmenschliche und allgemeinverbindliche Dimensionen erweitert und der Einstimmung in die Thematik sehr dienlich ist.

Sandra Konrad vermittelt in einfühlsamer und klarer Sprache Einsichten in verborgene familiäre Wirkmechanismen, generationenübergreifende emotionale Wechselwirkungen und Schicksalskreisläufe. Die zahlreichen berührenden Fallbeispiele illustrieren anschaulich und einleuchtend, wie sehr jeder Mensch − zumindest auf psychischer Ebene  − „in der Familie bleibt“, selbst wenn er räumlichen Abstand hält.

Mit unserer Geburt betreten wir die Bühne unserer Familie, und wir werden Teil einer Familiengeschichte, die schon lange vor uns angefangen hat. Es gibt leichte und schwere Rollen, komische und tragische Ereignisse, Liebe und Haß, Gebote und Verbote, Geheimnisse, Konflikte, Scham und Schuld, Traditionen, Tabus, ausgesprochene und unausgesprochene Erwartungen, Enttäuschungen, Verletzungen, Heilungen, Träume und Hoffnungen – wir haben unsere  familiäre emotionale Mitgift. Die Zeitschichten und Lebensläufe verschiedener Generationen überschneiden sich mit unserer Gegenwart und nehmen auf sie Einfluß. Der Fachbegriff dafür heißt transgenerationale Übertragung.

Die Autorin ist Diplompsychologin und arbeitet seit 2001 als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin. Sie hat sich auf die  Analyse und Therapie  familiärer Gegebenheiten unter dem Einfluß  transgenerationaler Übertragung spezialisiert.

Mit Hilfe eines psychologischen Familienstammbaumes über drei Generationen hinweg werden neben den äußeren Lebensdaten psychologisch bedeutsame Ereignisse erfaßt, darunter vor allem biographische Einschnitte (z.B. Auswanderungen, besonders schmerzliche Verluste, Kriegserfahrungen, Trennungen, sozialer Auf- oder Abstieg, Krankheiten), Charakterstärken- und Schwächen, schwarze Schafe und Helden, Probleme und wunde Punkte. Durch solch ein Genogramm ist es möglich, Muster, Schwerpunktthemen und Wiederholungsschleifen zu erkennen und konstruktive Lösungen zu erarbeiten, um freier für neue Wege der Lebensgestaltung zu werden.

Auch unverarbeitete oder verschwiegene traumatische Erlebnisse, die im familiären Erbe bis zu ihrer Lösung nachwirken, können durch die therapeutische Belichtung erkannt, eingeordnet und behandelt werden.

Manchmal ist für diese psychologische Ahnenforschung detektivischer Spürsinn notwendig, aber je mehr ans Licht kommt, desto besser gelingt es, alte Lasten abzulegen und aus früheren Fehlern zu lernen, ohne sie unbewußt zu wiederholen. Manche Themen sind offensichtlich, manche erscheinen in Verkleidung, z.B. als Krankheitssymptom, das ein unbewußtes Geheimnis durch Körpersprache „reinszeniert“.

Die Lektüre eines Buches ersetzt keine Therapie, aber die Lektüre von „Das bleibt in der Familie“  ist auf jeden Fall eine gute erste Hilfe beim Entwirren familiärer Verstrickungsfäden und eine konstruktive Ermutigung, angesichts der Gefühlsladung des familiären Erbes zu bewußterem Wissen zu kommen.

„Jeder Schritt hin zu einer durchsichtigen Geschichtsschreibung hilft zu verstehen, wie sich ein positives oder ein quälendes Lebensgefühl über die Zeit und die Generationen hinweg vermitteln konnte. Wer Gefühle von Familienmitgliedern übernommen hat, kann sie leichter loslassen, wenn er sie den jeweiligen Personen zuordnen kann und deren Kontext versteht.
Es gibt leichtere und schwierigere Fragen. Einige Antworten können wir uns selbst geben, für andere brauchen wir die Hilfe unserer Familie. Und manchmal brauchen wir einen geschulten Blick von außen und therapeutische Hilfe, um aus dem emotionalen Dickicht herauszufinden.“
(Seite 281)

Im Vordergrund der therapeutischen Betrachtung stehen zunächst die „schlechten“, leidtragenden Weitergaben aus der familiären Vergangenheit; doch nachdem man sich den Schattenseiten und Schmerzen der Vergangenheit stellen konnte, lassen sich auch lichte Seiten, gute Gaben und lohnende Schätze im emotionalen Familienerbe finden.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur jedem empfehlen, einen solchen seelischen Familienhausputz zu wagen. Befreit von klebrigen, emotionalen Spinnweben, läßt sich viel leichter der eigene rote Faden erkennen.

Ergreifen Sie also Ihren roten Faden, und weben Sie ein heilsames, schönes neues Muster in Ihr persönliches Familiengewebe!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/das-bleibt-in-der-familie-isbn-978-3-492-30530-3

 

Die Autorin:

»Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2001 als systemische Einzel,- Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Hamburg. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersuchte sie mehrgenerationale Weitergaben, besonders in Bezug auf Traumata. Sie ist Co-Autorin des Buches »Der geheime Code der Liebe«. «

PS:
Meine persönliche familiäre Reise in die Vergangenheit hat mich räumlich durch halb Europa und zeitlich bis ins Jahr 1870 geführt. Obwohl es noch einige weiße Flecken auf der Seelenlandkarte meiner Herkunftsfamilie gibt, habe ich jetzt schon Stoff für einen reichhaltigen historischen Abenteuer- und Liebesroman, und vielleicht beherrsche ich eines Tages auch sieben Sprachen – wie mein Großvater…

QUERVERWEIS:

Dieses Sachbuch ergänzt sich hervorragend mit dem Roman
Als der Sommer eine Farbe verlor von Maria Regina Heinitz.
Hier ist der Link zu meiner Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/24/als-der-sommer-eine-farbe-verlor/