Ackergifte? Nein danke!

  • Für eine enkeltaugliche Landwirtschaft
  • Von Ute Scheub
  • thinkOya*,  Akt 438     Oktober 2014           http://www.think-oya.de
  • 128 Seiten, Broschur
  • 10,–€ (D), 10.20 € (A), 14,- sFr.
  • ISBN 978-3-927369-87-0
    9783927369870

ERDE  ZU  ERDE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Ackergifte? Nein danke!“ versammelt gefährliches Wissen über Chemielobby-Lügen, vorbestellte wissenschaftliche ›Wahrheiten‹, allgegenwärtiges Glyphosat, Endokrine Disruptoren (EDCs), Gifte über Gifte, grenzwertige Grenzwerte, mangelhafte behördliche Kontrollen, organisierte Verantwortungslosigkeit usw. Nach dieser Lektüre wird man den Verharmlosungsstudien multinationaler Chemiekonzerne und ihrem angeblichen Kampf gegen den Welthunger keinen Glauben mehr schenken.

Wer sich schon längst weitgehend mit biologisch erzeugter Nahrung ernährt, kann sich leider nicht beruhigt zurücklehnen, denn durch zahlreiche Stoffkreisläufe erreichen die Gifte – wenn auch in geringerer Konzentration – auch die Refugien biologischer Landwirtschaft.

Ein paar Zahlen zum Vorgeschmack:

„Pro Jahr werden laut Umweltbundesamt auf einem landwirtschaftlich genutzten Hektar im Schnitt etwa neun Kilogramm Pestizide beziehungsweise zweieinhalb Kilogramm Wirkstoffe eingesetzt. Pestizide seien schädlich für das Leben, weil sie in 0,000 000 000 001 Gramm wirksam sein können, schreibt Pestizidexperte Klaus Friedrich Haalck. Wenn man sich vor Augen hält, dass schon ein Billionstel Gramm eine Wirkung auslösen kann, ist das eine ungeheure Giftmenge, die wir jedes Jahr unserem Land und uns selbst zumuten.“ ( Seite 9)

Daß viele Pflanzen, von deren Samen oder Früchten wir uns ernähren, auf die Bestäubung durch Bienen, Hummeln usw. angewiesen sind, ist noch verhältnismäßig anschaulich zu vermitteln. Bei den – für das bloße Auge – unsichtbaren Mikroorganismen, die für die Fruchtbarkeit des Erdbodens und ein gesundes Pflanzenwachstum unerläßlich sind, braucht man eine größere Fähigkeit, in kleinen und großen Zusammenhängen und Kreisläufen zu denken.

Es dauert hundert Jahre, bis sich eine Humusschicht von ein bis drei Zentimetern gebildet hat – heute wird diese in der winzigen Zeitspanne von ein bis zehn Jahren abgetragen.“ (Seite 12)

Die Wissenschaft fängt gerade erst an, die zahlreichen Bodenorganismen, ihre Wechselwirkungen und Symbiosen mit Pflanzen und ihre Koexistenz mit und in diversen Stoffwechselkreisläufen zu entdecken. Das natürliche Gleichgewicht dieser obersten Erdschicht, von der fast unsere ganze Nahrungsmittelerzeugung, aber auch die reinigende Wirkung von Wasserkreisläufen abhängt, wird durch Kunstdünger, Pestizide, Fungizide, Gülle, Herbizide, Insektizide, Biozide, Desinfektionsmittel, Arzneimittel- rückstände und weitere Chemieabfälle empfindlich gestört und letztlich auch zerstört.

Dazu kommen als katastrophale Nebenwirkungen: verstärktes Artensterben, Verminderung der Biodiversität, weitere ge- und zerstörte natürliche Gleichgewichte, steigende Krebserkrankungsraten, Allergien, belastetes Trinkwasser usw.

Zwar ist das „dreckigste Dutzend“ der Supergifte (z.B. DDT) durch die Stockholmer Konvention von 2001 weltweit verboten, und die in den Industrienationen zum Einsatz kommenden Pestizide sind etwas weniger giftig – aber giftig sind sie trotzdem und eine unabhängige wissenschaftliche Auswertung der kumulativen und kombinatorischen Wirkung verschiedener Gifte findet kaum statt.

Stattdessen betreiben die großen Chemie- und Saatgutkonzerne eine scheinbare Welternährungsrettungs-PR und verkaufen die systematische Zerstörung unseres wortwörtlichen Nährbodens als grüne Revolution. Man tauft die tödlichen „Waffen“ gegen pflanzlichen Wildwuchs und sogenannte Schadinsekten in Pflanzenschutzmittel um, beschwört den angeblichen Segen genmanipulierter Nahrungspflanzen, die angebliche Effizienz von Monokulturen und die scheinbare Ertragssteigerung durch Kunstdünger.

Tatsächlich jedoch bereiten diese Giftgaben den Boden für Krankheit. Die prinzipielle Lebensfeindlichkeit aller dieser Mittel ist eine logische Folge ihrer Entwicklung aus der Chemiewaffenproduktion. Kunstdünger und Insektizide waren und sind nämlich häufig ein Neben- oder Folgeprodukt der Chemiewaffenherstellung. Oft lassen sich die verwendeten Substanzen wahlweise als Insektizid, Nervengift und/oder Kampfgas verwenden.

Konventionell wirtschaftende Landwirte, die durch den Umgang mit diesen Giften selbst erkrankt sind, oder Biolandwirte, deren Weiden und Anbauflächen durch Abdrift solcher Gifte geschädigt werden, oder betroffene Anwohner müssen die Schadstoffbelastung – auf eigene Kosten – analysieren lassen, werden von behördlicher Seite meist verwaltungsvertrödelt, d.h. die Zuständigkeit wird von Amt zu Amt verschoben, und von den „Pflanzenschutzmittel“- Produzenten werden die Schäden als bedauerliche Einzelfälle eines Anwendungsfehl- verhaltens deklariert.

Und gegen Krankheiten gibt es dann wieder medikamentöse Gifte – ein profitabler Kreislauf auf Kosten des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens.

Doch es geht auch anders. Zum Ausgleich und als positiver Handlungsimpulsgeber berichtet die Autorin im Anschluß an die Giftabrechnung über sinnvolle Alternativen.

„Würde die Menschheit mit Ökolandbau allein genug zu essen haben? Die fröhliche Antwort: Ja, das ist machbar! Eine enkeltaugliche Landwirtschaft ist möglich und macht Boden gut. Es ist genug für alle da.“ ( Seite 83)

So berichtet der Hoffnungsexkurs etwa über hiesige Biolandwirtschaft, Permakultur und symbiotische Landwirtschaft, die Förderung pestizidfreier Kommunen und das Bündnis »Kommunen für die biologische Vielfalt«, 212 Initiativen mit über 30 000 beteiligten Landwirten, die Gentechnik ausschließen, die weltweite Transition-Town-Bewegung, die erfolgreichen Pionierarbeiten des Schweizer Insektenforschers Hans-Rudolf Herren zur biologischen Schädlingsausgleichung, die Terra-Preta-Anbaumethode …

Im Anhang wird die Kampagne »Ackergifte? Nein Danke! « vorgestellt. Ein kurzer Leitfaden zum Umgang mit Schäden durch Ackergifte und zum Erkennen von Abdriftschäden informiert darüber, wie wichtig es ist, Vergiftungsfälle zu dokumentieren (es gibt einen nützlichen Meldebogen bei PAN Germany http://www.pan-germany.org ). Auch bei Landesbehörden (Pflanzenschutzämtern) finden sich zuständige Ansprechpartner.

Das vorliegende Buch ist eine Lektüre, die zwar schwer im Magen liegt, gleichwohl ist sie aber auch ein notwendiger „Wissensdünger fürs Denken“, der hoffentlich bei vielen Lesern zu Handlungsschritten führt, die dazu beitragen, unseren Enkeln eine lebendige Erde zu hinterlassen.Damit es nicht eines Tages heißen muß: Erde zu Erde, Gift zu Gift und Hunger zu Hunger.

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»Seit Frühjahr 2014 ist die Internetseite der Kampagne ›Ackergifte? Nein danke! ‹ http://www.ackergifte-nein-danke.de öffentlich zugänglich. Getragen von der Bürgerinitiative ›Landwende‹ http://www.landwende.de , die 2001 als Reaktion auf eine großflächige Herbizid-Vergiftung im Nordosten Deutschlands aktiv wurde, fordert die Kampagne ein Verbot sämtlicher Ackergifte und tritt für einen Abschied von der Agrarindustrie, verbunden mit der Hinwendung zu einer bäuerlichen, lebensfördernden und enkeltauglichen Landwirtschaft ein….
Ein erster Schritt dazu besteht darin, Schäden und Gesundheitsbeschwerden, die durch Abdrift von Ackergiften entstehen, zu registrieren und zu melden. Dazu arbeitet die Kampagne ›Ackergifte? Nein danke!‹ mit dem ›Pestizid Aktions-Netzwerk Deutschland e.V. (PAN) ‹ http://www.pan-germany.org zusammen. Mit Hilfe eines Meldebogens soll eine breite Datenbasis geschaffen werden, die das Ausmaß der allgegenwärtigen Vergiftung von Land und Leuten dokumentiert.« (Seite 103)

Die Autorin:

»Ute Scheub, Jahrgang 1955, ist Publizistin und Mitbegründerin der Tageszeitung taz. Als freie Autorin verfasste sie zahlreiche Bücher zu den Themen Frieden, Frauen und Ökologie, zuletzt: „Terra Preta. Die schwarze Revolution aus dem Regenwald“ und „Glücksökonomie. Wer teilt hat mehr vom Leben“. Ute Scheub lebt in Berlin.«  http://www.utescheub.de

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://think-oya.de/buch/ackergifte_nein_danke.html

*thinkOya Akt:Akt‹ (von lat. agere, handeln) steht für Aktion, Ereignis, Handlung. Als philosophischer Begriff bezeichnet ›Akt‹ eine realisierte Wirklichkeit im Gegensatz zur ›Potenz‹, einer (noch) nicht manifesten Möglichkeit. In der Reihe » thinkOya Akt« erscheinen Aufklärungs-, Streit- und Flugschriften, die zu konkreten Handlungen anstiften. Jeder Band ist eine Ideenwerkstatt zu den drängenden Herausforderungen unserer Zeit. Im Weiterdenken und Aktivwerden der Leserinnen und Leser können diese Ideensamen zu konkreten Utopien heranreifen. Wie Akte eines Bühnenstücks sind die einzelnen Bände Teile eines sich fortschreibenden Werks, dessen Ganzes mehr als die Summe seiner Teile ist. Die Titel sind in handfester Broschur gefertigt, tragen eine nicht-chronologische Nummerierung und verbinden individuelle Gestaltung mit hohem Wiedererkennungswert.

 

thinkOya ist ein Imprint der Drachen Verlag GmbH in Kooperation mit der Zeitschrift:
Oya – anders denken, anders leben.
http://www.oya-online.de

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