Elizabeth wird vermisst

  • von Emma Healey
  • Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
  • Bastei Lübbe Verlag März 2014  http://www.luebbe.de
  • 348 Seiten, kartoniert
  • 14,99 €
  • ISBN 978-3-7857-6110-6
  • Die Taschenbuchausgabe erscheint am 08.10.2015  ebenfalls bei
  • Bastei Lübbe
  • 10,99 €
  • ISBN: 978-3-404-17273-3

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D U R C H E I N A N D E R G E R A T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Emma Healey, hat im Alter von 28 Jahren ein einfühlsames und spannendes Buch geschrieben, in dem eine 82-jährige Frau, die an Alzheimer erkrankt ist, die Hauptrolle spielt.

Maud, als Ich-Erzählerin, berichtet von ihrem gegenwärtigen Alltag: Morgens kommt kurz eine Pflegekraft, die u.a. einen Mittagsimbiß für sie vorbereitet, danach ist sie sich selbst überlassen und freut sich auf den täglichen Besuch ihrer Tochter. Doch die Zeit ist lang, und Maud vertreibt sich die Langeweile, indem sie einkaufen geht, obwohl ihre Tochter immer mit ihr schimpft, wenn sie stapelweise Dosenpfirsiche kauft und hortet.

Die Innenperspektive auf das Alzheimer-Geschehen eröffnet uns einen ebenso schmerzlichen wie würdigenden Einblick in ein Schicksal des Vergessens. Zudem verknüpft die Autorin die Geschichte von Mauds Vergessen versiert mit einer kriminalistischen Parallelgeschichte aus Mauds Vergangenheit.

Mit Notizzettelchen und Weckerstellen bemüht sich Maud, ihre Gedächtnislücken zu überbrücken, aber das funktioniert nur sehr bedingt. Sie ärgert sich über ihre Schwierigkeiten, den Dingen die richtigen Namen zuzuordnen oder konzentriert über einen Sachverhalt nachzudenken und ständig den Faden zu verlieren. Anfänglich bemerkt sie ihre Aussetzer noch und gerät in ängstliche Verlegenheit und zusätzliche Verwirrung.

Aber eines ist ganz sicher: Maud vermißt ihre beste Freundin Elizabeth. Anscheinend will ihr keiner verraten, was mit Elizabeth geschehen ist.

So lückenhaft und durcheinandergeraten die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart für Maud ist, so lückenlos und präzise sind im Ausgleich dazu die Erinnerungen an ihre Jugendzeit. Nach und nach erfahren wir, daß ihre ältere Schwester, Sukey, 1946 spurlos verschwunden ist, und dieser schmerzliche Verlust beschäftigt sie noch immer.

Die Autorin läßt Maud chronologisch und faktisch plausibel die Umstände von Sukeys Verschwinden erzählen. Diese biographischen Erinnerungsrückblenden wechseln sich mit den Berichten über die Ereignisse der Gegenwart ab. Da wir als Leser alles nur durch Mauds Wahrnehmungs- und Erinnerungsfilter „sehen“, wächst sowohl die Spannung bezüglich der alten Geschichte über die verlorene Schwester als auch bezüglich der neuen Geschichte über die „verschwundene“ Freundin Elizabeth.

Maud sucht im Rahmen ihrer eingeschränkten Möglichkeiten nach Elizabeth und hat dabei stets das nagende Gefühl, daß sie etwas vergessen hat. Sie verzettelt sich – wortwörtlich – immer mehr und mißtraut sich selbst und allen anderen. Die Gegenwart und der Realitätskonsens entgleiten ihr Stück für Stück und Wort für Wort.

Die Abstufungen des Vergessens – vom vagen Gefühl, etwas vergessen zu haben und sich noch an das Vergessen zu erinnern, bis zum Vergessen des Vergessens – werden sehr plastisch und berührend dargestellt.

Die Linearität von Mauds Lebensgeschichte löst sich – anfangs schleichend, später beschleunigt – auf, ihr Zeitgefühl verschwimmt, ihre Erinnerungen verblassen und überlagern sich und werden von ihr teilweise neu kombiniert, Erinnerungsbruchstücke überkreuzen sich mit Anforderungen der Gegenwart. Mauds Wahrnehmungsdeutungen und Äußerungen werden für ihre Umwelt und ihre Angehörigen immer unverständlicher. Dennoch sind ihre Tochter und ihre Enkelin rührend und geduldig um sie besorgt.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen intensive Nähe zu Mauds Erleben zu vermitteln. Wie es Emma Healey schafft, Mauds Hilfslosigkeit, Orientierungslosigkeit, Verletzlichkeit und Verlorenheit für uns zu übersetzen, nachlesbar und mitfühlbar zu machen, das ist außergewöhnlich anrührend und lehrreich und eine sehr reife schriftstellerische Leistung.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/sonstige-belletristik/elizabeth-wird-vermisst/id_3251230

Die Autorin:

»Emma Healey wuchs in London auf. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Buchbinderin. Doch als ihr die Buchherstellung nicht mehr ausreichte, legte sie 2011 noch einen Master in Kreativem Scheiben an der University of East Anglia ab.
ELIZABETH WIRD VERMISST ist ihr erster Roman.«

 

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Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?

  • von Hervé Jaouen
  • Aus dem Französischen von  Corinna Tramm
  • Urachhaus Verlag,  März 2013                               http://www.urachhaus.com
  • 192 Seiten, gebunden
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7786-7
  • ab 12 Jahren
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DIE  JAHRESZEIT  DES  VERGESSENS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Omama ist ein Baum, und die Blätter sind ihr Gedächtnis. Die Krankheit hat sie abgetrennt, wie sich in den alten Schwarz-weiß-Filmen die Blätter von einem Abreißkalender ablösen und davonfliegen, damit du wirklich verstehst, dass die Zeit dahingeschwunden ist.“ (Seite 112)

Mit dem vorangestellten Zitat möchte ich dieses sehr empfehlenswerte Jugendbuch gerne ein wenig selbst zu Wort kommen lassen.  „Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?“  ist ein Buch, das man mit einem lachenden und einem weinenden Auge liest. Die Darstellung der ernsten und schmerzlichen Demenzthematik geschieht anschaulich-informativ, sehr einfühlsam und respektvoll, aber auch mit viel Sinn für die Situationskomik von Wahrnehmungsmißverständnissen. Außerdem ist diese Geschichte von bemerkenswerter Warmherzigkeit und Humanität erfüllt. Dieses Buch gehört in Frankreich zur schulischen Pflichtlektüre.

Nachdem die Großmutter der dreizehnjährigen Véro in ihrer bedenklich gewordenen Vergeßlichkeit einen Küchenbrand verursacht hat, beschließen Véros Eltern, die Oma zur Sicherheit bei sich im Haus aufzunehmen und sie zu betreuen.

In den Sommerferien zieht die alte Dame mit einigen Lieblingsbesitztümern ein. Die Oma, liebevoll „Omama“  genannt, wird herzlich aufgenommen und bei einem mit der Familie befreundeten Neurologen einer Testbefragung (Folstein-Test) unterzogen, auf die sie zum Teil schlagfertig und gewitzt reagiert, aber zum Teil auch schon mit deutlicher Verwirrung, kleinen Ausweichmanövern und Sprachlosigkeit. Die Diagnose lautet Alzheimer, und die einzige Therapie besteht darin, das Fortschreiten des Vergessens durch Anregungen und Erinnerungsanimationen wenigstens zu verlangsamen.

Véros Mutter arbeitet zu Hause als Übersetzerin, und das erleichtert die Beaufsichtigung; dennoch ist die Betreuung für die ganze Familie eine beträchtliche Herausforderung. Aber alle geben sich große, wirklich liebevolle Mühe, und besonders Véro reift an den Erfahrungen, die sie durch den Umgang mit Omamas Krankheit macht.

Vèro liebt und bewundert ihre Omama. Beim Einzug hat die Großmutter einen alten Reisekoffer mitgebracht, in dem sie alte Lieblingskleider, Fotos und alle Liebesbriefe ihres verstorbenen Ehemannes aufbewahrt. Während Omamas Erinnerungen immer mehr durcheinander geraten, beginnt die Enkelin, die Dokumente aus dem Reisekoffer chronologisch zu ordnen und abzuheften.

So entdeckt Véro den Lebenslauf Ihrer Großmutter ganz neu, und sie ist berührt, begeistert, ja geradezu inspiriert von der Lebens- und Liebesfülle ihrer Herkunftsfamilie. Dieses Material, ergänzt um allgemeine historische Zeitdokumente, bekannte Schlager und Tanzmusik aus Omamas  mittleren Jahren, benutzen Véro und ihr älterer Bruder Guillaume, um einen dreistündigen biographischen Film über Omamas Leben zu drehen.

Die Vorführung des Films soll als Stimulation für Omamas Gedächtnis dienen, und eine Weile funktioniert diese Erinnerungsanimation und macht Omama offensichtlich große Freude. Sie fordert sogar Ihren Schwiegersohn, den sie mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt, zum Tangotanzen auf.

Dennoch wachsen das Vergessen und die alltägliche Desorientierung: Omama hält das Fernsehprogramm für real, hortet Lebensmittel, weil sie sich wieder im Zweiten Weltkrieg wähnt, entwickelt diffuse Ängstlichkeiten, verwechselt ihre Tochter mit der Enkelin, die Enkelin mit ihrer Urgroßmutter, und  sie selbst wird nach und nach kindlicher und wünscht sich eine Puppe zu Weihnachten. Schließlich vergißt sie sogar das Kauen, und die Familie fügt sich in die Phase der Babybreifütterung.

Als Omama fast nicht mehr ansprechbar ist, schwört sich Véro:  „…du wirst Omamas Gedächtnis sein, bis du alt wirst und es selber verlierst, dein Gedächtnis.“ ( Seite 189)  Deshalb lernt sie schließlich die romantischen Liebesbriefe des Großvaters an die Großmutter auswendig.

Eine schöne und anrührende, generationenübergreifende Liebeserklärung!