Musikmomente

  • von Hanns-Josef Ortheil
  • btb Verlag   Januar 2018    www.btb-verlag.de
  • 288 Seiten
  • Format: 9 cm x 15 cm
  • Geschenkausgabe im kleinen Format
  • bedrucktes Ganzleinen mit LESEBÄNDCHEN
  • ISBN 978-3-442-71586-2
  • 10,00 € (D), 10,30 € (A), 13,90 sFr.

M U S I K   S P R I C H T !

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Hanns-Josef Ortheil präsentiert uns mit seinen Musikmomenten episodenhaft ein klangvolles, musikalisch-biographisches Kaleidoskop und gewährt dezent-persönliche Einblicke in sein Leben, sein künstlerisches und menschliches Werden und seine innige Liebe zur Musik. Musik und Sprache gehen dabei Hand in Hand.

Der Autor kommt als fünftes Kind – nach bereits vier verstorbenen Geschwistern – zur Welt. Dies ist kein leichter Anfang. Seine Mutter ist nach den traumatischen Verlusten verstummt, und Hanns-Josef Ortheil tut es ihr nach und stellt im zarten Alter von drei Jahren ebenfalls das Sprechen ein.

Eines Tages zieht ein geschenktes Klavier in die elterliche Wohnung ein. Dieses neue „Möbelstück“ übt sogleich großen Reiz auf den vierjährigen Hanns-Josef aus, und als die Mutter beginnt, Klavier zu spielen, erkennt das Kind, daß Musik ein der Sprache mindestens ebenbürtiges Ausdrucksmittel ist.

Der Mutter entgeht das rege Interesse des Kindes nicht, und sie läßt es spielerisch auf dem Klavier improvisieren und sich im Wortsinne an das Instrument herantasten. Sie unterrichtet ihr Kind, und die Musik wird das Medium, über welches sich die beiden miteinander verständigen können.

Später spricht die Mutter auch wieder und ermuntert ihren Sohn, seine Eindrücke zur Musik aufzuschreiben – d.h. sie spielt ihm beispielsweise einige Etüden von Carl Czerny vor, und er soll zu jedem Stück spontan notieren, was er beim Hören sieht. Denn, so  erlesen wir, Musik kann man hören und sehen – eine Auffassung, die Synästheten ganz gewiß teilen.

Da Hanns-Josef Ortheil dank begeisterten und willig-disziplinierten Übens rasch große Fortschritte macht, kümmert sich die Mutter um professionelle Klavierlehrer, und der erst achtjährige Junge wird wegen seiner außergewöhnlichen Begabung und seiner frühreif-eigenwilligen Musikauffassungen Schüler von Erich Forneberg.

Er nimmt erfolgreich an Musikwettbewerben teil, bei denen er niemals Lampenfieber empfindet, weil er gänzlich in der Musik aufgeht. Bereits als Kind und Jugendlicher gibt er Konzerte, und eine Laufbahn als Pianist scheint vorgezeichnet. Nach dem Abitur bekommt er ein Stipendium am Conservatorio in Rom. Nach einigen Monaten des Studiums bremst eine starke Sehnenscheidenentzündung seinen musikalischen Ehrgeiz.

Ärztlich verordnete Spielverbote werden stur nicht eingehalten, mit dem Ergebnis, daß eine Heilung der Krankheit in noch weitere Ferne rückt. Durch die Zwangsspielpausen verliert er nach und nach seine Virtuosität, und schließlich muß für den Berufswunsch Pianist eine sinnvolle Alternative gefunden werden.

Diese Alternative findet Ortheil im theoretischen Studium von Musik und im Schreiben über Musik. Vom Schreiben über Musik findet er dann auch zum literarischen Schreiben.

In Ortheils Anthologie „Musikmomente“ wechseln sich die oben umrissenen lebensläuf-lichen Erinnerungen, mit persönlichen musikalischen Reflexionen und Skizzen ab.

Hanns-Josef Ortheils erste Komponistenliebe gilt Mozart, und dieser Neigung ist er bis heute treugeblieben. Des weiteren erzählt er ausführlich von seinem anhänglich-ambivalenten Verhältnis zu Robert Schumann, er mokiert sich über Frédéric Chopin, er bevorzugt Domenico Scarlattis Klaviersonaten als Begleitmusik beim Schreiben, er serviert eine kleine und äußerst appetitanregende Abschweifung zur Musikalität Sizilianischer Dolci im allgemeinen und Cannoli im besonderen, er schreibt einen Liebesbrief an Hélène Grimaud, er erinnert sich schwärmerisch an Konzertbesuche und läßt sie sprachlich-virtuos nachklingen …

Interessant und durchaus nachahmenswert sind zudem Ortheils Berichte über seine  Experimente, Musik nicht nur in geschlossenen Räumen zu lauschen, sondern draußen, unterwegs, während einer langen Zugfahrt, in einer Gondel in Venedig und beim Schwebebahnfahren in Wuppertal … Moderne, tragbare Musikabspieltechnik macht es leicht, „seine“ Begleitmusik einfach mitzunehmen und zu hören, wann und wo immer es beliebt, und so den Musikgenuß um eine lebendige Kulisse zu ergänzen.

„Musikmomente“ ist ein Potpourrie erlebter, erlittener, erliebter, erhörter und erspielter Musik – in eine Sprache übersetzt, die der Musik ein bis in die Fingerspitzen spürbares Echo gibt.

 

»Wenn es mir gelingt, hoch konzentriert zu bleiben, bemerke ich nämlich sonst nichts mehr, nicht einmal mein eigenes Spiel. Es ist eine Art Trance, ich bewege mich in der Musik, als fülle sie mich vollständig aus, als wäre ich mit diesem Klangraum identisch.«  (Seite 182)

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Musikmomente/Hanns-Josef-Ortheil/btb-Taschenbuch/e516138.rhd

Der Autor:

»Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln als einziges Kind einer Bibliothekarin und eines Vermessungs-ingenieurs geboren. Vor seiner Geburt hatten die Eltern vier Söhne im Krieg und in der Nachkriegszeit verloren. Im Alter von drei Jahren folgte Ortheil seiner wegen dieser traumatischen Ereignisse verstummten Mutter und sprach ebenfalls nicht mehr. Erst von seinem achten Lebensjahr an wurden diese schweren Störungen durch einen täglichen, unkonventionellen Schreibunterricht der Eltern allmählich behoben (davon erzählt Ortheil ausführlich in „Der Stift und das Papier“). Kurze Zeit später wurde seine besondere Begabung für das Erzählen bereits deutlich, und er veröffentlichte erste Erzählungen in Tageszeitungen. Das Schreiben wurde mit der Zeit immer mehr zu einem existentiellen Medium des Überlebens. Neben der Literatur hatte die Musik für den anfangs Sprachlosen die größte Bedeutung. Er erhielt früh Klavierunterricht und setzte seine pianistische Ausbildung später als Schüler von Daniela Ballek und Claudio Arrau fort. In Köln, Wuppertal und im Westerwald aufgewachsen, machte er 1970 in Mainz Abitur, danach ging er für längere Zeit nach Rom. Dort finanzierte er sein pianistisches Studium am römischen Conservatorio als Organist an einer deutschen Kirche. Nach einem krankheitsbedingten Abbruch seiner pianistischen Laufbahn arbeitete er als Film- und Musikkritiker und begann später ein Studium der Musikwissenschaften, Philosophie, Germanistik und Vergleichenden Literaturwissen-schaft in Mainz, Rom, Göttingen und Paris, das er 1976 in Mainz mit der Promotion abschloss. Von 1976 bis 1988 war er Assistent am Deutschen Institut der Universität Mainz, 1990 übernahm er eine Dozentur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. 1988 war er „Writer in residence“ an der Washington-University in St. Louis/Missouri und 1991 und 1993 „Villa Massimo-Stipendiat“ in Rom. Später übernahm er Poetikdozenturen an den Universitäten von Paderborn, Bielefeld, Heidelberg, Zürich und Bamberg. 2003 erhielt er an der Universität Hildesheim die erste Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Deutschland. Hanns-Josef Ortheil ist Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2009 wurde er erster Direktor des neu gegründeten „Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ der Universität Hildesheim.«  http://www.hanns-josef-ortheil.de

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Der Wörterschmuggler

  • Roman
  • von Natalio Grueso
  • Übersetzung aus dem Spanischen von
  • Marianne Gareis
  • Atlanik Verlag   August 2015     www.atlantik-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 256 Seiten
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A), 24,50 € sFr.
  • ISBN 978-3-455-60019-3
    Der Wörterschmuggler

FRAGMENTE  DES  HERZENS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Der Wörterschmuggler“ beschreibt eine emotionale Weltreise, die in Venedig beginnt und über Argentinien, Shanghai, Paris, Genf, Sankt Petersburg sowie einige weitere Zwischenaufenthalte wieder glücklich in Venedig mit einem neuen Anfang endet.

Eine junge und sehr schöne Japanerin, Keiko, sitzt in Venedig an ihrem Schreibtisch und bereitet sich auf das vor, was sie poetische Gerechtigkeit nennt. Sie liest aufmerksam die Briefe mit Versen und Geschichten, die man oder auch frau ihr in den Briefkasten geworfen hat. Derjenige, dessen Worte sie am meisten rühren, ist der Auserwählte, der eine paradiesische Liebesnacht mit Keiko verbringen darf. Allerdings gewährt sie ihre Gunst immer nur ein einziges Mal, dafür aber auch ohne Vorbehalte in Hinsicht auf Attraktivität, sozialen Status, Alter oder Geschlecht. Wenn die Worte Keikos Herz berühren, dann öffnet sie dem Absender die Tür.

So lesen wir mit Keiko einige Geschichten von abenteuerlichen, tragischen und phantastischen Schicksalen: Da gibt es einen Mann, der den Menschen rezeptmäßig Bücher verschreibt und dem dadurch manch zwischenmenschlicher Trost und sogar eine Lebensrettung gelingt; wir lernen einen berühmten argentinischen Radiomoderator kennen, der seinem geliebten Großvater ein wunderbares letztes Geschenk macht und dafür seine Karriere opfert; wir bestaunen den märchenhaften Erfindungsreichtums eines verliebten armen Jungen, der in einer Gesellschaft lebt, in der man für jedes einzelne Wort bezahlen muß, und dem es dennoch gelingt, seine Liebe poetisch zum Ausdruck zu bringen …

Und wir werden über mehrere Lebensstationen, Verführungen und Juwelendiebstähle, Kaviarschmuggel und regen Champagnergenuß vertraut gemacht mit einem gealterten, charmanten Abenteurer, namens Bruno Labastide, der sich in Venedig zur Ruhe gesetzt hat und der selbstverständlich in Keiko verliebt ist.

Wie „Der Wörterschmuggler“ sich schließlich doch ins Keikos Herz schmuggelt, das ist eine eigene Geschichte …

Dieser Roman hat von Anfang an eine erotische Essenz. Der Autor ist indes erfreulich andeutungsgenügsam in der sprachlichen Darstellung, was viel erotischer ist, als wenn er alles ausplauderte.

„Manchmal geschehen Dinge, die so intim sind, dass es unfein wäre, darüber zu berichten. Deshalb wollen wir die Einzelheiten dieser Nacht in der Wohnung von Dorsoduro, in der das Licht des Vollmonds, ohne an die Fensterscheiben anklopfen zu müssen, sogar bis zum Bett vordrang, lieber aussparen.“
(Seite 243)

Ich hätte gerne mehr über Keikos Lebenshintergrund und die Entstehung ihrer erotisch-poetischen Philosophie erfahren, aber auch dies verschweigt der Autor.

Gleichwohl harmonieren die skizzenhaften Charaktere gut mit dem lose verknüpften, fragmentarisch-episodenhaften Erzählstil dieses Romans, der neben sinnlichem Charme, Menschenkenntnis und Abenteuerlust einen tiefempfundenen Geschmack von Einsamkeit hat.

„Das Gewicht der Erinnerung kann unerträglich sein, und es ist schwer zu sagen, welche mehr schmerzen, die glücklichen oder die unglücklichen. Am Ende sind sie alle traurig.“ (Seite 119)

Die Romankomposition hat jedoch keinen langen literarischen Atem. Die poetische Potenz der einzelnen Geschichten erzeugt kein substanzielles erzählerisches Gesamtbild. Vereinzelte literarische Sterne bilden noch kein Firmament. Für anspruchsvolle Leser bleibt hier manches zu wünschen übrig.

„Der Wörterschmuggler“ enthält auf der anderen Seite viele feine Erzählideen, Figurenentwürfe und Impulse, die eine ausführlichere schriftstellerische Ausarbeitung und mehr Tiefenschärfe verdient hätten.

Der Autor:

»Natalio Grueso ist Regisseur am Teatro Español und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid. Zuvor war er Leiter des Oscar-Niemeyer-Kulturzentrums im spanischen Avilés, das der legendäre brasilianische Architekt Oscar Niemeyer entworfen hat. Der Wörterschmuggler ist Gruesos erster Roman.«

Zusatzinformationen auf der Verlagswebseite: http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/der-woerterschmuggler-buch-7567/#Buch