Ein Sommernachtstraum

  • BILDERBUCH
  • Nach der Komödie von William Shakespeare
  • Text: Frank Berger
  • Illustrationen von Daniela Drescher
  • Verlag Urachhaus   März 2013              http://www.urachhaus.com
  •  40 Seiten, gebunden
  • Format 22  x 30 cm
  •  14,90 €
  •  ISBN 978-3-8251-7820-8
  • ab 5 Jahren
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N A C H T S C H W Ä R M E R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ hat wegen der vielen märchenhaften und lustigen Zutaten gute Voraussetzungen, kindliches Interesse zu wecken. Man sollte Kinder nicht unterschätzen, man kann ihnen ruhig komplexe Vorlesekost anbieten, vor allem, wenn sie so schön und kongenial bebildert serviert wird wie in diesem Bilderbuch.

Daniela Dreschers Malstil paßt vollkommen zum Sommernachtstraum: zarte, traumverwobene, bunt-lasierende Aquarellbilder, deren Mehrdimensionalität auch bei mehrmaligem Betrachten noch neue Wahrnehmungsspielräume und kleine, verborgene Feinheiten offenbaren.

Der von Frank Berger in Prosa nacherzählte Dramentext beschränkt sich auf die wichtigsten Handlungsfäden und Personen, wobei ein gutes Gleichgewicht zwischen Werktreue und kindlichem Erfahrungshorizont erreicht wird. An passenden Stellen werden auch Shakespeares Verse nachempfunden, so daß Geist und Atmosphäre des Originaltextes melodisch mitschwingen.

Die vereinfachte und kindgemäße Textdosierung wahrt gleichwohl ein ansprechendes literarisches Niveau, und in Kombination mit den geheimnisvoll-verspielten, subtilen Illustrationen dürfte dieses Bilderbuch nicht nur für Kinder, sondern auch für die jeweiligen Vorleser eine verführerische Einladung ins „Bilderbuchtheater“ sein.

 

PS:
Daniela Dreschers Illustrationen sind sehr zauberhaft, aber auch sehr naturgetreu; als bekennende Kräuterfee konnte ich viele der dargestellten Pflanzen durchaus botanisch zuordnen und erkennen.

 

Die Illustratorin:

»Daniela Drescher, geboren 1966 in München, ist durch ihre Illustrationen mittlerweile weltweit bekannt. Neben eigenen Geschichten hat sie mehrere Klassiker der Weltliteratur illustriert. Daniela Drescher lebt in Blaubeuren am Blautopf, ist verheiratet und Mutter von vier Kindern
http://www.danieladrescher.de

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Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?

  • von Hervé Jaouen
  • Aus dem Französischen von  Corinna Tramm
  • Urachhaus Verlag,  März 2013                               http://www.urachhaus.com
  • 192 Seiten, gebunden
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7786-7
  • ab 12 Jahren
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DIE  JAHRESZEIT  DES  VERGESSENS

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Omama ist ein Baum, und die Blätter sind ihr Gedächtnis. Die Krankheit hat sie abgetrennt, wie sich in den alten Schwarz-weiß-Filmen die Blätter von einem Abreißkalender ablösen und davonfliegen, damit du wirklich verstehst, dass die Zeit dahingeschwunden ist.“ (Seite 112)

Mit dem vorangestellten Zitat möchte ich dieses sehr empfehlenswerte Jugendbuch gerne ein wenig selbst zu Wort kommen lassen.  „Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?“  ist ein Buch, das man mit einem lachenden und einem weinenden Auge liest. Die Darstellung der ernsten und schmerzlichen Demenzthematik geschieht anschaulich-informativ, sehr einfühlsam und respektvoll, aber auch mit viel Sinn für die Situationskomik von Wahrnehmungsmißverständnissen. Außerdem ist diese Geschichte von bemerkenswerter Warmherzigkeit und Humanität erfüllt. Dieses Buch gehört in Frankreich zur schulischen Pflichtlektüre.

Nachdem die Großmutter der dreizehnjährigen Véro in ihrer bedenklich gewordenen Vergeßlichkeit einen Küchenbrand verursacht hat, beschließen Véros Eltern, die Oma zur Sicherheit bei sich im Haus aufzunehmen und sie zu betreuen.

In den Sommerferien zieht die alte Dame mit einigen Lieblingsbesitztümern ein. Die Oma, liebevoll „Omama“  genannt, wird herzlich aufgenommen und bei einem mit der Familie befreundeten Neurologen einer Testbefragung (Folstein-Test) unterzogen, auf die sie zum Teil schlagfertig und gewitzt reagiert, aber zum Teil auch schon mit deutlicher Verwirrung, kleinen Ausweichmanövern und Sprachlosigkeit. Die Diagnose lautet Alzheimer, und die einzige Therapie besteht darin, das Fortschreiten des Vergessens durch Anregungen und Erinnerungsanimationen wenigstens zu verlangsamen.

Véros Mutter arbeitet zu Hause als Übersetzerin, und das erleichtert die Beaufsichtigung; dennoch ist die Betreuung für die ganze Familie eine beträchtliche Herausforderung. Aber alle geben sich große, wirklich liebevolle Mühe, und besonders Véro reift an den Erfahrungen, die sie durch den Umgang mit Omamas Krankheit macht.

Vèro liebt und bewundert ihre Omama. Beim Einzug hat die Großmutter einen alten Reisekoffer mitgebracht, in dem sie alte Lieblingskleider, Fotos und alle Liebesbriefe ihres verstorbenen Ehemannes aufbewahrt. Während Omamas Erinnerungen immer mehr durcheinander geraten, beginnt die Enkelin, die Dokumente aus dem Reisekoffer chronologisch zu ordnen und abzuheften.

So entdeckt Véro den Lebenslauf Ihrer Großmutter ganz neu, und sie ist berührt, begeistert, ja geradezu inspiriert von der Lebens- und Liebesfülle ihrer Herkunftsfamilie. Dieses Material, ergänzt um allgemeine historische Zeitdokumente, bekannte Schlager und Tanzmusik aus Omamas  mittleren Jahren, benutzen Véro und ihr älterer Bruder Guillaume, um einen dreistündigen biographischen Film über Omamas Leben zu drehen.

Die Vorführung des Films soll als Stimulation für Omamas Gedächtnis dienen, und eine Weile funktioniert diese Erinnerungsanimation und macht Omama offensichtlich große Freude. Sie fordert sogar Ihren Schwiegersohn, den sie mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt, zum Tangotanzen auf.

Dennoch wachsen das Vergessen und die alltägliche Desorientierung: Omama hält das Fernsehprogramm für real, hortet Lebensmittel, weil sie sich wieder im Zweiten Weltkrieg wähnt, entwickelt diffuse Ängstlichkeiten, verwechselt ihre Tochter mit der Enkelin, die Enkelin mit ihrer Urgroßmutter, und  sie selbst wird nach und nach kindlicher und wünscht sich eine Puppe zu Weihnachten. Schließlich vergißt sie sogar das Kauen, und die Familie fügt sich in die Phase der Babybreifütterung.

Als Omama fast nicht mehr ansprechbar ist, schwört sich Véro:  „…du wirst Omamas Gedächtnis sein, bis du alt wirst und es selber verlierst, dein Gedächtnis.“ ( Seite 189)  Deshalb lernt sie schließlich die romantischen Liebesbriefe des Großvaters an die Großmutter auswendig.

Eine schöne und anrührende, generationenübergreifende Liebeserklärung!