Die Flüchtigen

  • von Alain Damasio
  • Roman
  • Originaltitel (erschienen 2019): »Les Furtifs«
  • Übersetzung von Milena Adam
  • Verlag Matthes & Seitz 2021 www.matthes-seitz-berlin.de
  • gebunden mit Lesebändchen
  • 838 Seiten
  • 28,00 €
  • ISBN 978-3-7518-0039-6

Die Flüchtigen
K L A N G W E S E N

Rezension von Ulrike Sokul ©

»Wenn es also einen ethischen Imperativ des Menschseins gibt, dann jenen, sich diesem erhabenen Geschenk, lebendig zu sein, als würdig zu erweisen.« (Seite 751)

Dieses Buch ist anders, faszinierend anders, zu Lektürebeginn sogar etwas gewöhnungs-bedürftig. Läßt man sich jedoch darauf ein, wird man buchstäblich von der erstaunlich- en Textmelodik berührt und erfaßt und erfährt dabei eine überraschende Erweiterung des Sprachhorizonts. Der Autor läßt alle Charaktere sehr deutlich ausgeprägt in ihrem eigenen Tonfall und ihren individuellen Wortschatzgewohnheiten sprechen, denken und fühlen. Dies spiegelt sich auch sichtbar in der Typographie, bei der für jede Figur syste- matisch bestimmte Buchstaben mit eigenen Sonderzeichen kombiniert werden. Die dadurch bedingte Veränderung der Lesesehgewohnheiten erhöht die Leseaufmerksam- keit und Konzentration.      

Der Roman „Die Flüchtigen“ verknüpft mehrere Genres und Themen miteinander. Der Autor schöpft aus dem vollen und verbindet Science- und Social-Fiction, Philosophie, Kapitalismuskritik, Anpassung und Protest, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, alternative Lebensmodelle, Medienkritik, Naturschutz, Spannung, Märchen, Musikalität und Poesie zu einer hochkomplex verflochtenen und vielschichtigen Geschichte, die – vom jetzigen Jahr 2022 aus betrachtet – in einer Zukunft spielt, von der wir gerade einmal zwanzig Jahre entfernt sind.

Stellen Sie sich sogenannte „befreite Städte“ vor, die nicht mehr vom öffentlichen Dienst verwaltet werden, sondern von Konzernen aufgekauft und gemanagt werden und auch nach den jeweiligen Konzernen benannt sind. Nachdem, um ein Beispiel zu nennen, der Bürgermeister von den Aktionären gewählt wurde, wird ein modernes Drei-Klassen-System installiert: Platintarif für die Reichen, Premiumtarif für die Mittelklasse und Standardtarif für Kleinverdiener. Wer noch nicht einmal den Standardtarif erreicht, fliegt raus aus der städtischen Gesellschaft.

Fast alle Bürger tragen einen Fingerring, der als nimmermüder Datenträger auf Schritt und Tritt eine personalisierte Zuordnung und Erfassung erlaubt. Manche Stadträume, beispielsweise Parks, Spielplätze, Einkaufszentren und Straßen sind je nach Tarifzuge-hörigkeit nur zu bestimmten Zeiten zu betreten, was Standardtarifbürger oft zu müh-seligen Umwegen zwingt. Bleibt man zu lange am „falschen“ Ort oder will unbefugt eine Abkürzung nehmen, pfeift  einen eine Zonierungsdrohne zurück; weicht man immer noch nicht, dann wird man durch schmerzhaft-schrille Schallschüsse zum Rückzug gezwungen. Parkbänke können Stromschläge austeilen, wenn man sich das Recht, auf ihnen zu sitzen, nicht leisten kann, und verfährt man sich als Standardbürger in eine Platin- oder Premiumstraße sorgen allgegenwärtige Drohnen für ein teleblockiertes Ausbremsen des Fahrzeugs.

Taktile Kacheln in Einkaufsstraßen messen und analysieren beispielsweise Schuhgröße, Schuhabnutzungsgrad und Gangart des Passanten, um diesem dann beim nächsten Schuhgeschäft im Schaufenster ein maßgeschneidertes Schuhangebot zu offerieren – selbstverständlich mit persönlicher namentlicher Ansprache.

Nur vier Prozent der Bevölkerung lehnen das Tragen des Rings und die damit verbun- dene akribische Datensammlung und Bequemlichkeit bewußt ab. Ohne Ring ist man für die omnipräsenten Sensoren der Netzwerke ein unbeschriebenes Blatt, was eine zielge- richtete, personalisierte Produktwerbung und „vertrauliche“ Ansprache verhindert. Deshalb werden Ringlose beim Stadtbummel von multisensorischen Kugeln, den soge- nannten „Umtreibern“, umschwärmt, die Mimik und Körpersprache scannen, „um den mutmaßlichen emotionalen Zustand zu analysieren“ (Seite 316). Als Ringloser gilt man automatisch als suspekt und als potentiell kriminelle oder gefährliche Person. Wenn sich der Ärger über diese aufdringliche Überwachung zu deutlich im Gesichtsausdruck zeigt, erhöht dies wiederum die Aufmerksamkeit der Überwachungsdrohnen.

Die Spannbreite mobiler und stationärer sensorischer und digitaler Wahrnehmungs- und Überwachungstechnik ist beeindruckend. Es gibt Radar, Lidar, Okulometer, Intekten, Spiderbots, Observespen …

Bei Fernsehdiskussionen, politischen Gesprächsduellen und Pressekonferenzen wird laufend und in Echtzeit der MGI (medialer Glaubwürdigkeitsindex) gemessen und eingeblendet.

Der technische Kokon bietet jedem, der es sich leisten kann, einen perfekten Begleiter, den MOA (My Own Assistent). MOA bietet eine freundschaftliche KI-Verbundenheit, einen unermüdlichen Zuhörer und Gesprächspartner, der sich mit jeder Interaktion besser, ja, empathischer, mit den psychischen und physischen Gegebenheiten und Vorlieben seines Menschen auskennt und dessen reale zwischenmenschliche Einsamkeit harmonisch überspielt.  

Die anschauliche Darstellung einer durchaus naheliegenden, beinahe umfassend digital-sensorisch gesteuerten, kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ihrer minutiös ver-zweigten sozialen und finanziellen Kontrollmechanismen und Berechenbarkeits- bessenheit zeugt von der Fähigkeit des Autors, die gegenwärtigen technischen Möglich- keiten und Infrastrukturen weiterzudenken. Mit den oben erwähnten Beispielen habe ich nur einige wenige Kostproben aus dem Werkzeugkasten dieser dystopischen Welt genommen.

Die Flüchtigen sind in diesem Roman der Gegenpol zur technologischen Massenüber-wachung und -Steuerung – eine metamorphische Spezies, die sich dank ihrer extremen Schnelligkeit, mimetischen Tarnfähigkeit und Verwandlungskraft dieser Kontrolle entzieht und dadurch das System herausfordert.

Offiziell gelten die Flüchtigen als harmloser urbaner Mythos, nur die Regierung und das RiFF, eine Spezialabteilung des Militärs, wissen von ihrer tatsächlichen Existenz. Das RiFF (Regiment investigative Erforschung und Festsetzung von Flüchtigen) bildet Jäger aus, welche lernen, die Flüchtigen zu „erspähen“.

Denn die Flüchtigen, deren Lebensraum der tote Winkel ist, keramisieren ihren Körper, sobald sie von einem Menschen direkt angesehen werden. Dazu erhöhen sie in Sekun-denschnelle ihre Körpertemperatur, „kalligrafieren“ stets eine Zeliglyphe auf dem nächstgelegenen Hinter- oder Untergrund und erstarren zur Skulptur ihrer letzten buchstäblich flüchtigen Bewegung. Nur aufgrund dieser Skulpturen und durch Messungen mit einer Vielzahl von sensorischen Geräten (Refliefsensoren, MRT usw.) ist bekannt, daß die Körper der Flüchtigen verschiedene zoologische Formen aufweisen, die je nach Bedarf des Flüchtigen aus den nächstbesten vorhandenen Materialien metabo- lisiert werden. So kann ein Fuchs beispielsweise Flügel haben oder auch Blätter- ohren, Grasfell, Steinkrallen oder Metallschuppen, denn auch botanische, metallische und steinerne Substanzen können von den Flüchtigen integriert werden.

Neben ihrer überwältigenden metamorphischen Körpergestaltungskraft verfügen die Flüchtigen über ein unerschöpfliches Klangspektrum. Sie können jedes natürliche und künstliche Geräusch, Musik und jede Stimme täuschend echt nachahmen und dadurch ihre Jäger geschickt ablenken. Doch obwohl sie auch gezielte Infra- und Ultraschall- wellen ausstoßen können, setzen sie diese für Menschen möglicherweise tödliche „Waffe“ niemals ein.

Zudem können sie Materie kymatisch, also durch Klang, verändern und formen. Die kryptischen kalligrafischen Zeichen, welche die Flüchtigen vor ihrer Versteinerung hinterlassen, sind offensichtlich eine Geheimschrift oder Botschaft, mit deren Ent- schlüsselung sich sowohl das RiFF als auch diverse inoffizielle Sympathisanten der Flüchtigen beschäftigen. Eine geheime Gruppe blinder Linguisten, die Kontakt mit „zutraulichen“ Flüchtigen pflegt, vermutet, daß die Flüchtigen aus Klang geboren werden und daß jeder Flüchtige über eine persönliche Identitätsmelodie verfügt, mit der er seine Metamorphosen steuert.

Lorca Varèse ist ein ehemaliger Sozialwissenschaftler, der beim RiFF eine Ausbildung zum Jäger absolviert hat, weil er hofft, auf diesem Wege das Phänomen der Flüchtigen besser zu verstehen. Seine kleine Tochter Tishka ist im Alter von vier Jahren spurlos verschwunden, und Lorca ist davon überzeugt, daß sie sich freiwillig einem Flüchtigen angeschlossen hat. Denn vor ihrem Verschwinden hatte sie oft davon erzählt, daß ein „Fluchs“ in ihrem Kinderzimmer wohne, daß sie miteinander spielten und daß nur Kinder den Fluchs sehen könnten, angesichts von Erwachsenen würde er sich unsichtbar machen.

Lorca wird von Admiral Arshavin einer Gruppe von Jägern zugeteilt, die sich mit dem Einverständnis Arshavins für eine andere Strategie im Umgang mit den Flüchtigen ein-setzt. Sie sind mehr daran interessiert, eine Kommunikationsebene mit ihnen zu finden, als sie zu „erspähen“ und zu töten. Dadurch rücken sie in die Nähe zu diversen Wider-standsgruppen und kooperieren mit ihnen.

Trotz der Massenüberwachungsstrukturen gibt es freie Nischen. In den SOZ, den soge-nannten Selbstorganisierten Zonen, erproben und leben Menschen – im kleinen Rahmen sogar durchaus erfolgreich – freie, deutlich analogere, naturnahe, meditative, lebens-freudige und lebensförderliche Formen des Zusammenlebens mit gemeinwohlorien- tiertem Wirtschaften, permakultureller Lebensmittelerzeugung usw.

Wo es digitales Kontrollmanagement gibt, wächst auch digitaler Widerstand. Geniale, findige Hacker tricksen raffiniert die Systeme aus und manipulieren sie für ihre Zwecke, Antibiometrisches Make-Up und mimetische Masken erschweren und verhindern die Gesichtserkennung, alternative Medien stellen offizielle Verlautbarungen und Herr- schaftsansprüche in Frage …

Lorca hofft selbstverständlich, seine Tochter wiederzufinden, und nach harter Überzeu-gungsarbeit und einigen verschlüsselten Lebenszeichen von Tishka schließt sich auch seine Frau Sahar dieser Hoffnung und dem Kampf für statt gegen die Flüchtigen an. Sahar ist eine „Lehrgängerin“, eine Lehrerin, die Kindern der Standardklasse auf öffent-lichen Plätzen kostenlosen Unterricht erteilt. Denn menschliche Lehrer sind in dieser durchkapitalisierten Gesellschaft nur noch für die Klasse der Reichen bezahlbar.

Tishka ist tatsächlich flüchtig geworden. Durch den Kontakt mit dem Fluchs in ihrem Kinderzimmer wurde sie hybridisiert und ist nun ein metamorphisches Wesen. Als Tishka sicher sein kann, daß sie in ihrem verwandelten Zustand bei ihren Eltern will- kommen ist und daß die Eltern sie nicht ansehen werden, nimmt sie direkten Kontakt auf. Lorca und Sahar sind überglücklich, daß ihr Kind lebt, ja, mehr noch, Tishka verfügt über eine wildwüchsige Hyperlebendigkeit, wie sie nur den Flüchtigen zu eigen ist.

In einem einsam gelegenen Ferienhaus verbringt die wiedervereinigte Familie einige innige Tage. Sie lernen sich gewissermaßen neu kennen. Tishka erklärt ihren Eltern, warum sie verschwunden ist und lange keinen Kontakt zu ihnen aufgenommen hat. Ihre menschliche Sprachfähigkeit ist inzwischen sehr elastisch, wortschöpferisch und seman- tisch flexibel sowie kreativ-rekombinierend. Sie wäre die ideale kommunikative Vermittlerin zwischen Flüchtigen und Menschen, da sie beide Lebenssphären kennt und alle flüchtigen Sprachen beherrscht.

Gleichwohl ist die familiäre Idylle nur von kurzer Dauer. Die Familienzusammenführung ist dem Überwachungsstaat nicht verborgen geblieben. Tishka, Lorca und Sahar werden zu Staatsfeinden (Einstufung violett = Terrorist) deklariert und müssen fliehen. Dank Tishkas überragender sinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit und der taktischen Hilfe aus Lorcas solidarischer Jägertruppe gelingt es der Familie, dem Zugriff der Milizen zu ent-kommen und sich auf einer Insel, die von Widerstandsaktivisten besetzt und zurücker-obert wurde, zu verstecken.

Die Strategie der Regierung besteht nun darin, die Existenz der Flüchtigen offiziell medial publik zu machen, diese Wesen als gefährliche Monster zu dämonisieren und Angst vor einer möglichen „Ansteckung“ mit „Flüchtigkeit“ zu schüren. Doch die Zahl der bereits mehr oder weniger mit Flüchtigen verbundenen oder sympathisierenden Menschen wächst …

In diesem Roman wechseln sich ausführliche Reflektionen über gesellschaftliche Ent-wicklungen, digitalisierte Daseinsbedingungen und wissenschaftliche Spekulationen über die Flüchtigen mit rasanten Jagd- und Kampfszenen sowie revolutionären Freuden- festen und berührenden zwischenmenschlichen und sinnlich-lyrischen Szenen ab. Der Autor läßt einen vielstimmigen Chor unterschiedlichster Perspektiven, Meinungen und Vorstellungen zu Wort kommen, wahlweise eingebettet in persönliche Gespräche, öffentliche Debatten, Fragmente aus diversen Medien und persönlichen Erfahrungen, Gedankengängen und Gefühlen der Hauptcharaktere.

Diese facettenreiche, kaleidoskopische Romankomposition zeichnet sich durch eine sehr abwechslungsreiche, schwungvolle Dramaturgie, eindringlichen Detailreichtum und eine bewundernswerte sprachliche Bieg- und Anschmiegsamkeit aus. Die indivi- duelle Stimme der Charaktere wird nicht nur durch den persönlichen Sprachmodus und Wortschatz, sondern zusätzlich durch die ihnen regelmäßig zugeordneten typogra- phisch-sichtbaren Sonderzeichen zum Ausdruck gebracht. Nach etwas Einlesege- wöhnung erkennt man daran, wer gerade spricht, ja, man erhört es gleichsam, als wären die Sonderzeichen Noten.

Die wechselhafte Gestalt und Beweglichkeit der Flüchtigen drückt sich im Falle Tishkas zudem durch einen sehr flexiblen Sprachgebrauch aus, der mit seinen Wortverdrehung- en, Buchstabenverrückungen und assoziativen Neukombinationen über einen eigen- willigen Charme verfügt. An dieser Stelle auch mein Chapeau für die Übersetzungs- leistung von Milena Adam, die neben der enormen Komplexität des Textes auch diese ineinanderfließenden, wortspielerischen Spezialitäten virtuos ins Deutsche übertragen hat.

Der Roman „Die Flüchtigen“ bietet keinen schnellen, leichten Leseimbiß, sondern ein anspruchsvolles, literarisches Zehn-Gänge-Menü, für dessen bekömmlichen Genuß man Muße braucht und dessen gehaltvoller leseköstlicher Nachgeschmack alles andere als flüchtig ist.

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-fluechtigen.html?lid=8
Hier entlang zu interessanten Betrachtungen der Übersetzerin Milena Adam: https://www.toledo-programm.de/journale/2948/bastelarbeit

Hier entlang zur Buchbesprechung von Hauke Harder, die mich zu diesem Roman geführt hat: https://leseschatz.com/2022/01/03/alain-damasio-die-fluchtigen/

Der Autor:

»Alain Damasio, 1969 in Lyon geboren, ist Romancier, Musiker, Klangartist, Entwickler von Videospielen und noch vieles andere mehr. In seinen Romanen, von der Kritik ge-feiert, vom Publikum verschlungen, erforscht Damasio die unerschöpflichen Möglichkeiten polyphoner Narrative in einer geradezu physiologischen Bearbeitung der Sprache, die zum Motor der Emanzipation im weitesten Sinne wird. Sein Roman „Die Flüchtigen“ wurde 2019 mit dem Preis Meilleur Livre der Zeitschrift Lire ausgezeichnet. 2020 erhielt Damasio für seinen Roman den Grand Prix de l’Imaginaire

Die Übersetzerin:

»Milena Adam wurde 1991 in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Französischen und Englischen. Zuletzt erschienen in ihrer Über-tragung Sandra Newmans Romane „Ice Cream Star“ (2018) und „Himmel“ (2020) im Verlag Matthes & Seitz Berlin.«

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Die Geschichte des Buches in 100 Büchern

  • 5000 Jahre Wissbegier der Menschheit
  • von Roderick Cave & Sara Ayad
  • Originaltitel: »A History of the Book in 100 Books«
  • aus dem Englischen von Anke Albrecht
  • Gerstenberg Verlag, Juni 2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21 x 26 cm
  • 288 Seiten
  • 34,00 € (D),  35,00 € (A), 41,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-2104-6

B Ü C H E R R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von der mesopotamischen Tontafel, die in Keilschrift das Gilgamesch-Epos erzählt, bis zum fast körperlosen elektronischen Buch der Gegenwart war es ein langer und in Hinsicht auf die Gestalt des medialen Datenträgers abwechslungsreicher Weg.

„Die Geschichte des Buches in 100 Büchern“ stellt in elf chronologisch und geographisch geordneten Kapiteln Bücher aus fast aller Welt und unterschiedlicher Genres vor. Diese Bücher werden inhaltlich, stilistisch, buchbinderisch, schreib- und drucktechnisch, typo-graphisch und bezüglich der verwendeten Materialien ausführlich beschrieben sowie in den jeweiligen historischen Kontext eingeordnet und auf zahlreichen, oft ganzseitigen Fotos gezeigt.

Dieses Bücherbuch ist wissensvoll, dabei unterhaltsam und spannend. Den Autoren gelingt es, uns zeitlich und kulturell fremde Perspektiven sehr anschaulich zu vermitteln.

Wer hat sich nicht schon gelegentlich gefragt, warum chinesische Schriftzeichen von oben nach unten in schmalen Reihen geschrieben werden? Hat man erst einmal die Guodian-Bambustexte gesehen, die um 300 v.Chr. auf schmale Bambusleisten geschrie-ben wurden, begreift man unwillkürlich, wie bestimmte Schreib- und Lesegewohnheiten entstanden sind.

Die Wechselwirkung zwischen dem vorhandenen ursprünglichen Beschriftungsmaterial und der Gestaltung der Textbotschaft ist offensichtlich. Obwohl in China später auch Papier und Seide als Textträger verwendet wurden, blieb die Spaltenform der Texte bis heute erhalten.

Ich kann hier nur streiflichternde Einblicke gewähren:

Da geht die Lesereise vom kostbaren Manuskript mit feinsten Buchillustrationen im Book of Kells aus dem 8. Jahrhundert und dem ältesten gedruckten Buch, einer Schrift- rolle mit dem buddhistischen Diamant-Sutra, das 868 in China gedruckt wurde, bis zum preisgünstigen Fortsetzungsroman, der im 19. Jahrhundert von Charles Dickens und seinem Verleger erfunden wurde, vom islamischen Standardwerk der Astronomie, dem handgeschriebenen und –gezeichneten „Buch der Fixsterne“ von Al-Sufi aus dem 10. Jahrhundert bis zum Meisterwerk der Bibelforschung aus dem frühen 16. Jahrhundert, der sechsbändigen, polyglotten Complutense-Bibel, welche die Bibeltexte spaltenweise in Aramäisch, Hebräisch, Griechisch und Latein wiedergibt und deren Herstellung und Druck insgesamt fünfzehn Jahre in Anspruch nahmen, von Newtons Principia, das die moderne Wissenschaft beflügelte, bis zur Nano-Thora, für die der gesamte Text in 0,0002 mm „großen“ Buchstaben per Ionenstrahl auf einen goldbeschichteten, nur einen halben Quadratmillimeter kleinen Silizium-Chip eingraviert wurde.

Ein ausführliches Glossar erhellt die verwendeten Fachbegriffe zu den angesprochenen Themen Buch- und Papierherstellung, Druckverfahren, Papierformaten, Schriftarten und Typographie. Interne Querverweise helfen bei der thematischen Verknüpfung.

Während der Lektüre dieses Raum und Zeit durchstreifenden Bücherbuchs wächst die Bewunderung und Dankbarkeit für die Schriftkultur, für die Bewahrung des kulturellen und wissenschaftlichen Gedächtnisses und für die Vielfalt und den Einfallsreichtum der Schreiber und Büchermacher, die auf Bambus, Palmblättern, Papyrus, Pergament und Rindenpapier bis in die Gegenwart zu uns sprechen.

„Liber insularium archipelagi“ MANUSKIRPT-Seite aus dem Reisebericht/Reiseführer von Cristoforo Buondelmonti aus dem Jahre 1420 © Gerstenberg Verlag 2015

So begegnen uns im Verlaufe der Geschichte des Buches viele zeitlos aufgeschlossene, tolerante Wissenshüter, aber auch religiös-fanatisierte, wahlweise christlich oder islamisch motivierte Wissensverhüter und Bücherverbrenner. Angesichts der zer- störten antiken Bibliothek von Alexandria und der Zerstörung des Bait al-Hikma (Haus der Weisheit), das im 9. Jahrhundert vom Kalifen Harun al-Raschid als Bibliothek, Forschungszentrum und Observatorium in Bagdad gegründet wurde, fragt man sich unwillkürlich, ob wieviel wir noch von dem wissen, was wir schon einmal wußten.

Doch manchmal findet man Verlorenes wieder, und zwar als Palimpsest auf alten Pergamenten. Pergament ist verhältnismäßig dick, und da es ein sehr kostbarer Beschreibstoff ist, hat man früher häufig alten Text abgeschabt, abgekratzt (vom griech. palimpsēstos) oder abgewaschen und anschließend neu beschrieben. Doch es bleiben Spuren der vorherigen Schrift erhalten, die buchstäblich durchschimmern.

Palimpseste faszinieren und bewahren so manchen vielleicht noch unentdeckten Manu-skriptschatz. So wurden etwa sieben Traktate des Archimedes als Palimpsest unter den im 13. Jahrhundert neu beschrifteten Seiten eines Byzantinischen Gebetbuches entdeckt und durch moderne Bildgebungsverfahren wieder ans Leselicht geholt.

„Die Geschichte des Buches in 100 Büchern“ empfiehlt sich allen Bibliophilen und Wißbegierigen. Es blättert ungeahnte Bücherhorizonte auf, bereitet informatives und hochinteressantes Lesevergnügen und lehrt uns immer wieder das Staunen.

Wußten Sie beispielweise, daß man im antiken Griechischen und Etruskischen die Schreibweise Bustrophedon pflegte? Bustrophedon leitet sich ab von „wenden wie pflügende Ochsen“ und bedeutet, daß ein Text zeilenweise die Schreibrichtung wechselt, also ein von links nach rechts verlaufender Text in der nächsten Zeile von rechts nach links fortgesetzt wird.

Vertraut mit der vergleichsweise simplen Schreibrichtung von links nach rechts ist gerade noch die semitische Schreibweise von rechts nach links vorstellbar, aber die Vorstellung des bustrophedonischen Schreibstils ist wohl eine herausfordernde Denkgymnastik.

Doch genau dafür waren und sind Bücher doch gut, nicht nur um Blätter zu wenden, sondern auch um das Denken zu wenden, zu bewegen und damit zu belüften.

 

PS:
Leider ist dieses schöne Buch inzwischen vergriffen. Sie müssen sich auf antiquarischem Wege darum bemühen.

 

Die Autoren:

»Roderick Cave ist Bibliothekar und Spezialist für historische Bücher. Er berät Bibliotheken, Museen und Universitäten in den USA, Australien und Ostasien sowie die British Library in England.«

»Sara Ayad beschäftigte sich ihr ganzes Leben lang mit Büchern; als Bibliotheksassistentin, Buchhändlerin, Lektorin und zuletzt als Forscherin für Abbildungen. Seit 2001 ist Ayad eine gefragte Bildrechercheurin für renommierte britische Kunstinstitute«

 

Querverweis:

Das Kinderbuch „Lee Raven“ von Zizou Corder inszeniert auf faszinierende Weise die Freundschaft eines analphabetischen Straßenkindes mit einem charakterstarken, geheimnisvoll-mythischen Verwandlungsbuch und reflektiert damit anschaulich und kindgerecht die Entwicklungsgeschichte und den Wertgehalt des Buches.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/lee-raven/

Für erwachsene Leser, die das Thema PAPIER gerne vertiefen möchten, bietet sich Erik Orsennas Sachbuch „Auf der Spur des Papiers“ an. Es ist das imponierend-abenteuerliche Sachbuch eines Autors, dem man die Liebe zu seinem Stoff anmerkt und der bei seinen Recherchen wahrlich keine Mühen gescheut hat, um einen weltumspannenden Bogen lebendigen Papierwissens für uns Leser zu erreisen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/17/auf-der-spur-des-papiers/

 

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