Mach die Biege, Fliege!

  • Text und Illustrationen von Kai Pannen
  • Tulipan Verlag Februar 2017  www.tulipan-verlag.de
  • 104 Seiten
  • Format: 24,5 x 17 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • 15,00 € (D), 15,50 € (A)
  • ISBN 978-3-86429-339-9
  • ab 4 Jahren zum Vorlesen
  • ab 8 Jahren zum Selberlesen


HERAUSSPAZIERT!

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Stubenfliege Bisy und Hausspinne Karl-Heinz leben seit dem letzten Weihnachtsfest in einträchtiger Wohngemeinschaft zusammen. Wie es zu dieser außergewöhnlichen Freundschaft kam, erfährt man aus dem ersten Band „Du spinnst wohl“ (siehe meine Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/ ).

Es genügt zu wissen, daß Karl-Heinz Bisy zuliebe Vegetarier geworden ist und daß die Temperamente der beiden Freunde sehr unterschiedlich sind. Bisy ist quirlig, gesellig, vorwitzig, unternehmungslustig, hat ein flottes Mundwerk und kennt sich mit der Welt außerhalb des Hauses aus. Karl-Heinz ist einzelgängerisch, schüchtern, schwerfällig, vorsichtig, hat gerne seine ungestörte Ruhe und scheut Veränderungen.

Bisy wird nach den langen Wintermonaten frühjahrsmunter und sehnt sich nach mehr Aufregung und Spannung, aber Karl-Heinz hockt lieber gemütlich auf seinem Sofa und will sich von Bisy nicht zu neuen Abenteuern animieren lassen. Beide schmollen und fragen sich, ob sie auf Dauer noch zusammenpassen.

Der gnadenlos-gründliche Frühjahrsputz der Menschen zwingt die beiden zur Flucht nach draußen. Karl-Heinz reagiert zögerlich auf die Attacken von Staubwedel, Putzbürsten und Wischlappen und liest erst noch einmal in seinem „Haushaltsratgeber für Krabbeltiere“ nach, was es mit dem sogenannten Frühjahrsputz auf sich hat, und gibt sich der Illusion hin, noch ein sichereres Plätzchen im Hause zu finden.

Bisy drängt Karl-Heinz zur Eile und schwärmt ihm von der großen, weiten Welt des Gartens vor, von Freiheit, Frischluft und Pflanzenfülle. Erst als das Dröhnen des Staubsaugers immer näher kommt, rafft sich Karl-Heinz widerwillig auf und folgt Bisy zum Fenster und von dort aus in den Garten.

Auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen für ein neues Wohnnetz krabbelt der naturbanausige Karl-Heinz zum ersten Mal in seinem Leben durch Wiesengras, hört es überall rascheln und flüstern und wird von Bisy über die Lebensgefahr durch Vögel aufgeklärt. Das Wetter ist feuchtkalt und windig, und Karl-Heinzens Laune ist nicht sehr wetterfest.

Sie begegnen einer revierverteidigenden Wespenkönigin, hilfsbereiten Kellerasseln, einer Truppe preußischer Ameisensoldaten und einem Regenwurm, der das feuchte Wetter als ganz vorzüglich lobt und vor einer Aufheiterung des Wetters warnt.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Schließlich finden sie eine Buchenhecke, in deren Geäst Karl-Heinz ein unkonventionelles Netz knüpft. Die Regenwolken verziehen sich, und die Sonne scheint auf das neue Heim der ungleichen Freunde. Kaum haben sie sich „häuslich“ eingerichtet, da kreuzt eine griesgrämige Blattwanze auf und verlangt eine Baugenehmigung.

 

Bisy macht sich über das beamtische Gehabe lustig, und Karl-Heinz überlegt, ob er sich eine Ausnahme im vegetarischen Speiseplan erlauben könne – natürlich nur bei nervigen Mitinsekten, zumal Blattwanze doch ziemlich nach Gemüse klinge.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Während Bisy einen größeren Erkundungsausflug unternimmt und beinahe von einer Libelle gefangen wird, macht Karl-Heinz in der obersten Etage der Buchenhecke Bekanntschaft mit Constanze, einer molligen, kapriziösen Schmetterlingsraupendiva, die ihn „dicker Herr Spinnerich“ nennt.

Außerdem entdeckt Karl-Heinz in der näheren Umgebung den Bonbonmarkt der  Blattläuse. Sie fabrizieren aus süßen Pflanzensäften  Ahorndrops, Birkenlutscher, Efeuschlotzer, Fliederbonschen, Holunderpastillen, Kirschstangen, Ligusterheckenkamellen, Rosengutsle … So langsam findet Karl-Heinz das Leben in der Wildnis ganz attraktiv.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Er strickt für Bisy einen Wespenanzug, damit er keine Angst mehr vor Libellenangriffen haben muß, und  Bisy bastelt für Karl-Heinz ein Skateboard für seine körperliche Ertüchtigung.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Bisy organisiert heimlich eine Geburtstagsfeier für Karl-Heinz, es gibt heftigen Streit, ja, sogar Freundschaftsverrat wegen Constanze. Bisy zieht aus dem Netz aus und sucht vergeblich eine anderweitige Bleibe. Nach einigem Hin und Her und lehrreichen zwischeninsektischen Erfahrungen finden die beiden jedoch wieder zueinander.

Illustration © Kai Pannen Tulipan Verlag 2017

Und das mit der Baugenehmigung klappt dann übrigens auch noch!

Sowohl zeichnerisch als auch sprachlich wartet „Mach die Biege, Fliege!“ mit einfühlsamen, farbenfröhlichen, phantasievollen und witzigen Details auf. Die 23 Einzelkapitel sind zwischen drei bis fünf Seiten lang und großzügig illustriert. Der Lesespaß dürfte somit für Vorlesenehmer, Vorlesegeber und Selbstleser garantiert sein.

Die Beziehungsdynamik zwischen den beiden schrägen Insektentypen speist sich aus ihren sehr unterschiedlichen Charakteren, ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit und den Reaktionen der Mitwelt auf ihre ungewöhnliche Verbindung. Vordergründig ist dies amüsant, skurril und oft situationskomisch. Zwischen den Zeilen enthält diese Geschichte indes gänzlich unaufdringlich eine Riesenportion beispielhafter Toleranzübung, kommunikativer Kompetenz und Herzensbildung.

 

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Kinderroman/Mach-die-Biege-Fliege.html?listtype=search&searchparam=biege
Und als Hörbuch gibt es den versponnenen Spaß (2 CDs zu 14,95 €)  auch noch:
http://www.headroom.info/neu-2-cds-mach-die-biege-fliege.html

 

Der Autor und Illustrator:

»Kai Pannen wurde am Niederrhein geboren. Er studierte Malerei und Film in Köln und arbeitet seitdem als Illustrator und Trickfilmer. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher für verschiedene Verlage illustriert. An der Animation School Hamburg war er Dozent für Animation und Storyboard. Daneben betätigt er sich als Produzent für animierte Kinder-Kurzfilme. Kai Pannen lebt mit seiner Familie in Hamburg.«
Mehr auf www.kaipannen.de.

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Band mit Bisy und Karl-Heinz: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/11/27/du-spinnst-wohl/

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Du spinnst wohl!

  • Eine außergewöhnliche Adventsgeschichte in 24 Kapiteln
  • Text und Illustrationen von Kai Pannen
  • Tulipan Verlag 2015      http://www.tulipan-verlag.de
  • 104 Seiten
  • Format: 24,5 x 17 cm
  • gebunden, Fadenheftung
  • mit zahlreichen farbigen Illustrationen
  • 14,95 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3.86429-231-6
  • ab 4 Jahren
    du-spinnst-wohl-titelbild

WENN DER WEIHNACHTSBRATEN DIE  FLIEGE MACHT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Du spinnst wohl!“ ist eine außergewöhnliche, köstliche Geschichten- zubereitung. Ebenso skurril wie besinnlich verkörpern hier eine Stubenfliege und eine Hausspinne den friedenstiftenden Geist der Weihnacht. In 24 Kapiteln werden aus Fremden Freunde, und  aus Feindschaft wird Nächstenliebe.

Stubenfliege Bisy geht ausgerechnet am 1. Dezember der Hausspinne Karl-Heinz ins Netz. Bisy zappelt herum, Karl-Heinz wird aus seinem Mittagsschläfchen gerissen, erhebt sich von seinem Sofa, „schlüpft in vier seiner sechs Pantoffeln“, begutachtet seine Beute und wickelt die Fliege mit Spinnfäden ein. Bisy schimpft empört herum, er habe Termine und könne sich nun gar nicht hier einwickeln lassen und einfach abhängen. Ungerührt verkündet Karl-Heinz, daß Bisy nun nur noch einen einzigen Termin zu erwarten habe, nämlich den, als Weihnachtsbraten für Karl-Heinz zu enden.

Am 2. Dezember quengelt Bisy so lange herum, bis Karl-Heinz für ihn seine Termine schriftlich – nach Diktat von Bisy – absagt.

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15

Am 3. Dezember leidet Bisy unter Juckreiz und behauptet, sterben zu müssen, wenn Karl-Heinz ihm nicht unverzüglich die Nase kratze. Entnervt seilt sich Karl-Heinz zu seinem zukünftigen Braten ab und kratzt ihn ganz vorsichtig. Dabei entspinnt sich ein Gespräch über die ungesellige Lebensweise der Spinnen. Bisy bedauert Karl-Heinz, der niemanden hat, der ihm den Rücken kratzt. Karl-Heinz erklärt ganz sachlich, daß Spinnen nun mal dazu neigen, alles zu fressen, was sich in ihre Nähe wage, einschließlich anderer Spinnen, und daher lebten Spinnen eben besser alleine.

 

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15


Am 4. Dezember  knurrt Bisys Magen so laut, daß Karl-Heinzens Ruh‘ dahin ist. Er verhungere, klagt Bisy, und Karl-Heinz ist besorgt, er will schließlich keinen verhungerten Braten essen. Also bietet er an, was seine Vorratskammer hergibt. Diverse Insektenspezialitäten werden von Bisy empört abgelehnt, aber gegen ein Honigbrot hat er nichts einzuwenden.

 

Langsam findet Karl-Heinz Gefallen daran, Bisy zu füttern, gerät in großzügige Gastgeberlaune und serviert Erdbeeren mit Sahne, Marzipantorte und Pfannkuchen. Nach dem gemeinsamen Schmaus betont Karl-Heinz jedoch, daß er Bisy nur deshalb mit seinen Leckereien gefüttert habe, damit er am Weihnachtsabend besser schmecke.

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von  Adventskalendertag zu Adventskalendertag kommen sich Bisy und Karl-Heinz immer näher, sie diskutieren, streiten und vertragen sich wieder. Als Bisy erkrankt, entführt Karl-Heinz den Doktor (einen Skarabäus), der eine Erkältung diagnostiziert und einen Heilsaft verordnet.

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2015

Sie unternehmen kleine Ausflüge durchs Haus (Bisy bleibt dabei angeleint). Die beiden backen zusammen Weihnachtsplätzchen, tauschen Kochrezepte aus, das Netz wird weihnachtlich geschmückt, sie spielen Ich-seh-was-was-du-nicht-siehst, und sie erzählen sich gegenseitig Geschichten, Witze und Lebenserinnerungen.

 

 

Und am 24. Dezember gibt eine wirklich schöne – vegetarische – Bescherung …

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Illustration von Kai Pannen © Tulipan Verlag 2o15

Die Idee, eine Fliege und eine Spinne miteinander zu verknüpfen ist herrlich schräg, und die farbenfrohen, lustigen Illustrationen mit ihren verspielten Details bieten eine ausdrucksvoll-dynamische Darstellung der ungleichen Charaktere und ihrer Entwicklung.

Bisy ist weltgewandt, gesellig, sehr unternehmungslustig und verfügt über kommunikativ-suggestive Geschicklichkeit. Karl-Heinz ist mißtrauisch, einzelgängerisch, häuslich, und er will unhinterfragt seinen Gewohnheiten folgen.

Während Bisy mit seinem unerschütterlichen Optimismus darauf hofft, Karl-Heinz durch neue Erfahrungen zu einer Veränderung seiner „spinnenden“ Lebenseinstellung zu bewegen und natürlich auch sein eigenes Leben zu retten, ist Karl-Heinz anfangs noch so stur seiner Spinnentradition verbunden, daß er zunächst  seine Sympathie für den zukünftigen Weihnachtsbraten nicht so recht wahrhaben will.

Bisy denkt nicht daran, sich seinem vermeintlich unabwendbaren Schicksal zu fügen. Im Gegenteil: Er besteht darauf, daß man sich selbst und seine Situation immer verändern kann. Mit seiner kommunikativen Kompetenz, seinem Ideenreichtum, seinem Humor und seinem Mitgefühl, das sogar den Freßfeind mit einbezieht, umgarnt er Karl-Heinz und bewegt ihn zu einem Sinneswandel.

Der feine Humor des Autors zeigt sich in vielen kleinen Details; so lehnt z.B. der Skarabäus-Doktor nach der Behandlung von Bisy eine Einladung zum Tee ab, da er noch einen Termin bei „einem Tausendfüßler mit Fußpilz“ habe. Oder Bisy erzählt eine Geschichte von einem schmächtigen, tapferen Spinnenmädchen und verkleidet sie mit einem Spiderman-Kostüm.

Diese schräg-charmante und zwischen den Zeilen der witzigen Dialoge durchaus tiefsinnige Adventsgeschichte läßt kleine und große Leser die Welt mit anderen Augen sehen. Das lob‘ ich mir!

 

 

Hier geht es zum Buch auf der Verlags-Webseite, dort gibt es auch einen kurzen Einblick ins Buch: http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Du-spinnst-wohl.html?listtype=search&searchparam=Du%20spinnst

Und als Hörbuch gibt es den versponnenen Spaß (2 CDs zu 14,95 €) auch noch:
http://www.headroom.info/du-spinnst-wohl-237.html

Und hier gibt es außerdem noch einen digitalen Adventskalender zum Buch/Hörbuch,Türchen für Türchen mit Hörproben und Überraschungen …
http://www.duspinnstwohl.de

 

Der Autor und Illustrator:

»Kai Pannen wurde am Niederrhein geboren. Er studierte Malerei und Film in Köln und arbeitet seitdem als Illustrator und Trickfilmer. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Bücher für verschiedene Verlage illustriert. An der Animation School Hamburg war er Dozent für Animation und Storyboard. Daneben betätigt er sich als Produzent für animierte Kinder-Kurzfilme. Kai Pannen lebt mit seiner Familie in Hamburg.«
Mehr auf www.kaipannen.de.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lola auf der Erbse

  • von Annette Mierswa
  • Mit Bildern von Stefanie Harjes
  • TULIPAN Verlag 2008                 http://www.tulipan-verlag.de
  • gebunden
  •  195 Seiten
  •  9,95 €
  • 978-3-939944-10-2
  • ab 8 Jahren
    Lola

H E R Z E N S Q U A L I T Ä T E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Lola auf der Erbse“ ist keine Prinzessin auf der Erbse, sondern ein achtjähriges Mädchen, das mit seiner Mutter auf einem Hausboot lebt. Die Mutter hat eine kleine Wäscherei in der Stadt. Sie steckt sich gerne Blüten ins Haar und schmückt auch das Hausboot mit vielen, bunten Blumentöpfen.

Lola ist klein für ihr Alter und wird oft für viel jünger gehalten, als sie ist. Die kleine Lola will nicht mehr wachsen, seitdem ihr Vater vor drei Jahren die Familie verlassen hat. Sie weigert sich auch, ihren Hals zu waschen, weil sie den letzten Kuß ihres Vaters dort gleichsam aufbewahrt. Außerdem trägt sie stets Schuhe mit einem weißen und einem schwarzen Schnürsenkel, um sich daran zu erinnern, „dass ihr Vater zuletzt gesagt hatte, alles habe zwei Seiten und sie solle immer darauf achten, beide zu sehen. Denn es gebe keinen Schatten ohne Licht, keinen schönen Tag ohne einen trüben und keine Mama ohne einen Papa.“ (Seite 7)

In der Schule ist Lola eine Außenseiterin, aber das nimmt sie weitgehend unbekümmert hin. Ihr bester Freund ist ein Nachbar, der alte Fischer Solmsen, der sich rührend und großväterlich um Lola kümmert und ihr märchenhafte Geschichten erzählt, die in blühende Phantasie und Poesie verpackte Lebensweisheiten sind.

Kurz vor Lolas neuntem Geburtstag kommt es zu einer familiären Krise, weil Lolas Mutter sich neu verliebt hat. Lola ist wild entschlossen ist, den neuen Mann nicht zu mögen.

Nach trotzigen Reaktionen, dramatischen Auftritten, Tränen und sanft aufklärenden Gesprächen zwischen Mutter und Tochter und auch zwischen dem weisen alten Solmsen und Lola verarbeitet Lola die schmerzliche Wahrheit, daß ihr Vater sich nicht  „in Luft aufgelöst hat“, sondern mit einer anderen Frau nach Kuba ausgewandert ist. Sie empfindet zum ersten Mal nicht nur Sehnsucht nach ihrem Vater, sondern auch Wut.

Sie vollzieht kleine Lösungsschritte, z.B. wäscht sie sich spontan den Hals und am nächsten Tag bemerkt sie, daß sie mindestens zwei Zentimeter gewachsen ist. Das ist ein Grund zur Freude, und ganz, ganz langsam kann sich Lola mit dem Gedanken anfreunden, in Zukunft zwei Väter zu haben; denn wie sagt ihre Mutter so treffend:  „Im Herzen ist mehr Platz, als du dir vorstellen kannst.“ (Seite 122)

Die kindliche Anhänglichkeit und Solidarität mit dem Vater, die unterschwellige Hoffnung, der Vater möge vielleicht doch irgendwie zurückkehren, das Festhalten an alten Erinnerungs-schätzen und die dennoch langsam aufkeimende Sympathie zu dem neuen Partner der Mutter werden sehr feinfühlig und in all ihrer aufwühlenden Widersprüchlichkeit erzählt.

„Lola auf der Erbse“  ist ein wunderbar warmherziger Kinderroman, in dem die Kinder Kinder sind und in dem die Erwachsenen  –  auf erfreulich unneurotische Weise  –  erwachsen sind und eine zwischenmenschliche Orientierung bieten, an der ein Kind wahrlich wachsen kann.

Der Zeichenstil der Buchillustrationen von Stefanie Harjes ist in seiner Kombination aus kindlichem und künstlerischem Ausdruck eine harmonische Widerspiegelung und phantasievoll verspielte Ergänzung der Geschichte.

 

Die Autorin:

»Annette Mierswa, geboren 1969 in Mannheim, tätig für Film, Theater und Zeitung, arbeitet heute als freie Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Hamburg. Ihre Romane „Lola auf der Erbse“ (2008) und „Samsons Reise“ (2011) wurden mit diversen Preisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. „Lola auf der Erbse“ ist 2013 u. a. mit Christiane Paul verfilmt worden (Prädikat: Besonders wertvoll) und auch als Hörbuch erhältlich. «

Mehr auf www.annettemierswa.de

 

Die Illustratorin:

»Stefanie Harjes, geboren 1967 in Bremen, studierte Illustration und Malerei an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und Prag. Sie arbeitet als freischaffende Illustratorin in Hamburg vor allem für Buch- und Zeitschriftenverlage und hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise für Ihre Arbeiten erhalten, u. a. den Österreichischen Jugendbuchpreis sowie die Auszeichnung für zwei der Schönsten Bücher Deutschlands. Stefanie Harjes wurde 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.«

 

Opa Meume und ich

  • von Maggie Schneider
  • mit Bildern von Jacky Gleich
  • Tulipan Verlag  2008                                http://www.tulipan-verlag.de
  •  66 Seiten,  12,90  €
  • 978-3-939944-16-4
  • zum Vorlesen ab 5 Jahren
  • zum Selberlesen ab 8/9 Jahren
  • Juli 2011 als Taschenbuch bei dtv
  • 978-3-423-71464-8, 6,95 €

Layout 1

DAS  UNSICHTBARE  INNENDRIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Rührend und sehr herzlich, ja  – seelenvoll!

Emma ist ein Schlüsselkind und geht zweimal pro Woche zu Opa und Oma Meume in den dritten Stock.  Opa und Oma Meume sind nicht die Großeltern von Emma, sondern Nachbarn. Bei diesem liebevollen, seit vierundsechzig Jahren verheirateten Paar bekommt Emma altmodische Gerichte wie Königsberger Klopse  oder Himmel und Erde zum Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Opa Meume liest sehr gekonnt vor, und Oma Meume geht bei jedem Wetter mit Emma in den Park. Jeden Sonntag tanzen Oma und Opa Meume einen Walzer miteinander, und manchmal schaut Emma diesem schönen Beziehungsritual zu.

Doch dann stirbt Oma Meume und Opa Meume zieht sich ganz in seine Trauer zurück. Die neunjährige Emma läßt sich jedoch nicht so leicht abwimmeln und findet immer wieder einen Vorwand, um den einsamen Witwer aus der Reserve zu locken: mal hat sie sich ausgesperrt und muß dringend aufs Klo, mal braucht sie ein Heftpflaster und die Mathehausaufgaben werden auch nicht leichter, und zu Weihnachten wünscht sich Emma, daß Opa Meume  mit ihr und ihren Eltern feiert. Nach dem Weihnachtsbesuch organisieren Emmas Eltern einen Pflegedienst und Essen auf Rädern für Opa Meume.

Die Kombination aus äußerer Pflege durch die Altenpflegerin und innerer Pflege durch Emmas Zugewandtheit führt zu einer deutlichen Verbesserung. Sie schauen sich alte Fotos an und Opa Meume teilt die dazugehörigen Erinnerungen mit Emma, und schließlich reden die beiden auch offen über den Verlust vom Oma Meume und über ihre Gefühle, Gedanken und Fragen zum Thema Tod und Einsamkeit.

 „Ich glaube, wenn ein Mensch stirbt, bleibt das übrig, was man nicht sehen kann, das Innendrin.“

Für die Sommerferien organisiert Emma sogar eine Opa-Kind-Betreuungsvertretung. Als sie aus dem Urlaub zurückkommt, liegt Opa Meume im Krankenhaus, und Emma kann ihn noch zweimal besuchen, bevor auch  er stirbt.

Meine Eltern wollten mich zu Opa Meumes Beerdigung mitnehmen, aber dieses Mal wollte ich nicht. Die letzte Ehre erwies ich Opa Meume im Park. Ich stellte mir sein unsichtbares Innendrin auf der Parkbank vor, und dann hielt ich eine kleine Rede: „Lieber Opa Meume, es ist komisch, ich habe manchmal das Gefühl, dass du da bist und dann wieder nicht. Ich weiß nicht genau, wie man jemandem die letzte Ehre erweist…“ , an dieser Stelle verbeugte ich mich vor der Bank, „aber ich denke, irgendwie so ähnlich. Ich hoffe du kannst mich hören. Und ich hoffe, du bist jetzt wieder bei Oma Meume, und es war nicht alles nur ausgedacht, was du mir erzählt hast. Vielen Dank für alles.“ Und dann verbeugte ich mich noch einmal.“

Auch ich verbeuge mich hiermit vor Maggie Schneiders außergewöhnlich feinfühligem Kinderbuch, das keine Berührungsängste mit seinem Thema hat. Es macht aus der Begegnung mit unserer Sterblichkeit eine Anleitung zum Mitgefühl. In der Geschichte lebt Emma ihren eigenen Eltern soviel mehr an Liebe und Fürsorge für den alten Nachbarn vor, daß sie nur mühsam hinterherhinken können. Die Empathiebegabung Emmas zeigt sich in vielen kleinen Gesten, z.B. schafft sie gefühlsneutrale Weihnachtsdekoration für Opa Meume herbei, nachdem sie erkennt, daß der vertraute Weihnachtsschmuck ihn traurig macht.

Gerade weil den schmerzlichen Empfindungen Raum und Ausdruck gegeben wird, entsteht auch wieder Raum für Schmunzelsituationen, die nicht nur Opa Meume erheitern, sondern auch uns Leser.

Die schrägen Illustrationen von Jacky Gleich begleiten und bereichern den Text ausgezeichnet. Mein Lieblingsbild ist der doppelte Walzertanz von Oma und Opa Meume, der den Zeitsprung vom jungen zum alten Ehepaar lebhaft in Szene setzt.

Kurz: Ich bin des Lobes voll!

 

Die Autorin:

»Maggie Schneider ist der Künstlername von Verlegerin Mascha Schwarz. Sie wurde 1965 geboren, studierte Fotografie an der Fotoakademie in München und arbeitete danach als freie Fotografin, Regisseurin und Autorin für Film- und Fernsehproduktionen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in München. »Opa Meume und ich« ist ihr erster Roman.«

Die Illustratorin:

»Jacky Gleich wuchs in der DDR auf und studierte Animation an der Filmhochschule in Babelsberg und in Dresden. Seit 1995 illustrierte sie rund 50 Bücher und erhielt dafür viele Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Gustav Heinemann Friedenspreis und das Ehrendiplom Schönste Bücher der Welt. Sie lebt mit ihrer großen Familie in Mecklenburg.«

 

Dieses Buch ist 2016  in einer Neuauflage erschienen, illustriert von Eleanor Sommer.

Die Illustratorin:

»Eleanor Sommer, geboren 1974 in Hamburg, studierte Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie ist Mitglied der Illustratorengruppe »Die Krickelkrakels« und arbeitet als freie Illustratorin für Verlage und Zeitschriften in Sichtweite des Hamburger Hafens, wo sie auch mit ihrer Familie lebt.«  Mehr auf www.eleanorsommer.de

Tulipan Verlag  
Format 19 x 13 cm
gebunden
10,00 €
ISBN 978-3-86429281-1
OpaMeume und ich_NEU_72

Hier geht es zum Titel auf der Verlagswebseite:
http://www.tulipan-verlag.de/Buecher/Opa-Meume-und-ich.html?listtype=search&searchparam=opa%20meume