Abschweifung Nr. 3

BUCHGESICHTER

von Ulrike Sokul ©

Einer meiner Lieblingsautoren ist Walter Moers. Wer das noch nicht weiß oder – fast undenkbar – keinen Leseschimmer von Walter Moers‘ Büchern hat, kann sich unter den nachfolgenden Links einen lebhaften Eindruck meiner Walter-Moers alias Hildegunst-von-Mythenmetz-Begeisterung verschaffen:

Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/12/25/die-13½-leben-des-kaptn-blaubar/
ENSEL UND KRETE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/02/05/ensel-und-krete/
RUMO  https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/05/28/rumo

Walter Moers ist Schriftsteller und Comiczeichner und läßt sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr fotografieren, gibt Interviews per E-Post und schickt den Zeitungs- redaktionen zur Illustration ein lustiges Comic-Selbstportrait. Auch auf der Buchmesse zeigt er sich nicht,  und ein Verlagsmitarbeiter verteilt Moers-Autogramme mit einem Stempel in die Bücher der hoffnungsvollen Lesegetreuen.

Gerne stelle ich mir vor, daß Walter Moers unerkannt über die Buchmesse schlendert, die eitel-oberflächliche Autorenwerbetrommel-Plakatierung und den blickundichten Laufsteg der Buchvermarktung beäugt und sich in seiner Unsichtbarkeit und unbehelligten Privatsphäre sonnt.

Nun, als Bestsellerautor kann er sich das selbstverständlich leisten. Ein talentierter, aber noch unbekannter Autor wird sich wahrscheinlich dem Druck angeblich werbewirksamer,  optischer Selbstdarstellungen, Interviews und öffentlicher Lesungen nur schwer entziehen können.

Doch ich schweife ab, kommen wir zum eigentlichen Thema:  Besichtigen wir die buchvermarkterische, plakatschreierische Autorenfoto-Überproportionierung.

Autorenfotos  waren einst – als ich meine Buchhändlerausbildung anno 1983 begann – nur eine briefmarkengroße Randbemerkung zur Literatur. Inzwischen bekommen Autorenfotos oft mehr Selbstdarstellungsplatz eingeräumt als substanzielle Informationen zu Inhalt, Stil und Thema oder zur buchgestalterischen Qualität.

Immer häufiger frage ich mich inzwischen beim Durchblättern der halbjährlichen Verlagsvorschauen und diverser Buchkundenkataloge, ob ich das illustre Magazin „Gala“ betrachte oder einen Buchwerbekatalog: DIN-4-große (manchmal sogar doppelseitig) dramatisch, piefig, pseudotiefsinnig, blödsinnlich, frischfrisiert-gefärbt, bartschattig, zwanghaft-lässig, romantisch oder distanziert-denkerisch, schüchtern-gequält oder narzisstisch-selbstherrlich, freundlich, unfreundlich, gelassen, genervt, schutzbedürftig, souverän, abenteuerlustig, abstoßend bis attraktiv inszenierte, kunterbunte oder schwarzweiße Autoren- und Autorinnenfotos fungieren als Blickfang für wortkarge Buchbeschreibungen und zweizeilige biographische Hinweise. Über die deutlich abschreckende Wirkung mancher dieser Fotos will ich mich hier gar nicht weiter auslassen.

Früher gab es wesentlich mehr TEXT-Informationen zum Buch und zum Verfasser und viel weniger Autorenbilder. Meist  hatten die Schriftstellerportraits bescheidenes Paßbildformat oder unbescheideneres Postkartenformat, und nienienie füllten die Portraits eine ganze Seite im kostbar-teuren Katalograum aus. Aber das war lange vor der Erfindung von Facebook.

Offen gestanden: Mich stört diese aufdringliche fotogene Überbetonung. So porentief-bartstoppelkratzig-augenschatten-sorgenfaltig-wimpernzähl-nahe möchte ich den Schriftstellern gar nicht kommen. Selbst wenn ich in das eine oder andere Buch durchaus verliebt sein kann, heißt das noch lange nicht, daß ich mich in den Autor oder die Autorin verlieben möchte.

Gerade angesichts der modernen bildbearbeitungstechnischen Mogelmöglichkeiten traue ich diesen Bildern auch nicht wirklich. (Eine rühmliche Ausnahme davon sind die wunderbar einfühlsam-echten, ungezwungenen, geistvollen und beseelten Autorenportraits der Fotografin Isolde Ohlbaum. http://www.ohlbaum.de/ )

Mir ist ein aussagekräftiger Text genug, das Aussehen des Verfassers ist für mich absolut nebensächlich. Interviews hingegen erregen durchaus meine Neugierde, wenn die gestellten Fragen und die gegebenen Antworten interessant sind.

Wenn die Worte, die ein Buch empfehlen sollen, auf eine Bildlegende zum Autorenfoto reduziert werden, dann – finde ich – sind die Proportionen schmerzhaft verschoben.

Gebt mit Zitate als Köder, und wenn sie mir schmecken, beiße ich an!

Indes, meine Klage ist nicht neu. Bereits 1939 äußerte sich der Schriftsteller Erich Maria Remarque in seinem Tagebuch zu rampenlichten Äußerlichkeiten mit folgenden Worten:

„Photographiererei u. Getue, weiter nichts. Alles ist dauernd in Pose.“  

 

Querverweis:

Hier entlang zu Abschweifung Nr. 1: BUCHSTABENSUPPE
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/11/05/abschweifung-nr-1/
Hier entlang zu Abschweifung Nr. 2: MEIN LIEBER SCHWAN
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/03/abschweifung-nr-2/

Lesen als Medizin

  • Die wundersame Wirkung der Literatur
  • von Andrea Gerk
  • Rogner & Bernhard Verlag, Januar 2015   www.rogner-bernhard.de
  • Gebunden mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 352 Seiten
  • Format: 15 x 22,7 cm
  • 22,95 € (D)
  • ISBN 978-3-95403-084-2
    Lesen als Medizin

VON  LESERN  FÜR  LESER  ÜBER  LESER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Informationsfülle, die Andrea Gerk für ihr „Lesebuch“ zusammengetragen hat, ist beeindruckend. Man liest ihrem Buch die Begeisterung für das umfängliche Drum und Dran des Lesens an, und man merkt ebenfalls, daß ihr das Thema nach allen Seiten hin ausfranst, was gar nicht kritisch angemerkt sei, denn sie möchte der hohen Komplexität ihres „Lesestoffes“ gerecht werden.

Die Vorstellung, daß Lesen (und Schreiben) eine heilsame Wirkung haben könne, ist keine Erfindung der modernen Bibliotherapie, sondern diese Vorstellung hat eine lange Tradition. Angefangen bei Aristoteles‘ Abhandlung über die Tragödie und der gemütspflegenden Katharsis, die sie dem ergriffenen Publikum vermitteln solle, bis hin zu Erich Kästners 1936 erschienen Gedichtsammlung „Lyrische Hausapotheke“ teilen lesende Schreiber, schreibende Leser und lesende Leser die Auffassung, daß Bücher Heilung, Inspiration, Geborgenheit, Freundschaft, Freiheit, Rettung, Trost, geistig-seelische Unterstützung, spannende Entspannung und konstruktive Ablenkung schenken.

Andrea Gerk folgt den Spuren des Lesens durch die Geschichte. So erlesen wir, beispielsweise, daß unsere heute übliche, stumme Versenkung in einen Text eine relativ junge Erscheinungsform des Lesens ist. Die mittelalterlichen Klöster, die damals über das Lese- und Schreibmonopol verfügten, gaben dem Lesen und Schreiben gleichsam Gebetscharakter. Dementsprechend wurde im mittelalterlichen Scriptorium murmelnd gelesen und geschrieben.

Im neunzehnten Jahrhundert wiederum waren in den kubanischen und amerikanischen Zigarrenfabriken Vorleser angestellt, die den Arbeitern während der Arbeit Romane vorlasen. Die Zigarrenarbeiter bewunderten Alexandre Dumas‘ „Graf von Monte Christo“ so sehr, daß sie den Autor darum baten, eine Zigarrensorte mit dem Namen ihres Lieblingshelden schmücken zu dürfen.

Bereits im Mittelalter gab es ärztliche Lektüreempfehlungen, wie z.B. bei Maimonides, der seinen Patienten zur Gemütsausgleichung Erzählungen verordnete. Im 18. Jahrhundert stellte der Psychiatriepionier Benjamin Rush einen Lesekanon zusammen, in dem jedem Krankheitsbild Lektüren zugeordnet wurden. Später entwickelten sich aus solchen Ideen die ersten Patientenbibliotheken.

Stippvisiten zu den Werken von Michel de Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Marcel Reich-Ranicki, Elias Canetti, Jean-Paul Sartre, Michael Ondaatje, Hanns-Josef Ortheil u.v.a.m. offenbaren, daß Lesen hilft. Lesen kann befreiende Horizonte öffnen, Gefühle ordnen und spiegeln, fiktive Geborgenheit geben, kann als geistige Oase das Leben retten und in seelenverwandtschaftlicher Verbundenheit zwischen Autor und Leser Berührung und tröstliches Verständnis über Raum und Zeit hinweg ermöglichen.

Andrea Gerk hat mit vielen Leseexperten und Schriftstellern gesprochen und noch mehr Bücher zu Rate gezogen. Die Literaturliste im Anhang spricht Bände. Ich kann im Rahmen dieser Rezension nur streiflichternd Leselockhäppchen anbieten:

Faszinierend sind die Einblicke in die literarische Seite der Psychoanalyse und die modernen neurologischen Erkenntnisse und Forschungen über die umformende Wirkung, die das Lesen auf die Gehirnstruktur hat.

Andrea Gerk berichtet über die unterschiedlichen Lesetraditionen in Klöstern, Gefängnissen, Krankenhäusern, Bibliotheken, Lesezirkeln und Literaturkreisen. Kurz wird auch ein kleines Loblied auf einfühlsame Buchhändler gesungen, die ihren vertrauten Kunden genau die passenden Bücher „verabreichen“. Reale und fiktive Bibliomanen, Lesesucht und Lesefieber, Leseräusche und Leseernüchterungen finden ebenso Erwähnung wie die geheimnisvoll-zeitlose Heilkraft von Märchen.

In Amerika ist die Poesie- und Bibliotherapie bereits eine etablierte Therapieabzweigung, was sich u.a. darin zeigt, daß beispielsweise die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt ehrenamtlich Poesietherapiekurse in einer New Yorker psychiatrischen Klinik gibt.

Der amerikanische Philosoph und Psychologe William James (der ältere Bruder des Schriftstellers Henry James) „vertrat die Ansicht, es gebe nur zwei Arten zu denken: argumentieren und erzählen. Erzählen scheint die wesentlichere zu sein. So entwickelt sich beispielsweise in der Psychoanalyse eine Geschichte zwischen Analytiker und Patient, bei der es nicht um literarische Wahrhaftigkeit geht, sondern darum, eine emotionale Wahrheit aus dem Leben des Patienten zu verdeutlichen.“ (Seite 24)

Bei der Bibliotherapie hingegen geht es darum, einen vom Therapeuten gezielt ausgewählten literarischen Text zu lesen und durch die Vertiefung in den Text das eigene Sein zu reflektieren und, emotional angeregt von der Lektüre, auch gleichsam eine neue Sprache für sich zu finden. Die rezeptive Auseinandersetzung mit einem literarischen Text soll Gefühle wecken und neue Perspektiven zeigen. So kann auf dem Umweg über einen „fremden“ Text letztlich den eigenen Gefühlen ein Sprachraum eröffnet und eine erweiternde oder klärende Selbstwahrnehmung und persönliches Wachstum gefördert werden.

Bei der Poesietherapie werden Gedichte gelesen. Dabei kann die Auseinandersetzung mit den Gedichten passiv-lesend sein, aber auch aktiv-schreibend, im Sinne des expressiven, kreativen oder therapeutischen Schreibens. Die Übergänge zwischen Biblio- und Poesietherapie sind fließend; beide Bereiche ergänzen sich wechselseitig.

Um Mißverständissen vorzubeugen: Die Bibliotherapie ist eine eigenständige Therapieform, die nicht auf die Psychoanalyse zurückgeht. Sie ist ein kreativ-therapeutisches Verfahren.

Hierzulande bemüht sich seit 1984 die Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie ( http://www.dgpb.org/ ) um die Vernetzung von Bibliothekaren, Ärzten, Therapeuten, Erziehern und Wissenschaftlern sowie um die Qualitätssicherung der durch entsprechende Kurse zu erwerbenden Zertifikate. Als Poesie- oder Bibliotherapeut dürfen sich ohnehin nur ausgebildete Mediziner und/oder Therapeuten sowie Heilpraktiker bezeichnen. Andere Absolventen dürfen nur unter Schreibwerkstätten-Leiter firmieren.

Neugierig nahm Andrea Gerk selbst an einer „Weiterbildung Poesie- und Bibliotherapie“ der »Europäischen Akademie für bio-psycho-soziale Gesundheit und Kreativitätstherapie EAG« bei Hückeswagen ( http://www.eag-fpi.com/ ) teil und ließ sich – trotz ihrer persönlichen Selbsterfahrungsunwilligkeit – von der „Schlichtheit und Effizienz der Methode“ überzeugen. An der EAG wird die Integrative Poesie- und Bibliotherapie gelehrt, die auf Prof. Dr. Hilarion Petzold, Johanna Sieper und Ilse Orth zurückgeht. Ausführliche Informationen finden Sie unter nachfolgendem Link: http://www.eag-fpi.com/methodenkompetenz/

Eine spezielle Art der Bibliotherapie wird im brasilianischen Hochsicherheitsgefängnis Catanduras unter der Überschrift „Erlösung durch Lesen“ angeboten. Dort verkürzt jedes gelesene Buch die Haftzeit um vier Tage. Es gibt ein Buch pro Monat und die Häftlinge müssen anschließend „in Gesprächen und in Form eines Aufsatzes nachweisen, dass sie sich wirklich mit der Materie auseinandergesetzt und verstanden haben, worum es in dem Text geht.“
(Seite 241)

„Lesen als Medizin“ ist außerdem eine wahre Fundgrube für endlose Folgelektüren, denn kurze handschriftliche Lieblingsbuchlisten der für das vorliegende Buch befragten Leseexperten und Schriftsteller runden jedes Kapitel ab, und Andrea Gerk streut auch gerne häufig und lebhaft ihre persönlichen Leseerlebnisse und Buchempfehlungen ein.

Dieses kluge, interessante sowie begeistert-begeisternde Buch wirkt in hohem Maße leseansteckend. Eine unheilbare Nebenwirkung wird wahrscheinlich chronisch-exorbitanter Bücherkonsum sein …

„Lesen als Medizin“ gibt es übrigens auch in elektronischer Darreichungsform: Dem gedruckten Buch ist ein Code für das einmalige Herunterladen des Textes als E-Buch beigefügt.

Zum Abschluß nun eine praktische bibliotherapeutische Übung:
„Wenn Sie nur noch drei Monate zu leben hätten, was würden Sie in dieser Zeit lesen? Erstellen Sie eine letzte Leseliste!“ (Seite 307)

Wer mag, kann sich auf der Kommentarebene dazu äußern … oder einfach nur still für sich einer entsprechenden Leseliste nachspüren.

 

Die Autorin:

»Andrea Gerk wurde 1967 in Essen geboren. Nach einem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen ist sie seit 1995 als Literatur- und Theaterkritikerin sowie als Moderatorin für öffentlich-rechtliche Radiosender tätig. Sie lebt in Berlin.«

Bibliotherapeutische Webseiten:

Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie e. V.
http://www.dgpb.org/
EAG FPI: Europäische Akademie für bio-psycho-soziale Gesundheit / Fritz Perls Institut
http://www.eag-fpi.com/

Querverweis:

Hier folgt der Link zu einer heilsam-heiteren Rezension, die ich im Stile eines Medikamentenbeipackzettels verfaßt habe:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/15/das-geheimnis-der-heilung/