Die verlorenen Wörter

  • Ein Buch der Beschwörungen
  • von Robert Macfarlane
  • Originaltitel: »The Lost Words«
  • Aus dem Englischen von Daniela Seel
  • illustriert von Jackie Morris
  • NATURKUNDEN No. 49 www.naturkunden.de
  • 1. Auflage Matthes & Seitz Verlag, Oktober 2018  www.matthes-seitz-berlin.de
  • 2. Auflage Januar 2019
  • gebunden, Fadenheftung
  • Format: 33,4 cm x 22,6 cm
  • 134 Seiten mit 100 Abbildungen
  • 38,00 €
  • ISBN 978-3-95757-622-4

WÖRTER  WECKEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von Blauglöckchen bis Zaunkönig blättern wir mit diesem Buch ein verwunschenes Alphabet der Natur auf. Es wurzelt in dem alten, magischen Glauben, daß die Namen der Wesen, diese Wesen hervorrufen können.

Die Verarmung der Natur spiegelt sich in der Verarmung des Wortschatzes. Im Vorwort dieses Buches wird vor allem der die Kinder betreffende Wortverlust beklagt – die Wörter für die Natur gingen leise und fast unbemerkt verloren, „ein Verdunsten wie von Wasser auf Stein“. Die Entfremdung von der Natur korrespondiert mit dem Verschwin- den von Worten, die einst selbstverständlich in den Mund genommen wurden, weil man mit der lebendigen Natur alltäglich in Berührung war.

Mit dem vorliegenden Buch lassen sich einige solcher Wörter und Wesen bewahren, wiederentdecken und heraufbeschwören. „Die verlorenen Wörter“ ist eine wunderbare Spurensuche, die wechselwirksam von der Sprache ins wilde Leben und vom Leben in die Sprache führt.

So finden wir beispielsweise auf einer Doppelseite die Blauglöckchen zunächst buch-stäblich verstreut als blauviolette Buchstaben, die zwischen Baumstämmen „wachsen“. Auf der nächsten Doppelseite wird das Blauglöckchen in einer schönen botanischen Illustration gezeigt und von einem wildpoetischen Text begleitet, dessen Zeilenan- fangswort – nach der Versform des Akrostichons – stets mit dem Buchstaben beginnt, welcher der Buchstabenfolge des Wortes BLAUGLÖCKCHEN entspricht. Dann folgt eine Doppelseite mit einer Illustration, die das Blauglöckchen in seiner natürlichen Umgebung zeigt.

Buchstaben werden hier zu Wortgebilde-Bildern geformt, die sich zu Zeilen und gemalten Bildern verdichten. Blauglöckchen, Brombeere, Efeu, Eiche, Eisvogel, Elster, Farn, Heide, Kastanie, Lerche, Löwenzahn, Molch, Natter, Otter, Rabe, Reiher, Star, Weide, Wiesel und Zaunkönig werden sinnlich-assoziativ-imaginativ beschworen und mit Worten eingefangen. Das klingt manchmal wie ein Märchen, manchmal wie ein Zauberspruch oder Rätsel und immer respektvoll-bewundernd. Zudem bleibt stets eine freie, offene Atemweite, die der geneigte Betrachter und Leser selbst ergänzen kann.

Illustration von Jackie Morris © Matthes & Seitz Verlag 2018

Die verspielten Buchstabengebilde, welche die Wuchsformen, die Flugbahnen oder die Silhouette der Naturwesen aufgreifen, stimmen auf das im folgenden Text beschriebene Wesen ein. Die sich daran anschließenden Illustrationen fügen das Einzelwesen dann in seine natürliche Umgebung und Gesellschaft ein.

Dem im Vorwort angekündigten löblichen pädagogische Anspruch, dem verlorenen sprachlichen Terrain der Natur in der Lebenswelt von Kindern etwas entgegenzusetzen, wird dieses Buch meiner Ansicht nach nur bedingt gerecht. Die Texte und die Wortwahl sind sehr anspruchsvoll und entfalten ihre literarisch-lyrische Sprachmagie durch gekonntes Vorlesen. Ob dadurch wirklich viele Kinder erreicht werden können, sei einmal dahingestellt.

Jackie Morris Illustrationen sind ebenso botanisch und zoologisch präzise wie schön und einfühlsam. Das Suchen und Finden, Lauschen und Schauen, Erinnern und Imaginieren, das uns dieses bemerkenswerte Buch bildlich sowie sprachlich ermöglicht, sind ein zauberhaftes, wildniswirksames Vergnügen, bei dem wir in den geheimnisvollen Wortwedeln, Fiederzeilen, Fragefrüchten, Rankenzeichen und Federworten des Autors Robert Macfar-lane der Natur begegnen.

Sehr ansprechend sind auch die wortschöpferischen Namensvariationen, die sich aus den Beschreibungen ergeben. So wird beispielsweise der Löwenzahn u.a. „Schirmchenstreu“ genannt, was wirklich entzückend anschaulich ist. Die lyrische Sprachmelodie und die Bindung an die Anfangsbuchstabenfolge (Akrostichon) waren gewiß eine übersetzerische Herausforderung, der die Übersetzerin, Daniela Seel, gleichwohl kongenial gewachsen war.

Das großzügige Quart-Buchformat, das schmeichelgriffige 150g/m² Papier, die satte, lesefreundliche Typografie, die Kombination aus sorgfältigen naturalistischen Illustrationen und naturliebhaberischem Sprachstil zeugen für den harmonischen Einklang von substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf …

 

Hier entlang zum Buch und zur großzügigen, unbedingt sehenswerten LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/die-verlorenen-woerter.html

 

Der Autor:

»Robert Macfarlane, geboren 1976 in Nottinghamshire, studierte Literaturwissenschaft in Cambridge und begann schon als Kind mit dem Bergsteigen. Sein erstes Buch Mountains of the Mind (2003) erhielt zahlreiche Preise, darunter den Somerset Maugham Award. Nach einer wissenschaftlichen Arbeit über Plagiate im 19. Jahrhundert veröffentlichte er 2007 The Wild Places. Es wurde von Kritik und Publikum gefeiert und zur Grundlage einer bbc-Dokumenta- tion. 2012 erschien die Fortsetzung Old Ways. 2011 wurde Macfarlane, der auch als Essayist und Kritiker für den Guardian tätig ist, zum Mitglied der Royal Society of Literature ernannt. Macfarlane gilt als wichtigster britischer Autor des Nature Writings. Im März 2015 erschien Landmarks; Robert Macfarlane untersucht darin die Verbindung von Sprache und Natur. In deutscher Sprache erschienen bei Matthes & Seitz Berlin bislang Karte der Wildnis, Alte Wege und Die verlorenen Wörter, welches mit dem BAMB Beautiful Book Award 2017, dem Hay Festival Book of the Year und dem The Sunday Times Top Ten Bestseller ausgezeichnet wurde.«

Die Illustratorin:

»Jackie Morris 1961 in Birmingham geboren, lebt als freie Autorin und Künstlerin in Wales. Ihre Illustrationen zu Verlorene Wörter wurden mehrfach ausgezeichnet und brachten dem Buch u.a. den von britischen Buchhändlern vergebenen Titel Schönstes Buch des Jahres ein

Die Übersetzerin:

»Daniela Seel 1974 in Frankfurt am Main geboren, ist Verlegerin des unabhängigen Verlags kookbooks, Übersetzerin und Lyrikerin. Zuletzt erschien ihr Gedichtband »was weißt du schon von prärie« (kookbooks). Daniela Seel lebt in Berlin.«

 

Querverweis:

„Die verlorenen Wörter“ ergänzen sich für erwachsene Leser gut mit Andreas Webers empathiesophischen, sprachempfindsamen Naturkunden „Alles fühlt“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/01/alles-fuhlt-neuausgabe/ und „Minima Animalia“: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/03/12/minima-animalia/
Für Kinder eignet sich ergänzend Antje Damms BuchWas wird aus uns? Nachdenken über die Natur: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/02/28/was-wird-aus-uns/

 

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Gray

  • von Leonie Swann
  • Kriminalroman
  • Hörbuch
  • Produktion: der Hörverlag Mai 2017   www.hoerverlag.de
  • Lesefassung: Anke Albrecht
  • Regie: Sven Stricker
  • Sprecher: Bjarne Mädel und Christopher Heisler
  • Laufzeit ca. 8 Stunden 44 Minuten
  • gekürzte Lesung
  • 1mp3-CD
  • Pappklappschuber
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2532-8

ELLIOTS  FALL

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Gray“ von Leonie Swann ist ein vergnüglicher und sehr tiereinfühlsamer Krimi, in dem ein zwangsneurotischer Dozent für Anthropologie zusammen mit einem sprechenden Graupapagei – amateurhaft und gleichwohl erfolgreich – den tödlichen Unfall eines Studenten als Mord entlarvt und aufklärt.

Wir unternehmen eine Lese- bzw. Lauschreise nach Cambridge zur altehrwürdigen, renommierten Universität und Nobelpreisträgerschmiede Großbritanniens. Der vielversprechende blaublütige Student Elliot Fairbanks ist beim Fassadenklettern von der King’s College Chapel gestürzt – ein tragischer Todesfall, der die akademische Beschaulichkeit ungemütlich aufwühlt.

Dr. Augustus Huff ist ein junger Dozent für Anthropologie und ziemlich zwangsneurotisch. Er hegt Sympathien und Antipathien für bestimmte Zahlen, überschreitet Schwellen vorsorglich immer zuerst mit dem linken Fuß, er liebt Ordnung, Struktur und Sauberkeit, er überprüft stets dreifach, ob er eine Tür auch wirklich abgeschlossen hat, und wäscht sich sehr, sehr, sehr, sehr, sehr häufig die Hände.

Zwischenmenschlich ist er etwas unbeholfen, distanziert-zugewandt und zurückhaltend- aufgeschlossen, immer zwanghaft bemüht, seine Zwanghaftigkeit nicht allzu offensichtlich zu zeigen.

Augustus ist Elliots Tutor und wird zwei Tage nach dem Tode Elliots von einer Putzfrau des Colleges um Hilfe gebeten. Sie behauptet, es spuke in Elliots Zimmer. Widerstrebend betritt Augustus die luxuriösen Räumlichkeiten des verstorbenen Studenten und hört tatsächlich Elliots hochnäsige Stimme „Knapp daneben ist auch vorbei!“ und „Kalt, ganz kalt!“ rufen. Unter der Bettdecke bewegt sich etwas Kleines und produziert nun Staubsaugergeräusche.

Todesmutig zieht Augustus die Bettdecke weg und enthüllt einen verängstigten Grau-papagei. Elliott hatte eine Sondergenehmigung für die Haltung eines Graupapageien, den er für Verhaltens- und Sprachstudien brauchte. In der Aufregung um den plötzlichen Tod Elliots hatte niemand an den kleinen Graupapageien namens Gray gedacht. Gray faßt schnell Vertrauen zu Augustus und klettert auf seine Schulter.

Augustus hat Mitgefühl mit Gray und läßt sich zögernd darauf ein, sich um ihn zu kümmern, und er beginnt nun, tiefer über Elliots Unfall nachzudenken. Elliot Fairbanks war arrogant, begabt, kalt, selbstgefällig und stolz und ein sehr guter Fassadenkletterer. Da Augustus selbst ein wenig Klettererfahrung hat und die gotische Architektur der King‘s College Chapel verhältnismäßig gute Kletterbedingungen bietet, kommen Augustus ernsthafte Zweifel an der Unfallversion. Dieser Todesfall erscheint ihm unaufgeräumt, und Augustus fühlt sich verpflichtet aufzuräumen.

Nach und nach erkennt Augustus, daß der Graupapagei nicht nur perfekt Stimmen und Geräusche imitiert, sondern wirklich weiß, was er sagt. Zwar verfügt er nur über ein begrenztes Kontingent von Redewendungen und Wörtern, wendet diese jedoch durchaus sinnvoll und situativ angemessen an. Und er stellt oft die klugen Fragen: „Was ist gleich? Was ist anders?“, die Augustus bei seiner Spurensuche unterstützen.

Detektivarbeit mit einem vorlauten Papageien auf der Schulter läßt an Unauffälligkeit zu wünschen übrig, führt aber auch zu ganz erfrischenden zwischenmenschlichen Begegnungen, die das Spektrum von angenehmem Flirt bis zu tätlichem Angriff abdecken.

Gray bringt Augustus‘ systematische Ordnung durcheinander, er knabbert seine Stifte an, wirft Briefbeschwerer um, zerzaust sein Haar, beschnäbelt sein Ohr, und er hat überdies  recht krümelige und schmierige Tischsitten, die für Augustus‘ Sauberkeitsbedürfnisse schwer zu ertragen sind. Dennoch halten sie zusammen und kommen sich emotional näher, was der Aufklärung des Mordes dient. Tatsächlich führen die Notwendigkeiten, Gefahren und Selbstüberwindungen seiner Ermittlungen dazu, daß Augustus von seinen Zwangshandlungen abgelenkt wird und sie sogar etwas vernachlässigt.

Augustus‘ methodische Nachforschungen enthüllen nicht nur architektonische Abgründe und bröckelnde soziale Fassaden, sondern auch Abgründe des Schweigens, familiäre Verstrickungen, psychische Deformationen, Geheimnisse und unvermutet sympathisch-romantische Züge des verstorbenen Elliots.

Mit geschickter Dramaturgie wird Augustus auf Irr- und Umwege geführt, viele mögliche Verdächtige kommen in Frage, die Puzzleteile entdeckter Spuren sind widersprüchlich, die Wahrheit ist komplex und so überraschend, daß Augustus und Gray selbst in höchste Lebensgefahr geraten …

Wir finden in Leonie Swanns neuem Roman eine raffinierte und spannende Krimihandlung in unterhaltsamer Kombination mit einer unkonventionellen, speziesübergreifenden Beziehungsdynamik. Es gelingt der Autorin sehr gut, die Figur von Gray durch die präzise Beschreibung seiner gefiederten Körper- sprache anschaulich darzustellen. Grays oft unverblümte und gelegentlich zartfühlende Kommentare tragen selbstverständlich ebenso zu seiner Charakterisierung bei und bescheren Augustus zahlreiche unwillkürlich situationskomische Szenen.

Gray und Augustus sind skurrile, sympathische, verletzliche und zugleich tapfere Charaktere, die gemeinsam über sich selbst hinauswachsen und sich nach den Herausforderungen dieser Mordaufklärung beflügelten Mutes – linker Fuß voran –  ins Leben wagen.

Bjarne Mädels Lesung der Hörbuchfassung von „Gray“ ist besonnen, einfühlsam und gelassen und gewährt den Figuren nuancenreichen Spielraum zur Entfaltung ihrer speziellen Wesensart.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Gray/Leonie-Swann/der-Hoerverlag/e515300.rhd

Die Autorin:

»Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München und Berlin. Mit ihren ersten beiden Romanen „Glennkill“ und „Garou“ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurden bisher in 25 Sprachen übersetzt. Leonie Swann lebt heute umzingelt von Efeu und Blauregen in England und Berlin.«

Die Sprecher:

»Bjarne Mädel, geboren 1968 in Hamburg, war nach seiner Ausbildung zum Schauspieler an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam am Schauspielhaus Hamburg tätig. Einem breiten Fernsehpublikum wurde er bekannt durch die Rolle des „Ernie“ Heisterkamp in der Serie Stromberg und als Polizeiobermeister in Mord mit Aussicht. Seit 2011 spielt Bjarne Mädel die Hauptrolle in Der Tatortreiniger. Er ist zweifacher Grimme-Preisträger als Bester Hauptdarsteller. Als Sprecher für Hörbücher, Hörspiele und Synchronarbeiten ist er ebenfalls sehr erfolgreich.«

»Christopher Heisler, geboren 1990 in Eutin (Schleswig-Holstein), studierte Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Seit 2014 arbeitet er als freischaffender Schauspieler in Berlin. Seine bisherigen Engagements führten Heisler u. a. ans Ballhaus Ost Berlin, an die Volksbühne und an die Münchner Kammerspiele. Er arbeitete mit Lucia Bihler, Vegard Vinge, Ida Müller, Florian Fischer und Agahte Chion zusammen. Darüber hinaus ist er regelmäßig als Sprecher für Sendeanstalten wie RBB, NDR Kultur und MDR tätig.«

 

Hier entlang zur Buchausgabe, die bei GOLDMANN erschienen ist:
https://www.randomhouse.de/Buch/Gray/Leonie-Swann/Goldmann/e500609.rhd

Gray                                                                                                     

Kriminalroman
von Leonie Swann
GOLDMANN Verlag Mai 2017
gebunden, mit Schutzumschlag
416 Seiten
Format: 13,5 x 21,5 cm
20,00 € (D), 20,60 € (A),  26,90 sFr.
ISBN: 978-3-442-31443-0

 

 

 

 

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Als der Sommer eine Farbe verlor

  • von Maria Regina Heinitz
  • Roman
  • Berlin Verlag  April 2015             http://www.berlinverlag.de
  • 496 Seiten
  • Taschenbuchausgabe
  •  9,99 € (D),  10,30 € (A), 13,90 sFr.
  • ISBN: 978-3-8333-1020-1
    Als der Sommer eine Farbe verlor

ZWISCHEN  DEN  ZEILEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Als der Sommer eine Farbe verlor“ erzählt in einer sinnlich-vielschichtigen, lasierenden Sprache von Nähe und Ferne, Lösung und Bindung, Imagination und Wirklichkeit, Schmerz und Heilung, Verlust und Geborgenheit sowie von Familie und Freundschaft, Liebe, Tapferkeit und Hoffnung. Dieser Roman ist berührend, ohne zu belasten, er enthüllt, ohne zu entblößen und er macht ein komplexes Gefühlsspektrum wunderbar sichtbar.

Die dreizehnjährige Bénédicte, kurz Bicky genannt, verbringt mit ihrem kleinen Bruder Marcel einen sommerlichen, heiter-verspielten Ferientag. Die Kinder sind einfach glücklich, alles blüht, zwitschert und lebt, der Jasmin duftet vor blauem Himmel, und ihre geliebte Großmutter, zärtlich Mamique genannt, ist bei ihnen in Hamburg zu Besuch.

Aimée, die Mutter der Kinder, ist eine bekannte Malerin, deren Gemüt sich immer wieder verdunkelt und die sich dann aus dem familiären Leben zurückzieht und in ihr Atelier verkriecht, um ihre emotionale Not auf die Leinwand zu bannten.

Die Kinder sind mit diesen mütterlichen Stimmungen vertraut und nennen sie „Farfadetnoir“ (schwarzer Kobold). Der Vater arbeitet als Mediziner und bittet in den Farfadetnoir-Notfällen Mamique, seine Schwiegermutter, um familiären Beistand.

Übermütig tollen die Kinder mit ihrer rüstigen Großmutter durch den Garten, anschließend bereitet Mamique ihnen ihre köstlichen Blaubeerpfannkuchen zu, und die Kinder futtern sich die Bäuche rund. Bicky wird mit einer Portion Blaubeerpfannkuchen ins Atelier geschickt, damit ihre Mutter auch in den Genuß dieser Lieblingsspeise kommt.

Im Atelier betrachtet Bicky nachdenklich das Bild, an dem ihre Mutter seit Monaten malt, und eine Ahnung schmerzlicher familiärer Verstrickung streift ihr Bewußtsein und weckt Fragen in ihr. Da die Mutter nicht im Atelier ist, vermutet Bicky sie im Badezimmer und steht nach wenigen Schritten in einer Blutlache, die der Selbstmordversuch der Mutter hinterlassen hat. Die Mutter kann gerettet werden und kommt in ein „Sanatorium“. Wie erholen sich die Kinder von einem solchen Schock?

Der Vater beschließt, ein Arbeitsangebot als Leiter einer psychiatrischen Klinik in einer Kleinstadt anzunehmen und Hamburg zu verlassen. Bereits zwei Wochen später zieht die Restfamilie von Hamburg nach Sprede, „eine heile Was-will-man-mehr-Kleinstadt“. Sie wohnen in einer alten Villa in unmittelbarer Nähe zur neuen Arbeitsstelle des Vaters. Den großen, verwilderten Garten, der die Villa umgibt, nennt der Vater eine „Paradies für Kinder“, aber zunächst fühlen sich die entmutterten Kinder alles andere als paradiesisch.

Mamique, die sie nicht begleiten kann, verspricht aber, wieder zu Besuch zu kommen. Eine resolute Haushälterin wird eingestellt, die für äußere Ordnung und geregelte Mahlzeiten sorgt. Einen Fernseher gibt es nicht, aber der Vater installiert in jedes Zimmer unsichtbare Lautsprecher und beschallt die Bewohner mit klassischer Musik („Brahms ordnet die Gedanken!“) und mit den täglichen Radionachrichten. So läßt die Autorin im Verlaufe des Romanhandlungszeitraums immer wieder streiflichternd die Nachrichtenereignisse der Jahre 1976 bis 1978 einfließen.

Fürsorglich bemuttert Bicky ihren kleinen Bruder, und die Geschwister richten sich eine gewisse Geborgenheit miteinander ein; sie freunden sich mit den neuen Räumen an und erkunden nach und nach entdeckungslustig die Umgebung. Die Mutter schreibt ihren Kindern regelmäßig Briefe (in Schriftform für Bicky und in Bildform für Marcel, der noch nicht lesen kann).

Bicky leidet nicht nur an dem Verlust der mütterlichen Zuwendung, sondern auch daran, daß die Erwachsenen ihr Zusammenhänge verschweigen. Sie tun dies zwar, um sie zu schonen, aber die Unstimmigkeiten und Unklarheiten bezüglich des Aufenthaltsortes der Mutter und der Hintergründe der mütterlichen Depression führen zu phantasievollen Vermutungen und kindlichen Fehlschlüssen, die ihr eigenes psychologisches Belastungspotential haben.

Zweimal wöchentlich geht Bicky auf Anordnung ihres Vaters zu einer Kinderpsychologin, um ihr Trauma zu verarbeiten. Doch sie hat längst eigene Wege gefunden, sich zu ermutigen und den Herausforderungen des Lebens konstruktiv und kreativ zu begegnen, beispielsweise ihre Methode der Eintagsfliegentage, die es ihr ermöglicht, Neues und Unerwartetes zu tun, weil es für die Verwirklichung mancher Dinge exakt nur diesen einen Moment gebe und sonst keinen. Diese Jetzt-oder-nie-Haltung hilft ihr über so manche Alltags- und Angsthürde hinweg.

Dank ihrer Feinfühligkeit erkennt sie die emotionalen Gegebenheiten, Charakterstärken und -Schwächen anderer Menschen sehr genau und beschreibt diese auf eine einleuchtend anschauliche, musisch-malerische Weise.

Und dann lernt sie Susi Engel kennen. Dieses hochbegabte, eigenwillige Mädchen wird ihre beste Freundin, mit der sie wirklich alles besprechen kann. Die beiden Einzelgängerinnen sind wie füreinander geschaffen, und gemeinsam forschen sie den abgründigen und romantischen Geheimnissen ihres Umfeldes nach.

Zwischen Bickys Spurensuche und ihren phantasievollen Versuchen, Ordnung in ihr aufgewühltes Gefühlsleben zu bringen, liegt ein weiteres Geheimnis, das erst ganz zum Schluß offensichtlich wird und den Leser erhellend überrascht. Tatsächlich sind die Hinweise auf diese verborgene Erlebnisebene wohldosiert und unauffällig über den Verlauf der ganzen Geschichte verstreut und werden uns Lesern erst im Rückblick so recht DEUTLICH.

Bicky lernt gewissermaßen SEHEN, sie reift und wächst, begeistert sich fürs Theater und sie verliebt sich in den Jungen Misha, der dort als Statist arbeitet. Misha kennt sich aus mit Verlust und Trauer; er hat bereits beide Eltern verloren und lebt bei seiner Tante. Die Liebesannäherung von Bicky und Misha ist von anrührender Zärtlichkeit und ein ganz großes Glück für Bickys Herzensheilung und Wahrheitsfindung.

Mit Mishas Hilfe tritt Bicky aus dem Schatten der mütterlichen Verstrickung und der verschwiegenen Vergangenheit heraus und betritt endlich ihre Gegenwart und ihren eigenen hoffnungsvollen Weg.

Dieser außergewöhnliche Roman ist von einer schwebenden Leichtigkeit, die man dem ernsten Thema kaum zugetraut hätte. Das Gleichgewicht von Ernst und Heiterkeit, Kinderspiel und Kindertragik, Verletzlichkeit und Tapferkeit, die geschickte Figurenchoreographie, die einfühlsamen Dialoge, der lebendige Spannungsbogen, die stimmungsvollen Szenerien und die sinnlich-musische Perspektive „malen“ eine sehr lesens- und sehenswerte Geschichte.

Zum Ausklang nun ein Zitat, das die poetische Bildhaftigkeit illustrieren mag:  

»Meine Träume in dieser Nacht waren verschachtelter als die, durch die ich mich sonst hindurchträumen musste. Sie waren wie unzählige Meeresoberflächen, durch die man auftaucht und meint, Luft holen zu können, das Ende erreicht zu haben, endlich Sauerstoff zu atmen. Traumende, und dann geht es doch weiter, immer weiter, ohne an den Eingang der Wirklichkeit zu gelangen, aber immer knapp davor.« (Seite 143)

 

Die Autorin:

»Maria Regina Heinitz, geboren 1968 in Isny (Allgäu), studierte Deutsche Sprache, Literatur und Französisch, arbeitete als Artbuyerin und Fotoproduzentin und erhielt 2009 den Literaturförderpreis der Kulturbehörde der Hansestadt Hamburg. Sie lebt in Hamburg.«
http://www.mariareginaheinitz.de/

QUERVERWEIS:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/

Paul Temple und der Fall Gregory

  • von Francis Durbridge
  • Hörspiel
  • mit BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN
  • der Hörverlag   November 2014    http://www.hoerverlag.de
  • 2 CDs in Vinyloptik in Faltpappschuber
  • Laufzeit 107 Minuten
  • 14,99 € (D), 14,99 (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1718-7
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Hörspielbearbeitung: Leonhard Koppelmann und Bastian Pastewka
  • Musik: Hans Jönsson
  • Schlageradaption: Mike Herting
  • Technische Realisation: Hans-Günther Kasper
  • Regieassistenz: Cordula Dickmeiß und Andreas von Westphalen
  • Dramaturgie: Holger Heddendorp
  • Redaktion: Martina Müller-Wallraff
  • Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln mit dem Südwestrundfunk, 2014
  • Die Rollenaufteilung:
  • Bastian Pastewka: Paul Temple
  • Janina Sachau:  Steve Temple
  • Alexis Kara:  Sir Donald Murdo, Edward Day,Peter Davos, Wirt, Charlie, der Diener
  • Inga Busch:  Dr. Kay Wiseman, Madison,Virginia van Cleve, Kellnerin, diverse Sergeants
  • Kai Magnus Sting:  Bill Harcourt, Sir Graham Forbes, Charles Zola, Marcia

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B E I   M O R P H E U S !

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Diese Neuinszenierung eines verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels aus dem deutschen Radioausstrahlungsjahr 1949 ist ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für alle Neulinge ein verführe- rischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

Die Radiohörspiel-Straßenfeger von Francis Durbridge aus den 1950er-Jahren habe ich erst Anfang der 2000er-Jahre kennengelernt, als sie nach und nach – beim Hörverlag und DAV-Verlag – als Hörspiel-CDs neu aufgelegt wurden. Ich war sogleich begeisterungs- infiziert, habe diese Hörspiele eines nachdem anderen „verschlungen“ und mich unsterblich in ihren angestaubten Charme verliebt. Die Schauspielstimmkunst der damaligen Hörspielsprecher (René Deltgen, Annemarie Cordes, Kurt Lieck, Lilly Towska, Peter René Körner, Herbert Hennies, Heinz Schimmelpfennig) ist von beeindruckend lebhaft-vorbildlicher Virtuosität.

Und die dramatische Untermalung durch die ORIGINALMUSIK  von Hans Jönsson versetzt einen sogleich vor ein imaginäres wirtschaftswunderliches Radio mit Holz- korpus, dicken elfenbeinfarbenen Tasten, magischem grünen Auge, stoffüberspannten Lautsprechern und seltsam-ungewohnt deutschsprachigen Beschriftungen wie: Bass-Regler, Raumklang, Lautstärke, Höhen-Regler, Klangregister – ganz zu schwärmen von der von innen beleuchteten Wählskala mit den Namen bekannter Radiosender und klangvoller Weltstadtnamen wie Berlin, Budapest, London, Paris, Prag, Rom, Wien und Langenberg 😉

Doch ich schweife ab – zurück zur aktuellen Hörspiel-Rekonstruktion.

Das erste ins Deutsche übersetzte Kriminalhörspiel von Francis Durbridge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, wurde 1949 gesendet und verschwand aus den Rundfunkarchiven. Einzig eine Karteikarte mit Löschvermerk blieb erhalten. Leider wurden auch bei der BBC zahlreiche Aufzeichnungs-Bänder gelöscht, und erst als das deutsche Skript wieder- gefunden worden war, konnte eine Rekonstruktion ins magische Auge gefaßt werden.

Für die Neulinge folgt nun eine Nachhilfegedenkminute bezüglich des Paul-Temple-Kriminalschnittmusters:

Paul Temple ist ein smarter Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, der im London der 50er-Jahre von Sir Graham Forbes, dem Chef von Scotland Yard, gerne und häufig zur Mitarbeit an der Lösung kniffliger Kriminalfälle gebeten wird. Mit weiblich-intuitiver Unterstützung seiner Ehefrau Steve (wenn sie sich nicht gerade bei allfälligen Hutkäufen entspannt) heftet sich Paul an die Fersen des mysteriösen Verbrechens (wahlweise sowie auch kombiniert: Mord, Diebstahl, Entführung, Erpressung …) und muß aus verdächtig vielen Verdächtigen raffiniert schlußfolgernd den wahren Täter entlarven – gerne bei einem als einladende Cocktailparty getarnten Showdown.

Während der Ermittlung geraten Paul und Steve stets auch ins Visier der Täter, und sie müssen lebensgefährliche Anschläge überleben. Doch solche Widrigkeiten und andere dramatische Überraschungen dienen als willkommene Klippenhänger, um die Zuhörer ans Radio zu fesseln.

Zur weiteren Standardausrüstung gehören das eheliche Frühstücksfutterneid-Geplänkel zwischen Steve und Paul, die vergeblichen Versuche, den Okay-Jargon des jungen Haus- dieners Charlie in ein kultiviertes „Sehr wohl, Sir“ umzubilden, männliche Frotzeleien über Steves „weibliche Eingebungen“, außerdem zwielichtige Nachtclubs, falsche Fährten (sogar unschuldige Parfümspuren) und Steves Refrain: „Also, was ich nicht verstehe, ist…“ sowie Pauls beliebter Ausruf: „Bei Morpheus!“ Häufig konsumierte Getränke sind Kaffee, Whisky-Soda und Dry-Martinis.

In „Paul Temple und der Fall Gregory“ taucht eine vermißte Frau als Leiche wieder auf, dekoriert mit einem Zettel, der die kryptische Botschaft trägt: „Mit den besten Empfehlungen von Mister Gregory.“  Wer ist Mister Gregory und wieviele Leichen und Entführungen später wird es dauern, bis Paul Temple Mister Gregory endlich entlarvt? Das erfahren Sie selbstverständlich nicht in dieser Besprechung…

Die rekonstruierte Paul-Temple-Version wartet mit einem geschickt choreographierten Drehbuch im Drehbuch auf, das sowohl mit der Hommage an die Kriminalrezeptur Francis Durbridges als auch mit den metafiktiven Kommentaren und der inszenierten Gruppendynamik der gegenwärtigen Darsteller einen ganz eigenen Reiz entfaltet.

Abgesehen davon, daß drei der beteiligten Schauspieler (Alexis Kara, Inga Busch, Kai Magnus Sting) bravourös und vielschichtig mehrere Rollen ausfüllen, spielen sie sich gewissermaßen selbst, eben als Schauspieler, die miteinander ein Hörspiel erarbeiten und dabei das Drehbuch, ihre Rollen und ihr eigenes Spielvermögen kommentieren, kritisieren und ironisieren.

Beiläufig werden in den Unterbrechungen der eigentlichen Hörspielhandlung sehr interessante Zusatzinformationen und Erläuterungen zur Radiohistorie der Paul-Temple-Hörspiele hineininszeniert, indem die Schauspieler das Schnittmuster der Paul-Temple-Krimis analysieren, die einstigen Produktionsbedingungen mit den heutigen Genre-Gegebenheiten vergleichen und sich über Rollenklischees wundern sowie den weiteren Verlauf der Handlung in Frage stellen und schließlich so in ihre Rollen hineinwachsen, daß sie manchmal den Rollennamen mit dem Schauspielernamen verwechseln und umgekehrt.

Die beiden Schlager (Arrangements von Mike Herting), die das Ensemble in den Nachtclubszenen selber singt, sind ganz und gar altmodisch-köstlich und beschwingt und eine kongeniale Zugabe zu der ansonsten verwendeten DRAMATISCHEN Originalmusik des Komponisten Hans Jönsson.

Diese „moderne“ Reinszenierung von „Paul Temple und der Fall Gregory“ bietet zugleich eine amüsant-informative Spurensuche, ehrwürdigende radiohistorische Reflektionen, humorige Rand- bemerkungen und vergnüglich-spannende Unterhaltung, garniert mit schönen Nostalgieeffekten und vielen erhörenswerten Details.

 

Hörpröbchen gefällig? https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Bastian-Pastewka-und-Komplizen-in-Paul-Temple-und-der-Fall-Gregory/Francis-Durbridge/e468881.rhd

 

Die Darsteller:

BASTIAN PASTEWKA als „Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projekts“ – wie so schön im CD-Beiheftchen geschrieben steht – spricht und spielt einen clever-frischen und souverän-snobistischen Paul Temple und – in seiner Rolle als Schauspielerschauspieler – einen romantisch-schwärmerischen Francis-Durbridge-Jünger.

JANINA SACHAU als Paul Temples Ehefrau Steve Temple hört sich wirklich zum Verwechseln ähnlich anschmiegsam-charmant-intuitiv wie einst Annemarie Cordes an. Allein die Betonung (mit diesem eingebauten Fragezeichen), mit der sie den Vornamen ihres Gatten ausruft, – ganz großes Kino!

Und sie sprichseufzt einen meiner Lieblingssätze: „Meine Füße weinen schon.“

INGA BUSCH meistert in diesem Hörspiel nonchalant ganz unterschiedliche Frauentypen von damenhaft-intellektuell über betäubungsmitttelgeschwächt bis verrucht-verführerisch sowie auch diverse männliche Nebenrollen und Türklinken.

ALEXIS KARA und KAI MAGNUS STING offenbaren ein bewundernswürdig-abwechslungsreiches Stimmenregister; die Bandbreite reicht vom norwegischen Akzent bis zum herrlich rollenden R über diverse männliche Temperamente und Altersstufen bis zu einem kurzen Ausflug in weibliche Stimmgefilde.

 

DIE VERPACKUNG:

Die beiden in Vinyloptik gekleideten CDs erscheinen in einem Faltpappschuber mit informativem Beiheftchen, beides im graphischen Stil der 1950er-Jahre gestaltet. So rundet die zeitgemäß-altmodische Verpackung dieses stimmige neue, alte Paul-Temple-Hörspiel vortrefflich ab. Und gerne wiederhole ich nun noch einmal mein anfängliches Lob:

Ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für Neulinge ein verführerischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

 

Der Autor:

»FRANCIS DURBRIDGE, geboren 1912 in Hull/England, studierte Altenglisch an der Universität Birmingham. Er arbeitete kurz als Börsenmakler, bevor er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Seine Schriftsteller-Laufbahn begann er mit Bühnenstücken und Kurzgeschichten. Von 1938 an war Francis Durbridge dreißig Jahre lang als Hörspielautor für BBC tätig. Mit seinen spektakulären Fortsetzungskrimis, ob als Hörspiel oder Fernsehproduktion, schrieb er Geschichte.«

Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projektes:

»BASTIAN PASTEWKA, geboren 1972 in Bochum, beendete sein Studium der Pädagogik, Germanistik und Soziologie frühzeitig und trat ab 1992 mit verschiedenen Bühnen-programmen auf. Bekannt wurde er als Ensemblemitglied der Sat-1-Wochenshow, seit 2005 überzeugt er als er selbst in seiner vielfach preisgekrönten Serie Pastewka. Auch auf der Kinoleinwand (u.a. in den Edgar-Wallace-Parodien Der WiXXer und Neues vom WiXXer), am Theater, im Hörspiel und als Synchronsprecher (z.B. Madagascar, Megamind) feierte er große Erfolge. Als einer der beliebtesten Komiker Deutschlands erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrfach den Deutschen Comedypreis, den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und die Goldene Kamera.«

Bearbeitung und Regie:

»LEONHARD KOPPELMANN, geboren 1970 in Aachen, führte 1996 zum ersten Mal bei einem eigenen Hörspiel Regie. Seitdem arbeitet er als freier Hörspielautor und als Theater- und Hörspielregisseur. So sind inzwischen unter seiner Regie über 200 Hörspiele entstanden, z.B. Maria, ihm schmeckt’s nicht sowie Drachensaat von Jan Weiler, Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne, Baudolino von Umberto Eco, und – hochgelobt – Wassermusik von T.C.Boyle und Doktor Faustus von Thomas Mann, die alle im Hörverlag erschienen sind. In seinen Inszenierungen stehen vor allem die Schauspieler im Mittelpunkt, mit ihnen arbeitet er intensiv die Individuellen Qualitäten der verschiedenen Autoren aus. So entstehen äußerst vielfältige und höchst verschiedenartige Produktionen unter seiner Regie.«

 

PS
Wer Lust auf die elf erhalten gebliebenen Originalhörspiele hat, kann sich „in diesem Internet, von dem man jetzt so viel liest“ weiterführend informieren und sich auch Hörkostproben genehmigen unter:  www.hoerverlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Alex
PAUL TEMPLE und der Fall Genf
PAUL TEMPLE und der Fall Curzon
PAUL TEMPLE und der Fall Lawrence
PAUL TEMPLE und der Fall Gilbert

www.der-audio-verlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Conrad
PAUL TEMPLE und der Fall Jonathan
PAUL TEMPLE und der Fall Vandyke
PAUL TEMPLE und der Fall Madison
PAUL TEMPLE und der Fall Spencer
PAUL TEMPLE und der Fall Margo

 

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Fährten lesen und Spuren suchen

  • Das Handbuch
  • von Nick Baker
  • Originaltitel: »The Nature Tracker’s Handbook«
  • Übersetzung aus dem Englischen:
  • SAW Communications: Dr. Wolfgang Hensel
  • Haupt Verlag September 2014   http://www.haupt.ch
  • 288 Seiten
  • durchgehend farbige Abbildungen
  • Flexibroschur, Fadenheftung
  • Format: 14,8 x 21 cm
  • 24,90 € (D), 25,60 € (A), 33,90 sFr.
  • ISBN 978-3-258-07854-0
    9783258078540.jpg Fährten lesen Spuren suchen

DAS  ABC  DER  SINNE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Wer sich ernsthaft um Spurensuche bemüht, lernt neu zu lesen, aber in einem Buch, dessen Seiten herausgerissen und vom Winde zerstreut wurden.“   (Seite 6)

Bei dem vorliegenden Buch „Fährten lesen und Spuren suchen“ sind die Seiten zum Glück nicht herausgerissen, sondern fadengeheftet und nach Art der Fundspuren geordnet, so daß es sowohl beim bloßen Durchlesen als auch beim Unterwegssein und Nachblättern gut strukturierte Kenntnisse über alltägliche und besondere Tierspuren vermittelt.

Wir lernen z.B. die unterschiedlichen Trittsiegel verschiedener Tiere (Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien) kennen, und die anschauliche Darstellung durch Photos, Zeichnungen und Beschreibungen wird ergänzt durch Informationen über die artty- pischen Bewegungsformen und Verhaltensmuster der jeweiligen Tiere. Diese biolo- gischen Zusatzinformationen ermöglichen eine ganzheitlichere Wahrnehmung und Einordnung der gefundenen Spuren.

Unterschiedliche Fraßspuren an Pflanzen, Früchten, Nüssen, Wurzeln, Pilzen, Rinden und Zapfen offenbaren nicht nur, daß man den Futterplatz eines Tieres entdeckt hat, der geübte Spurenfinder kann dort auch ablesen, welches Tier hier gepicknickt hat.

So nagt ein Eichhörnchen eine Kerbe in eine Nuß und spaltet sie sauber in zwei Hälfen, während eine Maus ein Loch in die Nußschale nagt; und je nach Mäuseart unter- scheiden sich auch die Aufnagetechniken und die Zahnspuren an den Nußschalen.

Die Vielfalt der möglichen Spuren ist groß und faszinierend: Nester, Höhlen und Gänge von Vögeln, Säugetieren und Gliederfüßern werden gezeigt, diverse Kotspuren, Gewölle und Überreste (Federn, Fell, Häute, Knochen, Eierschalen, Kokons), Maulwurfshügel, Regenwurmkothäufchen, vom Fledermausabfallhaufen bis zu den winzigen Exkremen- ten von Insekten, von Kratzspuren an Baumstämmen und Ästen über die Bißbreite verschiedener Tierarten bis zur maximalen Weidehöhe diverser Hirsch- und Reharten.

Wir lernen den Unterschied zwischen Sohlengängern und Zehengängern, und, wer es ganz genau wissen will, bekommt zudem eine ausführliche Anleitung zum Ausmessen von Trittsiegeln, zur Herstellung von Gipsabdrücken zur Katalogisierung sowie eine Auflistung nützlicher Werkzeuge und Hilfsmittel für Aufzeichnungen, Dokumentationen und Probenentnahmen.

Die Darstellung der Spuren im Zusammenhang mit der jeweiligen Lebens- und Verhaltensweise des Tieres sowie seinen anatomischen Besonderheiten ermöglicht eine sinnlich-einfühlende Nähe zum Verursacher der Spuren. Die sehr anschaulich und biologisch fundierten Erklärungen dieses Hand- buches können dem interessierten Leser dabei helfen, sich besser in ein Tier hineinzudenken und somit – ganz natürlich – die Fährten und Spuren, die ein Tier hinterläßt, zu entziffern und schlußfolgernd zu deuten.

So führt dieses informative Buch über den Umweg des Verstandes zu einer Vertiefung der sinnlichen Wahrnehmung!

Dank des umfänglichen Registers und der umfassenden photographischen Dokumente dient „Fährten lesen und Spuren suchen“ zugleich als prak- tisches Nachschlagewerk für Einzelfragen sowie als zusammenhängende Schule des Spurenlesens.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.haupt.ch/Verlag/Buecher/Natur/Naturfuehrer/Faehrten-lesen-und-Spuren-suchen.html

Der Autor:

»Nick Baker ist ein bekannter englischer Biologe und Fernsehmoderator, unter anderem von „Die seltsamen Kreaturen“ („Weird Creatures“). Seine zahlreichen Publikationen reichen von Sach- und Kinderbüchern bis zu Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln.«

 

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Der rubinrote Mantel

  • von Katarina Genar
  • Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
  • Umschlagillustration und Vignetten
  • von Lina Bodén
  • Verlag Urachhaus August 2014           www.urachhaus.de
  • 127 Seiten, gebunden
  • 12,90 €
  • ISBN 978-3-8251-7876-5
  • ab 9 Jahren
    Der rubinrote Mantel

SEELENVERWANDTE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Jeder Mensch ist eine Geschichte, und manche Dinge, die uns begleiten, sind mehr als bloße Requisiten; solche Dinge haben eine starke Gefühlsladung, die noch lange nachwirken kann. Um ein solches seelisches Echo geht es in der Geschichte von Livia und Elin.

Livia ist ein Einzelkind, und ihre Wahrnehmung ist etwas vielschichtiger, oder sagen wir: einfach bunter; so hat z.B. jeder Wochentag eine eigene Farbe. Da trifft es sich gut, daß sie zu ihrem elften Geburtstag, der diesmal auf einen Montag fällt, u.a. einen rubinroten Wintermantel mit schwarzen Samtknöpfen geschenkt bekommt, denn der Montag ist in Livias Gefühlsgestimmtheit rubinrot.

Der Mantel ist nicht neu, sondern aus einem Trödelladen, und Livias Mutter hat ihn aus einer nostalgischen Anwandlung heraus gekauft. Der Mantel paßt wie maßgeschneidert, und Livia hat das vage Gefühl, mit diesem Kleidungsstück ein Erbe anzutreten.

Nach dem Frühstück macht sich Livia auf den Weg zur Schule, und dabei nimmt sie wie gewohnt die Abkürzung über den Friedhof. In der Schule wird Livias Mantel gebührend bewundert, und ihre beste Freundin, Klara, probiert ihn auch einmal an, doch irgendwie paßt er ihr nicht richtig, sie findet den Stoff kratzig.

Livia ist in ihrer Begeisterung für den neuen, alten Mantel nicht zu erschüttern. Nach dem Unterricht will sie die übliche Abkürzung über den Friedhof nehmen. Doch diesmal wird aus der Abkürzung ein Umweg. Aus einer unerklärlichen Regung heraus spaziert sie in einen Bereich des Friedhofs, wo die Gräber nicht mehr gepflegt werden und die Toten schon so lange ruhen, daß sie wohl ganz vergessen worden sind.

Gegenüber einer steinernen Bank entdeckt Livia den kleinen Grabstein eines Kindergrabes mit folgender Beschriftung: »ELIN HEDBERG 1921 – 1932«. Livia ist seltsam angerührt vom Tode dieses Mädchens, und an den folgenden Tagen besucht sie immer wieder dieses verlassene Grab und schmückt es mit einem Mosaikherz aus Kastanien, Blättern, Vogelbeeren und Hagebutten. Schließlich stellt sie noch ein Windlicht auf und betrachtet zufrieden ihr Werk.

Nach und nach bekommt Livia heraus, welche schicksalhafte Verbindung zwischen dem geheimnisvollen Mantel und der so früh verstorbenen Elin besteht. In einer der Manteltaschen findet sie verborgen im Futter einen kleinen silbernen Schlüssel. Bei ihren regelmäßigen Friedhofsbesuchen trifft sie zufällig einen Menschen, der ebenfalls das Grab von Elin schmückt und der vor langer Zeit das Tagebuch von Elin „geerbt“ hat.

In die Darstellung der Geschichte von Livia sind die alten Tagebucheintragungen von Elin
eingefügt. So begleitet Elins autobiographische Stimme, die empfindsame Spurensuche Livias.

Katarina Genar erzählt die Geschichte dieser beiden Mädchen sehr einfühlsam und mit großer Herzenstiefe. Es gelingt ihr, eine sensible Spannung zu erzeugen, die nicht mit eindeutigen Erklärungen aufgelöst wird, sondern die einfach in der Schwebe des Geheimnisvollen bleibt. Auf diese Weise meistert sie die Kunst, Seelengröße in ein kleines Buch zu zaubern.

 

Die Autorin:

»Katarina Genar wurde 1973 im schwedischen Linköping geboren. Nach Jahren in Deutschland, Frankreich und Stockholm lebt sie heute mit ihrer Familie wieder in ihrer Geburtsstadt. Sie ist als Logopädin tätig und schreibt daneben magisch-realistische Kinderbücher mit einer geheimnisvollen, ganz eigenen Note. Der rubinrote Mantel ist das erste ihrer Bücher, das auch auf Deutsch erscheint.«

 

 

Der vierte Versuch

  • von Catherine  O’Flynn
  • Arche Verlag 2011
  • 978-3-7160-2645-8
  • 300 Seiten,  19,90  €
  • Übersetzung aus dem Englischen von
  • Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Taschenbuchausgabe bei btb                              http://www.btb-verlag.de
  • 978-3-442-74416-9
  • 9,99 €
    Der vierte Versuch von Catherine OFlynn9783716026458.jpg Der vierte Versuch

PROVINZPROMINENZ

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

 „Der vierte Versuch“  ist ein leises Buch, eine Choreographie der kleinen und  großen, der unsichtbaren und sichtbaren Abschiede.

Wie schon in ihrem faszinierenden ersten Roman „Was mit Kate geschah“  (siehe meine  Besprechung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/04/10/was-mit-kate-geschah/ )
, erweist sich Catherine O‘ Flynn als eine Meisterin der Schilderung des feinen zwischenmenschlichen Gefühlsgewebes, das unser Leben maßgeblich bestimmt.

Frank  Allcroft arbeitet als Moderator bei einem Fernsehsender in seiner Heimatstadt Birmingham. Er genießt eine gewisse Provinzprominenz, ist jedoch angenehm frei von Profilneurosen und sonstigen mediengemäßen Selbstdarstellungsaufblähungen.

Gelegentlich berichtet er in seiner Sendung über Menschen, die dermaßen einsam und isoliert gelebt haben, daß ihr Tod erst nach vielen Tagen, einmal sogar erst nach fast drei Wochen bemerkt wird. Er macht es sich zur Gewohnheit, zu den menschenleeren Beerdigungen dieser Toten zu gehen und ihnen auf diese Weise Respekt zu zollen. Manchmal hilft er auch bei der Recherche nach eventuellen entfernten Angehörigen.

Im Gegensatz dazu hat der plötzliche Unfalltod, mit Fahrerflucht, seines väterlichen Freundes und einstigen Mentors Phil eine breite Öffentlichkeit. Phil hatte eine glanzvolle Karriere beim überregionalen Fernsehen gemacht und war ein richtiger Fernsehstar, der mit 78 Jahren noch munter auf der Bühne stand. „Phil war mit so einer Art televisuellem Feenstaub gesegnet – “

Als Frank bei der Durchsicht von Unterlagen eines seiner einsamen Toten ein Kinderfoto von Phil und dem Verstorbenen findet, macht er sich auf weitere Spurensuche, in der Hoffnung, vielleicht etwas zur Aufklärung des Unfalles seines Freundes beitragen zu können.

In geschickt eingeschobenen Rückblenden erfahren wir von Franks Verhältnis zu Phil, nehmen Teil an Franks Kindheitsprägungen und sehen, wie sich Birminghams Stadtbild verändert. Frank ist ein freundlicher und melancholischer Charakter, der auch damit zu kämpfen hat, daß die einst zukunftsträchtigen Hochhäuser, die sein Vater in den siebziger Jahren als Architekt entworfen hat, nach und nach abgerissen werden und neuen Stadtplanungen weichen müssen.

Beiläufig wird Sozialkritik  geübt, z.B. wenn Frank beim Besuch einer Moderatorin erlebt, wie ein Interview nachträglich so zusammengeschnitten wird, das die Antworten besser zum beabsichtigten Sendeformat passen, oder wenn Frank die Entscheidung des Produzenten in Frage stellt, welche Geschichten und Nachrichten es wert sind, die Sendebühne zu erreichen.

Der Roman hat eine angenehm undramatische Spannung, die selbst für nur momenthaft auftauchende Nebenfiguren Anteilnahme und Interesse weckt. Die durchgehende Abschiedsstimmung wird durch wohldosierte Prisen feinen Humors aufgelockert.

Dazu gehören besonders die putzigen Szenen, in denen sich Mo, die kleine Tochter von Frank, dazu berufen fühlt, die offenkundige Traurigkeit ihrer Großmutter zu verringern. Sie holt sich Anregungen aus den Gratisblättchen mit Tipps  für Senioren und installiert diverse, mehr oder weniger gelungene, Alltagserleichterungen in der Wohnung ihrer Oma.

Franks Suchergebnis ist am Ende fast nebensächlich, bleibt doch das Hauptthema der Geschichte, empfindsam und scharfsinnig, unterschiedliche Varianten des Umgangs mit Alter, Tod und Vergänglichkeit darzustellen.

Unsere Abwesenheit ist das, was von uns bleibt.“