Zwischen zwei Sternen

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »A Closed and Common Orbit«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von
  • Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 2
  • Fischer TOR Verlag   Februar 2018  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 464 Seiten
  • 9,99 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03569-4

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung  von Ulrike Sokul ©

Wie ich in der Besprechung des ersten Bandes aus dem Wayfarer-Universum schon an- gekündigt hatte, gewährt uns der zweite Band einen ausführlichen Blick in das Leben der Technikerin Pepper. Doch zuvor bedarf es eines kurzen Rückblicks zum Ausgang des ersten Bandes.

Die Wayfarer ist ein Tunneler-Schiff und bohrt im Auftrag der GU (Galaktische Union) an bestimmten Koordinaten stabilisierte Wurmlöcher ins All. Bei der letzten Bohrung wurde die Wayfarer von einem Raumschiff der kriegerischen Toremi mit einer Strahlen- dosis beschossen, wodurch es zu einem katastrophalen Kaskadenversagen kam, in dessen Folge die empfindungsfähige KI des Raumschiffs kollabierte. Das Wurmloch konnte nicht stabilisiert werden, und es gelang den vereinten Kräften der Crew nur knapp, das beschädigte Schiff aus der Gefahrenzone zu manövrieren.

In all den Jahren der Zusammenarbeit ist die KI der Besatzung ans Herz gewachsen, sie wird von allen liebevoll mit dem Spitznamen „Lovey“ angesprochen, und der Comptech Jenks ist sogar in die KI verliebt. Jenks hatte vor dem letzten Bohrauftrag seine alte Freundin Pepper gebeten, ein Bodykit für Lovey zu beschaffen, um sie eines Tages vom Schiff in einen mobilen Körper zu transferieren.

Der Neustart der KI-Systeme birgt die Gefahr, daß die alte „Lovey“ mit ihrer im Aus-tausch mit der Crew geformten Persönlichkeit gelöscht wird und nur das jungfräuliche Startprogramm einer Schiffs-KI übrig bleibt. Genau dies geschieht, doch da Jenks die vage Hoffnung hegt, daß die alte Lovey in der neuen Lovey datenspeichermäßig wieder-erwacht, bittet er Pepper, die neue Lovey  im Bodykit mitzunehmen und sich um sie zu kümmern. Das ist zwar illegal, denn die Gesetze der GU verbieten sogenannte „Mime-tische KI-Gehäuse“, aber Pepper kümmert das wenig, und sie reist mit der KI auf den neutralen Planeten Port Coriol, wo sie einen Schrott- und Reparaturladen betreibt.

Die KI sucht sich den neuen Namen Sidra aus und kämpft sich durch den reduzierten Wahrnehmungshorizont eines „menschlichen“ Körpers. Als multitaskingfähige Schiffs-KI wurde sie darauf programmiert, stets alles über diverse Kameras rundum im Überblick zu behalten, jede Bewegung und jede Veränderung zu registrieren und auszuwerten, was angesichts der räumlichen Unbegrenztheit und der unendlichen Detailfülle eines mulitispeziär besiedelten Planeten und des organisch-eingeschränkten Blickwinkels einer menschlichen Körperkonstruktion eine kognitive Herausforderung darstellt.

Pepper steht Sidra hilfreich zur Seite, und sie findet auch nach und nach technische Lösungen für Sidras Anpassungsschwierigkeiten. Besonders gefährlich und kniffelig ist ein internes Protokoll, daß es Sidra unmöglich macht, zu lügen oder direkte Handlungs- aufforderungen zu übergehen.

Als Sidra fragt, warum Pepper das Risiko eingehe, eine KI bei sich zu Hause aufzuneh-men, antwortet Pepper, daß sie etwas gutzumachen habe, denn sie sei von einer KI großgezogen worden.

In Rückblenden erfahren wir nun von Peppers Lebenslauf. Pepper wurde auf dem Plane-ten Aganon geboren bzw. gezüchtet. Auf Aganon befindet sich die letzte Kolonie der Bewegung „Bessere Menschheit“, die wegen ihrer extremen klassengesellschaftlichen Orientierung aus der GU ausgeschlossen wurde. Die Verbesserer manipulieren die Gene entsprechend der gesellschaftlichen Rolle und der Arbeit, die ein Mensch später ausfüllen soll. Menschen, die für niedere Arbeiten als Arbeitssklaven gezüchtet werden, bekommen nur zwei Genmanipulationen: Sie haben keine Körperbehaarung und sie sind unfruchtbar.

Damals hieß Pepper Jane 23, sie war eine von vielen Janes einer Generation, die in einer riesigen Fabrik Schrott säubern und wiederverwertbare Teile aussortieren. Erzogen und bewacht werden die Janes von maschinellen Müttern ohne Gesicht, sie lernen nur die Sachverhalte und Wörter, die für ihre Arbeitsaufgaben gebraucht werden. Jedes Jahr bekommen sie etwas anspruchsvollere Schrottaufgaben und ziehen in einen anderen Teil der Fabrik um.

Jede Jane hat eine dauerhafte Schlafpartnerin, da die „Mütter“ der Ansicht sind, daß diese Form der Nestwärme und zwischenmenschlichen Nähe für die Janes gesundheits-förderlich sei. Jane 23 teilt sich mit Jane 64 das Bett, und die beiden verstehen sich gut und haben einander wirklich gern.

Jane 23 findet Gefallen an ihrer Arbeit, sie ist aufgeweckt und tüftelt sich gerne durch schwierige Schrotteile, wofür sie von den Müttern gelobt wird. Als Jane zehn Jahre alt ist, kommt es zu einer Explosion, bei der einige Janes sterben und viele verletzt werden. Jane 23 erblickt durch die aufgerissene Fabrikwand zum ersten Mal den blauen Himmel und die unendliche Schrotthaldenlandschaft außerhalb der Fabrik. Dies macht einen solch nachhaltigen Eindruck auf sie, daß sie nach einigen Tagen heimlich nächtens gemeinsam mit Jane 64 in die Fabrikhalle zurückgeht, um Jane 64 den blauen Himmel zu zeigen.

Diesmal ist der Himmel zwar nicht blau, sondern schwarz, aber dafür voller silbrig funkelnder Lichter und Monde, was Jane 23 nicht minder fasziniert, und sie traut sich einige Meter nach draußen, während Jane 64 noch zögert. Jane 23 geht noch etwas weiter, bis eine Mutter auftaucht, Jane 64 festhält und Jane 23 befiehlt, sofort zurück-zukommen. Jane 23 schwankt kurz zwischen ihrer Anhänglichkeit an Jane 64 und ihrem Freiheitsdrang, und als Jane 64 ihr zuruft „Lauf!“, da läuft sie und läuft und läuft, und sie wird nicht verfolgt.

Nach einer Weile wird Jane 23 jedoch von wilden Hunden gejagt und ist fast am Ende ihrer Kräfte, nur reiner Überlebenswille hält ihre Beine in Bewegung. Plötzlich hört sie eine Stimme, die ihr zuruft, sie solle zu ihr laufen, sie könne sie beschützen. Jane sieht ein altes Shuttle aufleuchten und eine geöffnete Tür. Sie erreicht das Shuttle, die Tür schließt sich hinter ihr und die Hunde bleiben draußen.

Das Shuttle verfügt über Solarzellen, und deshalb hat es ausreichend Energie, um die schiffseigene KI sowie einige Bord-Funktionen aktiv zu halten. Die KI hat den Namen Eule und kümmert sich fortan um Janes Schutz und Bildung. Es gibt noch brauchbare Vorräte, Medikamente, Kleidung, Werkzeuge, ein Wasserfiltersystem usw.

Eules einfühlsame Erziehung eröffnet Jane neue Horizonte, sie erfährt von anderen Planeten, Spezies und Gesellschaftsformen, sie lernt lesen und schreiben, und ihr Wort-schatz erweitert sich beträchtlich. Denn in der Fabrik gab es nur gutes und schlechtes Benehmen, falsch und richtig sowie mechanisch-technisch-physikalische Adjektive, jedoch keine differenzierten Gefühlsausdrücke. Wieviel Welterschließung und Selbster-kenntnis in Worten liegt, wird bei Janes Wortschatzwachstum sehr anschaulich und anrührend deutlich.

Jane bringt technisches Grundwissen mit und unerschöpfliche Wißbegier, und sie beginnt kleinere Reparaturen am Shuttle vorzunehmen. Die unendliche Schrotthalde hat den Vorteil, daß genügend Ersatzteile und brauchbare Materialien zur Verfügung stehen, und den Nachteil, daß dort außer einem eßbaren Pilz keine Nahrungsmittel wachsen. Außerdem muß Jane aus einiger Entfernung Wasser herbeiholen, was wegen der wilden Hunde gefährlich ist. Mit Eules Hilfe baut sich Jane eine Waffe und kann sich erfolgreich gegen die Hundeangriffe verteidigen.

Eule ermutigt Jane, das Shuttle zu reparieren, damit sie den Planeten verlassen und den Einflußbereich der GU erreichen können. Es dauert neun Jahre, bis Jane das Shuttle soweit in Stand gesetzt hat, daß man damit fliegen kann. Treibstoff organisiert sie von einem in größerer Entfernung befindlichen Frachtdrohnenlandeplatz, wo der Schrott abgeladen wird. Dort findet sie in Laurian, einem Wachmann, einen unerwarteten Ver-bündeten. Laurian war eigentlich für eine Führungskraftrolle gezüchtet worden, wegen seines Stotterns wurde er dann jedoch aussortiert und zum Wachdienst versetzt.

Jane, Laurian und Eule gelingt die Flucht, und sie werden von der GU aufgenommen. Das Shuttle, inklusive der integrierten KI, wird allerdings beschlagnahmt, da es gegen diverse Raumflugsicherheitsvorschriften verstößt – Bürokratie ist wahrlich universell.

Auf dem Planeten Port Coriol beginnen Jane und Laurian miteinander ein neues Leben. Jane nennt sich fortan wegen ihrer Begeisterung für Gewürze Pepper und Laurian nennt sich Blue. Pepper arbeitet weiter als Schrott- und Reparatur-Technikerin, und Blue wird Maler.

Niemals gibt Pepper die Suche nach dem Verbleib des alten Shuttles auf, weil die Ki-Eule für sie gleichsam ein Familienmitglied ist. Eines Tages erhält sie die Information, daß ihr altes Shuttle in einem „Museum für interstellare Migration“ gestrandet sei …

Die Rückblenden in Janes/Peppers Kindheit und Jugend wechseln sich ab mit den Erfah-rungen Sidras auf Port Coriol. Das ergibt interessante Perspektivwechsel. Jane wird von der KI-Eule in Hinsicht auf das Leben mit Menschen und anderen Spezies geschult, u.a. durch das Erlernen der Sprache Klip, der gemeinsamen Sprache aller GU-Mitglieder, und durch kosmopolitischen Biologie- und Geschichtsunterricht.

Umgekehrt bemüht sich Pepper, die KI-Sidra mit dem wirklichen Leben und echten zwischenmenschlichen Interaktionen vertraut zu machen. Theoretisches Wissen ist kein Problem für Sidra, sie kann sich benötigtes neues Sachwissen oder Sprachkenntnisse einfach herunterladen und integrieren, aber unmittelbare Kontakte mit Menschen und anderen Spezies und körperliche Gefühlsreaktionen und echte Sinneserfahrungen sind anfangs eine große – teilweise aber auch angenehme – Herausforderung für Sidra.

Auch der zweite Wayfarer-Band wartet mit detailverliebt-einfallsreicher, zukunfts- musikalischer Technik und komplexer, intergalaktischer Gesellschaftsordnung sowie vielfältigen, teilweise buchstäblich kunterbunten Spezies auf. Faszinierend-unkonven- tionelle, interspeziäre, dreigeschlechtliche Variationen familiären Zusammenlebens spielen eine inspirierende Nebenrolle. Spannung und Humor kommen dabei auch diesmal nicht zu kurz.

Durch die beiden sehr ausgereiften Hauptfiguren Jane/Pepper und Sidra werden mit lebhafter Anschaulichkeit ethische, philosophische und sozialkritische Betrachtungen rund um Genmanipulation, künstliche und organische Intelligenz, Freiheit und Unfrei- heit, Bildung und Bindung sowie Lebenssinn und Bestimmung inszeniert.

„Bei den Sternen“: Davon will ich noch viel mehr lesen. Band drei der Wayfarer-Serie ist schon in greifbarer Sichtweite …

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite: https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_zwischen_zwei_sternen/9783596035694

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Buch-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2018/02/12/flowerpower-goes-scifi-die-zweite/

Hier entlang zum ersten Band „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2019/05/01/der-lange-weg-zu-einem-kleinen-zornigen-planeten/

 

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

 

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Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

  • von Becky Chambers
  • Roman
  • Originaltitel: »The Long Way to a Small Angry Planet«
  • Übersetzung aus dem Amerikanischen von
  • Karin Will
  • Wayfarer-Universum Band 1
  • Fischer TOR Verlag  Oktober 2016  www.tor-online.de
  • Taschenbuch
  • 544 Seiten
  • 9,90 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-596-03568-7

INTERGALAKTISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bei den Sternen – das ist exorbitant lesenswert! Dieser Science-Fiction-Roman gewährt uns eine Horizonte öffnende und ebenso amüsant-abenteuerliche wie feinsinnig-vielschichtige Lesereise, die einen nachhaltig-bedenkenswerten Eindruck hinterläßt.

Gewiß geschieht es immer wieder, daß uns Romanfiguren ans Herz wachsen, doch Becky Chambers schafft es, daß uns sogar gänzlich fremde Spezies vertraut werden und man sie keineswegs weniger schätzen lernt als Vertreter der eigenen Art. Ich will jedoch sogleich vorwegnehmen, daß die Menschheit in der Galaktischen Union (im weiteren Verlauf abgekürzt GU genannt) nicht den besten ethischen Ruf genießt, aber das ist eine Einschätzung, zu der wir selbst ebenfalls nicht allzu selten neigen.

Rosemary Harper hat triftige Gründe, ihren Heimatplaneten Mars zu verlassen und ihr bisheriges, privilegiertes Leben zu vergessen. Sie tritt eine Stelle als Verwaltungskraft auf einem Tunnelerschiff an. Tunnelerschiffe bohren an bestimmten Koordinaten stabile Wurmlöcher ins All und verbessern durch diese Interspace-Passagen exorbitant die Reisegeschwindigkeit für alle Mitglieder der GU.

Ashby Santoso, der Kapitän des Raumschiffs Wayfarer, freut sich, daß ihm in der Person Rosemary Harpers nun endlich jemand den lästigen Verwaltungskram abnimmt. Sein Algaeist, Artis Corbin, bemängelt zwar die Einstellung einer jungen Frau, die noch keine Erfahrung mit Langstreckenflügen hat, aber Ashby verteidigt diplomatisch seine Perso- nalauswahl. Ein Algaeist ist – nebenbei bemerkt – zuständig für die Wartung der Algen- tanks und der darin befindlichen Algen, die den Treibstoff für das Raumschiff produ- zieren. Da dies eine lebenswichtige Aufgabe ist, erträgt die gesamte Besatzung, mehr oder weniger gelassen, die mißmutigen Launen des Algaeisten.

Die weiteren Besatzungsmitglieder der Wayfarer sind wesentlich umgänglicher und nehmen Rosemary mit offenen Armen, Tentakeln und Krallenhänden auf: Da sind Kizzy Shao, die chaotische Mechtech und der kleinwüchsige Jenks, der Comptech, dann die attraktive Pilotin Sissix, die zur echsenähnlichen Spezies der Aandrisks gehört, sodann der sechsbeinige, raupenförmige, sehr lebensweise und kräuterkundige Dr. Koch, der zur aussterbenden Spezies der Grum gehört und dessen Aufgaben an Bord der Wayfarer medizinischer und kulinarischer Natur sind. Außerdem gibt es den Navigator, Ohan, der ein Sianat ist und dank der Symbiose mit einem Neurovirus, dem sogenannten Flüste- rer, den multidimensionalen Raum wahrnehmen kann. Und nicht zu vergessen Lovelace: die empfindungsfähige KI des Raumschiffs, die von allen liebevoll mit dem  Spitznamen Lovey angesprochen wird.

Der Comptech Jenks ist in Lovey verliebt. Diese Liebe wird von Lovey erwidert, und die beiden planen heimlich, ein Bodykit (einen synthetischen menschlichen Körper) zu organisieren und die KI nach Abschluß des  letzten Wayfarer-Auftrages dort hinein zu transferieren. Nach den geltenden Gesetzen der GU haben empfindungsfähige KIs keine Bürgerrechte. Es ist verboten, sie außerhalb der für sie vorgesehenen Funktionen zu installieren – ganz zu schweigen davon, die in einem mobilen Bodykit unterzubringen, was es fast unmöglich machen würde, sie von biologischen Lebewesen zu unter- scheiden.

Die Besatzung pflegt einen familiären Umgangston miteinander, und alle erfüllen ebenso ihre Pflichten, wie sie sich der Entspannung und dem kommunikativen Aus- tausch widmen. Es gibt eine universelle Sprache „Klip“, die von allen Spezies der GU beherrscht wird. Doch auch Begriffe oder Handgesten aus der einen oder anderen inter- galaktischen Fremdsprache dienen der Verständigung, wenn sie von besonderer kommunikativer Angemessenheit sind.

Das Tunnelbohren ist eine ganz gewöhnliche Arbeit im Kontext der GU, auch wenn sie besonders vom Navigator und Piloten minutiöse Präzision erfordert. Für Rosemary ist das noch Neuland, und ihre Kollegen geben sich große Mühe, alle astrophysikalischen Phänomene und technischen Vorgänge anschaulich zu erklären, die damit in Zusam- menhang stehen, so daß wir als Mitleser auch einen kleinen Schimmer davon erhaschen.

Kapitän Ashby bekommt von der GU einen außergewöhnlichen Auftrag für eine Tunnel-bohrung bei Hedra Ka. Der Auftrag ist vielversprechend und lukrativ: sechsunddreißig Millionen Credits, zuzüglich Spesen! Das Gebiet, in das sie reisen müssen, gehört allerdings dem kriegerischen Volk der Toremi, mit dem die GU neuerdings in Verhand- lungen getreten ist, da die Toremi über große Mengen von Ambi, einem begehrten Treibstoff-Rohstoff, verfügen.

Kurz bevor sich die Wayfarer auf den langen Weg nach Hedra Ka macht, besucht die Besatzung den neutralen Planeten Port Coriol, der sich durch seine multispeziäre Vielfalt, zahllose unkonventionell-kreative Technikfreaks und Künstler und eine dementsprechende Warenvielfalt auszeichnet, wozu auch illegale Technologie und diverse Rauschmittel gehören.

Der Comptech Jenks nutzt die Gelegenheit, seine alte Freundin Pepper zu besuchen, die einen Schrott-Reparaturladen führt und auf Port Coriol sehr gut vernetzt ist. Er bittet Pepper, sich nach einem Bodykit für Lovey umzusehen. Nachdem Pepper Jenks eindring-lich ins Gewissen geredet hat, welch große Verantwortung er damit übernimmt, eine KI in einem mobilen Körper und die damit verbundenen Wahrnehmungseinschränkungen unterzubringen, willigt sie ein, ihre Beziehungen spielen zu lassen.

Die illegale Seite dieser Angelegenheit ist für Pepper nebensächlich, denn angesichts ihrer dramatischen Vergangenheit ist ein illegales Bodykit eine Sache, die man – bei aller gebotenen Vorsicht – spielerisch angehen kann. Peppers lebensläufiger Hintergrund wird im zweiten Band der Wayfarer-Reihe („Zwischen zwei Sternen“) noch ausführlich thematisiert werden.

Auf dem langen Weg nach Hedra Ka gibt es spannende Zwischenstopps und Erholungs-pausen auf anderen Planeten. Sissix kann sogar in Begleitung der Crew für einige Tage ihre Familie besuchen und Rosemary ein tieferes Verständnis für die gänzlich anderen Familienstrukturen und die berührungsintensive Kommunikationsweise der Aandrisks vermitteln.

Bei einem weiteren Zwischenstopp auf dem Mond Zirp, auf dem neben alten Bekannten von Kizzy auch angriffslustige Ketlinge, eine Art Riesengrashüpfer, leben, besorgt Kizzy einige maschinelle Ersatzteile und Schutzschilde und versucht vergeblich, Kapitän Ashby davon zu überzeugen auch ein paar Waffen zur Verteidigung der Wayfarer anzuschaffen.

Bei der Tunnelbohrung im Gebiet der Toremi wird es schließlich äußerst gefährlich …

Der Reiz dieses SF-Romans liegt in der differenzierten Figurengestaltung. Die verschie-denen Spezies werden nicht nur mit ihren körperlichen Merkmalen, sondern einfühlsam und phantasievoll mit ihrem kulturellen und historischen Hintergrund sowie mit ihren sprachlichen Feinheiten dargestellt. Beispielsweise kommunizieren die feingliedrigen, silbrig, schuppenhäutigen Äluoner untereinander über das Farbschimmern auf ihren Wangen, für die Kommunikation mit anderen Spezies benutzen sie jedoch eine implantierte Sprachbox.

Kleine Rückblenden auf die individuellen, biographischen Herkunftsgeschichten und die dramaturgischen Entwicklungen und unterschiedlichen Geisteshaltungen, die sich da- raus ergeben, runden die lebhaften Charakterisierungen anschaulich ab. Die Perspek- tive anderer Spezies auf die Menschheit gibt neckischen Anmerkungen zur fehlenden Reife der Menschheit viel Raum. So wird etwa die Stellungnahme eines Quelin-Abge- ordneten erwähnt, in der von der Aufnahme dieser pubertären und unbedeutenden Spezies in die GU dringend abgeraten wird, da sie nicht aus sich selbst heraus zu einer globalen Einheit gefunden habe und deshalb viel zu labil sei, um Teil der GU zu werden.

Ebensoviel Raum nimmt jedoch auch die wechselseitige Anziehungskraft und aufge-schlossene Neugier zwischen den Spezies ein, und es gibt durchaus Liebesbeziehungen zwischen verschiedenen Spezies.

Futuristische Technik spielt selbstverständlich ebenfalls eifrig mit. So schreibt man mangels Papier, das ein Luxusartikel ist, mit dem Scribus, einer Art Tablet-Computer mit Pixelstift und einem Pixelbildschirm, der durch eine Handbewegung ein- und ausge- schaltet wird. Imunobots, die in der Blutbahn patrouillieren und je nach Bedarf modifiziert oder ausgetauscht werden, sind ebenso selbstverständlich wie ein kleines Unterarmimplantat, das alle relevanten Persönlichkeitsdaten, die ID, die Bankverbin- dungen und ein medizinisches Interface für die Imunobotskommunikation enthält.

Bei den Dentalbots, die man sich zum delegierten Zähneputzen in den Mund wirft,  sollte man jedoch darauf achten, diese nicht zu verschlucken. Dies wäre zwar nicht lebensbedrohlich, könnte aber Bauchschmerzen verursachen, da sie einfach weiterputzen, egal wo sie sich gerade befinden.

Die digitale GU-Standardwährung sind sogenannte Credits, und es gibt eine GU-Standard-Zeit, die in Tagzehnten strukturiert ist. Raumschiffe und Raumstationen verfügen über ein Artigrav-Netz, das bei Bedarf die Schwerkraft ausschaltet usw.…

Becky Chambers gelingt mit dem ersten Band der Wayfarer-Reihe eine attraktive Balance aus zukunftsmusikalischer Raumfahrt- und Alltagstechnik und komplexem, zwischenspeziärem Miteinander. Der ebenso tiefsinnige wie unterhaltsam-verspielte, philosophisch-sozialkritische und phantasievoll-visionäre Facettenreichtum dieses SF-Romans fasziniert von der ersten bis zur letzten Seite.

Ich kann es kaum abwarten, Ihnen auch den zweiten Band leseschmackhaft zu machen.

Nachfolgend noch ein Zitat-Kostprobe:

»Gelehrte, die sich mit intelligentem Leben beschäftigen, haben festgestellt, dass alle jungen Zivilisationen ähnliche Entwicklungsstadien durchlaufen, ehe sie bereit sind, ihre Entstehungsplaneten zu  verlassen. Das vielleicht wichtigste Stadium ist das »intra-speziäre Chaos«. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet sich, ob eine Spezies zu einer globalen Einheit findet oder in verfeindetet Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind – sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.« (Seite 414)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.fischerverlage.de/buch/becky_chambers_der_lange_weg_zu_einem_kleinen_zornigen_planeten/9783596035687

 

Hier entlang zu einer weiteren begeisterten Rezension auf dem Bücher-Blog „Feiner reiner Buchstoff“: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2017/02/12/spacegirls/

 

Die Autorin:

»Becky Chambers ist als Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrt-technikers in Kalifornien aufgewachsen. Die Zeit zum Schreiben ihres ersten Romans hat sie sich durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert. Das Buch wurde prompt zu einem Überraschungserfolg.«

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

Ich und die Menschen, Hörbuch

  • von Matt Haig
  • Übersetzung aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • HÖRBUCH
  • Vollständige Lesung, ca. 8 Stunden, 29 Minuten
  • 1mp3-CD
  • 9,99 € (D),  11,20 € (A), 15,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1403-2
  • Sprecher: Christoph Maria Herbst
  • Regie: Oliver Versch
  • Produktion: Der Hörverlag 2013                                      http://www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: dtv premium April 2014
    Ich und die Menschen von Matt Haig

LIEBE   ODER   LOGIK,   DAS   IST   HIER   DIE   FRAGE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Aus Sicht einer außerirdischen Spezies, die als einzige Religion die Mathematik kennt, Gewalt und Gier längst hinter sich gelassen, und Dank überlegener Biotechnologie (Transzellulare Heilung) Unsterblichkeit erlangt hat, sind wir gegenwärtigen Menschen ziemlich unterentwickelt, und unsere Zivilisation erscheint vergleichsweise düster und lebensgefährlich. Das ist auch der Grund, warum der Friede im All bedroht ist, wenn die psychisch so unreife menschliche Gattung weitere mathematische Entdeckungen und in deren Folge technische Fortschritte macht.

Die universellen „Moderatoren“ des Planeten „Vonnandoria“ schicken einen „Geheimagenten“ auf die Erde, um den menschlichen Fortschritt aufzuhalten. Denn ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „ Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das sollte aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, das man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickeln.

Zunächst ist der außerirdische Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martins, an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen, an die Funktionen des menschlichen Körpers, den Sprachkontext, die rätselhaften Bekleidungscodes und menschlichen Verhaltensweisen anzupassen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Der Vonnadorianer hat den Auftrag, die Information spurlos zu vernichten und auch eventuelle menschliche Mitwisser unauffällig durch „natürliche“ Todesursachen zu eleminieren. Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Vorurteile und Negativeinschätzungen bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart, und er ist vollkommen überzeugt von der Rechtmäßigkeit seiner Mission.

Doch seine Gewissheiten geraten nach und nach ins Wanken. Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit „seiner“ Familie und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik und entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Die Komplexität, Widersprüchlichkeit und absolute Verletzlichkeit der menschlichen Daseinsform löst unerwartet starke Empathie, Faszination und Rührung in ihm aus.

Die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, drängen auf die Erfüllung der Mission und sein Vorschlag, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu erfahren, wird von ihnen rundweg abgelehnt.

Der Außerirdische wird schließlich entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Matt Haigs Roman „Ich und die Menschen“ hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des äußerst vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Der Schauspieler Christoph Maria Herbst spricht und spielt den Außerirdischen mit stimmlicher Vielschichtigkeit. Die Entwicklung von abwertender Überheblichkeit zu teilnahmsvoller Betroffenheit wird von ihm sehr präzise dargestellt. Am Anfang noch mit etwas tonloser, fast sprachfremdelnder Distanz und sachlich-kühlem Duktus, erwärmt sich die außerirdische Stimmlage langsam mit erwachender Emotionalität, Begeisterung und Lebhaftigkeit.

Aber auch alle anderen Rollen (sogar die weiblichen) gelingen Christoph Maria Herbst ausgesprochen gut und überzeugend.

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des „numerischen Begriffsvermögens der Menschen“ charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu,
trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der Riemannschen Vermutung handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Hörbuch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung im Abschnitt Nr. 25 anschaulich erläutert.

Querverweis:

Wer eine ausführliche Inhaltsangabe und einige Zitate lesen möchte, kann ergänzend meine BUCHbesprechung zu „Ich und die Menschen“ aufrufen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/04/01/ich-und-die-menschen/

Der Sprecher:

»Christoph Maria Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, absolvierte eine Ausbildung als Bankkaufmann, bevor er sich für die Schauspielerei entschied. Es folgten Theaterengagements und Fernsehauftritte, u.a. bei Anke Engelkes Ladykracher, wofür er seinen ersten Deutschen Comedypreis als bester Nebendarsteller erhielt. Für seine Titelrolle in Stromberg wurde er u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Christoph Maria Herbst las für den Hörverlag bereits Josh Bazells Schneller als der Tod sowie Einmal durch die Hölle und zurück

Der Autor:

»Matt Haig wurde 1975 in Sheffield geboren und lebte für einige Zeit abwechselnd in London und auf Ibiza. Er arbeitete als freier Journalist für diverse Tages- und Wochenzeitungen, unter anderem für den Guardian, die Sunday Times und den Independent. 2004 erschien in England sein erstes Buch, Für immer, euer Prince, das dort zu einem Bestseller avancierte. Inzwischen hat Matt Haig mehrere Romane sowie Kinderbücher veröffentlicht. Der Autor lebt in York.«

Ich und die Menschen

  • von Matt Haig
  • Originaltitel: »The Humans«
  • Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • Deutsche Erstausgabe, dtv premium  April 2014  http://www.dtv.de
  • 352 Seiten
  • zweiundsiebzigtausendneunhundertfünfzig Wörter
  • Klappenbroschur
  • 14,90 €
  • ISBN 978-3-423-26014-5
  • Taschenbuchausgabe  August 2015       DTV Verlag
  •  9,95 € (D),  10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21604-3
    ich_und_die_menschen-9783423260145

LIEBE  ODER  LOGIK,  DAS  IST  HIER  DIE  FRAGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Eine außerirdische Perspektive auf die Erde und die menschliche Zivilisation hat ihren ganz eigenen Reiz. Sie verschafft uns den besonderen Blick auf das Alltägliche.

Der Ich-Erzähler in „Ich und die Menschen“ ist ein Vonnadorianer, und er kommt von sehr, sehr weit her; um Zahlen sprechen zu lassen: der Planet Vonnadoria befindet sich in 8 653 178 431 Lichtjahren Entfernung zum Planeten Erde, und auf Vonnandoria ist Mathematik die einzige Religion. Selbstverständlich ist der Erzähler auch logisch-intellektuell sowie bio-technologisch um Lichtjahre weiter entwickelt als unsereiner.

Der Gast aus dem All hat eine Mission zu erfüllen: Um des universellen Friedens willen soll der menschliche Fortschritt aufgehalten werden. Ein Mensch, ein Mathematikprofessor namens Andrew Martin, hat eines der größten mathematischen Probleme gelöst: Er hat den Beweis der „Riemannschen Vermutung“ erbracht.

Dieser mathematische Fortschritt wäre der Schlüssel zu neuen Technologien, die der Menschheit u.a. interstellare Reisen ermöglichen könnten, und das soll aus Sicht der außerirdischen „Moderatoren“ unbedingt verhindert werden, da die menschliche Spezies ohnehin schon über zu viele technische Mittel verfügt – bei gleichzeitiger psychosozialer und logischer Unterbelichtung. Die Menschen sind eine so arrogante, aggressive und gierige Spezies, daß man nicht tatenlos zusehen kann, wenn sie sich zu noch weitreichenderer Lebensgefährlichkeit entwickelt.

Nun – zunächst ist der Besucher eine ganze Weile damit beschäftigt, sich unauffällig in der angenommenen Gestalt des „ausgeschalteten“ Professors Martin an die für ihn sehr fremden irdischen Bedingungen anzupassen,an die Funktionen des menschlichen Körpers, die rätselhaften Bekleidungscodes, den Sprachkontext und die widersprüchlichen menschlichen Verhaltensweisen. Das vollzieht sich nicht ohne amüsante und schmerzliche Mißverständnisse und logische Fehlinterpretationen, weil Menschen selten logisch agieren.

Die erste Nachrichtensendung, die er sich im Fernsehen anschaut, bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen und negativen Vorurteile bezüglich der rettungslosen Egozentrik und Geldbesessenheit der menschlichen Wesensart. Irritiert nimmt er zur Kenntnis, daß die Nachrichten nur auf Menschen bezogen sind und daß die anderen drei Millionen Arten, die den Planeten bevölkern, buchstäblich ignoriert werden. Die Nachrichten berichten über Politik, Geld und Krieg, aber nicht über neue mathematische Erkenntnisse, geschweige denn über Ereignisse, die außerhalb des irdischen Sonnensystems stattfinden. Der Interessenshorizont der meisten Menschen geht offenbar nicht weit über den eigenen Vorgarten hinaus.

Der vonnadorianische Agent hat den Auftrag herauszufinden, wer, außer dem Professor, vom Beweis der Riemannschen Vermutung Kenntnis hat, und die betreffenden Personen zu töten. Dazu stehen ihm gewisse „Gaben“ (bio-technische Implantate) zur Verfügung, mit denen er eine natürliche Todesursache initiieren kann. Es fällt ihm leicht, die Dateien auf Professor Martins Rechner unwiderruflich zu löschen, denn „auf der Erde waren die Computer noch auf der präsensointelligenten Stufe ihrer Evolution; sie standen einfach herum und ließen den Benutzer auf sie zugreifen und sich nehmen, was er wollte, ohne den leisesten Protest.“
(Seite 79)

Schließlich soll verhindert werden, daß die Menschen noch mehr Erfindungen machen, die sie anschließend nicht mehr in den Griff bekamen (die Atombombe, das Internet, das Semikolon)…“ (Seite 100)

Doch nachdem er den ersten menschlichen Mitwisser (einen Mathematikerkollegen) durch einen Herzinfarkt getötet hat und Zeuge des emotionalen Aufruhrs geworden ist, den dieser Verlust bei der Witwe verursacht, fängt er langsam an, die außerirdische Distanz zu verlieren. Die Aussicht, noch weitere Menschen in die Nichtexistenz zu befördern, gefällt ihm immer weniger.

Durch die unvermeidliche zwischenmenschliche Nähe und das Vertrautwerden mit seiner „Familie“ und seinem Hund (Hunde bezeichnet er als „behaarte Hausgötter“), erfährt er nach und nach die fürsorgliche und liebevolle Seite menschlicher Beziehungen. Er findet Beispiele für Menschen, die nicht nach Geld und Ruhm gieren, er verliebt sich in die Lyrik von Emily Dickinson, er hört unerwartet schöne Musik, und er entdeckt genießbare Lebensmittel: Erdnußbutter und Tee.

Seine Gewissheiten geraten ins Wanken. Er zweifelt an der Rechtmäßigkeit seines Auftrages und versucht, die Moderatoren, mit denen er in techno-telepathischer Verbindung steht, davon zu überzeugen, daß die Vernichtung der Informationen ausreiche und keine weiteren Menschen für den Frieden im All geopfert werden müssen. Die Moderatoren drängen auf die Erfüllung der Mission und lehnen seinen Vorschlag ab, die Menschen näher zu erforschen und mehr über ihre Spezies zu lernen.

Wenn man zu einer Lebensform gehört, die unsterblich ist, ewigen Tag, ewigen Frieden, kein Wetter, keinen Schmerz und nur heilbare Krankheiten kennt, kann man schon Rührung und Faszination und sogar Bewunderung empfinden angesichts der absoluten Verletzlichkeit, Endlichkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der menschlichen Daseinsform- besonders wenn man angefangen hat, Bindungsgefühle und Empathie für bestimmte Menschen zu entwickeln.

Der Außerirdische wird entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Logik von der Liebe überwältigt und entscheidet sich für ein Leben auf der Erde, abgekoppelt vom vonnadorianischen Kollektiv. Er verzichtet auf seine Unsterblichkeit und läßt sich ganz und gar auf das Leben unter „zweibeinigen Lebensformen von mittelmäßiger Intelligenz“ ein.

Das führt zwangsläufig zu dramatischen Komplikationen, doch am Ende ist der Gast auf Erden endlich hier zu Hause.

Matt Haigs Roman hat Herz und Verstand, er ist anregend, klug, lebendig, mitfühlend, weise und lustig. Die Perspektive des sehr vernunftbetonten und logisch wahrnehmenden und denkenden Außerirdischen ermöglicht eine sehr pointierte und scharfsinnige Betrachtungsweise unserer gegenwärtigen Zivilisation. Seine gesellschaftskritischen Anmerkungen und Infragestellungen sind wahrlich angemessen und witzig.

Drei Zitate zur Einstimmung:

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als Nächstes kaufen sollen. Es ist eine ewige Spirale des Unglücklichseins, die man Kapitalismus nennt.“ (Seite 28)

Egal wie lange ich auf diesem Planeten bleiben würde, dachte ich, an den Anblick von Autos würde ich mich nie gewöhnen, die durch die Schwerkraft und minderwertige Technik an den Boden gebunden waren und dort nicht mal vom Fleck kamen, weil es so viele von ihnen gab.“ (Seite 129)

„Im Grunde waren soziale Netzwerke die Nachrichtenshow, auf die die Menschen gewartet hatten. Die Nachrichtenshow, in der es nur um sie ging. (Seite 221)

Und die Romantiker dürften den Fortschritten und Reflexionen, die der Außerirdische zum Thema „Liebe“ macht, gewiß zustimmen – auch wenn die nachfolgende Liebesdefinition von etwas geometrischer Poesie ist – mir gefällt sie einfach!

Zwei Spiegel, im perfekten Winkel einander gegenüber aufgehängt, die sich selbst im anderen sahen, die Sicht so tief wie die Unendlichkeit.“ (Seite 251)

PS:
Der Außerirdische in dieser Geschichte bemerkt bezüglich des numerischen Begriffsvermögens der Menschen charmant: „- Ihre Nerven waren der Mathematik einfach nicht gewachsen.“
Das trifft auf mich persönlich ganz gewiß zu, trotzdem erkläre ich in groben Zügen für alle unmathematischen Leser, worum es sich bei der „Riemannschen Vermutung“ handelt.

Es geht um die ORDNUNG der PRIMZAHLEN:
Der deutsche Mathematiker Bernhard Riemann konnte 1859 beweisen, daß es – für die ersten circa hundertausend Primzahlen – ein Muster für die scheinbar willkürliche Verteilung der Primzahlen gibt. Was der Menschheit bzw. der Mathematik nach wie vor fehlt, ist ein Beweis, der für alle Primzahlen gültig ist.

Alles klar? Ist doch gar nicht so schwer, es sei denn, Sie wissen auch nicht, was eine Primzahl ist. Aber so pessimistisch will ich jetzt nicht sein – was sollen denn die Außerirdischen von uns denken?

Im Buch werden die Primzahlen und die Riemannsche Vermutung auf den Seiten 82 bis 84 anschaulich erklärt.

Querverweis:

Und das HÖRBUCH – gelesen von Christoph Maria Herbst – habe ich nachfolgend besprochen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/07/09/ich-und-die-menschen-horbuch/


Der Autor:

»Matt Haig, wurde 1975 in Sheffield geboren. Er hat bereits einige Romane und Kinderbücher veröffentlicht, die mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet und in über zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Er lebt in York und London.
Matt Haig wurde mit seinen Roman ›Ich und die Menschen‹ für den Edgar Award, Kategorie »Best Novel« nominiert.
Der Edgar Allan Poe Award (kurz Edgar genannt) ist der weltweit populärste und gleichzeitig bedeutendste Preis für kriminalliterarische Werke in den USA.«

 

PPS:
Die Lektüre dieses Romans und die darin zitierten Emily-Dickinson-Gedichte haben mich übrigens dazu angeregt, endlich meine Lesewissenslücke bezüglich Emily Dickinson zu schließen…
Und nun – 600 Gedichte belesener als zuvor  –  folgt der Link zu meiner Rezension einer umfangreichen, zweisprachigen GEDICHTAUSWAHL von Emily Dickinson (übersetzt von Gunhild Kübler) :
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/02/18/emily-dickinson-gedichte/