Alte Sorten

  • von Ewald Arenz
  • Roman
  • Dumont Buchverlag   März 2019  www.dumont-buchverlag.de
  • gebunden
  • LESEBÄNDCHEN
  • 256 Seiten
  • ISBN 978-3-8321-8381-3
  • 20,00 € (D)

WACHSENDES  VERTRAUEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Literarische Figuren, die eine solch atmende Wahrhaftigkeit ausstrahlen wie in Ewald Arenz‘ Roman „Alte Sorten“ haben Seltenheitswert.

Es ist Spätsommer, und die siebzehnjährige Sally wandert einen Weinberg hinauf. Sie verfolgt kein Ziel; sie will einfach nur weg, weg von der Klinik, in der ihre Magersucht geheilt werden soll, weg von den Menschen, die sie nicht in Ruhe und nicht so sein lassen wollen, wie sie ist, und Sallys Wut mit ihrer therapeutischen Sanftmut erst recht zur Weißglut treiben. Noch scheint ihre Flucht nicht aufgefallen zu sein, und Sally überlegt, ob sie sich zutraut, draußen in der Natur oder vielleicht in einer Scheune im Heu zu übernachten.

Die Landwirtin Liss ist zwischen ihren Weinstöcken mit dem Anhänger ihres Traktors in einer Rinne stecken geblieben und fragt Sally, ob sie ihr kurz helfen könne, das Rad zu befreien. Sally ist von dieser direkten Frage und einfachen Bitte angenehm überrascht und packt unwillkürlich mit an. Nachdem der Wagen wieder an den Traktor angekuppelt ist, bietet Liss Sally spontan eine Übernachtung auf ihrem Hof an.

Sally wundert sich, aber sie nimmt das Angebot mit mißtrauischer Dankbarkeit an. Am nächsten Morgen – Liss ist längst mit Hofarbeiten beschäftigt – findet Sally auf dem Küchentisch eine abgedeckte Schale mit kleingeschnittenem Obst, Nüssen und Honig sowie eine Kanne mit schwarzem Tee. Als Sally vorsichtig vom Obst nascht, schmecken ihr die Birnenstückchen überraschend gut.

Sally, das Stadtkind, bleibt auf dem Bauernhof und findet schnell Gefallen am Land- leben. Sie hilft Liss bei der Kartoffel- und Obsternte, beim Holzstapeln, bei der Bienen- pflege und beim Brotbacken. Liss ist Mitte bis Ende vierzig, sie ist groß und stark und bewirtschaftet ihren Hof alleine; offensichtlich leisten ihr außer einer Schar Hühnern nur noch unzählige Bücher Gesellschaft. Sallys Fragen nach ihrer Vergangenheit weicht sie aus.

Beide Frauen haben enttäuschende, schlechte, verletzende Erfahrungen mit zwischen-menschlicher Nähe gemacht, beide lieben ihre Freiheit, reagieren allergisch auf Manipu-lationsversuche und verhalten sich gewohnheitsmäßig eher spröde bis abweisend. Aus regelmäßigen Erinnerungsrückblenden erfahren wir nach und nach von ihren jeweiligen biographischen und emotionalen Werdegängen.

Naturerfahrungen, die körperlich anstrengende, gleichwohl sichtbar-sinnerfüllte Arbeit, die einfachen Speisen und die Freiheit, die Liss Sally läßt, führen dazu, daß Sally wieder Geschmack am Leben findet, daß sie besser geerdet ist und zu sich findet. Liss, die sich in ihrer Einsamkeit eingerichtet hat und eingeschmiegt in die Gesetzmäßigkeiten der Jahreszeiten alle notwendigen Landarbeiten mit meditativer Präzision erledigt, empfindet zaghafte Freude an der Gesellschaft und an der lebhaften Mithilfe und Wißbegier von Sally.

Die Entwicklung des für beide Frauen ungewohnten zwischenmenschlichen Vertrauens verläuft keineswegs reibungslos. Die beiden Außenseiterinnen ringen oft um Worte und Erklärungen, bewegen sich aufeinander zu und entfernen sich wieder. Es gibt Mißver-ständnisse und unbeabsichtigte Verletzungen, und besonders Sallys jugendlicher Zorn ist vorschnell, oft maßlos und durchaus anstrengend, doch auch Liss‘ besonnene, lebenserfahren-selbstreflektierte Wesensart hat – in Anbetracht ihrer nicht undrama- tischen Lebensgeschichte – Grenzen, die nicht überstrapaziert werden dürfen.

Hier begegnen sich zwei Seelenverwandte, deren vorsichtige Öffnung und wechsel- seitige Zuneigung sich durch alte Wunden, Krusten, Narben, Ängste und Vermeidungs- strategien kämpfen müssen. Liss rettet Sally das Leben, indem sie ihr den Raum läßt, wirklich zu werden und ein ungezwungenes Miteinander zu erfahren.

Es bleibt nicht aus, daß andere Menschen sich störend einmischen, denn Sally wird ja polizeilich gesucht … Diese Einmischung und die damit verbundenen Konsequenzen stürzen Liss in eine existenzielle Sinnkrise, aus der sie wiederum von Sally gerettet wird.

Am Ende steht eine sturmerprobte Freundschaft, die für Liss und Sally deutlich kon- struktivere und zuversichtlichere Lebensweichenstellungen möglich macht.

Ewald Arnez gelingen in diesem Roman nicht nur sehr überzeugende, einfühlsame Psychogramme und feinsinnige Sprachbilder für alle Gefühlslagen, sondern er schafft dabei auch eine greifbar sinnliche, ebenso poetische wie handfest-elementare ländliche Atmosphäre. Man spürt den Sommer auf dem Lande beim Lesen, man riecht, schmeckt, hört und fühlt mit. Eine Textpassage aus einer Szene im Obstgarten, in der Sally ver-schiedene Birnensorten verkostet, möge diese ansprechende literarische Sinnlichkeit illustrieren:

„Sally schnitt sich diesmal ein größeres Stück ab. Sie wollte das Rot und das Weiß schmecken. Es war schwer, ein Wort für diese Mischung aus fest und zergehend zu fin-den, die das Fleisch im Mund hatte. Und sie meinte, das Rot süßer zu schmecken und im Weiß eine winzige Spur Bitterkeit, und zusammen war es ein Geschmack, der … vielleicht würde Sonnenlicht so schmecken, wenn es nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele.“ (Seite 114)

Die buchgestalterische Aufmachung des Romans korrespondiert optisch und haptisch mit der Sinnlichkeit des Textes. Das leicht angeraute an grobes Leinen erinnernde Ein- bandpapier und die mit glänzendem Prägedruck aufgebrachte botanische Illustration eines fruchtenden Birnbaumzweiges sowie der zarte Sonnenstrahl des leuchtend gelben Lesebändchens geben einen stimmigen Vorgeschmack auf die Lektüre.

„Alte Sorten“ ist ein bemerkenswerter Roman voller lebenszärtlicher Betrachtungen, inniger Naturverbundenheit und beiläufiger, gleichwohl eindrucksvoller Weisheit und berührender Herzenstiefe.

„Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten sich Seil- tänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.“ (Seite 127)

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der  Verlagswebseite:
http://www.dumont-buchverlag.de/buch/arenz-alte-sorten-9783832183813/

Hier entlang zu Bris Rezension, die mich dankenswerterweise als erste auf Ewald Arenz‘ Roman aufmerksam machte: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2019/05/19/der-eine-bewegungslose-moment-der-mitte/

Der Autor:

»Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth.«

 

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Das geheime Leben der Bäume

  • Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
  • die Entdeckung einer verborgenen Welt
  • von Peter Wohlleben
  • Hörbuch
  • gelesen von Roman Roth und Peter Wohlleben
  • vollständige Lesung
  • Produktion: der Hörverlag 2015/16
  • erschienen im Hörverlag Oktober 2016   www.hoerverlag.de
  • Buchvorlage: Ludwig Verlag
  • 6 CDs in Pappschachtel
  • Laufzeit: ca. 6 Stunden, 54 Minuten
  • 19,99 € (D), 22,50 € (A), 28,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-2477-2
    Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben

B A U M S C H U L E

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Peter Wohlleben führt uns mit Gefühl, Verstand und Sinnlichkeit durch den Wald und lehrt uns das Staunen. Er doziert nicht, er erzählt!

Aktuelle naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden von ihm sehr eingängig- komprimiert wiedergegeben und um seine langjährigen persönlichen Erfahrungen als Förster kurzweilig ergänzt.

Hätten Sie gewußt, daß Buchen gerne kuscheln? Ja, auch wenn sie sehr nahe beieinanderstehen, konkurrieren sie keineswegs miteinander um Nährstoffe, Licht und Wasser, sondern bei Bedarf füttern sie sich wechselseitig – über das komplexe unterirdische Wurzel- und Pilzfädchensystem – mit Glucoselösung. Buchenkinder stehen sehr lange im Schatten ihrer Mutter, weshalb sie nur langsam wachsen können. Doch diese „Erziehung durch Lichtdrosselung“ führt zu wesentlich stabilerem Wachstum und somit auf lange Sicht zu überlebenstüchtigeren Buchen.

Bäume kommunizieren über Duftstoffe und über chemische sowie elektrische Signal-übertragungen miteinander. Werden beispielsweise die Blätter eines Baumes von Raupen angefressen, so teilt der befallene Baum dies seiner Nachbarschaft über Duftsignale mit. Sowohl der befallene Baum wie auch die benachbarten verändern daraufhin die chemische Zusammensetzung des Pflanzensafts in ihren Blättern – was von Bitterstoffen bis hin zu  insektenspezifischen Giftstoffen reicht. Darüber hinaus verfügen Bäume auch über besondere Rettungslockdüfte, um natürliche Freßfeinde der angreifenden Insekten herbeizurufen.

Auch unterirdisch wird lebhaft kommuniziert. Ein Teelöffel Waldboden enthält mehrere Kiometer Pilzhypen. Der Vergleich dieser Pilzfäden mit der Glasfaservernetzung des Internets liegt nahe. Tatsächlich spricht man inzwischen schon vom „woodwideweb“.

Peter Wohlleben beschreibt die Bäume mithin nicht als isolierte Einzelwesen, sondern als Teil einer Lebensgemeinschaft. Dazu gehören auch Waldtiere, konkurrierende sowie kooperative Verhältnisse zwischen Bäumen und anderen Pflanzen sowie der erst zu einem kleinen Teil erforschte Mikrokosmos des Waldbodens. Die Mikroorganismen, die an der „Schnittstelle von Werden und Vergehen“ ihre wertvolle, unsichtbare Arbeit verrichten, werden ebenso gewürdigt wie Klimarelevanz, Luftfilterwirkung, Wasser- und CO₂-Speicherkapazität der Bäume.

Schädliche menschliche Eingriffe in den Gleichgewichtsorganismus Wald werden fundiert kritisiert und sinnvollen Maßnahmen zur ökologischen Bewirtschaftung, zum Schutz, Erhalt und zur Reanimierung heimischer Urwälder gegenübergestellt.

Egal welchem Detail sich der Autor widmet, stets ist seine Darstellung faszinierend, anschaulich und geradezu spannend, und stets fügen sich die Einzelheiten zu einer ganzheitlich Einheit.

Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ ist ein wahrer Lichtblick in der Vermittlung von Wissen über Wald und Bäume. Seine einfühlsame, naturliebhaberische Haltung ist in jeder Zeile zu spüren und dürfte vielen Lesern/Hörern eine lebensdienliche Baumperspektive eröffnen.

Die Hörbuchversion enthält eine Bonus-CD, auf der Peter Wohlleben von seinem beruflichen Werdegang erzählt. Dies ist eine interessante Zugabe – im O-Ton -, die sehr authentisch davon berichtet, wie ein Mensch seiner Berufung folgt und nicht damit aufhört, von den Bäumen zu lernen.

Hier geht es zum Hörbuch und zur Hörprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/der-Hoerverlag/e514159.rhd

Das geheime Leben der Baeume von Peter WohllebenDie Buchausgabe ist im Mai 2015 beim Ludwig Verlag erschienen: Das geheime Leben der Bäume
Was sie fühlen, wie sie kommunizieren –
die Entdeckung einer verborgenen Welt
von Peter Wohlleben
gebunden, mit Schutzumschlag, 224 Seiten
19,99 € (D), 20,60 € (A), 26,90 sFr.
ISBN 978-3-453-28067-0
Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe:
https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e478046.rhd
Seit Oktober 2016 gibt es das Buch zusätzlich als Bildband: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheime-Leben-der-Baeume/Peter-Wohlleben/Ludwig/e502460.rhd

 

Der Autor:

»Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Um seine ökologischen Vorstellungen umzusetzen, kündigte er und leitet heute einen umweltfreundlichen Forstbetrieb in der Eifel, den er zu einem urwaldähnlichen Laubwald zurückgeführt hat. Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. Im Ludwig Verlag erschien 2016 sein Bestseller „Das Seelenleben der Tiere“.«  http://www.wohllebens-waldakademie.de

Der Vorleser:

»Roman Roth, geboren 1980 in Frankfurt am Main, hat über Umwege zu seiner jetzigen Tätigkeit als Schauspieler und Sprecher gefunden. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann. Nach ersten Erfahrungen als Schauspieler entschied er sich 2006 für eine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er übernimmt regelmäßig Rollen in Theater, Film und Fernsehen, spielte u.a.    in dem Spielfilm Der letzte Zug. Seit 2012 lebt er als freischaffender Schauspieler in Berlin.«

Querverweis:

Hier entlang zu Peter Wohllebens Buch „Das Seelenleben der Tiere“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/01/30/das-seelenleben-der-tiere/
und zu Christopher D. Stones Klassiker des Umweltrechts „Haben Bäume Rechte?“:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/06/18/haben-baume-rechte/

 

PS:
Schon mein Leben lang habe ich ein inniges Verhältnis zu Bäumen. Was dabei herauskommen kann, wenn man Bäumen zuhört, mag ein Poem illustrieren, das ich meiner alten Lieblingsbuche abgelauscht habe:

 

BAUMSCHULE

 

Ich sehe was
was Du nicht siehst
sagt mir der Baum
mit einer Hand in der Erde
mit der Anderen im Himmel
aus meinem Holz
sind Türen gemacht
die sich nur nach innen öffnen
komm näher Menschlein
hier lernst Du was fürs Leben
verlier ruhig ein bißchen
den Verstand
und laß Dich ein
sieh nur
hör nur
spüre
und vergiß es nie
auch in Deinem Körper
schlägt das Herz der Erde

 

Ulrike Sokul©
10/ 1995

 

 

 

 

Das Decamerone

  • von Giovanni Boccaccio
  • Aus dem Italienischen von Karl Witte
  • Hörbuch gelesen von
  • Gert Westphal, Beate Lenders, Ingeborg Kallweit,
  • Thessy Kuhls, Steffy Helmar, Maria Körber,
  • Inken Sommer, Monika Söhnel, Christian Rode,
  • Uwe Friedrichsen, Ernst-August Schepmann und Joachim Nottke
  • Produktion: NDR 1984
  • Textauswahl und Texteinrichtung : Hanjo Kesting
  • Laufzeit: 11 Stunden, 47 Minuten
  • erschienen am 2.12.2013 bei »der Hörverlag«     http://www.hoerverlag.de
  • (zum 7oo. Geburtstag Boccaccios)
  • 10 CDs in Pappklappschachtel
  • 39,99 € (D), 44,90 € (A), 52,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1172-7
    Das DECAMERONE Hörbuch

EINE  KULTIVIERTE  AUDITÜRE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Sprachkunst und Sprechkunst finden sich in diesem Hörbuch zu beiderseitigem, befruchtendem Entzücken vorzüglich zusammen!

Wohlan denn: Es ist mir ein Fest, vom Genusse dieses Klassikers Kunde zu geben. Obwohl ich mich ansonsten in meiner Lektürewahl nicht vom Mittelalter verlocken lasse, mache ich für große Klassiker gerne eine Ausnahme.

Giovanni Boccaccios Decamerone gilt als maßgebliche Stilikone der Novellengattung und als literarischer Geschichtenfundus, aus dem sich viele nachfolgende Schriftsteller von Shakespeare über Swift bis Lessing bedient haben.

Der Titel Decamerone lautet übersetzt Zehntagewerk. Zehn junge Menschen vornehmer Abstammung fliehen im Jahre 1348 vor der Pest, die sich in Florenz gnadenlos aus- breitet, auf ein Landgut. Dort wollen sie das Leben feiern und der Bedrohung der tödlichen Seuche entkommen sowie für eine Weile Abstand zu Angst und Trauer gewinnen. Es sind sieben junge Damen und drei junge Herren, die freundschaftlich und verwandtschaftlich miteinander verbunden sind.

Täglich wird eine oder einer aus der Gruppe zur Königin bzw. zum König des Tages gewählt und mit einem Lorbeerkranze gekrönt. Dieses Oberhaupt bestimmt einen Themenkreis, zu dem alle zehn je eine Geschichte erzählen sollen, so daß am Ende ein Fundus von 100 Geschichten entsteht.

Behaglich und bequem bedient vom Seneschall des Landgutes, umgeben von lieblich-idyllischer Natur und nur unterbrochen von Schlaf und heiterstem spielerischen Müßiggang, werden vielerlei und vielfältige Geschichten erzählt: glückliche und unglückliche Liebesgeschichten, Geschichten von Rache und Vergebung, Gier und Großzügigkeit, Hochmut und Demut, Gefahren und Rettungen, Lohn und Strafe, Eifersucht und Treue, Tugend und Laster, Willkür und Gnade, Eitelkeit und Edelmut.

Dies geschieht in einer schönen, sehr stilvollen Sprache, mit filigran ziseliertem Satzbau, so daß eine Geschichtenschatztruhe erdichtet wird, mit feinen Intarsien aus Poesie, Humor, Sinnlichkeit, Komik, Tragik, Lebensfreude, Liebeslust, Glück und Leid, Seufzern und Tränen, Körper und Seele, Weisheit und Dummheit, Wahrheit und Lüge, Sein und Schein – kurz: vielgestaltig, lebensbunt und mitmenschlich.

Selten habe ich es mehr bedauert, die italienische Sprache nicht zu beherrschen. Wieviel musikalischer muß das Original klingen, wenn schon die Übersetzung ins Deutsche (von Karl Witte) so sprachbeflügelt erscheint.

Der Personenreigen, der in diesen Erzählungen auftritt, kommt aus allen Gesellschafts- schichten, wir treffen Adlige und Bauern, Herren und Diener, Mönche und Kardinäle, Nonnen und Äbtissinnen, Ärzte, Richter, Kaufleute, Handwerker, Ritter und Jungfrauen.

Boccaccio spart nicht mit deutlichen Hinweisen auf die kirchliche Doppelmoral. Er exemplifiziert dies mit deftigen Szenen, in denen Vertreter des geistlichen Standes die Gelegenheiten zu unkeuschen Vergnügungen oder raffgierigen Bereicherungen gerne, eifrig und raffiniert ausnutzen.

Erstaunlich ist der demokratische und humanistische Gehalt so mancher seiner Aussagen und Beschreibungen. Ich hatte nicht erwartet, von einem vor 700 Jahren geborenen Schriftsteller Sätze wie die folgenden zu hören:

Ich aber ziehe den Mann, der des Reichtums entbehrt, dem Reichtume vor, der des Mannes entbehrt.“
„Doch Armut beraubt niemanden des Adels, sondern nur des Besitzes.“

Hinzu kommt, daß er diese Worte Frauen in den Mund legt, die sich einen Mann oder Geliebten erwählt haben, der nicht standesgemäß ist. Das klingt überraschend modern. Auch mit seinem Bekenntnis zu irdischem Glücksanspruch ist Giovanni Boccaccio seiner Zeit weit voraus.

In der vorliegenden Hörbuchlesung wird uns eine Auswahl von 46 Novellen aus dem Decamerone vorgestellt.

Alle Sprecher und Sprecherinnen dieser – bisher vollständigsten – Lesung des Decame- rone treffen ganz wunderbar und sehr fein nuanciert den schelmisch-burlesken sowie den empfindsamen Tonfall Boccaccios. Besonders hervorzuheben sind der »König der Vorleser« Gert Westphal, der die Rahmenhandlung liest und die besondere Gestimmtheit des Decamerone ganz unvergleichlich evoziert, und Uwe Friedrichsen, der – frivol, kecklich und augenzwinkernd – die Rolle des Dioneo spricht.

Ich habe mir diesen fast zwölf Stunden währenden Erzählreigen lächelnden Mundes und hingegeben lauschend vergnüglich einverleibt. Besonders großes Gefallen fand ich an den erlesenen Liebeslektionen, die von zeitlosem Reiz sind und auch noch nach 700 Jahren delikaten Genuß bereiten.

 

PS:
Verpackung und Inhalt harmonieren gut miteinander, die 10 CDs liegen in einer feinen Pappschachtel, geschmückt mit einem Gemälde von Sandro Botticelli (Portrait der Simonetta Vespucci). Das beiliegende Informationsheftchen liefert sinnvolles Hintergrundwissen zu Werk und Rezeption des Decamerone und zu Boccaccios Biographie.

Nur das Inhaltsverzeichnis hätte ich mir ausführlicher gewünscht, es listet nur die Erzähltage auf, jedoch nicht die einzelnen Novellen; das macht ein Wiederfinden bestimmter Textpassagen mühsam. Ich habe mir selbst ein handschriftliches Register angelegt, was eine geringe Anstrengung war, wenn man bedenkt, daß Giovanni Boccaccio das 1000-seitige Decamerone gut 100 Jahre vor der Erfindung des Buchdrucks geschrieben hat. Gerne habe ich dem Meister auf diese Weise die Ehre gegeben.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Das-Decamerone/Giovanni-Boccaccio/der-Hoerverlag/e441217.rhd

Der Autor:

»Giovanni Boccaccio (1313 – 1375) wuchs in Florenz auf und absolvierte in Neapel eine kaufmännische Lehre. Aus Widerwillen gegen den Kaufmannsberuf begann er ein Jurastudium, das er jedoch nicht abschloss. In Neapel verkehrte er am Hof des Königs. 1340 kehrte Boccaccio nach Florenz zurück und arbeitete dort als Richter und Notar. Unterbrochen von zahlreichen Reisen mit seinem Freund Petrarca und Aufenthalten in Mailand, Venedig, Neapel und Rom verbrachte er den Rest seines Lebens zurückgezogen auf seinem Landgut bei Certaldo unweit von Florenz

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