Kühn hat Ärger

  • von Jan Weiler
  • Roman
  • Hörbuch
  • vollständige Lesung
  • Buchvorlage: Piper Verlag  http://www.piper.de
  • Sprecher: Jan Weiler
  • Regie: Angela Kübrich
  • Produktion: Der Hörverlag  März 2018   http://www.hoerverlag.de
  • Laufzeit: 11 Stunden, 13 Minuten
  • 1 mp3-CD in Pappklappschuber
  • 20,00 € (D), 22,5o € (A), 27,90 sFr.

KÜHNS  EINBLICKE

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Kühn hat Ärger“ ist  ein bemerkenswert sozialkritischer Roman. Hier werden die Gegensätze von Arm und Reich, die „Risse im gesellschaftlichen Firnis“ und die demokratisch-kapitalistischen Verwerfungen unserer Gegenwart auf konkrete Weise gezeigt, ja, teilweise sogar vorgerechnet. Solche aufregend-empörenden Abwärts- und Aufwärtsvergleiche findet man sonst eher in gesellschaftskritischen Analysen und weniger in Romanen.

Der sympathische Hauptkommissar Martin Kühn hatte nach der dramatischen Lösung des letzten Falles eine Auszeit gebraucht. Nach einer Reha-Maßnahme und einer zunächst widerwillig, dann aber doch aufgeschlossen praktizierten Gesprächstherapie hat Kühn gelernt seine assoziatives Wahrnehmungstalent sinnvoll-geordnet zu nutzen, und er fühlt sich den Herausforderungen des Lebens und seines Berufs wieder gewachsen.

Es mangelt gewiß nicht an Problemen in Kühns Leben. Er hat für sich, seine Frau und die beiden Kinder ein Haus gekauft, das sich auf der inzwischen unrühmlich-berüchtigten Weberhöhe befindet, dem ehemaligen Firmengelände eines Waffenfabrikanten aus dem Zweiten Weltkrieg. Daß das Erdreich dieses Areals großflächig massiv giftseucht ist, wurde erst offenbar, als nach starken Regenfällen übelriechende Substanzen durch die Kellerwände sickerten.

Sowohl die Baugesellschaft als auch die Finanzierungsgesellschaft drücken sich mit juristischen Raffinessen  und Verzögerungstaktiken vor der Verantwortung, und die einst fröhlich-zuversichtlichen Häuslebauer stehen vor dem finanziellen Ruin. Sie zahlen die Schulden für eine bescheidene Immobilie ab, deren Marktwerk ins Bodenlose gesunken ist. Da kommt so mancher aus Kühns Nachbarschaft auf dumme Ideen.

War im letzten Kriminalfall der gesuchte Serienmörder so nahe am Lebensumfeld Kühns gewesen, daß er ihn beinahe übersehen hätte und selbst zum Opfer geworden wäre, so führt ihn der neue Mordfall in eine weit entfernte Welt – und zwar ins Münchner Nobel- villenviertel Grünwald. Dort liegt an einer Bushaltestelle die übel zugerichtete Leiche des siebzehnjährigen Amir Bilal, der seinerseits aus einer anderen Welt kommt, einer Hochhaussiedlung in Neuperlach, einen Hochhausviertel mit eher prekärem Charme.

Kühns erkennt sofort den ungezügelten Haß, der bei diesem Mord gewissermaßen die Hauptwaffe war. Doch was war das Motiv dafür? Persönliche Rache? Fremdenhaß? Amir Bilal ist wegen Ladendiebstahls, Drogendealens und Körperverletzung bei der Polizei aktenkundig und bisher noch mit Bewährungsstrafen davongekommen.

Eine verliebte Gravur auf dem Feuerzeug des Toten führt zu Amirs Freundin, Julia van Hauten, die aus sehr, sehr gutem Hause stammt. Julias Eltern empfangen Kühn und seinen Kollegen überaus freundlich, sie sind ehrlich betroffen und ausgesprochen hilfsbereit. Das luxuriöse Anwesen, das die van Hautens bewohnen, ihre feinen Umgangsformen, ihr eleganter Stil, ihre ungekünstelte, wohlwollende Zugewandtheit und aristokratische Gelassenheit beeindrucken Kühn. Die selbstgemachte Ingwer-Minze-Limetten-Limonade, die Elfie van Hauten mit gastgeberischer Nonchalance serviert, düngt Kühn das köstlichste Getränk, das er je zu sich genommen hat.

Es stellt sich heraus, daß Julias Mutter, Elfie van Hauten, die Vorstandsvorsitzende des Münchner Sternenhimmels ist, einer wohltätigen, exklusiven Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch diverse Förderprogramme, Sprachkurse, Lehrgänge, Sportangebote etc. zu einer besseren Integration, besseren Schulabschlüssen und, ja, sogar zu Lehrstellen zu verhelfen. Die unterbeschäftigten reichen Damen der Gesellschaft wollen auf diese Weise einen Kontrapunkt zur zunehmenden Fremden- feindlichkeit bilden und sich in der begehrten Aura des sozialen Gewissens sonnen.

Amir hatte Julias Mutter vor einigen Monaten zufällig geholfen, einen Informations- stand des Münchner Sternenhimmels im Jugendzentrum von Neuperlach aufzubauen. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch Julia kennengelernt und sich zum ersten Mal in seinem Leben verliebt; Julia erwiderte diese Liebe. Die Familie van Hauten hatte Amir freundlich aufgenommen, und Amir hatte unter Julias Einfluß begonnen, seine kleinkriminellen Hobbys aufzugeben, die Schule ernst zu nehmen und einige Kursangebote des Sternenhimmels wahrgenommen.

Wenig später hatten die van Hautens ihn sogar eingeladen – natürlich nur mit dem Einverständnis von Amirs alleinerziehender Mutter -, die Sommerferien auf ihrer Finca auf Mallorca zu verbringen.

Während Kühn noch dieser großzügigen, heilen, überaus wohltätigen Welt nachsinnt, begrüßt sein rechtsradikaler Nachbar Leitz auf der Facebook-Seite des „Bürgervereins Weberhöhe“ die Hinrichtung eines vielfach vorbestraften Südländers nordafrikanischer Herkunft, nicht ohne sich jedoch von solchen gewalttätigen Selbstjustizhandlungen ausdrücklich zu distanzieren. Kühn kocht vor Wut über Leitz und ist fassungslos über die zustimmenden Kommentare auf diese Eilmeldung, die fast alle den Straftatbestand der öffentlichen Volksverhetzung, Beleidigung und Anstiftung zu einer Straftat erfüllen.

Nach und nach rekonstruiert Kühn mit seinen Kollegen die letzten 48 Stunden aus dem Leben Amir Bilals und kommt den Tätern näher. Außerdem muß Kühn widerwillig den dringenden Belehrungen des Amtsarztes wegen eines Laborbefundes bezüglich seines PSA-Wertes folgen und noch widerwilliger ein Führungskräfteseminar ertragen. Zu allem Negativüberfluß plaziert ein Erpresser in Kühns Siedlungs-Supermarkt einen mit GBL (Gamma-Butyrolacton) vergifteten Yoghurt (Apfel-Guave), und Kühn hat die undankbare Aufgabe, sich die Aufnahmen der Überwachungskamera anzuschauen und wohlbe- kannte Nachbarn beim Kauf einer verdächtigen Yoghurtsorte wiederzuerkennen …

Jan Weiler präsentiert mit „Kühn hat Ärger“ einen Gesellschaftsroman, dessen soziotopographische Psychogramme sehr anschaulich und klug die aktuellen, extremen gesellschaftlichen Schichtunterschiede sowie diverse deutsche Befindlichkeiten wiedergeben. Er thematisiert die Steuervermeidungsstrategien der Superreichen und die damit verknüpfte Aushöhlung des Gemeinwohls ebenso wie politisch zweifelhafte Erklärungsangebote von rechtsradikaler Seite, die inzwischen auch beim wirtschaftlich angezählten bürgerlichen Mittelstand fruchten.

Seine Milieu- und Charakterstudien sind einfühlsam, glaubwürdig und deutlich. So kontrastiert er die Luxussorgen um die komplizierte Qualität von Bonsaiparkett (der Quadratmeter für schlappe 4300 €) mit verzweifelten Sparversuchen durch Schwarz- fahren oder durch rechercheintensive Interneteinkaufsschnäppchen, die dem Käufer beim Einkauf einer Familienpackung von vier wetterfesten Wanderjacken ganze 17,00 € „ersparen“ – unter Inkaufnahme der Tatsache, daß alle Jacken rosafarben sind.

Die sensible Aufmerksamkeit und scharfsinnige Präzision, die Jan Weiler der Welt und ihren Details sowie den Menschen und ihren Gegebenheiten entgegenbringt, eröffnet dem Leser vermittels der mitfühlbaren Zwischen- menschlichkeit und sozialen Bedingtheit der Figuren differenzierte und vielschichtige Perspektiven auf das komplexe Verhältnis von Schuld und Unschuld, Einflußreichtum und Gerechtigkeit.

Jan Weiler liest seinen eigenen Text vorzüglich, er schlüpft einfühlsam und wandelbar-vielstimmig in alle Figuren, nuanciert sie mit Dialekt, Hoch– und Umgangssprache und Tonhöhenschattierungen sowie szenen- und charaktergemäßer Emotion, daß man ihm sogar die Frauenrollen und die Gedankenstimmen fraglos abnimmt. Hut ab – da ist der professionelle Schriftsteller wahrlich ein  stimmschauspielerisches Naturtalent, dem man ausgesprochen gerne lauscht.

 

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch-MP3/Kuehn-hat-Aerger/Jan-Weiler/der-Hoerverlag/e496018.rhd

Hier entlang zur Buchausgabe und LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/kuehn-hat-aerger-isbn-978-3-492-05757-8

Querverweis:

Hier entlang zum ersten Roman mit Kommissar Kühn:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/03/06/kuhn-hat-zu-tun/

Und hier entlang zu Jens Bergers erhellendem Sachbuch „Wem gehört Deutschland?“,
welches sich vorzüglich mit der sozialkritischen Thematik der Kühn-Romane ergänzt:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

Der Autor:

»Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, arbeitete zunächst als Texter in der Werbung. Er absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und war viele Jahre Chef-redakteur des Süddeutsche Zeitung Magazins. Jan Weiler lebt mit seiner Familie südlich von München. 2003 erschien sein erster Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, mit dem er über Nacht zum Bestsellerautor wurde. Mit „Antonio im Wunderland“ (2005), „Gibt es einen Fußballgott?“ (2006), „In meinem kleinen Land“ (2006), „Drachensaat“ (2008), „Mein Leben als Mensch“ (2009), „Mein neues Leben als Mensch“ sowie „Das Buch der 39 Kostbarkeiten“ (beide 2011) und „Das Pubertier“ (2014) folgten weitere Bestsellertitel, die alle auch im Hörverlag erschienen sind. 2015 folgte der Roman „Kühn hat zu tun“. Außerdem hat Jan Weiler vier Originalhörspiele verfasst: „Liebe Sabine“, „MS Romantik“, „Uwes letzte Chance“ und „Das Babyprojekt“. 2010 erschien nach „Hier kommt Max!“ sein zweiter Titel für Kinder „Max im Schnee“.«
Jede Woche veröffentlicht er eine neue Geschichte unter  www.janweiler.de

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/

 

 

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Das bleibt in der Familie

  • Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten
  • von Sandra Konrad
  • PIPER Verlag  April 2013      http://www.piper.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  •  304 Seiten
  • 19,99 €, 20,60 € (A), 26,90 sFr
  • ISBN 978-3-492-05526-0
  • Taschenbuchausgabe    August 2014
  • 11,00 € (D), 11,40 € (A)
  • ISBN 978-3-492-30530-3
    Das bleibt in der Familie]

AHNENFORSCHUNG  AUF  PSYCHOLOGISCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Das bleibt in der Familie“  ist ein allgemeinverständliches, interessantes und sogar spannendes Sachbuch über transgenerationale Übertragungen. Die Autorin stellt jedem Kapitel ein treffendes Zitat voran − häufig aus belletristischen Werken –, das den Sach- buchcharakter um einige zusätzliche zwischenmenschliche und allgemeinverbindliche Dimensionen erweitert und der Einstimmung in die Thematik sehr dienlich ist.

Sandra Konrad vermittelt in einfühlsamer und klarer Sprache Einsichten in verborgene familiäre Wirkmechanismen, generationenübergreifende emotionale Wechselwirkungen und Schicksalskreisläufe. Die zahlreichen berührenden Fallbeispiele illustrieren anschaulich und einleuchtend, wie sehr jeder Mensch − zumindest auf psychischer Ebene  − „in der Familie bleibt“, selbst wenn er räumlichen Abstand hält.

Mit unserer Geburt betreten wir die Bühne unserer Familie, und wir werden Teil einer Familiengeschichte, die schon lange vor uns angefangen hat. Es gibt leichte und schwere Rollen, komische und tragische Ereignisse, Liebe und Haß, Gebote und Verbote, Geheimnisse, Konflikte, Scham und Schuld, Traditionen, Tabus, ausgesprochene und unausgesprochene Erwartungen, Enttäuschungen, Verletzungen, Heilungen, Träume und Hoffnungen – wir haben unsere  familiäre emotionale Mitgift. Die Zeitschichten und Lebensläufe verschiedener Generationen überschneiden sich mit unserer Gegenwart und nehmen auf sie Einfluß. Der Fachbegriff dafür heißt transgenerationale Übertragung.

Die Autorin ist Diplompsychologin und arbeitet seit 2001 als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin. Sie hat sich auf die  Analyse und Therapie  familiärer Gegebenheiten unter dem Einfluß  transgenerationaler Übertragung spezialisiert.

Mit Hilfe eines psychologischen Familienstammbaumes über drei Generationen hinweg werden neben den äußeren Lebensdaten psychologisch bedeutsame Ereignisse erfaßt, darunter vor allem biographische Einschnitte (z.B. Auswanderungen, besonders schmerzliche Verluste, Kriegserfahrungen, Trennungen, sozialer Auf- oder Abstieg, Krankheiten), Charakterstärken- und Schwächen, schwarze Schafe und Helden, Probleme und wunde Punkte. Durch solch ein Genogramm ist es möglich, Muster, Schwerpunktthemen und Wiederholungsschleifen zu erkennen und konstruktive Lösungen zu erarbeiten, um freier für neue Wege der Lebensgestaltung zu werden.

Auch unverarbeitete oder verschwiegene traumatische Erlebnisse, die im familiären Erbe bis zu ihrer Lösung nachwirken, können durch die therapeutische Belichtung erkannt, eingeordnet und behandelt werden.

Manchmal ist für diese psychologische Ahnenforschung detektivischer Spürsinn notwendig, aber je mehr ans Licht kommt, desto besser gelingt es, alte Lasten abzulegen und aus früheren Fehlern zu lernen, ohne sie unbewußt zu wiederholen. Manche Themen sind offensichtlich, manche erscheinen in Verkleidung, z.B. als Krankheitssymptom, das ein unbewußtes Geheimnis durch Körpersprache „reinszeniert“.

Die Lektüre eines Buches ersetzt keine Therapie, aber die Lektüre von „Das bleibt in der Familie“  ist auf jeden Fall eine gute erste Hilfe beim Entwirren familiärer Verstrickungsfäden und eine konstruktive Ermutigung, angesichts der Gefühlsladung des familiären Erbes zu bewußterem Wissen zu kommen.

„Jeder Schritt hin zu einer durchsichtigen Geschichtsschreibung hilft zu verstehen, wie sich ein positives oder ein quälendes Lebensgefühl über die Zeit und die Generationen hinweg vermitteln konnte. Wer Gefühle von Familienmitgliedern übernommen hat, kann sie leichter loslassen, wenn er sie den jeweiligen Personen zuordnen kann und deren Kontext versteht.
Es gibt leichtere und schwierigere Fragen. Einige Antworten können wir uns selbst geben, für andere brauchen wir die Hilfe unserer Familie. Und manchmal brauchen wir einen geschulten Blick von außen und therapeutische Hilfe, um aus dem emotionalen Dickicht herauszufinden.“
(Seite 281)

Im Vordergrund der therapeutischen Betrachtung stehen zunächst die „schlechten“, leidtragenden Weitergaben aus der familiären Vergangenheit; doch nachdem man sich den Schattenseiten und Schmerzen der Vergangenheit stellen konnte, lassen sich auch lichte Seiten, gute Gaben und lohnende Schätze im emotionalen Familienerbe finden.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur jedem empfehlen, einen solchen seelischen Familienhausputz zu wagen. Befreit von klebrigen, emotionalen Spinnweben, läßt sich viel leichter der eigene rote Faden erkennen.

Ergreifen Sie also Ihren roten Faden, und weben Sie ein heilsames, schönes neues Muster in Ihr persönliches Familiengewebe!

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.piper.de/buecher/das-bleibt-in-der-familie-isbn-978-3-492-30530-3

 

Die Autorin:

»Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2001 als systemische Einzel,- Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Hamburg. http://www.paar-und-familientherapie.de/ Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersuchte sie mehrgenerationale Weitergaben, besonders in Bezug auf Traumata. Sie ist Co-Autorin des Buches »Der geheime Code der Liebe«. «

PS:
Meine persönliche familiäre Reise in die Vergangenheit hat mich räumlich durch halb Europa und zeitlich bis ins Jahr 1870 geführt. Obwohl es noch einige weiße Flecken auf der Seelenlandkarte meiner Herkunftsfamilie gibt, habe ich jetzt schon Stoff für einen reichhaltigen historischen Abenteuer- und Liebesroman, und vielleicht beherrsche ich eines Tages auch sieben Sprachen – wie mein Großvater…

QUERVERWEIS:

Dieses Sachbuch ergänzt sich hervorragend mit dem Roman
Als der Sommer eine Farbe verlor von Maria Regina Heinitz.
Hier entlang zu meiner Besprechung:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/07/24/als-der-sommer-eine-farbe-verlor/

Das Schweigen des Sammlers

  • von Jaume Cabré
  • Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
  • Insel Verlag, Dezember 2011                  http://www.insel-verlag.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • 845 Seiten,  24,95 €
  • ISBN 978-3-458-17522-3
  • Taschenbuchausgabe, April 2013
  • ISBN 978-3-458-35926-5
  • 9,99 €
    17522_Cabre

DAS  BEREDTE  SCHWEIGEN  DER  DINGE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Die Familie, von der hier erzählt wird, ist klein: Vater, Mutter und Sohn. Adrià Ardèvol ist ein hochbegabtes Einzelkind, das in einem geistig-kulturell üppig ausgestatteten Elternhaus in Barcelona aufwächst, in dem es Anerkennung für intellektuelle Leistungen, aber keine Liebe gibt und keine elterliche Wahrnehmung für das Kindsein eines Kindes.

Zärtlichkeit erfährt er nur durch das angestellte Hausmädchen; kindlichen Spielen mit anderen Kindern kann er sich nur während der Sommerferienaufenthalte bei Tante und Onkel auf dem Lande widmen. Für seinen Vater ist er der Sohn, der eine väterlich bestimmte Laufbahn als Geisteswissenschaftler einzuschlagen hat, und zu diesem Zweck lernt der Junge von klein auf viele Sprachen: Spanisch, Katalanisch, Latein, Griechisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Überdies befiehlt der Vater seinem Sohn, langfristig auch noch Aramäisch und Hebräisch zu lernen. Italienisch bringt sich Adrià freiwillig, als kleine polyglotte Zugabe, selber bei. Auf mütterlichen Wunsch bekommt er zudem anspruchsvollen Geigenunterricht.

Adriàs Vater betreibt ein luxuriöses Antiquitätengeschäft in Barcelona, doch der Erwerb so mancher der Kostbarkeiten fand nicht unbedingt zu fairen und legalen Bedingungen statt. Die wertvollsten Funde schmücken als unverkäufliche  Sammlerstücke das väterliche Arbeitszimmer. Und hier kommen die Schicksalsfäden, die mit bestimmten Gegenständen zusammenhängen, zu Wort und Wirkung: eine Storioni-Geige von 1764, ein uraltes goldenes Amulett, einige Bilder und diverse alte Urkunden und Handschriften sind gewissermaßen weitere Familienmitglieder und haben einen beträchtlichen biographischen Einfluß auf  die Familie Ardèvol.

Die Dinge aus der Privatsammlung seines Vaters sind mehr Fluch als Segen für ein unbeschwertes und unschuldiges Leben, denn die Art und Weise ihrer Entstehung, die Schicksale früherer Eigentümer, kurz: die Geschichten, die in diesen Dingen stecken, haben Nachwirkungen bis in die Gegenwart.

Ein Beispiel: das Holz, aus dem die Storioni-Geige gefertigt wurde, stammt von einem Spitzahornbaum, der aus dem Grab eines Mönches gewachsen ist, der aus einem Schuldgefühl für eine unterlassene seelsorgerische Gnade stets ein Beutelchen mit Ahornsamen bei sich trug. Dieser Mönch starb im 15. Jahrhundert durch die lange Hand der Inquisition. 300 Jahre später erkennt ein Fachmann für Geigenholz die Klangqualität dieses Baumes, fällt ihn und beliefert damit einen Geigenbauer. Da solches Holz bis zur Reife lange abgelagert wird, baut Lorenzo Storioni schließlich im 18. Jahrhundert seine erste Geige aus diesem Ahornholz und verkauft sie an einen Händler für Musikinstrumente, der sie wiederum mit gutem Gewinn weiterverkauft, und so wandert die Geige von Menschenhand zu Menschenhand und wird mehr als einmal durch eine Bluttat erworben, statt durch einen regulären Verkauf.

Jaume Cabré wechselt immer wieder zwischen der Ich-Erzählerperspektive und der Allwissenden-Erzählperspektive, und er wechselt – teilweise völlig übergangslos – die Zeitebenen und Schauplätze: Barcelona im 20. Jahrhundert, die Klöster Santa Maria de Gerri und Sant Pere de Burgal  im 14. und 15. Jahrhundert, die Orte Pardàc, Cremona und Paris  im 17. und 18. Jahrhundert, Rom von 1914 bis 1918 und Ausschwitz-Birkenau 1944.

Dieses wortwörtlich changierende Textgewebe ist faszinierend, äußerst komplex, spannend und einfach virtuos. Was für ein genialer Kunstgriff, die verschiedenen Charaktere, Zeitebenen und Schauplätze durch eine palimpsestartige Schreibweise ineinander übergehen und unterschiedliche Schichten der Vergangenheit durchschimmern zu lassen!

So wechselt der Autor innerhalb eines Satzes die Ebene, schwenkt vom fanatischen Sündenverfolgungswahn eines Inquisitors über in den blinden und erbarmungslos  ideologischen Gehorsam eines SS-Kommandanten, wechselt im Zeitzickzack mehrfach hin und her und illustriert damit die Zeitlosigkeit menschlicher Grausamkeit und das langfristige Verstrickungspotential von Schuld.

Der Zahlencode für den väterlichen Tresor entspricht der eintätowierten Häftlingsnummer eines jüdischen Mädchens, das in Auschwitz-Birkenau auf ausdrücklichen Befehl eines SS-Kommandanten ermordet wird.  Das Buch ist voll mit derlei Bezügen und Verknüpfungen und verlangt nach aufmerksamer Lektüre.

Nun zurück ins 20. Jahrhundert zu Adrià, der seinen Vater vergeblich bittet, einmal auf der Storioni spielen zu dürfen. Der Vater ist unerbittlich und schließt die Geige im Tresor ein, doch ein so begabtes Kind wie Adrià hat längst die Zahlenfolge für das Nummernschloß ausspioniert. Adrià hat beim Geigenunterricht seinen besten und lebenslänglichen Freund Bernat kennengelernt, und um seinen Freund zu beeindrucken, paßt er einen günstigen Moment ab, tauscht die wertvolle Geige für ein paar Stunden gegen seine Übungsgeige aus und läßt seinen Freund auf ihr spielen.

Überraschend nimmt Adriàs Vater den Geigenkasten mit der Übungsgeige aus dem Tresor und geht zu einer Verabredung, jedoch ohne den Inhalt des Geigenkastens zu überprüfen. Am nächsten Tag erfährt Adrià von seiner Mutter, daß sein Vater bei einem schrecklichen Unfall gestorben ist. Die Erwachsenen wundern sich zwar, daß der Vater die Übungsgeige bei sich hatte, aber da die Todesumstände ohnehin mysteriös sind und die Storioni unversehrt im Tresor liegt, gehen sie dieser Ungereimtheit nicht weiter nach.

Der Junge fühlt sich schuldig am Tod seines Vaters, aber wie gewohnt herrschen Schweigen und Gefühlskälte in der Familie, und die Mutter erwartet, daß Adrià zu einem Geigenvirtuosen wird. Tatsächlich hat Adrià  zwar Freude an der Musik, begeistert sich jedoch viel mehr für Sprachen und Ideen. Nur widerwillig erträgt er den weiteren Geigenunterricht und leidet bei gelegentlichen Auftritten an fürchterlichem Lampenfieber.

Nach dem Abitur beginnt er ein Literaturstudium und lernt bei einem Konzert seine große Liebe, die Kunststudentin Sara, kennen. Die beiden treffen sich heimlich und genießen ihr zartes Liebeskeimen. Eines Tages erscheint Sara nicht am vereinbarten Treffpunkt, und Adriàs verzweifelte Nachforschungen ergeben nur, daß Sara nach Paris umgezogen sei und ihn angeblich nicht wiederzusehen wünsche.

Dem Verlust seiner Liebsten muß er sich notgedrungen fügen, aber er verweigert sich endgültig einer musikalischen Karriere und zieht nach Tübingen, um Sprachen, Geschichte und Philosophie zu studieren. Kurz vor Beendigung seines Studiums stirbt Adriàs Mutter an einer verheimlichten Krankheit; 1976 promoviert Adrià in Tübingen, in Spanien endet die Diktatur Francos, und Adrià kehrt nach Barcelona zurück und unterrichtet an der Universität. Adria sichtet seine reiche Erbschaft und viele Papiere, nach und nach kommen weitere Familiengeheimnisse ans Licht.

Zwanzig Jahre nach der unfreiwilligen Trennung von Sara erzählt ihm das alte Hausmädchen, wie es zum Verschwinden des Mädchens kam. Adrià bekommt Saras Adresse in Paris heraus, und die beiden finden vorsichtig wieder zueinander und leben gemeinsam in der elterlichen Wohnung Adriàs in Barcelona.

Der gewaltsame Tod seines Vaters beschäftigt ihn weiterhin, und auch dazu finden sich verschlüsselte Dokumente und Zusammenhänge, die stets  auf die Storioni-Geige hinweisen. Sara, die aus einer jüdischen Familie stammt, wünscht sich sehr, daß Adrià den letzten rechtmäßigen Besitzer ausfindig macht und die Geige zurückgibt, um einen Teil des Unrechts gutzumachen, das sein Vater durch seine skrupellosen Beschaffungsmethoden verschuldet hat. Doch Adrià leidet bereits am gleichen Sammlerfieber wie sein Vater und begreift noch nicht das Ausmaß an Verstrickung, das gerade an dieser alten Geige haftet. Adriàs Verzögerungstaktik bezüglich der Nachforschungen zur Storioni belastet die ansonsten sehr erfüllte Beziehung zu Sara.

Die Vielschichtigkeit und den Inhaltsreichtum dieses Romans kann ich hier nur andeuten: Wir finden historische Themen, die Geschichte einer langen Freundschaft mit Höhen und Tiefen, Gedanken über die Wirkung künstlerischen Ausdrucks auf das Leben, die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, Liebe und Haß, Wahrheit und Lüge, Fragen um Schicksal oder Zufall, die Bedeutung von Schönheit…

Hinzu kommt die Ironie des Schicksals, daß der hyperintellektuelle Adrià, schließlich an Alzheimer erkrankt und nichts mehr weiß und nichts mehr ist.

Zuvor jedoch vertraut Adrià der Macht des geschriebenen Wortes und widersetzt sich der Vergänglichkeit des Lebens und seiner Erinnerungen durch diese Geschichte, diese Lebensbeichte, diesen 845 Seiten langen Liebesabschiedsbrief und dieses wahrhaft literarische Testament.

 

PS:
Sehr lobenswert ist der „Beipackzettel“  mit der Auflistung aller Schauplätze und Zeiten sowie den dazugehörigen Personennamen und ihrer jeweiligen Charakterrolle. Das ist eine sinnvolle Zugabe, um der Textkomplexität leichter folgen zu können, und zugleich ein praktisches Lesezeichen.

Wünschenswert wäre es gewesen, die lateinischen Kapitelüberschriften und auch diverse lateinische Zitate mit Fußnoten zu übersetzen.

Der Autor:

»Jaume Cabré, 1947 in Barcelona geboren, ist einer der angesehensten katalanischen Autoren. Neben Romanen, Erzählungen und Essays hat er auch fürs Theater geschrieben und Drehbücher verfasst. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem spanischen Kritikerpreis und dem französischen Prix Méditeranée, und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bereits auf Deutsch erschienen sind der Weltbestseller „Die Stimmen des Flusses“ (2007) und „Senyoria“ (2009).«

Querverweis:

Eine feine Ergänzung zu diesem Roman ist das Sachbuch „Das bleibt in der Familie“ von Sandra Konrad, in dem die Risiken und Chancen transgenerationaler Übertragung und familiärer Verstrickung einleuchtend dargestellt werden. Hier ist meine Besprechung dazu:
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/08/07/das-bleibt-in-der-familie/