Brennnesseln

  • Ein Portrait
  • von Ludwig Fischer
  • Matthes & Seitz Verlag  März 2017   www.matthes-seitz-berlin.de
  • Nr. 32 der Reihe NATURKUNDEN          www.naturkunden.de
  • 168 Seiten
  • mit zahlreichen farbigen Abbildungen
  • Illustrationen: Falk Nordmann
  • Kleinoktav-Format: 12 x 18 cm
  • gebunden, fadengeheftet
  • mit grünem Kopfschnitt
  • ISBN 978-3-95757-407-7
  • 18,00 € (D), 18,50 € (A), 22,90 sFr.

BRENNEND  INTERESSANT

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ludwig Fischer bringt uns mit seinem kulturhistorischen Pflanzenportrait die Brennessel kenntnisreich und respektvoll wieder nahe. Die zunächst unangenehme Berührungsassoziation, die sich beim Gedanken an Brennesseln meist unwillkürlich einstellt, weiß der Autor durch die Aufzählung ihrer heilsamen und nahrhaften sowie ihrer vielseitigen ökologisch relevanten Eigenschaften mehr als auszugleichen.

Einst wuchs die wehrhafte Staude allgegenwärtig nicht nur in der Wildnis, sondern als Kulturfolger und Ruderalpflanze gerne auch in der Nähe menschlicher Siedlungen, beim Misthaufen (die Brennessel mag stickstoffhaltige Standorte), auf Friedhöfen, am Wegesrande, auf Brachflächen und in den Wildniswinkeln kultivierter Gärten. 

»Pflanzenkunde, vor allem Kräuterkunde ist unabdingbar auch Kulturgeschichte«
(Seite 11)

Bereits in der Altsteinzeit wurde die Brennessel als Nahrungspflanze, Heilkraut, Ritualpflanze und Bastfaserlieferantin genutzt. Der Deutsche Wortatlas zählt über 1100 Namen für die Brennessel, und auch sonst hat die Brennessel zahlreiche Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Mythen, Märchen und Sagen sprechen von ihr, und das Alte Testament macht sie gar zusammen mit  Dornen und Disteln zu Plagewerk-zeugen göttlicher Bestrafung.

»Die Geschichte der Menschen mit diesem brennenden Kraut spannt sich auf zwischen Verwünschung und Verehrung, zwischen Vertilgung und sorgsamer Nutzung, zwischen Verachtung und Hochschätzung, zuletzt zwischen Vergessen und Wiederentdecken.« (Seite 12)

Botanisch konzentriert sich der Autor hauptsächlich auf die beiden in Europa häufigsten Brennesselarten: Die Große Brennessel und die Kleine Brennessel. Die Große Brennessel kann unter günstigen Bedingungen 2,5 m hoch wachsen und bis zu 20 Jahre alt werden. Die Kleine Brennessel erreicht nur eine Höhe von 40 cm und ist einjährig. Die Blätter der Kleinen Brennessel haben weniger Brennhaare, aber dafür wirkt ihr Nesselgift intensiver.

Das Brennhaar besteht aus einer einzigen Zelle, deren Wände durch Kieselsäure versteift sind; die Spitze des Brennhaares hat eine Sollbruchstelle, die bei der leisesten Berührung abbricht und wie eine Injektionsnadel in die menschliche Oberhaut eindringt und das Nesselgift transportiert.

Mehr als 40 Falterarten bevorzugen im Raupenstadium Brennesseln als Futter. Die Raupen vom Kleinen Fuchs, Landkärtchen, Tagpfauenauge, Admiral u.a. sind monophag, d.h. sie können sich ausschließlich von Brennesseln ernähren. Es ist übrigens noch nicht erforscht, wie die Raupen das Nesselgift entweder verkraften oder beim Verspeisen der Brennesselblätter „umgehen“.

Textilarchäologisch zeigt sich, daß neben Hanf und Leinen auch die Fasern aus den Stengeln der Großen Brennessel zu Stoffen verarbeitet wurden. Nesseltuch hat ähnlich komfortable Trageeigenschaften wie Seide und Leinen und dürfte bis zur Industrialisierung in Heimarbeit und wahrscheinlich weitgehend zum Eigenbedarf  hergestellt worden sein. Im Gegensatz zu Lein und Hanf wurde die Brennessel jedoch nicht angebaut, sondern wild gesammelt. 

Kleine Abzweigungen zu Brennesseldarstellungen in der Bildenden Kunst, zu literarischen Texten mit Brennesselmotiven und volkstümlichen Brennesselbeschwörungen sowie Anwendungen ergänzen den botanischen Spaziergang.

Viele überlieferte Heilwirkungen der Brennessel werden inzwischen von der modernen Wissenschaft bestätigt, und auch ihr hoher Gehalt an wichtigen Vitaminen, Mineralien, Phytohormonen und Spurenelementen ist verifiziert.

Eine kleine Auswahl medizinischer und kosmetischer Anwendungen von der Antike bis in die Neuzeit wird umrissen. Zur Vertiefung kann der geneigte Leser im Anhang den ausführlichen Hinweisen zu weiterführender Literatur folgen. Erwähnt seien hier nur die vitalstoffreichen Brennesselsamen, die das Immunsystem stärken und beiläufig auch eine gewisse aphrodisische Wirkung entfalten.

Einige Rezepte für schmackhafte Brennesselspeisen und Rohkostmixgetränke (wobei die Brennesseln, zur Entschärfung der Brennhaare, kurz mit kochendem Wasser blanchiert werden können) runden das Vademecum ab.

Immer wieder läßt der Autor auch seine persönlichen Erfahrungen mit der Brennessel in den Text einfließen. So berichtet er ebenso staunend wie bewundernd und dankbar davon, daß er einen Apfelbaum in Gesellschaft von Brennesseln gepflanzt und ihm diese Koexistenz seit Jahren eine überreiche Apfelernte beschert habe.

Welche Wirkung die Brennessel zu Füßen des Apfelbaums nun genau entfaltet, bleibt vorläufig noch Spekulation. Doch nicht umsonst wird in der biologischen Landwirtschaft Brennesseljauche als Kraftfutter für Kulturpflanzen eingesetzt.

Große Brennnessel. Otto Wilhelm Thomé: Flora von Deutschland, Österrreich und der Schweiz, Gera 1885.

Spätestens nach der Lektüre dieses Buches wird man der Brennessel mit Achtung und Bewunderung begegnen und ihr womöglich – wo möglich – mehr Raum im Garten lassen und auch von ihr naschen.

»Sie kann noch mehr sein als eine Heilerin, Ernährerin, Faserlieferantin, Gartenhelferin, ökologische Verbündete – wenn wir sie noch besser zu verstehen lernen, wenn wir uns noch aufmerksamer ihr nähern, könnte sie auch unsere Lehrmeisterin für ein gewandeltes Naturverständnis werden.« (Seite 144)

Und zum Abschluß kann ich hier wieder meinen lobeshymnischen Refrain zur buch- gestalterischen Materie der Reihe NATURKUNDEN kundtun. Auch der Band „Brennnesseln“ (NATURKUNDEN Nr. 32) ist aus schmeichelgriffigem Papier für Einband, Vorsatzblätter und Buchseiten hergestellt. Die Typographie ist satt und lesefreundlich, der Kopfschnitt und die Fadenheftung in dunkelgrün sind farblich fein abgestimmt mit der Farbgebung des Bucheinbandes, und die zahlreichen alten und neuen Illustrationen sind ebenso schön wie aussagekräftig.

Hier finden wir den harmonischen Einklang zwischen substanzieller innerer und äußerer Buchqualität, wie sie für die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN Standard ist. Da kommt Sammellust auf …

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/brennnesseln.html?lid=2

 

Der Autor:

»Ludwig Fischer, geboren 1939 in Leipzig, war Professor für Neuere deutsche Literatur und Medienkultur an der Universität Hamburg. Er ist Landschafts- und Naturtheoretiker, Schriftsteller, Gärtner, Kräuterexperte.«

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