Eine Nachtlegende

  • von Paul Biegel
  • Mit Illustrationen von Charlotte Dematons
  • Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
  • Verlag Urachhaus   August 2013                              http://www.urachhaus.de
  • ISBN 978-3-8251-7805-5
  • 183 Seiten, gebunden, Halbleinen
  • 15,90 €
  • ab 8 Jahren
    9783825178055_Eine Nachtlegende

NACHTSCHATTENGEWÄCHSE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Mein lieber kleiner Kobold, dies hier ist eine gehaltvolle Geschichte, die weder Tod noch Leben scheut!

Es fängt ganz gemütlich an: Auf dem Dachboden einer alten Villa hat sich der gutmütige Hauskobold in einem ausrangierten Puppenhaus eingerichtet. Des Nachts macht er seinen Rundgang durch das Haus und achtet darauf, daß alles seine Ordnung hat, daß alle Kerzen gelöscht sind und alle Türen verschlossen, und  er zupft sogar die Falten aus dem Teppich, damit die einzige verbliebene menschliche Bewohnerin der Villa – eine alte Dame – nicht stolpert und stürzt.

Jeden Samstagabend bekommt der Kobold Besuch von den Kellerbewohnern Kröte und Ratte. Der Kobold ist ein guter Gastgeber und serviert echten Tee, und sie spielen Karten miteinander. Kröte und Ratte sind recht unhöfliche Gäste und streiten unentwegt über alles und nichts. Eigentlich mag der Kobold sie gar nicht mehr empfangen, aber er kann einfach nicht Nein sagen.

In einer dunklen, stürmischen Novembernacht weht es so heftig, daß der Wind sogar die Kerzenflamme im Puppenhaus ausbläst; zugleich klopft es an die Tür des Kobolds, und ein ihm unbekanntes Stimmchen bittet um Einlaß.

Der unbekannte Gast ist eine sanft schimmernde, tropfnasse, windzerzauste Fee, die um ein Nachtquartier bittet. Der Kobold hegt zwar Mißtrauen gegenüber Feen und ihre angeblichen Zauberkräfte, aber er hat auch spontanes Mitgefühl für dieses so verletzlich wirkende kleine Wesen. Also beherbergt er sie, entzündet die Kerze neu, damit sich die Fee aufwärmen und trockenen kann, und richtet ihr das Sofa als Schlafplatz ein. Dankbar nimmt die Fee seine Gastfreundschaft an.

In dieser  Nacht findet der Kobold keinen Schlaf, da sein Gedankenkarussell, beladen mit widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken, kreist und kreist. Seine Angst rät ihm dazu, die  Fee gleich am nächsten Tag fortzuschicken, seine Neugier hingegen würde gerne mehr über die Fee erfahren, und sein Herz ist – auch wenn er es sich noch nicht eingesteht – schon längst berührt.

Doch am nächsten Tag ist die Fee verschwunden, und der Kobold ist zunächst erleichtert, dann aber vermißt er sie, und es gelingt partout nicht, nicht an die Fee zu denken.

Am Abend ist die Fee plötzlich wieder da, und der Kobold erhält seine erste Lektion in Feenkunde: Feen schlafen tagsüber und sind im Schlafzustand unsichtbar! Dem Kobold ist das unheimlich und faszinierend zugleich, und schon führen die aufgeworfenen Fragen und Antworten dazu, daß die Fee beginnt, ihre Geschichte zu erzählen.

Nacht für Nacht unterbricht die Fee ihre Erzählung natürlich stets an einer dramatischen Stelle, und der Kobold verschiebt immer wieder seinen Vorsatz zur Verabschiedung der Fee.

Die Fee hat  einen sehr langen, abenteuerlichen und gefährlichen Weg hinter sich, auf dem ihr gute und böse Wesen begegnet sind, Heilung und Verletzung, Krieg und Frieden. Sie verfügt auch gar nicht über Zauberkräfte – wenn man von der bezaubernden Wirkung ihrer freundlich-lieblichen, zugewandten Wesensart absieht – tatsächlich hat sie erst ein einziges Mal und nur in der selbstlosen Absicht, ein Menschenkind vor dem Tode zu bewahren, einen hilfreichen Zauber bewirkt. Auch ihre eigenen zerrupften Flügel kann sie nicht wieder flugtüchtig machen, so daß sie ganz irdisch zu Fuß gehen muß.

Kröte und Ratte bleibt der neue Gast des Kobolds nicht verborgen, und sie bemühen sich, gegen die Fee zu intrigieren. Jedoch werden sie schließlich lebhaft eines Besseren belehrt, als die Fee ihnen allen das Leben rettet.

Paul Biegel hat mit der „Nachtlegende“ eine  Geschichte geschrieben, die märchenhafte und mythische Elemente enthält und besonders in den Charakterdarstellungen und der Beziehungsentwicklung der Charaktere schmunzlerisch emotionale Untiefen auslotet.

Die Illustrationen von Charlotte Dematons – meist in geheimnisvoll-blauschattigen Farbtönen gestaltet – geben die Atmosphäre des Textes sehr gut und eindringlich wieder.

Besonders hervorheben möchte ich, daß es sich hier um eine Erzählung handelt, die das Leben bejaht, ohne den Tod zu verneinen. Das kommt in Kinderbüchern selten in einer solch anschaulichen Tiefsinnigkeit vor.

Mir fällt dazu nur ein vergleichbares und leider vergriffenes Kinderbuch ein: „Die wundersame Reise der kleinen Sofie“ von Els Pelgrom (illustriert von The Tjong Khing). Es kann kein Zufall sein, daß beide Bücher mit dem  » Goldenen Griffel «   –  dem bedeutendsten niederländischen Jugendliteraturpreis  –  ausgezeichnet worden sind.

 

Der Autor:

Paul Biegel (1925 – 2006) – der niederländische Michael Ende – gehört mit Tonke Dragt, Thea Beckmann und Annie M.G. Schmidt zu den ganz Großen der niederländischen Kinderliteratur. Er verfaßte über 50 Bücher, sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter mehrfach mit dem  » Silbernen «  und  » Goldenen Griffel «.

Die Illustratorin:

»Charlotte Dematons, geboren 1957, studierte Kunst in Amsterdam. Sie hat bereits viele Kinderbücher illustriert und erhielt unter anderem für die Märchen der Brüder Grimm 2006 den »Silbernen Pinsel«, eine der höchsten Auszeichnungen für Kinderbuchillustration in den
Niederlanden. Sie lebt in Haarlem.«

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Firmin

  • von Sam Savage
  • Aus dem Amerikanischen von
  • Susanne Aeckerle, Marion Balkenhol und
  • Hermann Gieselbusch mit Katrin Fieber
  • Ullstein Verlag 2006   http://www.ullstein.de
  • gebunden, mit Schutzumschlag und LESEBÄNDCHEN
  • 211 Seiten
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-550-08742-4
  • Taschenbuch Oktober 2009 List Verlag   http://www.list-taschenbuch.de
  • 8,95 €
  • ISBN 978-3-548-60921-8
  • leider sind beide Ausgaben inzwischen restlos vergriffen
    9783548609218_cover.jpg Frimin groß

NENNT  MICH  LESERATTE

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Ein sehr belesenes Buch!

Die kleine Ratte, die auf den Papierfetzen von „Finneganns Wake“, das Licht der Welt bzw. das Flimmerlicht einer Neonröhre  im Keller einer Antiquariatsbuchhandlung erblickt –  das ist Firmin, der tierisch literarische Held des Romans von Sam Savage.

Wir schreiben die frühen sechziger Jahre, und die Buchhandlung befindet sich in einem heruntergekommenen Stadtteil, dem Scollay Square in Boston.

Firmin ist etwas zarter besaitet als seine zwölf Geschwister und bekommt zu wenig Rattenmuttermilch. Der Hunger treibt ihn dazu, Bücher anzunagen, und nach einiger Zeit entdeckt Firmin bei dieser Bücherdiät, daß er lesen kann.

Während seine Geschwister und seine Mutter das Nest verlassen, richtet sich Firmin, wissenshungrig und neugierig, in der Zwischendecke der Buchhandlung ein, beobachtet das Geschäftsleben, lernt die Stammkunden kennen, lauscht den Gesprächen der Menschen und verfolgt in der Zeitung die Pläne der Stadtverwaltung, den Scollay Square komplett abzureißen.

„Dieser Spalt in der Decke in Form eines C wurde einer meiner Lieblingsplätze. Er diente mir als Fenster zur Menschenwelt, mein erstes Fenster. Es glich einem Buch – man konnte dadurch in Welten schauen, die nicht die eigene waren.“ (Seite 49)

Firmin entwickelt eine leider gänzlich unerwidert bleibende Anhänglichkeit an den Ladenbesitzer Norman. Außerdem hofft er auf eine Seelenverwandtschaft mit Jerry, einem erfolglosen Schriftsteller, der in einer Wohnung im gleichen Haus lebt und der einen Roman über außerirdische und hochzivilisierte Ratten geschrieben hat.

Durch ausgiebige Lektüre und heimliche nächtliche Kinobesuche bildet sich Firmin weiter: „Mein Verstand wurde schärfer als meine Zähne.“ In seinen Tagträumen bewegt er sich auf Augenhöhe zwischen Charakteren aus den Klassikern der Weltliteratur und führt geistreiche Gespräche.

Firmin lebt ein einsames Leben, er ist der unbeobachtete Beobachter und der absolute Außenseiter. Seinen Artgenossen ist er zu humanistisch, und Menschen sehen nur ein Tier –  ja sogar Ungeziefer –  in ihm. Die Unmöglichkeit einer „zwischenmenschlichen“ Begegnung wird leidensgekrönt durch seine unglückliche Verliebtheit in Ginger Rogers:

Unerwiderte Liebe ist schlimm genug, aber unerwiderbare Liebe kann einen richtig fertig machen. Ich aß dann zwei Tage nichts. Ich las Byron. Ich las „Sturmhöhe“. Ich nannte mich Heathcliff. Ich lag auf dem Rücken. Ich betrachtete meine Zehen. Anschließend stürzte ich mich voller Energie in die Arbeit. Ich wurde Jay Gatsby. Ich war nicht unterzukriegen. Ich ging weiter meinen Geschäften nach. Äußerlich blieb ich der nette Typ, wer ahnte schon, dass sich in meiner Brust ein gebrochenes Herz verbarg?“  (Seite 83)

Firmins geistige Größe steht im krassen Gegensatz zu seiner wortwörtlichen Sprachlosigkeit, doch er sucht tapfer nach einer Möglichkeit, die Sprachbarriere zu überwinden. Schließlich kommt er auf die Idee, sich der Taubstummenzeichensprache zu bedienen, ein entsprechendes Handbuch hat die Buchhandlung auf Lager. Nach komplizierten Proben, in denen er unter Ganzkörpereinsatz eine menschliche Hand darzustellen versucht, reichen seine Fähigkeiten jedoch nur für zwei leserliche Zeichen: „Auf Wiedersehen“ und „Reißverschluß“.

Dieser verzweifelte Kontaktversuch geht ziemlich schief, aber Jerry findet den verletzten Firmin und adoptiert ihn als Haustier. So kommt die Leseratte zu geregeltem Frühstück mit Kaffee, zu abendlichem Rotwein und ungestörtem Lektüregenuß – nur zum ersehnten Gespräch kommt es nie. Alle Gedanken, klugen Antworten und kultivierten Bonmots bleiben verborgen in Firmins Kopf. So müssen auch wir Leser davon ausgehen, daß Firmin seine uns vorliegende Biographie eigentlich nur in Gedanken schreibt.

Die Lebensgeschichte Firmins wird wortgewandt, melancholisch und selbstironisch erzählt, und es wimmelt von literarischen Anspielungen, die eine nicht unbeträchtliche Belesenheit voraussetzen.

Ich bin sehr begeistert vom kleinen, großen Firmin!

 

Der Autor:

»SAM SAVAGE wurde in South Carolina geboren und lebt heute in Madison, Wisconsin. Er promovierte in Philosophie, unterrrichtete auch kurzfristig, arbeitete als Tischler, Fischer, Drucker und reparierte Fahrräder. FIRMIN ist sein erster Roman.«