Paul Temple und der Fall Gregory

  • von Francis Durbridge
  • Hörspiel
  • mit BASTIAN PASTEWKA & KOMPLIZEN
  • der Hörverlag   November 2014    http://www.hoerverlag.de
  • 2 CDs in Vinyloptik in Faltpappschuber
  • Laufzeit 107 Minuten
  • 14,99 € (D), 14,99 (A), 21,90 sFr.
  • ISBN 978-3-8445-1718-7
  • Regie: Leonhard Koppelmann
  • Hörspielbearbeitung: Leonhard Koppelmann und Bastian Pastewka
  • Musik: Hans Jönsson
  • Schlageradaption: Mike Herting
  • Technische Realisation: Hans-Günther Kasper
  • Regieassistenz: Cordula Dickmeiß und Andreas von Westphalen
  • Dramaturgie: Holger Heddendorp
  • Redaktion: Martina Müller-Wallraff
  • Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks Köln mit dem Südwestrundfunk, 2014
  • Die Rollenaufteilung:
  • Bastian Pastewka: Paul Temple
  • Janina Sachau:  Steve Temple
  • Alexis Kara:  Sir Donald Murdo, Edward Day,Peter Davos, Wirt, Charlie, der Diener
  • Inga Busch:  Dr. Kay Wiseman, Madison,Virginia van Cleve, Kellnerin, diverse Sergeants
  • Kai Magnus Sting:  Bill Harcourt, Sir Graham Forbes, Charles Zola, Marcia

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B E I   M O R P H E U S !

Hörspielbesprechung von Ulrike Sokul ©

Diese Neuinszenierung eines verschollenen alten Francis-Durbridge-Kriminalhörspiels aus dem deutschen Radioausstrahlungsjahr 1949 ist ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für alle Neulinge ein verführe- rischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

Die Radiohörspiel-Straßenfeger von Francis Durbridge aus den 1950er-Jahren habe ich erst Anfang der 2000er-Jahre kennengelernt, als sie nach und nach – beim Hörverlag und DAV-Verlag – als Hörspiel-CDs neu aufgelegt wurden. Ich war sogleich begeisterungs- infiziert, habe diese Hörspiele eines nachdem anderen „verschlungen“ und mich unsterblich in ihren angestaubten Charme verliebt. Die Schauspielstimmkunst der damaligen Hörspielsprecher (René Deltgen, Annemarie Cordes, Kurt Lieck, Lilly Towska, Peter René Körner, Herbert Hennies, Heinz Schimmelpfennig) ist von beeindruckend lebhaft-vorbildlicher Virtuosität.

Und die dramatische Untermalung durch die ORIGINALMUSIK  von Hans Jönsson versetzt einen sogleich vor ein imaginäres wirtschaftswunderliches Radio mit Holz- korpus, dicken elfenbeinfarbenen Tasten, magischem grünen Auge, stoffüberspannten Lautsprechern und seltsam-ungewohnt deutschsprachigen Beschriftungen wie: Bass-Regler, Raumklang, Lautstärke, Höhen-Regler, Klangregister – ganz zu schwärmen von der von innen beleuchteten Wählskala mit den Namen bekannter Radiosender und klangvoller Weltstadtnamen wie Berlin, Budapest, London, Paris, Prag, Rom, Wien und Langenberg 😉

Doch ich schweife ab – zurück zur aktuellen Hörspiel-Rekonstruktion.

Das erste ins Deutsche übersetzte Kriminalhörspiel von Francis Durbridge, „Paul Temple und der Fall Gregory“, wurde 1949 gesendet und verschwand aus den Rundfunkarchiven. Einzig eine Karteikarte mit Löschvermerk blieb erhalten. Leider wurden auch bei der BBC zahlreiche Aufzeichnungs-Bänder gelöscht, und erst als das deutsche Skript wieder- gefunden worden war, konnte eine Rekonstruktion ins magische Auge gefaßt werden.

Für die Neulinge folgt nun eine Nachhilfegedenkminute bezüglich des Paul-Temple-Kriminalschnittmusters:

Paul Temple ist ein smarter Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv, der im London der 50er-Jahre von Sir Graham Forbes, dem Chef von Scotland Yard, gerne und häufig zur Mitarbeit an der Lösung kniffliger Kriminalfälle gebeten wird. Mit weiblich-intuitiver Unterstützung seiner Ehefrau Steve (wenn sie sich nicht gerade bei allfälligen Hutkäufen entspannt) heftet sich Paul an die Fersen des mysteriösen Verbrechens (wahlweise sowie auch kombiniert: Mord, Diebstahl, Entführung, Erpressung …) und muß aus verdächtig vielen Verdächtigen raffiniert schlußfolgernd den wahren Täter entlarven – gerne bei einem als einladende Cocktailparty getarnten Showdown.

Während der Ermittlung geraten Paul und Steve stets auch ins Visier der Täter, und sie müssen lebensgefährliche Anschläge überleben. Doch solche Widrigkeiten und andere dramatische Überraschungen dienen als willkommene Klippenhänger, um die Zuhörer ans Radio zu fesseln.

Zur weiteren Standardausrüstung gehören das eheliche Frühstücksfutterneid-Geplänkel zwischen Steve und Paul, die vergeblichen Versuche, den Okay-Jargon des jungen Haus- dieners Charlie in ein kultiviertes „Sehr wohl, Sir“ umzubilden, männliche Frotzeleien über Steves „weibliche Eingebungen“, außerdem zwielichtige Nachtclubs, falsche Fährten (sogar unschuldige Parfümspuren) und Steves Refrain: „Also, was ich nicht verstehe, ist…“ sowie Pauls beliebter Ausruf: „Bei Morpheus!“ Häufig konsumierte Getränke sind Kaffee, Whisky-Soda und Dry-Martinis.

In „Paul Temple und der Fall Gregory“ taucht eine vermißte Frau als Leiche wieder auf, dekoriert mit einem Zettel, der die kryptische Botschaft trägt: „Mit den besten Empfehlungen von Mister Gregory.“  Wer ist Mister Gregory und wieviele Leichen und Entführungen später wird es dauern, bis Paul Temple Mister Gregory endlich entlarvt? Das erfahren Sie selbstverständlich nicht in dieser Besprechung…

Die rekonstruierte Paul-Temple-Version wartet mit einem geschickt choreographierten Drehbuch im Drehbuch auf, das sowohl mit der Hommage an die Kriminalrezeptur Francis Durbridges als auch mit den metafiktiven Kommentaren und der inszenierten Gruppendynamik der gegenwärtigen Darsteller einen ganz eigenen Reiz entfaltet.

Abgesehen davon, daß drei der beteiligten Schauspieler (Alexis Kara, Inga Busch, Kai Magnus Sting) bravourös und vielschichtig mehrere Rollen ausfüllen, spielen sie sich gewissermaßen selbst, eben als Schauspieler, die miteinander ein Hörspiel erarbeiten und dabei das Drehbuch, ihre Rollen und ihr eigenes Spielvermögen kommentieren, kritisieren und ironisieren.

Beiläufig werden in den Unterbrechungen der eigentlichen Hörspielhandlung sehr interessante Zusatzinformationen und Erläuterungen zur Radiohistorie der Paul-Temple-Hörspiele hineininszeniert, indem die Schauspieler das Schnittmuster der Paul-Temple-Krimis analysieren, die einstigen Produktionsbedingungen mit den heutigen Genre-Gegebenheiten vergleichen und sich über Rollenklischees wundern sowie den weiteren Verlauf der Handlung in Frage stellen und schließlich so in ihre Rollen hineinwachsen, daß sie manchmal den Rollennamen mit dem Schauspielernamen verwechseln und umgekehrt.

Die beiden Schlager (Arrangements von Mike Herting), die das Ensemble in den Nachtclubszenen selber singt, sind ganz und gar altmodisch-köstlich und beschwingt und eine kongeniale Zugabe zu der ansonsten verwendeten DRAMATISCHEN Originalmusik des Komponisten Hans Jönsson.

Diese „moderne“ Reinszenierung von „Paul Temple und der Fall Gregory“ bietet zugleich eine amüsant-informative Spurensuche, ehrwürdigende radiohistorische Reflektionen, humorige Rand- bemerkungen und vergnüglich-spannende Unterhaltung, garniert mit schönen Nostalgieeffekten und vielen erhörenswerten Details.

 

Hörpröbchen gefällig? https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Bastian-Pastewka-und-Komplizen-in-Paul-Temple-und-der-Fall-Gregory/Francis-Durbridge/e468881.rhd

 

Die Darsteller:

BASTIAN PASTEWKA als „Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projekts“ – wie so schön im CD-Beiheftchen geschrieben steht – spricht und spielt einen clever-frischen und souverän-snobistischen Paul Temple und – in seiner Rolle als Schauspielerschauspieler – einen romantisch-schwärmerischen Francis-Durbridge-Jünger.

JANINA SACHAU als Paul Temples Ehefrau Steve Temple hört sich wirklich zum Verwechseln ähnlich anschmiegsam-charmant-intuitiv wie einst Annemarie Cordes an. Allein die Betonung (mit diesem eingebauten Fragezeichen), mit der sie den Vornamen ihres Gatten ausruft, – ganz großes Kino!

Und sie sprichseufzt einen meiner Lieblingssätze: „Meine Füße weinen schon.“

INGA BUSCH meistert in diesem Hörspiel nonchalant ganz unterschiedliche Frauentypen von damenhaft-intellektuell über betäubungsmitttelgeschwächt bis verrucht-verführerisch sowie auch diverse männliche Nebenrollen und Türklinken.

ALEXIS KARA und KAI MAGNUS STING offenbaren ein bewundernswürdig-abwechslungsreiches Stimmenregister; die Bandbreite reicht vom norwegischen Akzent bis zum herrlich rollenden R über diverse männliche Temperamente und Altersstufen bis zu einem kurzen Ausflug in weibliche Stimmgefilde.

 

DIE VERPACKUNG:

Die beiden in Vinyloptik gekleideten CDs erscheinen in einem Faltpappschuber mit informativem Beiheftchen, beides im graphischen Stil der 1950er-Jahre gestaltet. So rundet die zeitgemäß-altmodische Verpackung dieses stimmige neue, alte Paul-Temple-Hörspiel vortrefflich ab. Und gerne wiederhole ich nun noch einmal mein anfängliches Lob:

Ein Muß und ein Genuß für alle Kenner und für Neulinge ein verführerischer Einstieg in Mythos und Kult der straßenfegenden Paul-Temple-Hörspiele.

 

Der Autor:

»FRANCIS DURBRIDGE, geboren 1912 in Hull/England, studierte Altenglisch an der Universität Birmingham. Er arbeitete kurz als Börsenmakler, bevor er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Schreiben, widmete. Seine Schriftsteller-Laufbahn begann er mit Bühnenstücken und Kurzgeschichten. Von 1938 an war Francis Durbridge dreißig Jahre lang als Hörspielautor für BBC tätig. Mit seinen spektakulären Fortsetzungskrimis, ob als Hörspiel oder Fernsehproduktion, schrieb er Geschichte.«

Initiator, Co-Bearbeiter und Seele des Projektes:

»BASTIAN PASTEWKA, geboren 1972 in Bochum, beendete sein Studium der Pädagogik, Germanistik und Soziologie frühzeitig und trat ab 1992 mit verschiedenen Bühnen-programmen auf. Bekannt wurde er als Ensemblemitglied der Sat-1-Wochenshow, seit 2005 überzeugt er als er selbst in seiner vielfach preisgekrönten Serie Pastewka. Auch auf der Kinoleinwand (u.a. in den Edgar-Wallace-Parodien Der WiXXer und Neues vom WiXXer), am Theater, im Hörspiel und als Synchronsprecher (z.B. Madagascar, Megamind) feierte er große Erfolge. Als einer der beliebtesten Komiker Deutschlands erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrfach den Deutschen Comedypreis, den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und die Goldene Kamera.«

Bearbeitung und Regie:

»LEONHARD KOPPELMANN, geboren 1970 in Aachen, führte 1996 zum ersten Mal bei einem eigenen Hörspiel Regie. Seitdem arbeitet er als freier Hörspielautor und als Theater- und Hörspielregisseur. So sind inzwischen unter seiner Regie über 200 Hörspiele entstanden, z.B. Maria, ihm schmeckt’s nicht sowie Drachensaat von Jan Weiler, Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne, Baudolino von Umberto Eco, und – hochgelobt – Wassermusik von T.C.Boyle und Doktor Faustus von Thomas Mann, die alle im Hörverlag erschienen sind. In seinen Inszenierungen stehen vor allem die Schauspieler im Mittelpunkt, mit ihnen arbeitet er intensiv die Individuellen Qualitäten der verschiedenen Autoren aus. So entstehen äußerst vielfältige und höchst verschiedenartige Produktionen unter seiner Regie.«

 

PS
Wer Lust auf die elf erhalten gebliebenen Originalhörspiele hat, kann sich „in diesem Internet, von dem man jetzt so viel liest“ weiterführend informieren und sich auch Hörkostproben genehmigen unter:  www.hoerverlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Alex
PAUL TEMPLE und der Fall Genf
PAUL TEMPLE und der Fall Curzon
PAUL TEMPLE und der Fall Lawrence
PAUL TEMPLE und der Fall Gilbert

www.der-audio-verlag.de

Francis Durbridge:

PAUL TEMPLE und der Fall Conrad
PAUL TEMPLE und der Fall Jonathan
PAUL TEMPLE und der Fall Vandyke
PAUL TEMPLE und der Fall Madison
PAUL TEMPLE und der Fall Spencer
PAUL TEMPLE und der Fall Margo

 

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Kuschelflosse, Band 1

  • Das unheimlich geheime Zauber-Riff
  • Bilderbuch
  • Text und Illustrationen von Nina Müller
  • Magellan Verlag   Juli 2014                   www.magellanverlag.de
  • gebunden, Fadenheftung
  • 80 Seiten
  • Format: 20,5 x 24,5 cm
  • 12,95 € (D), 13,40 € (A)
  • ISBN 978-3-7348-2801-0
  • ab 4 Jahren
    Kuschelflosse

K U S C H E L A B E N T E U R E R

Bilderbuchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Fischverliebte können in diesem Bilderbuch ungeahnte Entdeckungen machen. Die vier Hauptfiguren leben unter Wasser in Fischhausen. Zuerst lernen wir den Fellfisch Kuschelflosse kennen, der, wie sein Name schon andeutet, gerne herumkuschelt. Jeden Tag zelebriert er mit seinem Haustier Flauschi eine Traumstunde, bei der die beiden gemütlich aneinander gekuschelt der Musik aus dem Unterwasserradio lauschen.

Dieses eigenwillige Radio verfügt über einen Geheimsender, der eines wässrigen Tages von einem zauberhaften, bunten Riff berichtet, wo eine uralte Zauberschildkröte leben solle, die Wünsche erfüllen könne. Der Weg dorthin sei geheimer als geheim, und nur wenige hätten ihn bisher gefunden.

Kuschelflosse ist sofort Feuer und Flamme bzw., um im richtigen Element zu bleiben: er kann seine Flossen nicht ruhen lassen, bis er seine drei besten Freunde mit seinem Wunschfieber angesteckt hat. Seebrillchen Sebi, ein kluges und belesenes Seepferdchen, Schwimmerdbeere Emmi, ein erdbeerförmiges und erdbeerfarbenes Fischmädchen, und Herr Kofferfisch, der in seinem Kofferbauch alles Mögliche transportieren kann, sind sofort begeistert.

Am nächsten Tag schwimmen die vier Freunde mit freudiger Erwartung ins größte Abenteuer ihres Lebens. Zunächst begegnen ihnen im „Grinsegras-Tal“ lustige Grinsegräser, die etwas verwackelte Sprechgewohnheiten haben, beim Passieren der „spannenden Schlucht“ sucht sich eine gefährliche Feuerqualle Kuschelflosse zum Imbiß aus, aber seine drei Freunde überlisten den Freßfeind mit einer Badeblubberkugel.

Die freundliche Rosa Muschel, der sie nach dieser überstandenen Gefahr begegnen, schenkt ihnen einen Findefisch, der alle Wege findet. Nach einigen größeren und kleineren Hindernissen kommen sie endlich am Zauberriff an, und die schwerhörige Zauberschildkröte erfüllt, nach einigen lustigen Mißverständnissen, Kuschelflosses Wunsch nach dem Aller-aller-aller-aller-aller-Wertvollsten, was es auf der ganzen Welt gibt.“ Was das ist, dürfen Sie bei der Lektüre gerne selbst entdecken…

Die Illustrationen von Nina Müller sind kindlich-verspielt, ein bißchen comicartig sowie fröhlich-bunt, und sie geben die Charaktere der sympathisch-schrägen Fischfiguren treffgenau wieder.

Die Geschichte von Kuschelflosse und seinen Freunden wird von Nina Müller in einfachen, anschaulichen und witzigen Worten erzählt, als Beispiel nenne ich die müde Schnecke in Zeitlupe.“ Die sprachspielerischen Elemente, mit denen sie den Text bereichert, dürften beim Vorlesen eine Quelle für viel kindlichen Spaß sein.

„Kuschelflosse“ ist eine abenteuerlustige Geschichte, bei der die Betonung eindeutig auf LUSTIG liegt. Der recht umfangreiche Text ist übersichtlich auf neun Kapitel verteilt, so daß ein wohlportioniertes Vorlesen in sinnvollen Abenteuerschwimmzügen ermöglicht wird. Dank des skurrilen Humors löst sich die Spannung schließlich stets in Schmunzeln auf.

Naturgesetzliche Präzision dürfen Sie beim Eintauchen in diese Unterwasserwelt nicht erwarten, aber Sie können einen Seeigelverkehrsstau erleben und sich darüber wundern, warum und wozu Fische eine Badewanne brauchen.

 

Die Autorin und Illustratorin:

»Nina Müller, geboren 1977 in Bayreuth, studierte Kommunikationsdesign in Wiesbaden und Sydney, bevor sie nach München zog und als Art Director in einer der renommiertesten Werbeagenturen Deutschlands arbeitete. Heute hat sie ihr eigenes Designbüro in Bayreuth und genießt neben den konzeptionellen Aufgaben mehr Zeit für ihre liebste Leidenschaft: das Schreiben und Illustrieren fantastischer Geschichten mit einzigartigen Charakteren

PS:

Magellan, ein neuer Kinderbuchverlag (Geburtstag war im Frühjahr 2014), der sich nach einem berühmten Seefahrer und Entdecker nennt, macht seinem Namen alle Ehre durch die Entdeckung und Verlegung neuer, noch unbekannter Talente jenseits des Massengeschmacks.

Außerdem hat sich dieser Verlag auf die Fahne geschrieben, bei der Herstellung seiner Bücher einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Sie werden auf dem Buchmarkt nicht viele Verlage finden, die außer dem Hinweis auf FSC-Mix-Papier auch noch Farben auf Pflanzenölbasis, Lacke auf Wasserbasis und lösungsmittelfreie Klebstoffe verwenden und die hauptsächlich in Deutschland produzieren.

Ich wünsche dem originellen, ganzheitlich-nachhaltigen Buchprogramm des Magellan Verlages viel Erfolg, unzählige Leser und unbezahlbare Begeisterung.

http://www.magellanverlag.de

Tante Julia und der Kunstschreiber

  • von Mario Vargas Llosa
  • HÖRSPIEL
  • Hörverlag  November 2010    http://www.hoerverlag.de
  • 10 CDs
  • Spielzeit: 723 Minuten
  • Sprecher: André Jung, Herlinde Latzko, Christoph Bantzer u.a.
  • 29,95 € (D),  29,95 (A),  41,90 sFr.
  • ISBN 978-3-86717-725-2

978-3-86717-725-2

APPLAUS!  BRAVO!!  DA  CAPO!!!

Hörbuchbesprechung von Ulrike Sokul  ©

Applaus – für  diese großartige Hörspielproduktion des Schweizer Radios DRS aus dem Jahre 2002! Acht Jahre vor der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa wurde seinem Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ mit dieser Hörspiel- fassung  kongenial die Ehre gegeben.

Unter der Regie von Claude Pierre Salmony und der sehr originaltextnahen Hörspiel- bearbeitung und Co-Regie von Daniel Howald  ist ein geistreicher und opulenter Ohrenschmaus entstanden. Mit viel Liebe zum Detail wurden die Dialoge mit Original- aufnahmen aus Lima hinterlegt. Die Geräusche von Straßen, Cafés und Kirchen sowie gelegentliche musikalische Einstreuungen tragen sehr zur dramaturgischen Einstimmung bei und werden durch die wiederkehrende, sehr tänzerische Einspiel- melodie vor jedem neuen Kapitel ergänzt.

In „Tante Julia und der Kunstschreiber“ erzählt Vargas Llosa die autobiographisch inspirierte Liebesgeschichte von Mario und Julia. Im Lima der Fünfzigerjahre studiert Mario nachlässig Jura, arbeitet als Nachrichtenredakteur für Radio Panamericana und träumt davon, als Schriftsteller in einer Mansarde in Paris zu leben. Seine Erzählungen landen zwar meist im Papierkorb, aber Mario ist von seiner schriftstellerischen Berufung überzeugt. Er wohnt bei seinen Großeltern und ißt bei den diversen Tanten und Onkeln seines ausufernden Familienclans zu Mittag. Bei einem dieser Essen trifft er auf seine angeheiratete Tante Julia, die frisch geschieden nach Lima gekommen ist, um einen neuen Ehemann zu finden.

Am gleichen Tag hört er zudem zum ersten Mal von Pedro Camacho, dem neuen Hör- spielautoren des Radiosenders. Die leibhaftige Begegnung mit dem Hörspielwunder läßt nicht lange auf sich warten, und Mario beobachtet staunend die unglaubliche Produktionsmenge und Schnelligkeit des eigenwilligen Schreibers. Pedro Camacho verfaßt und inszeniert neun Hörspielepisoden täglich und verschafft dem Sender große Hörerzuwächse und entsprechend höhere Werbeeinnahmen.

Pedro Camacho kultiviert diverse Manierismen: er trinkt Kamillentee mit Pfefferminze, er zelebriert höfische Verbeugungen und pflegt in jedes Hörspiel gnadenlos seine persönlichen Zu- und Abneigungen einzubauen;  so ist die jeweilige Hauptfigur grund- sätzlich „ in der Blüte seiner Jahre, nämlich 50“, also genau in Pedro Camachos Alter, und immer gibt er seiner Verachtung gegenüber Argentinien Ausdruck, indem er mit irgendeiner abwertenden Bemerkung über angeblich argentinische Sitten aufwartet.

Bei der Schöpfung seiner Hörspielcharaktere scheut er kein Klischee – egal ob religiös, medizinisch, soziologisch, psychologisch oder romantisch –  je extremer und gegen- sätzlicher, desto besser, und entsprechend reißerisch und monströs entfaltet sich die jeweilige Handlung.

Des weiteren garniert er seine Seifenopern mit pathetischen Schnörkeln wie : „ -Fluch , der auf einer Familie lastet, von der nicht einmal der Name überdauern wird -“oder: „-Burschen aus der Gosse, die durch Hartnäckigkeit bis zum Nobelpreis gelangen -“ und unfreiwillig komischen Metaphern wie : „ Die Richter – Nachgiebigkeit von Zuckerrohr, das im journalistischen Winde tanzt -“ und „Blässe einer Frau, die von einem Vampir geküßt wurde.“
 
Vargas Llosa wechselt die Kapitel der wirklichen Liebesgeschichte von Mario und Julia mit den fiktiven Hörspielepisoden von Pedro Camacho ab.

Die Liebesgeschichte zwischen dem 18-jährigen Mario und seiner 14 Jahre älteren Tante Julia schreitet von anfänglich nur spielerischem Flirt zu leidenschaftlicher Liebe fort und führt, gegen den Willen der Familie, bis zur illegalen Heirat.

Die Hörspielkarriere von Pedro Camacho bekommt einen katastrophalen Knick, als er  –  Opfer seines hyperkreativen Geistes  – anfängt, die Namen, Charaktere und Handlungs- fäden seiner Figuren zu verwechseln, und schließlich das gesamte Personenpotpourri durch eine apokalyptische Erdbebenepisode ins Jenseits befördert.

Der Schauspieler André Jung gibt der jungenhaften Männlichkeit Marios eine sympathische, jugendlich begeisterte und eifrige Stimme.

Tante Julia wird charmant, sinnlich und mit weiblicher Selbstironie von Herlinde Latzko gesprochen.

Christoph Bantzer verstimmlicht die Rolle des Pedro Camacho mit eindrucksvoller Treff- sicherheit. Es ist eine Meisterleistung, nur über das Medium der Stimme, die Kombi- nation aus fanatischer Selbstdisziplin, herrischer Subjektivität, hilfloser Überheblichkeit und idiosynkratischer Überspanntheit wiederzugeben!

Pedro Camachos Bemerkung  „Meine Schriften erhalten sich an einem unauslöschlicheren Ort, als Bücher es sind. Im Gedächtnis der Radiohörer.“ kann ich nur bestätigen. Ich werde nie wieder Mario Vargas Llossas Roman lesen können, ohne dabei Christoph Bantzers Stimme im Ohr zu haben.

Überdies nutzt sich die facettenreiche Geschichte auch bei mehrmaligem Hören keines- wegs ab. Ich habe mir dieses „Hörspiel-Kino“ bereits dreimal gegönnt, und jedesmal fielen mir wieder neue Raffinessen und Wortspielereien auf. Ich möchte sogar sagen, daß es mir von Mal zu Mal immer besser gefällt, was in meinen Ohren ein weiteres Zeichen für die Qualität dieses  Hörspiels ist.

Die Verpackung des Hörspiels ist dem Hörverlag sehr schön gelungen. Die graphische Gestaltung gibt den Zeitgeist der Fünfzigerjahre wieder, die Verteilung der 10 CDs auf fünf Doppelhüllen macht das Raumvolumen handlich, und der Pappschuber umrahmt ein rundherum stimmiges Werk.

Hier entlang zum Hörbuch und zur HÖRPROBE:
https://www.randomhouse.de/Hoerbuch/Tante-Julia-und-der-Kunstschreiber/Mario-Vargas-Llosa/der-Hoerverlag/e387011.rhd

 

Der Autor:

»Mario Vargas Llosa, 1936 im peruanischen Arequipa geboren, studierte Sprachen in Lima und Madrid und arbeitete dann als Journalist in Paris.
1962 erschien sein erster Roman „Die Stadt und die Hunde“, der bereits zu einem internationalen Erfolg wurde. Auch seine weiteren Romane wie „Das grüne Haus“ oder „Der Krieg am Ende der Welt“ fanden weltweit bei Kritik und Lesepublikum Beachtung. Mario Vargas Llosa erhielt 2010 den Nobelpreis für Literatur.«

 

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