Arche Literatur Kalender 2015

  • Feste & Feiern
  • Wochenkalender
  • herausgegeben von Elisabeth Raabe und Regina Vitali
  • graphische Gestaltung von Max Bartholl
  • Arche KALENDER Verlag     http://www.arche-kalender-verlag.com
  • 60 Blätter, 54 Photos
  • FORMAT 31,5 x 24 cm
  • 22,– € (D/A), 26,90 sFr
  • ISBN 978-3-047-6015-7

Literaturkalender TITELBLATT
G E R N G E S E H E N

Kalenderbegeisterung von Ulrike Sokul ©

Jedes Jahr widmet sich der Arche Literatur Kalender einem bestimmten Thema. Aus Anlaß des 30jährigen Kalenderjubiläums lauten die feierlichen Oberbegriffe für das Jahr 2015: »FESTE & FEIERN«.

Der erste Arche Literatur Kalender erschien 1984; damals befand ich mich noch im ersten Jahre meiner Ausbildung zur Buchhändlerin. Es ist immer von Vorteil, wenn man früh mit Originalen auf vertrautem Fuße steht, dann kann man nämlich an den verwässerten Nachmachermodellen, die früher oder später auf den Markt strömen, gelassen vorbeigehen und sich an bewährter Qualität erfreuen.

Woche für Woche blättert uns dieser Kalender ausgesprochen interessante und meist weniger bekannte Photographien berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf. Begleitet von einem Zitat aus Briefen, Postkarten, Tagebüchern und Werken zeigen sich so ganz persönliche, heitere, tragische, bissige, verletzliche, lebensmüde und lebensfrohe, tief- und leichtsinnige sowie manchmal ganz unerwartete Facetten der abgebildeten Literaten. Ergänzt um kurze biographische Hinweise und Hintergrundinformationen zum Anlaß von Photographie und Notat, wird auf diesem Kalender Literaturgeschichte anschaulich lebendig.

Die Auswahl und Recherche der Photographien erfolgt durch die Verlegerin Regina Vitali und die der Texte durch die Verlegerin Elisabeth Raabe in Zusammenarbeit mit Klaus Blanc.
Die graphische Gestaltung von Max Bartholl ist auf vornehm-dezente Art attraktiv und sehr klar.

So bietet der Arche Literatur Kalender ein kultiviertes Kaleidoskop abgelichteter Literaten, kombiniert mit Zitaten von zeitloser Zutrefflichkeit.

Beispielhaft gebe ich hier einen Tagebucheintrag Erich Maria Remarques vom 23.April 1939 wieder: »Photographiererei u. Getue, weiter nichts. Alles ist dauernd in Pose – Und das mehr als ein halbes Jahrhundert vor facebook!

Für alle Literaturbegeisterten ist dieses Kalenderwerk ein anregender Fundus, um Altes neu und um Neues in Altbekanntem zu entdecken.

Einziger Wehmutstropfen für gegenwärtige Schriftsteller: die Aufnahme in den Kalender erfolgt grundsätzlich nur posthum. Klassiker müssen sich halt erst einmal als solche be- und erweisen.  😉

Litkalenderblatt FALLADA                          Litkalenderblatt REMARQUE

PS:
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß der Arche Kalender Verlag außer dem besprochenen Literatur Kalender auch einen Musik-, Küchen-, Geburtstags– und Kinder Kalender (Besprechung folgt) herausgibt.

PPS:
Der Arche Literaturkalender 2015 wurde vom Graphischen Club Stuttgart mit dem »gregor international award« in SILBER ausgezeichnet.

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Aus der Ferne Auf der Kippe

  • von Wilhelm Genazino
  • BILDER  UND  TEXTE
  • dtv Verlag  Juli 2012                       http://www.dtv.de
  • 132 Seiten
  • 14,90 € (D), 15,40 € (A)
  • ISBN 978-3-423-14126-0
    aus_der_ferne_auf_der_kippe-9783423141260

BILDERGEDANKEN  UND  GEDANKENBILDER

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Bilder sprechen eine Sprache, die jeder ein wenig anders versteht, dennoch kann man von einer gewissen Allgemeinverständlichkeit ausgehen.

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino hat alte Photographien ausgesucht und zusammengestellt, die ihn zu kleinen assoziativen Geschichten, möglichen Deutungen und imaginierten Psychogrammen angeregt haben. Es sind professionelle Photos, Postkarten und ganz private, angestaubte Aufnahmen, die er auf Flohmärkten und in Antiquariaten aufgestöbert hat. Egal ob künstlerisch komponiert, laienhaft inszeniert oder unscharf und verwackelt: Jedes Bild kommt zu Wort.

Der Autor erläutert auf dem Buchrücken: Der Schriftsteller, der das Poetische erobern will, muss Kontakt mit übersehenen Details aufnehmen und mit diesen in eine Art Versenkung eintreten.“

Die Ergebnisse von Genazinos Versenkung in bedeutungsvolle Nebensächlichkeiten stehen in Form kleiner, sehr dichter Texte von maximal einer Seite Länge neben den jeweiligen Photographien.

Die Betrachtungen, die Wilhelm Genazino zu den Bildern anstellt, sind nachdenklich, amüsant, manchmal abgründig. Sie sind ironisch, ohne zu verletzen: menschliche Schwäche, Eitelkeit, Verletzlichkeit, Lächerlichkeit, Widersprüchlichkeit und Würde werden auf mitfühlende Weise und mit einer alltagstauglichen Prise Phantasie nacherzählt.

So kommt es zu interessanten Miniaturen der Merkwürdigkeiten des menschlichen Lebens und der scheinbar sprachlosen Dinge, die in Wirklichkeit sehr vielsagend sein können. Mein Lieblingsbeispielsatz dazu:

Das Eingeknicktsein der Kissen ist das Zeichen für die Unüberwindbarkeit der Wohnzimmer.“ (Seite 86)

Das Paradoxe aller Photographie wird in diesem „Bilderbuch“ überdeutlich: Einerseits der Versuch der Verewigung des Augenblicks, andererseits die nicht zu übersehende Tatsache, daß die Lebensdauer der meisten Photos bei weitem die der abgebildeten Lebewesen übersteigt.

Die anspielungsreiche Inanspruchnahme der Bilder durch Worte und die damit verbundene einladende Aufforderung, nicht flüchtig, sondern genau hinzuschauen, gewährt den verblassenden Dokumenten vergangener Lebensaugenblicke und dem willigen Mitbetrachter und Leser eine Atempause mit durchaus tiefsinnigen Einsichten.

Dieses Buch ist ein passendes Geschenk für alle an Photographie Interessierten. Die Verbindung von Bild und hintersinniger Textreflexion verspricht und hält abwechslungsreiche Kurzweil.

 

Hier entlang zum Buch auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/wilhelm-genazino-aus-der-ferne-auf-der-kippe-14126/

Der Autor:

»Wilhelm Genozino wurde 1943 in Mannheim geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist, später als Redakteur und Hörspielautor. Als Romanautor wurde er 1977 mit seiner »Abschaffel«-Trilogie bekannt. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. erhielt er 1998 den Großen Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, 2004 den Georg-Büchner-Preis, 2007 den Kleist-Preis, 2011 wurde er in die Akademie der Künste gewählt. Seine Taschenbücher erscheinen im DTV-VERLAG.«