Die Geschichte des Buches in 100 Büchern

  • 5000 Jahre Wissbegier der Menschheit
  • von Roderick Cave & Sara Ayad
  • Originaltitel: »A History of the Book in 100 Books«
  • aus dem Englischen von Anke Albrecht
  • Gerstenberg Verlag   Juni 2015   www.gerstenberg-verlag.de
  • gebunden
  • Fadenheftung
  • Format: 21 x 26 cm
  • 288 Seiten
  • 34,00 € (D),  35,00 € (A), 41,50 sFr.
  • ISBN 978-3-8369-2104-6

B Ü C H E R R E I C H

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Von der mesopotamischen Tontafel, die in Keilschrift das Gilgamesch-Epos erzählt, bis zum fast körperlosen elektronischen Buch der Gegenwart war es ein langer und in Hinsicht auf die Gestalt des medialen Datenträgers abwechslungsreicher Weg.

„Die Geschichte des Buches in 100 Büchern“ stellt in elf chronologisch und geographisch geordneten Kapiteln Bücher aus fast aller Welt und unterschiedlicher Genres vor. Diese Bücher werden inhaltlich, stilistisch, buchbinderisch, schreib- und drucktechnisch, typo-graphisch und bezüglich der verwendeten Materialien ausführlich beschrieben sowie in den jeweiligen historischen Kontext eingeordnet und auf zahlreichen, oft ganzseitigen Fotos gezeigt.

Dieses Bücherbuch ist wissensvoll, dabei unterhaltsam und spannend. Den Autoren gelingt es, uns zeitlich und kulturell fremde Perspektiven sehr anschaulich zu vermitteln.

Wer hat sich nicht schon gelegentlich gefragt, warum chinesische Schriftzeichen von oben nach unten in schmalen Reihen geschrieben werden? Hat man erst einmal die Guodian-Bambustexte gesehen, die um 300 v.Chr. auf schmale Bambusleisten geschrie-ben wurden, begreift man unwillkürlich, wie bestimmte Schreib- und Lesegewohnheiten entstanden sind.

Die Wechselwirkung zwischen dem vorhandenen ursprünglichen Beschriftungsmaterial und der Gestaltung der Textbotschaft ist offensichtlich. Obwohl in China später auch Papier und Seide als Textträger verwendet wurden, blieb die Spaltenform der Texte bis heute erhalten.

Ich kann hier nur streiflichternde Einblicke gewähren:

Da geht die Lesereise vom kostbaren Manuskript mit feinsten Buchillustrationen im Book of Kells aus dem 8. Jahrhundert und dem ältesten gedruckten Buch, einer Schrift- rolle mit dem buddhistischen Diamant-Sutra, das 868 in China gedruckt wurde, bis zum preisgünstigen Fortsetzungsroman, der im 19. Jahrhundert von Charles Dickens und seinem Verleger erfunden wurde, vom islamischen Standardwerk der Astronomie, dem handgeschriebenen und –gezeichneten „Buch der Fixsterne“ von Al-Sufi aus dem 10. Jahrhundert bis zum Meisterwerk der Bibelforschung aus dem frühen 16. Jahrhundert, der sechsbändigen, polyglotten Complutense-Bibel, welche die Bibeltexte spaltenweise in Aramäisch, Hebräisch, Griechisch und Latein wiedergibt und deren Herstellung und Druck insgesamt fünfzehn Jahre in Anspruch nahmen, von Newtons Principia, das die moderne Wissenschaft beflügelte, bis zur Nano-Thora, für die der gesamte Text in 0,0002 mm „großen“ Buchstaben per Ionenstrahl auf einen goldbeschichteten, nur einen halben Quadratmillimeter kleinen Silizium-Chip eingraviert wurde.

Ein ausführliches Glossar erhellt die verwendeten Fachbegriffe zu den angesprochenen Themen Buch- und Papierherstellung, Druckverfahren, Papierformaten, Schriftarten und Typographie. Interne Querverweise helfen bei der thematischen Verknüpfung.

Während der Lektüre dieses Raum und Zeit durchstreifenden Bücherbuchs wächst die Bewunderung und Dankbarkeit für die Schriftkultur, für die Bewahrung des kulturellen und wissenschaftlichen Gedächtnisses und für die Vielfalt und den Einfallsreichtum der Schreiber und Büchermacher, die auf Bambus, Palmblättern, Papyrus, Pergament und Rindenpapier bis in die Gegenwart zu uns sprechen.

„Liber insularium archipelagi“ MANUSKIRPT-Seite aus dem Reisebericht/Reiseführer von Cristoforo Buondelmonti aus dem Jahre 1420 © Gerstenberg Verlag 2015

So begegnen uns im Verlaufe der Geschichte des Buches viele zeitlos aufgeschlossene, tolerante Wissenshüter, aber auch religiös-fanatisierte, wahlweise christlich oder islamisch motivierte Wissensverhüter und Bücherverbrenner. Angesichts der zer- störten antiken Bibliothek von Alexandria und der Zerstörung des Bait al-Hikma (Haus der Weisheit), das im 9. Jahrhundert vom Kalifen Harun al-Raschid als Bibliothek, Forschungszentrum und Observatorium in Bagdad gegründet wurde, fragt man sich unwillkürlich, ob wieviel wir noch von dem wissen, was wir schon einmal wußten.

Doch manchmal findet man Verlorenes wieder, und zwar als Palimpsest auf alten Pergamenten. Pergament ist verhältnismäßig dick, und da es ein sehr kostbarer Beschreibstoff ist, hat man früher häufig alten Text abgeschabt, abgekratzt (vom griech. palimpsēstos) oder abgewaschen und anschließend neu beschrieben. Doch es bleiben Spuren der vorherigen Schrift erhalten, die buchstäblich durchschimmern.

Palimpseste faszinieren und bewahren so manchen vielleicht noch unentdeckten Manu-skriptschatz. So wurden etwa sieben Traktate des Archimedes als Palimpsest unter den im 13. Jahrhundert neu beschrifteten Seiten eines Byzantinischen Gebetbuches entdeckt und durch moderne Bildgebungsverfahren wieder ans Leselicht geholt.

„Die Geschichte des Buches in 100 Büchern“ empfiehlt sich allen Bibliophilen und Wißbegierigen. Es blättert ungeahnte Bücherhorizonte auf, bereitet informatives und hochinteressantes Lesevergnügen und lehrt uns immer wieder das Staunen.

Wußten Sie beispielweise, daß man im antiken Griechischen und Etruskischen die Schreibweise Bustrophedon pflegte? Bustrophedon leitet sich ab von „wenden wie pflügende Ochsen“ und bedeutet, daß ein Text zeilenweise die Schreibrichtung wechselt, also ein von links nach rechts verlaufender Text in der nächsten Zeile von rechts nach links fortgesetzt wird.

Vertraut mit der vergleichsweise simplen Schreibrichtung von links nach rechts ist gerade noch die semitische Schreibweise von rechts nach links vorstellbar, aber die Vorstellung des bustrophedonischen Schreibstils ist wohl eine herausfordernde Denkgymnastik.

Doch genau dafür waren und sind Bücher doch gut, nicht nur um Blätter zu wenden, sondern auch um das Denken zu wenden, zu bewegen und damit zu belüften.

 

Hier entlang zum Buch und zur LESEPROBE auf der Verlagswebseite:
http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836921046

Die Autoren:

»Roderick Cave ist Bibliothekar und Spezialist für historische Bücher. Er berät Bibliotheken, Museen und Universitäten in den USA, Australien und Ostasien sowie die British Library in England.«

»Sara Ayad beschäftigte sich ihr ganzes Leben lang mit Büchern; als Bibliotheksassistentin, Buchhändlerin, Lektorin und zuletzt als Forscherin für Abbildungen. Seit 2001 ist Ayad eine gefragte Bildrechercheurin für renommierte britische Kunstinstitute«

 

Querverweis:

Das Kinderbuch „Lee Raven“ von Zizou Corder inszeniert auf faszinierende Weise die Freundschaft eines analphabetischen Straßenkindes mit einem charakterstarken, geheimnisvoll-mythischen Verwandlungsbuch und reflektiert damit anschaulich und kindgerecht die Entwicklungsgeschichte und den Wertgehalt des Buches.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/25/lee-raven/

Für erwachsene Leser, die das Thema PAPIER gerne vertiefen möchten, bietet sich Erik Orsennas Sachbuch „Auf der Spur des Papiers“ an. Es ist das imponierend-abenteuerliche Sachbuch eines Autors, dem man die Liebe zu seinem Stoff anmerkt und der bei seinen Recherchen wahrlich keine Mühen gescheut hat, um einen weltumspannenden Bogen lebendigen Papierwissens für uns Leser zu erreisen.
https://leselebenszeichen.wordpress.com/2015/06/17/auf-der-spur-des-papiers/

 

Leselebenszeichen-Datenschutzerklärung: https://leselebenszeichen.wordpress.com/datenschutzerklaerung/
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Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen

  • von Lars Simon
  • Originalausgabe
  • Roman
  • 1. Band der Lennart-Malmkvist-Reihe
  • DTV Verlag     Oktober 2016    http://www.dtv.de
  • Taschenbuch
  • 432 Seiten
  • 9,95 € (D), 10,30 € (A)
  • ISBN 978-3-423-21651-7

MÖGE  DER  MOPS  MIT  DIR  SEIN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Für die Schnelleser vorab: Ein junger, erfolgreicher Unternehmensberater mit Liebesallergie erleidet einen dramatischen Karriereknick und befindet sich unverhofft in der Umschulung zum Magier.

Hinter dem etwas sperrigen Titel „Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen“ verbirgt sich ein komplex angelegter Roman mit kriminellen, kulinarischen und magischen Elementen sowie eigenwilligen, geheimnisvollen und kapriziösen Charakteren. Der Erzählfluß ist ausführlich und gemächlich sowie auf unterhaltsame Weise spannend. Phantasievolle Details, filmreife Situationskomik und überraschende Wendungen runden die Lektüre vergnüglich ab.

Und nun für alle, die es etwas genauer wissen wollen, die minutiöse Version: Lennart Malmkvist lebt im hohen Norden und steht auf der Sonnenseite des Lebens. Er bewohnt eine Mietwohnung in einem luxussanierten Altbau in der Västra Hamngatan, in einem der begehrtesten Stadtviertel Göteborgs. Beruflich ist er als erfolgreichster Unternehmensberater für die Investmentfirma HIC AB tätig, die mit Firmen aus der Medien- und Kommunikationsbranche handelt. Lennart bereitet gerade eine Präsentation für eine weitere lukrative Firmenbeteiligung vor, auf die Harald Hadding, der charismatische Herrscher der HIC AB, besonderen Wert legt.

Einen bitteren Wermutstropfen gibt es allerdings schon in Lennarts Leben. Er hat eine Liebesallergie, d.h. sobald er nach einer amourösen Begegnung auch nur den Gedanken an eine weitergehende Beziehung hegt, befällt ihn ein unerträglich juckender, pusteliger Ausschlag. Das bringt ihn stets in die Verlegenheit, sich auf keine Frau wirklich einlassen zu können.

Lennart denkt mit Vergnügen an die vergangene Nacht, die er mit seiner Kollegin Emma verbracht hat, aber seine Vorfreude, sie bald darüber aufzuklären zu müssen, daß sich nichts Bindendes aus dieser Liebeslustnacht ergeben wird, hält sich in Grenzen.

Doch jetzt ist erst einmal Wochenende, und Lennart macht sich auf den Weg einige Einkäufe (Zimtkringel, Zeitung) zu erledigen. Im Treppenhaus wird er von seiner mollig-mütterlichen Nachbarin, Maria Calvino, abgefangen, die ihn bittet,  Buri Bolmen, dem Nachbarn im Parterre, einige Kostproben ihrer italienischen Kochkunst abzuliefern.

Buri Bolmen führt im Erdgeschoß des Hauses ein Geschäft für Zauber- und Scherzartikel. Nicht zum ersten Mal wundert sich Lennart, wovon Buri Bolmen eigentlich lebt, denn Kunden haben in seinem mit Kuriositäten vollgestopften Laden größeren Seltenheitswert als die Ware. Der Inhaber von „Bolmens Skämt- & Förtrollningsgrotta“ ist schon recht betagt,  schrullig-verschmitzt und erinnert mit seinem langen weißen Bart wirklich an einen Zauberer. Er lebt mit Bölthorn, seinem mürrischen Mops, zusammen. Gegenüber Lennart ist Buri Bolmen sehr warmherzig und beinahe großväterlich-zugewandt, und Lennart hat den alten Kauz auch ziemlich gern.

In der nächsten Woche sieht und hört Lennart auf dem Weg zur Arbeit wieder einmal diesen unheimlichen, rotbefrackten Leierkastenmann, der ihn in der letzten Zeit sogar bis in seine Träume verfolgt. Im Traum hatte der Leierkastenmann Lennart nachdrücklich darauf hingewiesen, daß er sein Schicksal annehmen müsse. Lennart ist irritiert, aber er muß sich auf seine bevorstehende und äußerst karriererelevante Präsentation konzentrieren.

Kaum eine Stunde später steht Lennart fristlos entlassen auf der Straße. Eine plötzliche unerklärliche Sprachstörung Lennarts machte die sorgfältig vorbereitete Präsentation und die zu erwartenden Firmenfusionen zunichte.

Zu Hause blockieren blinkende Polizeiwagen die Straße, und die ermittelnden Beamten informieren Lennart darüber, daß sein Nachbar Buri Bolmen ermordet wurde. Lennart wird von Kommissar Hendrik Nilsson und Kommissarin Maja Tysja vernommen, und schließlich muß er auch noch den Mops bei sich aufnehmen, da das Tier sonst im Tierheim landen würde.

Lennart ist nicht amüsiert und der Mops offensichtlich auch nicht, aber man arrangiert sich. Maria Calvino kann den Mops, obwohl sie  ihn sehr mag, leider nicht nehmen, da sie eine Hundehaarallergie hat. Sie besticht Lennart mit Gaben ihrer unermüdlichen Kochkunst, und Lennart versucht, erst einmal zur Besinnung zu kommen.

Am nächsten Tag erhält Lennart handschriftliche Post von Advokat Cornelius Isaksson und erfährt, daß Buri Bolmen ihm sein Geschäft und die dazugehörige Immobilie vermacht habe – allerdings unter der Bedingung, daß er sich ein Jahr lang um den Laden und um den Mops kümmere. Lennart ist sprachlos, und Mops Bölthorn beginnt zu sprechen …

Für Lennart öffnet sich eine neue Welt, und er braucht eine ganze Weile, bis er die Erweiterung seiner gewohnten Wirklichkeit um eine magische Dimension akzeptiert. Unter Bölthorns kundiger Anleitung lernt er alltägliche Dinge von magisch aufgeladenen  zu unterscheiden, und so entpuppt sich der Zauberladen als perfekte Tarnung für echte Magie.

„Magie selbst ist, bis auf wenige Ausnahmen, unsichtbar. Nur ihre Auswirkung erkennt man, verstehst du?“ (Seite 252)

Die erste kleine Zauberübung besteht darin, das Zauberlehrlingsbuch aus seiner Tarnung hervorzuzaubern, was Lennart gut gelingt. Und dann wird geübt, geübt, geübt, und Bölthorn klärt Lennart beiläufig darüber auf, das er nun einer der „vier Wächter der Dunklen Pergamente“ sei und Bölthorn sein Adlatus.

Vor beinahe tausend Jahren bannten vier Magier den bösen Geist von Olav Krähenbein in ein steinernes Amulett und seine dunkle Magie in ein Pergament aus der Haut eines schwarzen Wolfes. Das Amulett wurde entzweigebrochen und an weit voneinander entfernten Orten tief vergraben. Das Pergament wurde gevierteilt und von den Magiern ebenfalls an getrennten Orten aufbewahrt und beschützt, damit dieser böse Geist niemals mehr die Möglichkeit hätte, an die Macht zu kommen.

Leider ist nicht alles harmlos, was Archäologen ans Tageslicht befördern, und so geschah es, daß die Amuletthälften wieder zusammengefügt wurden. Nun ist der Schattengeist Olav Krähenbein auf der Suche nach den Pergamenten …

So weit – so klassisch, aber die Zeit drängt, denn der Mord an Buri Bolmen dürfte mit dieser sagenhaften Schattenfigur in Zusammenhang stehen. Außerdem ist Lennarts Kollegin Emma plötzlich verschwunden, und jemand ist in den Zauberladen eingebrochen und hat ihn gründlich durchsucht; das Schwarze Pergament befindet sich nicht mehr in seinem üblichen Versteck.

Lennarts bester Freund, Frederik Sandberg, ist Computerspezialist, Hacker und Star-Wars-Liebhaber. Auf Lennarts Bitte hin recherchiert er illegal nach Emmas Personalakte im System der HIC AB und stellt fest, daß man sich erstaunlich viel Mühe damit gegeben habe, diese ansonsten gänzlich unauffällige Akte zu verstecken.

Wie hängt das alles zusammen? Wer ist Freund und wer ist Feind? Gibt es Gnome und Feen und woran erkennt man sie?  Wer oder was ist der Leierkastenmann? Wer ist der Mörder?

Die strenge, unterkühlt-attraktive Kommissarin Maja Tysja findet indes Lennart verdächtig, da er mit dem wertvollen Haus in der Västra Hamngatan ein nicht unbeträchtliches Erbe von Buri Bolmen erhalten hat. Komplikationen über Komplikationen; wenigstens gibt es regelmäßig köstliches, italienisches Essen bei Maria Calvino, sonst wären Lennart und Bölthorn längst entkräftet.

Wie diese zauberhaft-gefährliche Geschichte tatsächlich ausgeht, verrate ich natürlich nicht, nur, daß dieses vorläufige Ende schon den Anfang der nächsten Geschichte einleitet; es bleiben genug lose Fäden und ungeklärte Andeutungen, die reichlich magieverdächtigen Stoff und zwischenmenschliche Verstrickungen für eine Fortsetzung bieten. Außerdem muß Lennart unbedingt noch viel besser zaubern lernen …

Lars Simons Schreibstil ist atmosphärisch, spannend und abwechslungsreich sowie bisweilen feinsinnig-nachdenklich, seine Figurenzeichnung ist lebhaft und sinnlich-anschaulich, er läßt sich Zeit, die Charaktere auszumalen, seine phantasievollen magischen Details sind amüsant und dramaturgisch raffiniert, wie beispielsweise das Keksdosenorakel, das nur auf gereimte Fragen antwortet und dabei einen hohen Anspruch an die Reimqualität des Fragenstellers pflegt – ein Garant für heitere Wortduelle zwischen zwei sehr ungleichen Sprachkünstlern.

Besonders gelungen ist die Beziehungsdynamik zwischen Lennart und Bölthorn. Anfänglich distanziert-kritisch entwickelt sie sich zu einer sehr kooperativ-zugeneigten Gemeinschaft. Als magischer Profi muß Bölthorn angesichts von Lennarts magischem Analphabetismus zwar noch oft mit den Mopsaugen rollen, doch langsam wächst Lennart mit „Mut, Entschlossenheit und Vertrauen“ in seine neue Heldenrolle hinein.

Das läßt vorfreudig darauf hoffen, daß es mit Lennart und Bölthorn im Folgeband zauberhaft weitergehen wird.

 

PS:
Ich empfehle die Lektüre ausdrücklich nur mit vollem Magen, denn die überaus leckeren italienischen Unendlichkeitsmenüs, die Lennarts Nachbarin Maria Calvino serviert, kann man sonst nur schwer aushalten. 😉

Hier entlang zum Buch und zur Leseprobe auf der Verlagswebseite:
https://www.dtv.de/buch/lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen-21651/

Hier entlang zur verlagseigenen Webseite zum Buch mit Übersichtskarte und Fotos von Romanschauplätzen, Autoreninterview mit zauberhaften Hinweisen auf die Fortsetzung der Lennart-Malmkvist-Mops-Reihe und einem leckeren Nachtischrezept … 
https://www.dtv.de/special-lars-simon-lennart-malmkvist-und-der-ziemlich-seltsame-mops-des-buri-bolmen/start/c-1067

Hier entlang zum zweiten Band: Lennart Malmkvist und der ganz und gar wunderliche Gast aus Trindemossen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/11/28/lennart-malmkvist-und-der-ganz-und-gar-wunderliche-gast-aus-trindemossen/

 

Der Autor:

»Lars Simon, Jahrgang 1968, hat nach seinem Studium lange Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er mit seiner Familie nach Schweden zog, wo er als Handwerker tätig war. Heute lebt und schreibt der gebürtige Hesse wieder in der Nähe von Frankfurt am Main. Bisher sind von ihm bei dtv die Comedy-Romane ›Elchscheiße‹, ›Kaimankacke‹ und ›Rentierköttel‹ sowie der Urban-Fantasy-Roman ›Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen‹ erschienen. Lars Simon ist ein Pseudonym.«

Lee Raven

  • von Zizou Corder
  • Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
  • dtv Reihe Hanser  Februar 2011   http://www.dtv.de
  • 336 Seiten
  • 8,95 € (D), 9,20 €(A)
  • ISBN  978-3-423-62475-6
  • ab 11 Jahren
    lee_raven_im_bann_des_magischen_buches-9783423624756

EIN  BUCHSTÄBLICH  VIELSAGENDES  BUCH

Buchbesprechung von Ulrike Sokul  ©

„Für alle, die schon einmal Schwierigkeiten mit dem Lesen hatten.“

Diese Widmung führt direkt zu Lee Raven, dessen Analphabetismus nur eine von vielen Schwierigkeiten ist, mit denen er zu kämpfen hat. Lee Raven stammt aus einer großen Familie von Kleinkriminellen und schlägt sich in London als Straßenkind und Taschen- dieb durch. Er hält sich von seiner Familie fern, um seinem gewalttätigen Vater aus dem Weg zu gehen. Eigentlich ist er nur Legastheniker und bräuchte etwas mehr geduldige Förderung, aber seine Familie ist nicht gerade das, was man als  bildungsnah bezeich- net. Dennoch ist er ein kluges Kerlchen mit  einer guten Auffassungsgabe, und trotz des diebischen Lebensunterhaltes hat er einen sozialkompetenten Gerechtigkeitssinn und bestiehlt möglichst Leute, die überflüssiges Geld haben.

 „Wären sie gute Menschen, hätten sie etwas davon für Bedürftige gespendet, für arme kleine Straßenkinder wie mich, aber so wie es stand, musste ich mich selbst bedienen. Außerdem ersparte ich ihnen die Kopfschmerzen von dem extra Bier und Schnaps, für das sie das Geld, das ich ihnen abknöpfte, andernfalls ausgegeben hätten. Genau genommen erwies ich sogar der Öffentlichkeit einen Dienst, indem ich den Wohlstand umverteilte und aktiv gegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit eintrat.“

Eines Nachts entwendet er die Handtasche einer offensichtlich sehr reichen Frau, deren privaten Leibwächtern er nur knapp entkommt. Er verbringt eine Nacht im Park, und am nächsten Morgen sieht er  zu seinem Schrecken auf der Titelseite der Tageszeitung ein Foto, das ihn inflagranti bei diesem Taschendiebstahl zeigt. Außerdem patrouillieren immer noch Sicherheitskräfte im Stadtviertel.

Lee Raven klingelt beim erstbesten Haus und findet Einlaß beim Antiquar Mister Maggs, der ihn für einen Boten hält. In diesem Haus voller wertvoller Bücher entdeckt Lee Raven ein Garfield-Jahrbuch, das einzige Buch, aus dem seine Mutter ihm und seinen Brüdern früher vorgelesen hat. Eher beiläufig läßt er den Garfield-Band mitgehen und verkrümelt sich im Abwasserkanalsystem der Stadt.

In seinem ungemütlichen Versteck schläft Lee Raven mit dem Garfield-Jahrbuch auf dem Schoß ein und am nächsten Morgen findet er ein in Pergament gebundenes Buch vor. Verwundert berührt er das Buch, das ihm irgendwie lebendig erscheint, schlägt es erwartungsvoll auf, betrachtet buchstabenleere Seiten und hört eine Stimme: Es war einmal…“  sagen.

Das Buch liest ihm die Herkules Sage aus der griechischen Antike vor. Dankbar und begeistert hört  Lee Raven außerdem, daß er der erste Mensch ist, dem das Buch aus seinem Geschichtenschatz vorliest. Lee Raven lauscht wissensdurstig der 12000-jährigen Lebensgeschichte des Buches, bei dem es sich um das sagenumwobene Buch des Nebo“  handelt, das jedem, der es aufschlägt, genau die Geschichte schenkt, nach der er sich sehnt.

„Lieber Junge! Ich wurde aus dem Lehm geformt, aus dem der Mensch erschaffen wurde! Der Gott, der Adam das Leben eingehaucht hat, hat auch mir das Leben eingehaucht! Der Gott, der die Schrift erfunden hat, hat sie auf mir erfunden!“

Das „Buch des Nebo“ verwandelte sich von der Tontafel zum Papyrus, vom Papyrus zum Pergament, und bei Bedarf kann es sich auch in jede erwünschte Buchgestalt der Neuzeit verwandeln. Der biographische bzw. libriographische Weg begann mit der Erschaffung des Buches in Mesopo- tamien, setzte sich im alten Ägypten fort, wo es den Brand der Bibliothek von Alexandria überlebte, es überstand auch die Bücherverbrennungen des Christentums und erlebte seitdem wechselhafte Aufenthalte bei einge- weihten und uneingeweihten Büchersammlern.

Lee Raven findet im „Buch des Nebo“ einen Freund und Vaterersatz und will es unbe- dingt behalten und vor der machtgierigen Nigella Lurch beschützen. Nigella Lurch ist zufällig die Frau, die er um ihre Handtasche erleichtert hat und sie ist mit gnadenloser Geschäftstüchtigkeit hinter dem Buch her, um es für ihre schriftstellerischen Ambitionen auszuschlachten.

Janaki, die Pflegetochter des Buchhändlers Mister Maggs, verfolgt ebenfalls Lee Ravens Spur, wird jedoch, nachdem ihm einer seiner großen Brüder wegen der ausgesetzten hohen Belohnung das Buch abgenommen hat, zur seiner Verbündeten bei der Befreiung des Buches aus Nigella Lurchs Besitz.

Sie retten das Buch und sind wieder auf der Flucht und dann sorgt das Buch – durch eine ganz neue Verwandlung – für die Rettung der Kinder und die Vernichtung der Verfolger.

„Frau!“ donnerte Nebo mit mächtiger Stimme. „Du lächerlicher Mensch! Ich gehöre Dir nicht und werde Dir nie gehören! Ich bin nicht käuflich! Weder Geld noch Gier können die Früchte, die ich schenke, ernten!“

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht Lee Ravens, Mister Maggs‘ ‚ Janakis, des Buches und Nigella Lurchs erzählt und jeder Charakter kommt mit seinem eigenen Sprachstil zu Wort.

Lee Raven verbindet, durch die mythische Figur des „Buches des Nebo“ eine spannende äußere Handlung mit einer nicht minder spannenden Vermittlung von Schriftkulturgeschichte. Über die Abenteuergeschichte hinaus regt es sehr sympathisch dazu an, den geistigen Reichtum der Menschheit zu erkennen und wertzuschätzen.

„Nebo gab der Menschheit das Mittel, sich an alles zu erinnern, das sie je gelernt hatten, und ihr Wissen weiterzugeben, von Generation zu Generation, und die Weisheit der Vorfahren weiterzuentwickeln.“

Eine  wortwörtliche Buchbegegnung, die Lesefolgen haben kann.

Leider, leider ist dieses Buch inzwischen vergriffen, aber Sie können es vielleicht auf antiquarischem Wege noch erjagen.

 

Die Autorinnen:

»Zizou Corder ist ein Synonym für die 1960 geborene Schriftstellerin Lousia Young und ihre Tochter Isabel Adomakoh. Mit der „Lionboy„-Trilogie schrieben die beiden einen Bestseller, der in 35 Länder verkauft wurde.«