Die kleine Meerjungfrau

  • umfangreich illustriert von Dirk Steinhöfel
  • Märchentext von Hans Christian Andersen
  • in der Übersetzung von Thyra Dohrenburg
  • Oetinger Verlag, Januar 2014                                   http://www.oetinger.de
  • 112 Seiten, Format: 23,5 x 30 cm
  • gebunden, mit Schutzumschlag
  • Fadenheftung
  • ISBN 978-3-7891-7160-4
  • 19,95 €
  • ab 14 Jahren

9783789171604.jpg Die kleine Meerjungfrau

L I E B E S O P F E R T O D

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Die kleine Meerjungfrau“ ist eines meiner kindlichen Lieblingsmärchen, obwohl diese Geschichte eigentlich nur wenig kindliche Elemente aufweist. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie oft ich in einer der ganzseitigen Illustration (von Jiři Trnka) meiner Andersen-Märchensammlung von 1967 versank: Die Szene, in der die Meerjungfrau den edlen Prinzen über Wasser hält und ihm das Leben rettet.

Das Märchen ist unverändert, verändert hat sich jedoch die Kunst der Illustration – es gibt neue Werkzeuge und zeichnerische Techniken sowie gewagtere Übersetzungen des Textes ins Bild.

Dirk Steinhöfel hat die „Kleine Meerjungfrau“ reichhaltig illustriert. Es gefällt mir gut, daß die Bilder mehr Raum einnehmen als der Text; nicht weil ich lesefaul wäre, sondern weil der nackte Textkörper so gewissermaßen häufiger die Bildbekleidung wechselt und die Stimmung ununterbrochen dramatisch untermalt und gesteigert wird.

Die Illustrationen sind in einer Montagetechnik, die auch Photographien mit einbezieht, computergrafisch gestaltet. Die Farbpalette ist, von wenigen hellfarbenen Ausnahmen abgesehen, trauerumflort-schattig. Die Bilder sind sehr fein gezeichnet, teilweise ganz zart und luzide, aber auch grausam und schmerzlich und von starker unmittelbarer Intensität. Dirk Steinhöfel hat faszinierende Unterwasserwelten gestaltet, mit sehr schönen Wasser-Licht-Effekten.

Die Leiden, welche die kleine Meerjungfrau auf sich nimmt, hinterlassen Blutspuren, die ausgesprochen schonungslos in Szene gesetzt werden. Beim Betrachten dieser Bilder kann man sich der absoluten Liebeswundheit und Verletzlichkeit der kleinen Meerjungfrau nicht mehr entziehen.

In Anbetracht der düsteren Schonungslosigkeit dieser Darstellungen finde ich die vom Verlag angegebene Altersempfehlung ab 14 Jahren angemessen, für jüngere Kinder sind manche erschreckenden Bilder nicht geeignet.

Diese schrecklich-schöne, melancholische Mischung der Illustrationen entspricht durchaus dem Gehalt des Märchens. „Die kleine Meerjungfrau“ ist eine zutiefst traurige Geschichte, in der die Hauptfigur ihre große Liebe trotz größter Opfer nicht wirklich erreicht.

Sie ist ein Meereswesen, sehnt sich jedoch nach dem Landleben; sie rettet einem schiffbrüchigen Prinzen das Leben und verliebt sich unsterblich in ihn. Mit ihrem Fischschwanzunterleib kann sie nicht an Land gehen und muß auch befürchten, von den Menschen als ungeheuerlich betrachtet zu werden.

Eine gnadenlose Meerhexe bietet ihr im Tausch gegen ihre Zunge und ihre wunderschöne Stimme einen Zaubertrank an, der ihren Fischschwanz in zwei menschliche Beine verwandelt. Obwohl die Hexe sie warnt, daß ihr in der menschlichen Gestalt jeder Schritt blutig wehtun werde, als ginge sie über scharfe Klingen, willigt die Meerjungfrau in den grausigen Handel ein.

Sie weiß auch, daß sie nur eine menschliche, unsterbliche Seele erhält, wenn der Prinz sie über alles liebt und sie heiratet. Sollte er eine andere mehr lieben und heiraten, dann bräche der Meerjungfrau in der Hochzeitsnacht das Herz, und mit dem Sonnenaufgang verwandelte sie sich in Meeresschaum.

So bleiben der Meerjungfrau nur noch ihre anmutige Gestalt, die sprechenden Augen und die tänzerische Leichtigkeit ihrer Bewegungen, um des Prinzen Herz zu erreichen. Sie strandet am Ufer in der Nähe des prinzlichen Palastes und wird vom Prinzen gefunden und herzlich-freundlich aufgenommen. Der Prinz verbringt viel Zeit mit ihr, sie reiten gemeinsam aus, besteigen Berge, und die Meerjungfrau tanzt für ihn, doch er liebt sie wie man ein Kind und nicht wie man eine zukünftige Frau liebt.

Er weiß nicht, daß sie es war, die ihn einst vor dem Ertrinken gerettet hatte, sondern meint, daß ein anderes Mädchen, das ihn damals am Strand gefunden hatte, seine Lebensretterin gewesen ist. Nach diesem Mädchen sucht er, und als er sie wiedergefunden hat, führt er sie zum Traualtar, und die kleine Meerjungfrau trägt die Brautschleppe.

Beim anschließenden Fest, das auf einem Schiff stattfindet, tanzt die kleine Meerjungfrau – stumm und schwalbenfedriger denn je – zum letzten Mal. Als das Brautpaar und alle Gäste sich weit nach Mitternacht zum Schlafen zurückgezogen haben, steht die kleine Meerjungfrau an der Reling und wartet wehmütig auf die Morgenröte, die ihr den Tod bringen wird.

Da tauchen ihre Meerjungfrauenschwestern aus dem Meer auf und überreichen ihr ein Messer, das sie von der Meerhexe, im Tausch gegen ihre langen Nixenhaare, bekommen haben. Wenn sie mit diesem Messer den Prinzen tötete, würde das vergossene Blut die Beine der Meerjungfrau wieder in einen Fischschwanz verwandeln, und sie müßte nicht sterben und könnte zu ihrer Meeresfamilie zurückkehren.

Doch dies bringt die kleine Meerjungfrau mit ihrer großen Liebe nicht übers Herz, selbstlos wirft sie das Messer ins Meer und stürzt sich hinterher. Dort löst sich ihr Körper in Meeresschaum auf…

Der elementaren Schönheit, der unerfüllbaren Liebessehnsucht und den tragischen Verstrickungen, von denen dieses Märchen erzählt, hat Dirk Steinhöfel ein außergewöhnlich aufwühlendes, nachhaltig-eindringliches graphisches Denkmal gesetzt.

 

Der Illustrator:

»Dirk Steinhöfel, 1964 geboren, studierte Gestaltung und Entwurf an der Fachschule für Porzellan und Keramik im oberfränkischen Selb. Er ist als freier Gestalter, Illustrator und Autor für verschiedene Verlage tätig und lebt in der Nähe von Marburg. Nach P.B. Shelleys » Die Wolke« ist »Die kleine Meerjungfrau« sein zweites Bilderbuch nach einer literarischen Vorlage bei Oetinger.«

Der Autor:

»Hans Christian Andersen (1805 – 1875) gehört zu den bedeutendsten Dichtern Dänemarks. Seine Märchen sind in aller Welt bekannt und verzaubern noch heute Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Andersen war ein Meister des feinen Humors, vermochte es aber ebenso, in seinen Erzählungen die dunklen, schwermütigen und nachdenklichen Seiten des Lebens zu erkunden.«

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Im Schatten der Wächter

  • von Graham Gardner
  • Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
  • Verlag Freies Geistesleben                                    http://www.geistesleben.com
  • 5. Auflage, März 2013
  • 199 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
  • 16,90 €
  • ISBN 978-3-7725-2251-2
  • ab 13 Jahren
  • Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Jugendjury)  2005
    Im Schatten der Wächter

M A C H T P R O B E N

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

Elliot steht erschreckend allein im Leben. Gewiß hat er Eltern, aber seine Familie muß mit einem schweren Schicksalsschlag zurechtkommen: Der Vater wurde bei einem brutalen Raubüberfall schwer verletzt und ist seitdem arbeitsunfähig und depressiv. Die Mutter geht verschiedenen schlechtbezahlten Arbeiten nach und versucht die Familie wirtschaftlich über Wasser zu halten. Die Finanzen stehen schlecht, doch es gelingt der Mutter, eine Opferentschädigung zu erhalten, und um Abstand zur Vergangenheit zu gewinnen, ziehen sie in eine andere Stadt.

An seiner alten Schule wurde Elliot mehrfach Opfer brutaler Mißhandlungen durch gewalttätige Mitschüler. Warum das so war, ist nicht eindeutig zu erklären: Lag es an der offensichtlich gebrauchten Schuluniform, an Elliots schmalem Körperbau oder an seinem ohnehin schon angegriffenen psychischen Gleichgewicht? Im Grunde ist es gleichgültig, denn Elliot weiß aus schmerzlicher Erfahrung, daß er einfach nur auf die falsche Weise aufgefallen ist und somit als Opfer ausgesucht  wurde.

Doch der Umzug und seine neue Schule eröffnen Elliot die Möglichkeit, einen anderen, unverletzlichen Elliot zu erschaffen. Generalstabsmäßig plant er seinen ersten Auftritt am Holminster Gymnasium; er läßt sich die Haare kurz schneiden und übt vor dem Spiegel, wie er seine Mimik auf eine undurchdringliche Maske einstellen kann. Elliot hat große Angst, aber es gelingt ihm unerwartet gut, seine Angst zu verbergen. Er hält kleinen Blickduellen stand, gibt schlagfertige Antworten auf Provokationen, und es gelingt ihm, sich für die Schwimmmannschaft der Schule zu profilieren.

Fast beginnt er schon, sich sicherer zu fühlen, da wird er von einem Mitschüler auf die „Wächter“  aufmerksam gemacht. Dieser Mitschüler gehört zu den sogenannten „Beobachtern“ und „Informanten“, die als Boten zwischen den Wächtern und den anderen Schülern fungieren. Die Wächter treten nie selbst in Erscheinung, sie sind nur Strippenzieher der Macht.

Die Wächter führen eine Namensliste mit Opfern, und sie bestimmen die Art und Weise sowie den Ort der „Bestrafung“  und welche Schlägertypen aus der Schülerschaft die Bestrafung in ihrem Auftrage ausführen. Alle Schüler wissen mehr oder weniger Bescheid über dieses System und seine grausamen Regeln, und es finden sich immer viele Zuschauer zu den inszenierten Demütigungen ein. Elliot wird Zeuge einer solchen Aktion, und hinter seiner Maske der Unberührbarkeit lauert die quälende Angst davor, vielleicht auch bald wieder zu den Opfern zu gehören.

Die Wächter sind drei Oberstufenschüler, deren Identität nur ganz wenigen Eingeweihten bekannt ist. Es dauert nicht lange, da wird Elliot durch einen Boten zu den Wächtern geführt. Elliot fürchtet das Schlimmste, doch überraschenderweise sind die Wächter gar nicht an ihm als potentiellem Opfer interessiert, sondern sie wollen ihn als Nachfolger ausbilden, damit die Tradition der Wächter fortgesetzt werden kann.

Die Wächter benutzen den Roman „1984“ von George Orwell und die darin beschriebenen Machtmechanismen als Quellentext und Lehrbuch für ihr perfides Unterdrückungs- und Einschüchterungssystem.

Den harten Panzer, den sich Elliot zugelegt hat, um seine Traumatisierung zu verbergen, halten die Wächter für echt, und dies qualifiziert ihn in ihren Augen zu einem würdigen Nachfolger ihrer Macht.

Außerhalb der Schule freundet sich Elliot zufällig mit einem Jungen an, der auf der Opferliste steht, und deshalb findet innerhalb des Schulbereichs keinerlei Kontakt zwischen den beiden Jungen statt. Elliot verliebt sich in eine Mitschülerin, die über ein beachtliches Selbstbewußtsein und viel Zivilcourage verfügt und sich über die Wächter lustig macht.

Die positiven Gefühle von Freundschaft und Verliebtheit können jedoch im sozialen und psychischen Klima von Angst und Mißtrauen nicht gut gedeihen. Die Machtmöglichkeiten, die sich Elliot plötzlich bieten, machen ihm keinerlei Freude  –  im Gegenteil:  Die Angst, zum Opfer zu werden ist schrecklich, die Angst, zum Täter zu werden, ist jedoch fast ebenso belastend!

Für Elliot beginnt eine nervenaufreibende Gratwanderung zwischen Macht und Ohnmacht, bis Elliot eine Schmerzgrenze erreicht, an der er erkennt, daß er innerlich abstirbt, wenn er so weitermacht.

Schließlich trifft er die mutigste Entscheidung seines jungen Lebens und unterwirft sich weder der Angst noch der Macht.

Der Autor erzählt Elliots Geschichte mit schonungsloser Eindringlichkeit, das Vakuum der Angst  und Selbstentfremdung, in dem sich Elliot befindet, betrifft uns als Leser unmittelbar, die Lektüre ist schmerzhaft-spannend und erschreckend intensiv.

 

Der Autor:

»Graham Gardner, wissenschaftlicher Autor und Forscher auf dem Gebiet Soziale und Politische Geografie an der University of Wales, Aberystwyth. Er ist außerdem leidenschaftlicher Musiker, spielt Rock und Klassik auf dem Klavier. Sein Debüt als Jugendbuchautor mit dem Roman Inventing Elliott (Im Schatten der Wächter) wurde von der Kritik in England begeistert gefeiert.«

 

 

 

 

Rotkäppchen muss weinen

  • von Beate Teresa Hanika
  • Fischer Schatzinsel  November 2010       http://www.fischerverlage.de
  • Taschenbuch
  • 222 Seiten
  •  6,95 €
  • ISBN 978-3-596-80858-8
  • ab 12 Jahren
    u1_978-3-596-80858-8.342996.jpg Rotkäppchen

DAS  SCHWEIGEN  ENTHÜLLEN

Buchbesprechung von Ulrike Sokul ©

„Rotkäppchen muss weinen“ ist ein überaus lesenswertes und äußerst wissenswertes Buch, das mehrfach in jeder Stadt- und Schulbibliothek vorrätig sein sollte!!!

Die Geschichte beginnt kurz vor Malvinas vierzehntem  Geburtstag.

Sie besucht ihren Opa, der seit kurzem verwitwet ist, und erschrickt, als sie bemerkt, daß sie allein mit ihm in der Wohnung ist. Der Großvater nennt sie seine Lieblingsenkelin und macht ihr Komplimente, die etwas verstörend Zweideutiges haben, und er küßt sie auf den Mund. Dann klingelt es, und ihr Vater und ihre große Schwester holen sie ab. Auf der Fahrt nach Hause beschwert sich Malvina darüber, daß der Opa sie geküßt hat, aber niemand nimmt ihren Hilferuf zur Kenntnis.

Auch ihr großer Bruder, der am Wochenende zu Besuch kommt, begreift nicht, warum sich seine kleine Schwester so über Opas Küsse aufregt, und verlangt, genau wie der Rest der Familie, daß sie doch ihren einsamen alten Opa, besonders nach Omas Tod, weiterhin regelmäßig besuchen soll.

Malvina erstickt fast an ihrer unsagbaren Not, und zugleich spaltet sie den bereits erlittenen Mißbrauch von sich ab und löscht ihre schlimmen Erinnerungen, weil niemand sie verstehen will.

Nicht sehen, nicht hören, nicht wissen wollen: Das ist der familiäre und zugleich durchaus gutbürgerliche familiäre Hintergrund von Malvina, die seit ihrem siebten Lebensjahr von ihrem Großvater mißbraucht wird.

Langsam entfaltet die Autorin das schreckliche Ausmaß des kindlichen Ausgeliefertseins, und die sensible und subtile Erzählweise führt zu einer überwältigenden Nähe zum Erleben des Kindes.

Als  Gegenpol zur familiären Ignoranz hat Malvina jedoch eine wirklich beste Freundin, Lizzy, mit der sie viele schöne und lustige Erfahrungen macht, z.B. erobern sie sich eine leerstehende, baufällige Villa als Geheimtreffpunkt und zanken sich mädchenbandenmäßig mit einigen gleichaltrigen Jungs.

Zwischen Malvina und Klatsche, einem der Jungs, die einst ihre Villa belagert hatten, entwickelt sich eine ganz zarte Annäherung und Verliebtheit.

Außerdem gibt es noch Frau Bitschek, die Nachbarin von Malvinas Opa, eine sogenannte einfache Frau, die vom Opa verachtet wird, die aber sehr herzlich und feinfühlig auf Malvine eingeht und die aufgrund eigener Erfahrung mit Kindesmißbrauch Malvina ihre Hilfe und Unterstützung anbietet und ihr eindringlich vermittelt, daß sie über das, was ihr geschieht, reden muß, um es beenden zu können.

Malvina kann erst nach und nach die ganze Erinnerung an die Mißbrauchserfahrungen zulassen, sie vergleicht ihre lückenhafte Erinnerung mit einem Fotoalbum „… gestern habe ich zum allerersten Mal umgeblättert, und ich werde weiterblättern, ich habe das komische  Gefühl, dass es leicht sein wird, die richtigen Seiten zu finden  und die blinden Flecken mit  Farbe zu füllen. Es macht mich unruhig und kribbelig, aufgeregt, weil ich weiß, dass etwas in mir drin schläft, lange Zeit schon, und jetzt ist es bereit aufzuwachen, es dreht sich unwillig herum, gähnt und streckt sich, aber irgendwann wird es die Augen öffnen, und durch diese Augen werde ich sehen. Ich bin sehr nahe dran. Sehr, sehr nahe. Meine Hände kribbeln und mein Nacken, und in meiner Brust ist ein taubes Gefühl, als wäre mein Herz ausgezogen.“

Der Autorin gelingt es,  die schrecklichen Erfahrungen des Mädchens    h a u t n a h   zu vermitteln. Die Manipulationsmacht des Täters, die schamlose Ausnutzung kindlicher Zugehörigkeitsbedürfnisse und die Verschiebung des Schuldgefühls vom Täter auf das Opfer werden anschaulich, aber ohne Voyeurismus dargestellt. Die Schweigemauer innerhalb der Familie, an der jeder Versuch sich „freizusprechen“ abprallt, zerreißt einem beim Lesen das Herz.

Die unerträgliche Situation spitzt sich dramatisch zu, als Malvinas  Eltern überlegen, den Opa zu sich ins Haus zu nehmen, damit er nicht so einsam ist und weil man so auch Geld sparen könnte. Da wird Malvina klar, das es kein Entkommen geben wird, wenn sie jetzt nicht handelt.

Sie bittet ihren Freund Klatsche um Hilfe und läuft von zu Hause weg und übernachtet mit dem Jungen in der alten Villa. Die behutsame Zärtlichkeit des Jungen und der erste schöne Kuß, den sie von ihm bekommt, stärken ihre Entschlossenheit. Ihr wird auch bewußt, wie sehr ihr schreckliches Geheimnis die positiven Beziehungen zu den Menschen, die ihr kein Leid zufügen, belastet und einschränkt.

„Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich habe etwas zu verlieren, es ist nicht mehr egal, was mit mir passiert.“

 Sie nimmt die angebotene Hilfe von Frau Bitschek an und erzählt Lizzy und Lizzys Mutter, was ihr angetan wurde.

Als ich anfing, war meine Stimme kalt, blaugefroren, und ich konnte mir selbst aus weiter Ferne zuhören. Die Bitschek hat meine Hand genommen, jedes Mal, wenn ich nicht mehr weiterreden konnte, hat sie meine klammen Finger gedrückt, das war so ähnlich, wie wenn man seinem Pferd vor dem Sprung die Sporen gibt. Jede Hürde hab ich genommen. Ich hab nichts ausgelassen, das war schwierig, weil ich spüren konnte, was meine Worte in Lizzy anrichteten. Aber ich musste reden, die Wahrheit sagen, meine Wahrheit, wie mein Leben wirklich aussah.“

So entkommt Malvina endlich dem familiären Teufelskreis.

„Ich bin Malvina, die Hüterin des Rechts, die mutige Malvina, die sich traut zu springen, immer, auch wenn man den Boden nicht sehen kann… Manche Geschichten haben kein Happy End. Kein großes, wie im Film. Dafür gibt es dazwischen kleine Dinge, viele kleine Dinge, die gut ausgehen.“

Vervollständigt wird die Geschichte durch die im Buchanhang aufgeführten Adressen und Telefonnummern von Beratungsstellen, die von sexuellem Mißbrauch Betroffene beraten und unterstützen. Betroffenen Kindern kann es eine erste Hilfe sein, und selbst nicht betroffene Kinder und Jugendliche werden mit Sicherheit eine Sensibilisierung ihrer Wahrnehmung erfahren.

Die Autorin:

»Beate Teresa Hanika, geboren 1976 in Regensburg, ist Fotografin. Ab 1997 arbeitete sie mehrere Jahre als Model in verschiedenen europäischen Städten. Bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr schreibt sie Geschichten und Gedichte. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in der Nähe von Regensburg. Ihr erster Roman ›Rotkäppchen muss weinen‹ wurde u.a. mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2007 und dem Bayerischen Kunstförderpreis 2009 ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert.«